Vorsicht Pilger – Heck schwenkt aus!

Jakobsweg Zeitreise – Vorsicht Pilger – Heck schwenkt aus!

Wir laufen immer noch im Neuburger Wald und außer uns und dem Frühling, dem Inn und dem Biber ist keine Menschenseele unterwegs. Und langsam kommen wir uns wirklich so vor, als wären wir Wanderhuren und wir wären im Mittelalter, gut dann wären wir wahrscheinlich nicht weit gekommen, weil damals im Neuburger Wald, gab es bestimmt auch eine Räuberbande und wir wären bestimmt gestern Nacht von einer Horde Räuber überfallen worden und ganz schlimm vergenusswurzelt worden.
Die Kraxen werden immer schwerer und die Überlegung sich einen Esel zu mieten, der dann unsere Kraxen schleppt, kommt uns minütlich in den Sinn. Auch die Wanderhure hatte ja ein paar Ziegen, die sie vor einen Wagen gespannt hatte und die schleppten dann des ganz Zeug. Bloß wo kriegen wir jetzt mit im Wald eine Herde Ziegen her oder gar einen Esel oder ein Maultier?

Mit einem selbstgedichteten Lied über Händchen halten, Rotwein, Sackfett und Wund und Heilsalbe auf den Lippen kamen wir aus dem Neuburger Wald, wo uns mehrere Verkehrsschilder auf Gefahren aufmerksam machten. Das erste war Vorsicht Bodenwellen, nicht näher fotografiert gingen wir weiter und wenig später kam ein Schild: ‚Vorsicht beschrankter Bahnübergang!‘ Ich habe natürlich ein Foto gemacht, als Beweis. Links Inn. Mitte Weg. Rechts Waldhang. Kein Zug, kein Gleis, aber nach dem Schild, 4 Stämpen quer über den Weg. Hmm?Jetzt kamen wir an schmucken kleinen Häuschen vorbei und an w

ahnsinnig schönen Gärten, mit dem toten Osterhasen, aber an sich war alles wunderschöne Blumenwiese. Himmel, da ist er wieder der Horror.
Wir liefen weiter, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern….es ging erstaunlich gut voran und der Inn plätschert leise vor sich hin. Wir kommen an einem Schild Neuburg am Inn vorbei, und wir beschließen keinen Umweg zu machen. Die Gegend ähnelt jetzt immer mehr dem Donaudurchbruch bei Kelheim. Wir machen viel Fotos und bewundern die Gegend. Nach einer Brücke über den Inn, die wir links liegen lassen, bauen sich links und rechts, jeweils eine Burg auf, eine schöner als die Andere. Jetzt geht es weiter, der Weg wird immer schmaler und es geht jetzt immer Berg auf und Berg ab. Wir füllten nochmal unsere Trinkflaschen auf und latschten weiter, als wir plötzlich von einem Radler überholt wurden. Vor Schreck schwenkte ich in die falsche Richtung und hätte ihn beinahe mit der Kraxe vom Rad gefegt. Die Überlegung Schilder auf die Kraxe zu hängen: ‚Vorsicht Pilger – Heck schwenkt aus!‘ oder ‚Vorsicht Pilger – Bitte Rangierabstand einhalten!‘
Später als wir dann einen echt fiesen Berg hochliefen, kam der Radler uns entgegen um eine Kurve geschossen, der hat mich so erschreckt, ich hatte beinahe einen Asthmaanfall bekommen und wäre beinahe mitten am Berg zusammengebrochen. So ein Arsch! Vorsicht Pilger – Bitte Langsam fahren! Freiwillig Langsam fahren den Pilgern zu liebe!
Den Berg haben wir dann doch geschafft bzw. er hat eigentlich uns geschafft. Bei einer nötigen Rast oben am Berg kam uns eine Dame mit einem süßen Hund entgegen. Sie stellte uns viele Fragen und ging eine Weile mit uns mit, bis wir aus dem Wald kamen. Vor uns Vornbach. Sie erklärte uns, wie wir zum Kloster kommen und dass

wahrscheinlich keiner da wäre und bei wem wir für den Pilgerstempel klingeln können. Sie erzählte uns von der halben Kirche auf dem Friedhof und lief dann querfeldein zu ihrem Haus, ihr Hund war ganz hin und hergerissen, aber er trottete ihr dann doch hinterher.
Wir liefen dann doch weiter Richtung Kloster und brachen aus Versehen ins katholische Pfarramt ein, die Tür stand offen, es war aber keiner da. Wir riskierten einen Blick in einen alten Klostergang, wo überall alte Dinge herumstanden und dann zogen wir es aber doch vor, zu verschwinden.

