Kommst du oder gehst du?

Kommst du oder gehst du? – Eine fiktive Geschichte

6305322552_58ff66f3c6Ich komme die Treppen rauf und du sitzt da, am Treppenabsatz auf gepackten Koffern. Kommst du oder gehst du? Ich weis es nicht. Ich frage aber auch nicht. Ich sehe dich an. Du siehst an mir vorbei in einen langen Tunnel. Ich trete näher. Der Tunnel scheint dich immer mehr in den Bann zu ziehen. Ich knie mich langsam vor dich hin und schaue dir behutsam ins Gesicht. Ein Versuch deinen Blick vom Tunnel abzulenken. Ob es mir gelingt? Langsam fasse ich an dein Kinn. Dein Blick ist immer noch auf den Tunnel gerichtet. Für einen kurzen Moment kann ich ein kurzes Flackern in deinen Augen sehen, bevor sie dann wieder trüb werden. Ich trete noch näher an dich heran. Ich kann die Kälte spüren, die dich umgibt. Meine Hand wandert über deine Wange zu deinem Haaransatz. Ich bin dir jetzt so nah, dass ich dir einen Kuss auf die Stirn drücken könnte. Ich tue es. Immer noch keine Regung von dir. Mir läuft es kalt den Rücken herunter und ich versuche gegen die Kälte anzukämpfen. Ich sehe nun direkt in deine Augen und versuche den Tunnel zu brechen. Von dir kommt immer noch keine Regung. Meine Augen füllen sich mit Tränen und sie laufen mir die Wangen herunter. Ich weine, weil du es nicht kannst. Deine zitternden Hände umschlingen mich langsam. Du siehst mich für einen Moment an und dann vergräbst du dein Gesicht in eine Umarmung. Ich drücke dich an mich und ich zittere jetzt genauso wie du. So kauern wir noch eine Weile da am Treppenabsatz vor meiner Wohnung und sind unfähig uns zu bewegen.

Am nächsten Morgen wache ich auf, in meinem Bett. Du liegst in meinen Armen. Du trägst immer noch die selbe Kleidung wie gestern. Ich auch. Dein Schlaf ist ziemlich unruhig. Aber du schläfst. Die Erholung wird dir gut tun. Hoffe ich! Ich streichle dir ein paar Strähnen aus dem Gesicht und beobachte dich. Ich schaue über deine Schulter, da steht einer deiner Koffer.

Plötzlich klingelt ein Telefon. Nicht meins! Wir schrecken beide hoch. Du siehst mich entsetzt an. Es liegt hoffentlich am Telefon und nicht an mir. Das Telefon hört wieder auf zu klingeln. Wir sinken wieder in die Kissen zurück. Wir atmen beide tief durch. Du schließt deine Augen und ich spüre, wie wohl du dich in meinem Bett fühlen musst. Eine Hälfte deines Gesichts ist in eines meiner vielen Kopfkissen versunken. Du hast einen Arm unter dem Kissen und deinen Kopf geschoben, deine andere Hand zieht zunächst die Decke über deinen Körper und dann sucht deine Hand nach mir. Du nimmst meine Hand in deine und kommst dann zu Ruhe. Deine Gesichtszüge entspannen sich langsam. Ich beobachte dich weiter. Wie friedlich du aussiehst. Das Geräusch einer SMS hallt durch den Raum und im selben Moment reisst du die Augen wieder auf. Dein Gesichtsausdruck lässt mich ein ‚So eine Scheiße!‘ schier hören, obwohl du gar nichts gesagt hast. Es ist wieder still im Zimmer. Du streckst dich, ich höre deine Wirbelsäule knacken. Dann drehst du dich um zum Bettrand. Dein Arm wandert zur deinem Mantel und du förderst dein Handy zu Tage. Ich höre ein gleitendes Geräusch. Ein Samsung. Du tippst ein Wenig. Dann schnallst du mit der Zunge, wie du es immer tust, wenn du ungeduldig und genervt bist. Du stehst auf und hältst dein Handy ans Ohr.

