Thelocactus Freudenbergeri machts nicht mehr lang?!

Thelocactus Freudenbergeri machts nicht mehr lang?!

Thelocactusfreudenbergeri Der Tag beginnt mit einem Trompetensolo von Stefan Mross. Ich hätte wieder Schmerzen zwischen den Ohren, wenn ich Ohren hätte. Ich will verdammt noch mal kotzen! Die Nonna kommt und duscht mich kurz mit Pellegrino ab. Heute hatte das Wasser Zimmertemperatur! Sie streichelt mir über die Blüten. Wenn ich Gefühle hätte, würde ich wohl davon geil werden. Und pervers. Die Nonna ist ja schließlich fast 75! Und ich bin ja nur ihr kleiner grüner Kaktus. Haha! Kleiner Spaß am Rande. Wenn ich singen könnte und damals schon gelebt hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Comedian Harmonist geworden und ich hätte der Nonna ein paar schöne (nicht schwule) Kinder gemacht.

Sie streichelt mir nochmal über meine Blüten: ‚Du süßer kleiner Kaktus, wenn ich nur ein paar Jahre jünger wäre, würde ich mit dir in die Heimat fahren.‘

Welche Heimat meint sie denn jetzt? Meine oder ihre? Giovanni kommt stöhnend ins Lokal, er hat Diego im Schlepptau. Der wird doch nicht auch noch schwul werden? Nein, die Fleischlieferung ist gekommen. Eine Wohltat, heute ist es gleich viel ruhiger als sonst. Während die beiden Kisten schleppen, geht Die Nonna in die Küche und kümmert sich um das Fleisch.

Ein Bus hält vor dem Lokal, ein Mann springt heraus und kommt herein. Er möchte alle Tische vorbestellen für nach dem Spiel. Der Bus ist voller Fußballfans. Noch sind sie relativ nüchtern. Ich kann ihr Grölen durch das geschlossene Fenster hören. Das wird heute der schlimmste Tag meines Lebens werden. Heute Nachmittag ist ein Spiel, davor hätten sie eine Führung im Stadion und danach wollten sie hier im ‚Al Dente‘ essen. Ein gelungener Tag für einen Fußballfan. Ich kann den Horror kaum erwarten. Und ich kann immer noch nicht kotzen. Ich beginne zu meditieren. Herr Baumhauer kommt und geht wieder. Das Übliche halt. Ich bin dann wohl eingenickt. Plötzlich sitzt ein älteres Ehepaar an meinem Tisch. Sie hatten schon bestellt. Die Nonna kommt mit blutigen Händen aus der Küche und dreht den Radio leiser.

‚Nein, Nein! Lassens doch, das ist genau unsere Musik!‘ sagte der ältere Herr. Das ältere Ehepaar steht auf und tanzen Discofox zu Wolfgang Petri. Der Horror beginnt schon wesentlich früher als ich gedacht hatte. Nachdem ich keine Augen habe, kann ich sie ja schlecht zu machen, also muss ich mir diesen Alptraum bis zum letzten Tanzschritt antun. Das Essen ist fertig. Unser aller Glück. Ein Tropfen Blut tropft vom Radioknopf und der dumme Diego verteilt ihn im ganzen Lokal. Es sieht aus wie in einer Metzgerei. Das ältere Ehepaar isst und irgendwann beachten sie mich.

Der Mann sagt zu seiner Frau: ‚Oh, sieh mal ein Thelocactus Freudenbergeri!‘

Das Universum liebt mich doch, endlich habe ich intellektuelle Gäste an meinem Tisch.

Seine Frau meinte: ‚Oh ja, haben wir nicht auch so einen in unserer Sammlung?‘

‚Aber natürlich, so einer darf natürlich nicht fehlen!‘

‚Der sieht aber gar nicht gut aus!‘

‚Ja, in der Tat, er ist so blass unter den Blüten. Er wird es wohl nicht mehr lang machen!‘

‚Der wird von den Leuten hier bestimmt nicht ordentlich gepflegt!‘

‚Er hat hier auch das völlig falsche Licht!‘

Jetzt habe ich einmal in meinem schlecht beleuchteten und ungepflegten Leben hier im ‚Al Dente‘ intellektuelle Gäste und dann das. Ich wollte doch nur ein wenig verbale Ansprache und dann so was. Ein weiterer Selbstmordversuch meinerseits misslingt mir. Das Ehepaar zahlte und gab, mit den folgenden Worten, ein großzügiges Trinkgeld.