Es ging am Kloster vorbei und am Ende der Straße kam plötzlich ein neuer Kleinwagen um die Ecke gerauscht, hielt an und die nette Dame von vorhin stieg aus und filmte uns. Nach einem weiteren kurzen Gespräch, bot sie uns Tee und Kuchen an und lud uns in ihr Haus ein. Sie nahm meine Kraxe mit dem Auto mit und ich war herzlich froh, dass ich den Berg bis zu ihrem Haus nicht mit Kraxe hoch musste. Das Haus war der Wahnsinn und die Gastfreundlichkeit von ihr und ihrem Mann bleibt uns unvergessen. Wir redeten über Gott und die Welt und wurden regelrecht interviewt. Die beiden waren so nett und die Gespräche waren so schön, dass wir uns kaum von ihnen lösen konnten. Unter anderen Umständen, wäre die Dame wahrscheinlich nicht so herzig auf uns zu gegangen und wir hätte sie wahrscheinlich nicht verschrecken wollen. Deswegen wird mir diese

Erlebnis immer in Erinnerung bleiben, auch wenn wir uns vielleicht nie wieder treffen mögen.
Während Hanna auf der Toilette war, bot ich unsere mittelalterlichen Kochkünste an und sie bot uns an, dass wir gerne nochmal wieder kommen dürfen und dann kochen wir was schönes in dem wunderschönen baubiologischen Haus mit der römischen Fußbodenheizung. (Und außerdem könnten wir des Nächtens nochmal das Kloster erkunden!)
Schließlich half es alles nichts, wir sind dann weiter nach Neuhaus, um dort unseren blöden Pilgerstempel zu holen.

Kettensägenmassaker

Jakobsweg Zeitreise -Kettensägenmassaker

Unser Nachtlager haben wir dann schon im Dunkeln aufgebaut und das Nachtmahl, war dann wirklich ein Nachtmahl. Zum Nähen und zum Schreiben war es wirklich schon zu dunkel, wie ich jetzt grad erschreckend feststelle, ich kann meine Schrift im Tagebuch kaum lesen….Wir gingen deshalb sehr früh schlafen, und ein Käuzchen schuhute von weit her zu uns rüber.
Super, wie im schlechten Horrorfilm, man sieht eine Waldlichtung mit einer wunderschönen Blumenwiese in der Dämmerung, irgendwo flackern zwei Lichter, man kann einen kleinen Holzunterstand kaum erkennen, man hört das Gekicher zweier Mädchen und ein Käuzchen schreit, plötzlich ist alles unnatürlich still. Wie als wenn die Ordnung gestört wäre, so wie wenn man in einen Raum kommt, einen weißen Raum und in der Mitte steht ein Roter Stuhl. Cthulhu lässt grüßen. Man hört ein Knacken von weit her, die Mädchen schrecken auf und eine fängt an zu kichern: ‚Ist da wer?‘ und dann ist wieder alles ruhig auf der wunderschönen Blumenwiese.
Jetzt ist der Moment, wo eigentlich in jedem schlechten Horrorfilm, der irre Massenmörder, mit dem Dr. Zoidberg-Gesicht und seiner Kettensäge, den Unterstand zamsägt und mit ihm auch die Mädchen. Eines davon kann leicht verstümmelt entkommen. Die Quotenjungfrau, natürlich!
Nachdem wir auch noch Larper sind, spielt unsere Fantasie natürlich Ping-Pong mit uns. Und wir überlegen uns ständig, wie entweder Zombies oder Untote über uns herfallen, oder eine Horde Orks, die uns entführen und uns dann solange vergewaltigen, bis wir tot sind. Dann werden wir natürlich noch fachgerecht zerteilt und im Wald zurückgelassen. ‚Lieber Hirschgott, du Zwölfender du, bitte schick uns keine Vergewaltiger, außer die sind verdammt gutaussehend und frisch geduscht.‘