Ruf mich nie wieder an!‘ kam es übertrieben laut aus deinem Mund. Ich höre deine Stimme eigentlich echt gerne, aber nicht wenn du böse bist. Du bist nicht böse auf mich, aber ich fühle mich so. Mich schaudert es ein wenig und ich verkrieche mich tief unter meinen Decken und tue so, als würde ich nicht zuhören. Aber es versteht sich von selbst, ich höre ganz genau zu. Du steichst nervös deine Haare aus deinem Gesicht. Ich höre ein Gekreische am anderen Ende der Leitung. Sie! Du saugst die Luft ein. Das was du jetzt sagen willst, muss etwas Entgültiges sein.

‚Ich sagte doch schon unmissverständlich, ES IST AUS!‘

Wie lange habe ich auf diesen Satz gewartet.

‚Es ist aus und damit Schluss und vorbei!‘

Hurra!

Belästige mich nicht weiter!‘

Ich höre ein: ‚Wo bist du? Bei ihr!‘ Ja, bei ihr und da bleibt er jetzt auch! Hoffe ich! Darauf habe ich viel zu lange gewartet, als dass ich dich jetzt wieder hergeben könnte.

Das geht dich nichts mehr an!‘ sagst du.

Du tippst dabei nervös auf meinem Festerbrett rum. Das geht dich nichts MEHR an, dass geht runter wie Öl. Du bist gekommen und zu bleiben. Wenn ich in diesem Moment sterben müsste, hätte ich mein Leben schon gelebt, nur für diesen einzigen Satz. Ich hatte die Hoffnung bereits seit langem aufgegeben, als ich dich traf. Du warst es, der mich immer wieder ins Licht holte. Auch wenn unsere bisherige Beziehung alles andere als hoffnungsvoll war. Du hast mich aus meinem tiefen Loch geholt. Auch wenn ich die letzten Jahre immer nur die 2. Geige war. Auch wenn ich mich in unserer Beziehung immer allein gefühlt habe. Ich konnte nie anrufen wann ich wollte. Ich konnte nie mit dir zusammen sein wann ich wollte. Ich habe immer alles allein mit mir ausmachen müssen. Ich hatte dich nie da, wenn ich dich brauchte. Ich konnte nie einen Rat von dir bekommen, wenn ich ihn gebraucht hätte. Ich habe mich in den letzten Jahren an jedem greifbaren Strohalm über Wasser gehalten. Aber ich habe nie aufgegeben und ich habe mich nicht damit abgefunden, nur die Geliebte zu sein. Ich wollte dich immer ganz, mit allen Höhen und Tiefen. Bis jetzt waren es meist nur die Tiefen. Und nach diesem verdammt langem Tief habe ich endlich mein Hoch und lasse es mir jetzt von ihr bestimmt nicht kaputt machen. Darauf habe ich zulange gewartet, als dass ich jetzt noch einmal zurückstecken könnte.

Du legst auf, ohne noch ein Wort zu sagen und wirfst dein Handy auf deinen Mantel. Du knöpfst deine Jeans auf und lässt sie lässig zu Boden gleiten. Dann kriechst du wieder unter meine Decke. Ja, meine Decke! Es wird ein verdammt schöner Tag. Das Universum hat nach langem Flehen endlich geantwortet. Das ist die Antwort. Du presst deinen Kopf zwischen meine Brüste, schiebst dabei mein Shirt hoch und küsst mein Brustbein.

Kann ich bei dir bleiben?‘ Du machst eine dramatische Pause: ‚Für immer!‘

Ich lege meine Hände um deinen Kopf und schiebe dein Gesicht in meine Blickrichtung. ‚Ich hab dir doch gesagt, dass meine Tür für dich immer offen steht, bis du kommst, um die Türe hinter dir zu schließen.‘ Gott, hatte ich diesen Satz oft zu dir gesagt. In einer hoffnungslos verrannten Situation hangelt man wirklich nach jedem Strohhalm. Nur für die Möglichkeit, dass dieser Moment eintreten könnte. Aber nun ist es soweit, ich habe die Tür hinter dir geschlossen und ich habe es gestern getan. Erinnern kann ich mich nicht mehr daran, aber ich habe es getan, völlig selbstverständlich. Du bist da und du bleibst. Wir küssten uns jetzt. Es ist zu schön, um war zu sein…

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One CommentHinterlasse einen Kommentar

  1. Hat dies auf Callabutterfly's Blog rebloggt und kommentierte:

    Eine alte fiktive Geschichte…


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