‚Kaufen Sie davon einen ordentlichen Kakteendünger und einen größeren Topf für den Thelocactus Freudenbergeri. Er steht hier in einem völlig falschen Licht. Sonst macht er es nicht mehr lange!‘

Diego ging kopfschüttelnd in die Küche. Wenig später kam Die Nonna, mit einem großen Messer in der Hand und immer noch blutigen Händen, heraus gestürmt und fluchte über die blöden Deutschen. Das ältere Ehepaar war aber schon aus der Tür und schlenderte an meinem Fenster vorbei. Die Nonna ging fluchend wieder in die Küche zurück.

Am Abend kommen dann die Fußballfans. Dieser Abend hat mir nach diesen Mittagsgästen echt noch gefehlt. Das Universum hat einfach kein Einsehen. Die beiden Blumentöpfe mit den Fetten Hennen landeten auf dem Boden. Gut, die eine davon, war eh schon jenseits von Gut und Böse. Ich entging dabei nur knapp dem Fußballtod. Die Fußfallfans zerdepperten eine Unzahl an Gläsern. Sie fraßen aber auch sämtliche Fleischvorräte auf, die ja heute erst für die ganze Woche geliefert worden waren. Und natürlich soffen sie sämtliche alkoholischen Getränke auf, auch die Harten. Einige kotzten, auch in den Schankraum. In der Damentoilette wurde randaliert und dabei teilweise zerstört. Komisch. Außer Die Nonna war doch keine einzige Frau da gewesen. Ein völlig betrunkener begrapschte sogar Die Nonna. Ich wäre ihr liebend gerne als edler Ritter, auf einem edlen Rappen, zur Hilfe geeilt und hätte gerne dem bösen Schuft den weißen Fehdehandschuh in die Fresse geknallt.

Aber ich kann nicht reiten und selbst wenn ich reiten könnte, könnte ich auch nicht zu dem Pferd hinlaufen, dass ich auch nicht habe. Und ich glaube auch nicht, dass ein Kaktus lange auf einem Pferd sitzen würde…

Zum Glück kann sich Die Nonna ganz gut selber retten. Giovanni musste sie sogar zurückhalten, dass der arme notgeile Betrunkene nicht eines plötzlichen Unfalltodes stirbt.

‚Nicht im Lokal, hast du immer gesagt, dass ist doch schlecht für die Geschäfte.‘ hatte er immer zu ihr gesagt, auf Italienisch. Und dies ist der einzige italienische Satz, den ich wirklich auswendig kann und je richtig verstanden habe. Die Nonna wurde dann ins Bett verfrachtet und die Gäste ordentlich abkassiert und vor die Tür gesetzt. Giovanni und Diego machten dann noch eine Nachtschicht und räumten den größten Dreck weg. Ich schlief dann sehr spät ein.

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Elf Geschworene und kein Richter

Elf Geschworene und kein Richter.

327695111_6603fec871Ich hetze in die Arbeit. Heute ist Personalversammlung. Mist. Ich komme zu spät. Und ich muss doch ganz vorne sitzen, seit dem ich im Personalrat fast kein Ersatzmitglied mehr bin, sondern bald ein vollwertiges Mitglied. Mist. Ich stehe mit dem Auto an der Schranke und wo ist jetzt meine Stempelkarte. Scheiße. Ich leere meine Handtasche aus. Nichts. Unterm Sitz. Nichts. Ich klingle nach dem Empfangsroboter. Er lässt sich heute aber ganz schön bitten. Nachdem ich das halbe Auto auseinander genommen habe und meine Stempelkarte immer noch nicht gefunden habe, resigniere ich und gehe hoch. Ich werde mich jetzt vom Empfangsroboter eine Ersatzstempelkarte ausleihen müssen und dann werd ich wohl zu allem Überfluss einen Korrekturzettel ausfüllen müssen. Und um die Gnade der Parteisekretärin betteln und hoffen, damit ich meine Stunden nachgetragen kriege.