Jetzt wisst ihr auch was in meinem Kopf so vorgeht, wenn ich armes paranoides Wesen nicht einschlafen kann. Aber trotz der paranoiden Wahnvorstellungen noch Vergewaltigungsphantasien haben, irgendwas stimmt doch bei mir nicht, oder? Aber dafür machen ich ja auch meine Pilgerreise, damit ich vielleicht nur halb so wahnsinnig zurückkomme, wie ich aufgebrochen bin. Im Moment kann ich das leider noch nicht bestätigen. Aber ich arbeite daran.
Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, bis ich dann aufgrund eines geträumten Schneegestöbers aufgewacht bin, den Grund für den Traum, habe ich dann auch gleich erkannt, mir war eiskalt. Hanna hatte mich von meinem einzigen Fell unter die Bank des Unterstandes gedrängt und nachdem wir zu zweit in meinem Deckenschlafsack stecken, gestaltet sich der Weg zurück aufs warme Fell ein bisschen schwierig. Nun gut, unter der Bank erwischt mich der Vergewaltiger wenigstens nicht gleich, dann kann ich noch zuschauen, wie er die Hanna…… Böse Bine, und es ist keiner da der mir auf die Finger haut. Jetzt bin ich auch noch rattig und kein Vergewaltiger in Sicht und auch keine Zombies zum Spielen, ich versuche also weiter zu schlafen und vermisse nicht nur mein Babyschafsfell, dass ich Depp ja aussortiert habe. Himmel, für diese Gedanken komme ich definitiv in die Hölle.


Bin die Nacht dann noch öfters aufgewacht, aufgrund von Kälte und weil ich mich wieder unter der Bank vorgefunden habe. Dann hab ich endlich tief und fest geschlafen, wie ich plötzlich Schritte höre, ich schrecke auf und da war der Jogger schon vorbeigelaufen. Es kamen dann noch mehrere Jogger und ein Radler vorbei und ich konnte noch nichtmal senkrecht im Bett stehen, mangels Bett und ich steckte ja mit Hanna im Deckenschlafsack fest.
Mich beschäftigten jetzt wieder die Männer, der letzten Wochen und ich hatte langsam das Gefühl zur Nonne zu werden, weil so wie früher ist es schon lange nicht mehr

und seit meinem letzten Fehltritt, treibe ich eher ziellos umher und treibe eigentlich gar nichts mehr so richtig. Sogar mein Vibrator liegt total verstaubt im Bad zwischen den Haarklammern und den Waschlappen. Des ist ja eben auch so ne Sache, an der ich dringend arbeiten muss. Jetzt hat der Herr Uri Geller meinen Vibrator schon repariert und ich benütze ihn gar nicht mehr, ab und zu lese ich in der Mutzenbacher und dann langt es mir meistens schon wieder, fast ohne heimwerken…Grins!
Ich brauch mich ja nicht beschweren, mir taugt zur Zeit der Tausendste nicht und selbst an dem hab ich noch was auszusetzen. Die können mir irgendwie alle geistig nicht folgen oder wollen nur vor mir auf dem Boden herumrutschen. Wenn sie mir geistig folgen können, dann sind sie mir körperlich nicht gewachsen, oder Verbal. Wenn dann alles stimmt, dann sind sie entweder schwul, oder saufen oder nehmen gar Drogen oder sind viel zu jung….oder wollen keinen Geschlechtsverkehr…. so komm ich ja nie zu meinem Traummann und meinem Haus mit Hund und einem Stall voll Kindern. Nur nicht übertreiben, Bine! So schreckst du nur wieder alle ab, unter den Voraussetzungen will ja auch kein Mann eine Beziehung eingehen. Eine Schlampe will Kinder und Haus und Hund, des passt ja so gar nicht ins Weltbild. Wo wir wieder bei diesem verfickten Volksmund wären…Wenn ich den Volksmund erwische, dann muss ich mit dem aber soooo eine aufs Maul hauen….
An diesem Morgen war so gar nichts in Ordnung, ich hab bis um 8 Uhr meine Augen gar nicht aufgebracht und ich war total bewegungsunfähig. Ob des jetzt am schlechten Schlaf gelegen hat, oder an meinen Phantasien oder meinen Träumen, wobei die teilweise vermischt sind. Ich kann gar nicht mehr richtig nachvollziehen, was jetzt Traum war und was ich mir jetzt ausgedacht habe. Dann kann es ja auch noch sein, dass alles an meinem Rausch vom Samstag Nacht liegt, ich vermute es jetzt mal. Weil wenn mich Männer nachts nicht schlafen lassen und ich tagsüber von ihnen Träume, dann muss es ja einigen heute morgen, in den Ohren geklingelt haben. Es ist jetzt übrigens Montag, der 30.03.08 und falls es bei dir geklingelt hat, dann ruf mich an…..Ich beobachtete zwei Rotkehlchen beim Vögeln….
Dass ich immer meine Holzschuhe vergesse, die mir unsere Pilgerschaft ja wirklich nicht leicht gemacht haben. Ich hatte gestern schon des Gefühl, dass die irgendwie morsch werden. Ich hab sie gestern Nacht noch mit Kerzenwachs gekittet und hab mich aber dann doch entschieden heute mit meinen selbstgebauten Römersandalen-Bundschuh-Zwitter zu laufen. Böser Fehler! Aber dazu später….
Wir packen also alles ein und ich latsche ohne Frühstück los und ich bilde mir ein, dass ich irgendwo einen Baum umstürzen höre, so als würde da jemand Bäume fällen, nur dass man keine Axtschläge und keine Kettensäge hört. Ich höre auch einen Specht und vergesse es wieder, weil im Naturschutzgebiet Neuburger Wald wird schon keiner Bäume fällen und genau deswegen haben wir uns gestern nicht getraut ein Feuer zu machen, weil im Naturschutzgebiet macht man so was nicht und so schleppen wir natürlich unseren Müll auch wieder aus dem Wald….
Wir haben nur noch wenig Wasser und meine Überlegung die Zähne zu putzen, viel dann aufgrund ‚Ich bin total gelähmt!‘ und Wassermangel aus und mir mit Innwasser die Zähne zu putzen ist mir dann doch zu authentisch.

