Ich bin zu alt, um ein Groupie zu sein

Ich bin zu alt, um ein Groupie zu sein

Es ist Winter und ich treibe mich zur Zeit wieder als Gast in der Kleinkunstszene herum und am Ende eines Abends lande ich meistens im Vereinsheim. Dort fühl ich mich wohl, wie ein zweites Zuhause, da kann der Volksmund gerne mal draußen bleiben. Mittlerweile gehe ich nicht nur zum Kunstkonsum hin, immer öfter bleibe ich da, auf ein geistreiches Gespräch, einen Drink oder keiner heißen Schokolade. Ich beende mein Wochenende im Vereinsheim und beginne meine Woche im Vereinsheim. Ich freue mich immer wieder, erschreckenderweise, wenn es Montag wird, dann ist wieder ein Vereinsheimtag. Ich gehe sogar freiwillig Montags in die Arbeit und der Montag ist längst nicht mehr so verhasst wie früher. Ich werd wirklich alt. Und spießig! Mittlerweile ist mir geistige Inspiration wichtiger als alles andere, was das Leben lebenswert macht. Jahrelang war ich immer die Geliebte und Muse zahlreicher weniger bekannter Künstler. Vor lauter bemusen meiner Männer, blieb für mich nichts mehr übrig. Hilfe, war ein Groupie. Und ich hab es verdammt viel und verdammt oft derb krachen lassen. Trotz des vielen Spaß, war ich doch immer nur die Geliebte und war eigentlich immer allein. Allein bin ich jetzt zwar immer noch, aber ich bin von meinem eigenen Groupietum schon lange runter und es geht mir eigentlich nicht einmal ab.

Ein selbstzerstörerischeres Hobby kann ein Mädchen wirklich nicht haben. Erst gibt Mädchen ihr sämtliches Taschengeld für die Bravo und damals noch Platten aus, später waren es CD..s und Konzertkarten. Das Leben in der ersten Reihe bestimmt ihr Leben. Dann versucht die junge Frau sich zuerst mit den Merchandisern und den Securities anzufreunden, um irgendwie in den Backstagebereich zu kommen und dann landet sie doch bei dem ein oder anderen Techniker. Über den Techniker kommt Frau dann früher oder später auch zum Ziel. Am Ende muss Frau feststellen, dass es sich nicht richtig anfühlt. Und irgendwann wacht Frau auf und stellt fest, dass Mann es nicht mehr toppen kann. Und Frau kann nicht ohne geistige Ansprache leben. Dann doch lieber allein. Mittlerweile allein mit meinem Laptop. Es ist doch viel angenehmer, am Morgen nicht irgendwo aufzuwachen, sondern zuhause, in eigenen Bett und der Laptop schnurrt vertraut im Standby-Betrieb. Des Öfteren auch mit dem Laptop auf dem Bauch und der Maus in der Hand….

Irgendwann werde ich entweder im Schlaf meinen geliebten Laptop kaputt machen, oder mir mit meinen Stricknadeln ein Auge ausstechen. Ich werde wirklich alt. Heutzutage lasse mich nur noch fremdbemusen, immer noch in der ersten Reihe, nicht immer, aber oft genug. Hm. Ich bin im Herzen aber immer noch ein Groupie, nur ohne Geschlechtsverkehr. Ich versuche den Künstlern nach Möglichkeit nicht auf den Keks zu gehen, wobei mir es immer öfter echt schwer fällt. Wo sonst kann Frau freilaufende Künstler ungestört beobachten, als im Vereinsheim. Ich bin schon wieder auf Entzug. Aber, keine Sorge, es ist bald wieder Sonntag oder Montag.

So, jetzt langt..s langsam mit dem Schreiben, ich werde jetzt aufhören zu schreiben und heute Abend noch ein bisschen stricken oder lesen…der Laptop wird runtergefahren…Plötzlich ist es dunkel und ich höre ein lautes Rauschen, des sich immer mehr nach einem Kreischen tausender 17jähriger Mädchen anhört. Licht blitzt am Himmel. Moment, es ist gar kein Himmel. Ich komme mir vor wie eine kleine Bine in einem Bienenhaus. Das Licht wird stärker und ich kann die Decke des Bienenkorbes erkennen. Ich stehe in der Olympiahalle. Häh. Plötzlich werde ich fast zu Boden beschallt und dann strahlen helle Scheinwerfer mir entgegen und ich drehe mich ganz intuitiv um. Hinter mir stehen Tausende 17jährige Mädchen und Kreischen. Am Mischpult steht der Lichtl, nur dass er viel jünger und schlanker aussieht, als ich ihn vor Jahren kennengelernt habe. In was für einer Zeitschleife bin ich nun gelandet. Ich sehe entsetzt an mir runter. Ich bin bemerkenswert schlank und ich habe mein altes Toten Hosen Shirt an und meine Röhrenjeans. In die habe ich schon seit 15 Jahren nicht mehr gepasst. Ich fasse an meine Schläfen, um Himmels Willen, wo ist mein Iro. Ich habe zwei bescheuerte Zöpfchen, die mir vom Kopf wegstehen. Ich ziehe an meinen Zöpfe, so dass ich die Farbe erkennen kann. Scheiße, es ist Curryketchup! Ich hasse die 90ger und meine Eltern. Und wo sind meine Brüste. Himmel, ich bin wirklich 17. Dabei bin ich so stolz auf meine Brüste. So eine Scheiße. Ich wollte nie wieder 17 sein, des war ein furchtbares Alter, da wusste ich doch noch nicht, was ich will. So eine Scheiße. Ich beiße auf meine Lippen und drücke auf den Stresspunkt zwischen meinen Augenbrauen. Ich sehe wieder an mir runter und ich habe gar nicht mein geliebtes Tote Hosen T-Shirt an, sondern ein……was……New Kids on the B-Block-Girlieshirt an. Mir wird schlecht. Ein Security tippt mir auf die Schulter und schreit mich an, ob es mir gut geht. Dann streichelt er über meine Schulter und grinst mich dreckig an. Entsetzt reiße ich mich von ihm los und torkele nach hinten. Nun kommt die Band auf die Bühne und ein Sprecher schreit in die Menge….
‚New Kids on the Bavarian-Block!‘