Die Personalversammlung hat noch nicht angefangen, ich kann also noch meine Jacke noch hochbringen. Der Empfangsroboter ist gnädig und lasst mich nur 5 Minuten warten, bis er mich hoch lässt. Bei diesem Hochsicherheitstrakt kann man ja nur paranoid werden. Ich hetze nach oben, werfe meine sieben Sachen von mir und hetze mit einem obligatorischen Klemmbrett bewaffnet wieder nach unten. Ich treffe meine Personalratsmitglieder im Aufzug und meinen Vorgänger im Foyer. Gut, ich bin nicht zu spät. Ich quetsche mich mit der Jugendvertretung in die erste Reihe. Ich habe noch bis Ende des Jahres Schonfrist, bis ich dann bei der Personalversammlung den ganzen Mitarbeitern gegenüber sitzen muss. Ab dem nächsten Jahr ist also alles zu spät.

Mal wieder in meinen Gedanken versunken, fällt mir nicht auf, dass meine Jugendvertretung eine Uniform an hat und einen Gummiknüppel in der Hand hält. Den sie jetzt gelassen immer wieder in ihre Hand schlägt. Ich schaue nach rechts und erst beim zweiten Blick bemerke ich es, dass sie mich ziemlich z’wider ansieht. Meine männlichen Personalratsmitglieder sind gar nicht mehr da. Vor mir sitzen 11 Frauen (Weiber) aus unserer Verwaltung und sie haben alle merkwürdige Roben und Perrücken an. Die Parteisekretärin schwinkt einen Hammer. Himmel, jetzt kriege ich es langsam mit der Angst zu tun. Ich schaue hinter mich und beobachte den Empfangsroboter aus alten Stasibeständen dabei, wie er meine Personalratsmitglieder und den Geschäftsführer unserer Verwaltung an die Heizung kettet. Sie haben alle Knebel im Mund.

‚Frau Rösner, Sie sind angeklagt, den Fensterputzer mit Zuhilfenahme körpereigenem Teufelswerk zu widerlichen Dingen benützt, ihn im Dienst verführt und sich an ihm gelabt zu haben. Holt den Kronzeugen!‘ kam es aus allen 11 Mündern gleichzeitig. Hinter mir höre ich Handschellen klicken. Normalerweise hätte mir das Spaß gemacht, aber nicht wenn der Mann mit der Stricherlliste hinter mir steht. Da kommt mir höchstens die Galle hoch. Ich kniee übrigens auf so einer Gebetsbank.

Mein Chef wird an Ketten hereingeführt und an eine weitere Gebetsbank geführt. Der Erfüllungsgehilfe aus alten Stasibeständen stößt ihn unsanft in seine Gebetsbank. Dabei geht ihm bestimmt einer ab. Hm. Ich will das glaube ich gar nicht wissen, wem bei was einer abgeht, aber der Gedanke drängt sich ja förmlich auf.

‚Sie haben ausgesagt, dass die Angeklagte mit dem Fensterputzer Unzucht auf der Fensterbank getrieben habe.‘ sagen wieder die 11 eingeschworenen Richterinnen einstimmig.

Mein Chef hat einen Knebel im Mund, wie soll er da antworten. Der Erfüllungsgehilfe hält ihm den Kopf und lasst ihn dann los. Er ist so erschöpft, dass sein Kopf auf seine Brust sinkt. Die Schweine haben ihn bestimmt gefoltert, um diese Aussage von ihm zu bekommen.

‚Frau Rösner, aufgrund der hiermit bewiesenen Verfehlungen und wegen Anwendung von Teufelswerk, werden Sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Leugnen und widerrufen ist wegen der Schwere dieses Falles nicht möglich. Das Urteil wird sofort vollstreckt. Führt sie ab!‘ Der Hammer fällt auf den Tisch und im nächsten Moment brenne ich schon auf dem Scheiterhaufen. Die 11 eingeschworenen Richterinnen tanzen ums Feuer, wie die Hexen. Ganz hinten kann ich den Fensterputzer erkennen, wie er traurig die Fenster zum Innenhof reinigt. Er wirft mir noch eine Kusshand zu und dann schwinden meine Sinne.

Mit einem spitzen Schrei schrecke ich hoch. Neben mir sitzt meine Jugendvertretung und sie hat keine Uniform an. Scheiße, ich bin mitten in der Rede des Geschäftsführers eingeschlafen. Ich kann spüren, wie alle Mitarbeiter mich anstarren. Wie gut dass ich diesmal noch mit dem Rücken zu allen sitze.

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