Wir laufen also weiter und die Sonne scheint und es ist wirklich wie eine wunderschöne Blumenwiese nur mit Wald und der Frühling hat uns jetzt entgültig in seiner Gewalt. Wir laufen weiter am Inn entlang, bis mir ein großer umgestürzter Baum am Innufer auffällt. Ich schau genauer hin und da ist doch tatsächlich ein Biber am Werk gewesen. Ich machte schnell ein Beweisfoto und dann grübelte ich wieder darüber nach. Hanna machte sich einen neuen Wanderstock und ich grübelte über den Biber nach. Hab ich doch richtig gehört, da fällt tatsächlich einer Bäume im Naturschutzgebiet. Und solchene Großen! Und ich dachte schon ich bin total bescheuert. Aber der Biber hat sich da aber schon ganz schön was vorgenommen, den Inn aufzustauen. Des ist ja fast so ne Lebensaufgabe, wie unsere Pilgerschaft. In dem Tempo, wie wir mit den schweren Kraxen beladen, nicht vorankommen, werden wir in den nächsten 10 Jahren nie aus Bayern rauskommen, geschweige denn in Santiago ankommen. Ist es da wahrscheinlicher, dass dieser kleine Biber es schafft den Inn aufzustauen?
Ich sag ja auch immer ich werde irgendwann im Rentenalt

er in Santiago ankommen. Des ist mittlerweile kein Spaß mehr. Wir werden mit 60 und 70 Jahren, bebückt von jahrelangem Kraxenschleppen, uns von unseren Kindern und Enkeln nach Santiago tragen lassen müssen. Dann sollten wir aber langsam mal mit den Kindern anfangen, oder ein geregeltes Leben führen, damit wir uns welche adoptieren können. Jetzt bräuchte wir jeweils nur einen Mann. Für mich bitte einen, der mir geistig, körperlich und verbal gewachsen ist. Mit einer übersichtlichen Frisur! Bitte keine Nazis, keinen perversen Schweine und keine devoten Männer! Wenn es bei dir im Ohr klingelt, dann ruf mich an….
Und beim ganzen Bibergeschwafel hab ich unsere Griesschnitten ganz vergessen, wir haben bei unserem Nachtmahl in unserer Hütte noch die Griesschnitten vom Con gegessen, die waren dann aber so kalt, dass wir sie dann auf den IKEA-Laternen warmgemacht haben, wir haben uns ja nicht getraut, ein Feuer zu machen. Super IKEA-Griesschitten, des muss man mal gemacht haben, des ist echt der Wahnsinn.