Häh? Ich starre wie hypnotisiert auf die Bühne. Die Vereinsheimkünstlercrew steht in hippen 90ger Jahre Klamotten auf der Bühne und fängt eine schwule Performance an zu tanzen. Die Musik ist schrecklich, ganz ohne E-Gitarre. Die Vereinsheimkünstlercrew ist auch wesentlich jünger und teilweise schlanker. Scheiße, welche Drogen hab ich denn abbekommen. Sie haben alle kinnlange, wasserstoffblondierte Haare und ein viel zu großes Head-Sets auf dem Kopf. Damals war des so. Die Musik ist wirklich furchtbar. Es kann nur ein Alptraum sein. Eigentlich müssten da ganz viel E-Gitarren sein. So schlechte Musik haben nicht mal die echten New Kids on the Block gemacht. Und wo zum Teufel ist mein Iro. Dann schwant mir etwas arg böses, wenn mein Iro weg ist, dann bin ich ja wohl auch nicht tätowiert. Ich ziehe meinen Ärmel hoch, wo ist mein Starshiptroopershelm. Scheiße, wenn ich erst 17 bin, dann gibt es Starship Troopers erst in ein paar Jahren. Und wenn ich mich recht entsinne, dann bin ich in einem waschechten Alptraum. Ich verbiege mich und linse auf meinen verlängerten Rücken. Ich habe gar nicht meine Rohrenjeans an. Ich habe eine Hüfthose an. In welcher Dimension hat man in den 90gern Hüfthosen getragen. Was ist das, ich hab ein Strichmanschgerl am Arsch. Ein Arschgeweih für arme Teenies. Wenn ich rubble, dann löst es sich bestimmt und es nur ein Bravo-Abziehbildchen. Nein, es ist kein Abziehbildchen. Mist. Als ich mal wieder nach vorne sehe, habe ich eine ‚Hello Kitty‘ Kindergartentasche um meinen Hals. Sag mal ‚Hello Kitty‘ gab es doch bestimmt in den 90gern bestimmt noch nicht. Ich beschließe mich auf den Boden zu setzen und in meinem Traum von 17jährigen Mädchen zertrampelt zu sterben. Dann ist es entgültig vorbei. Auch mit mir, aber das ist mir egal. Ich werde auch nicht meinen Namen tanzen, auch wenn ich dann endlich völlig schockiert aufwachen kann. Ich kriege ein schreckliches Pfeifen im Ohr. Ein schönes Pfeifen. Es ist doch eine E-Gitarre im Spiel, ich darf die Hoffnung nicht aufgeben. Ich hab auch bestimmt wieder meine alte Röhrenjeans an. Ein starker Ruck bringt mich auf die Beine und ein Securitymann hat mich auf seine Schulter geladen und schleppt mich raus. In dem Moment springt ein Künstler, dessen Name hier nicht genannt wird, mit seiner E-Gitarre von der Bühne. Der Securitymann setzt mich hinter der Absperrung ab und ein Sanitäter nimmt mich in Empfang. Als der Künstler ohne seine E-Gitarre er wieder über die Abgrenzung gekraxelt kommt, schaut er mich grinsend an. Dann kommt er zu mir rüber. Er nimmt mein Kinn in die Hand und dann schaut er nach unten. Mist, da ist noch die Hello Kitty Kindergartentasche. Er macht sie auf und zieht ein angebissenes Käseschinkentoast heraus, beisst nochmal ab und geht damit wieder auf die Bühne. Ich schreie….. und wache schreiend auf. Mein Backe klebt an einer Seite eines Buches. Als ich aufschrecke, reiße dabei die Seite, die mit Zuhilfenahme meines Sabbers festgeklebt war, ab. Mein Laptop liegt unbeschadet neben mir, das Strickzeug liegt auf dem Boden. Ich höre ein leichtes Summen und dann kommt der restlich Ton wieder zurück zu mir. Im Fernseher läuft Jungle Camp. Mein Laptop läuft mit seinem Summen im Standbybetrieb. Ich ziehe die Seite von meiner Backe ab und lege sie ins Buch zurück. Ich habe im Schlaf die Seite mit der Widmung abgerissen. Mist. Ich kratze mir am Kopf. Da ist mein Iro. Ich fasse mir mit einer Hand an meine Brüste. Meine Brüste sind wieder da. Hurra! Mit der Anderen ziehe ich den Ärmel meines alten Toten Hosen Shirt hoch, da ist mein Starshiptroopershelm. Alles wird gut.

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