Wer seitsn na ihr?

Jakobsweg Zeitreise- Wer seitsn na ihr?

Ein Passant fragte im Vorbeifahren: ‚Wer seitsn na ihr?‘

Zu so einer Frage fällt einem ja gleich gar nichts ein und auf die Schnelle gleich zweimal nicht. Wir grübelten eine Weile über diese Aussage und über die bayrische Sprache und was sie uns eigentlich sagen will. Soll die Frage: ‚Wer wir denn sind?‘ auch so gemeint sein, weil mit der Antwort, wer wir jetzt sind, kann ein völlig Fremder ja eh gar nicht viel anfangen oder meint er eher: ‚Was für welche wir denn sind?‘ Was aber dann auch noch unfreundlicher wäre. Aber für alle diese Fragen haben wir eine Antwort überlegt: ‚Wir sind Sabina zu Bruck und Johanna aus Eichbichl, wir wandern den Jakobsweg!‘ Und wenn das Gegenüber immer noch ungläubig schaut, meist auch mit offenen Mund, dann sagen wir meist noch hinterher: ‚Der Jakobsweg läuft hier durch.‘ Und auf die Frage: ‚Wie lang wollts ihr denn da gehn?‘

‚Bis Santiago werden wir es heute wohl nicht mehr schaffen!‘

Naja, die Antworten sind immer so wie die Fragen, die uns gestellt werden und bei dummen Menschen, neige ich zu weilen unfreundlich zu werden, wenn ich merke, dass mein Gegenüber es im Grunde gar nicht verstehen will. Aber ich hab mich dann doch zusammengerissen und habe immer versucht möglichst freundlich alles zu erklären und oft dabei nicht stehen zu bleiben.
Die bayrische Sprache beschäftigte uns tatsächlich sehr viel und die ganzen Naturgötter vorallem und in dem Zusammenhang ist uns aufgefallen, dass der Bayrische Ausspruch und Gruß: ‚Grias erna Gott!‘ frei übersetzt: ‚Grüße ihren Gott!‘ heißt, also ist es zumindest dem Bayer egal welchen Gott ich da jetzt anbete, solange es nicht der Teufel ist. Und ich finde, ob man jetzt raus geht und einen Zwölfender anbetet oder in ein düsteres Gotteshaus geht und einen Mann anbetet, der bestialisch am Kreuz umgekommen ist, da sollte jeder das tun, was einem am Besten liegt und an irgendwas muss man fast glauben und wenn es Aliens sind. Da bleib ich doch lieber beim gehörnten Hirschgott, der ist draußen in der Natur und es ist kein Gott, der durch den Hitler benützt wurde. Mein Problem an den meisten Religionsgemeinschaften ist nachwievor, dass sich manche Menschen anmaßen Gott zu spielen. So viele mussten Leiden, nur weil jemand das Wort Gottes auf eine eigene Weise ausgelegt hat. Welcher Gott da jetzt was zu wem gesagt hat, spielt keine Rolle. Es sollte nur eine Rolle spielen, ob egal welcher Gott unser Herz berührt hat. Wenn sich Menschen nun aufspielen, sie würden nach Gottes Wort handeln und damit anderen Menschen unrecht tun, ist dass nicht in meinem Sinne. Somit nehme ich mir raus als getaufter Katholik in der Natur zu Gott zu finden, was ich ehrlich gesagt, vor meiner Wanderschaft für absolut unmöglich gehalten habe. Ich werde zwar nicht gleich wieder in die katholische Kirche eintreten (Auch wenn wir jetzt Papst sind!), aber ich werde zumindest, ab und zu meinen Obolus für den Erhalt einer alten Kirchen beisteuern. Das ist in meinem Sinne in Ordnung und ich weiß, wo das Geld landet. Ansonsten ist es doch egal, wie man ihn nennt und wichtig ist nur, dass er die richtigen Hörner hat, weil selbst für Teufelsanbetung habe ich als „Wahlheide“ kein Verständnis.

Bitte stellt mir nicht die Frage, warum ich jetzt gerade den Jakobsweg gehe, das hat doch mehr mit der katholischen Kirche zu tun, als jeder andere Weg. Vielleicht finde ich es ja heraus, wenn ich in Santiago angekommen bin.
Naja, also wir sind an dem Sonntag noch bis in den Neuburger Wald gekommen und haben eine Haarklammer und einen Knopf auf dem Boden gefunden und haben viele Wanderer getroffen.
Wir haben unsere Kraxenschnürung verfeinert und es bahnt sich eine neue Erkenntnis des Tages an, dass BH´s total irrelevant sind und dass die nur unnötig stören. Nach einem Tag wandern mit der Kraxe, können BH´s echt Schmerzen verursachen.
Es wird wohl bald Frühling, wir haben eine Riesenhummel und einen Schmetterling beobachtet und es sprießen überall Blümchen durch das braune Laub und da war eine wunderschöne Blumenwiese mitten im Wald….Himmel, das ihr das mal aus meinem Mund hören würdet.
Wir haben unseren Trinkschlauch mit Bachwasser aufgefüllt und hoffen, dass wir nicht die Scheißerei davon bekommen. Nachdem wir ständig an Klärwerken vorbeikommen, wird es uns beim Trinken schon ganz schön mulmig. Dann wurden wir von mehreren Joggern überholt, die uns fragten, ob wir etwas verloren hätten. Mein Müffelsäckchen, ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich es verloren hatte. Der Jogger meinte, dass ein paar Damen es gefunden hätten und es ihnen mitgegeben hätten, damit wir es wieder bekommen würden. Des war mal richtig nett!
Gut, weil am Müffelsäckchen war Hanna´s Pilgerglocke, die sie mir für die Wanderung überlassen hatte, des wäre echt ungut gewesen, wenn ich die schon am ersten Tag verloren hätte. (Das Müffelsäckchen ist ein kleines posierliches Tierchen. Scherz bei Seite. Es ist ein Lavendelsäckchen aus eigener Herstellung. Wenn es mal kriecht oder riecht, Müffelsäckchen! Eure Quacksalberin erklärt die Welt!)
Wir liefen also weiter durch den Neuburger Wald und haben uns dann auf der Höhe eines Holzunterstands entschieden, heute schon früh halt zu machen und dort zu übernachten.
Wir haben den Anderl angerufen, um ihm zu sagen, dass wir noch leben, des ist genau der Anruf, den unsere Eltern nicht bekommen. Wir haben ausdrücklich schon von Anfang an nicht zugelassen, dass wir jeden Tag anrufen, ob wir noch leben. Der Anderl hat auch gleich gefragt, ob er uns holen muss! Hm!
Dann hatte ich 4 Anrufe in Abwesenheit vom Gedron, dem ich dann mitteilte, dass ich grad auf dem Jakobsweg pilgern würde, er hat mich dann auch für völlig verrückt gehalten und mich gefragt, ob ich jetzt katholisch geworden wäre.

Die Sache mit dem Müssen

Jakobsweg Zeitreise – Die Sache mit dem Müssen

‚Müssen tu ma gar nichts und zum Sterbn is no kei Zeit.‘

Diese Erkenntnis hätte mir schon wesentlich früher kommen müssen, aber nachdem mir das erst am ersten Tag meiner Wanderschaft begann klar zu werden, habe ich dies natürlich im Vorfeld nicht beachten können, weil es mir ja nicht klar war. Ich hätte noch so viel machen müssen, ich hätte mir mindestens einen Mann angeln können, aber wegen dem vielen müssen nicht können.
Am Samstag vor der Wanderung habe ich mich auf dem Con auch noch ein bisschen betrunken und des hätte echt nicht sein müssen, aber es war so und zum Bereuen ist es zu spät. Es waren vielleicht 5 Schluck Baileys, aber für mich hat es gelangt und ich muss ganz schön viel Unsinn gemacht haben, nein gemacht hab ich eigentlich nichts, aber gesagt hab ich ziemlich viel und die Wahrheit war es auch noch und damit können viele ja nicht umgehen, aber es war doch sehr lustig, zwischen Rotwein, Sackfett und Wund und Heilsalbe und Milchwirtschaft, ging es in erster Linie über Pornofilme und über Sexualtherapie und Telefonzellen. Ich hoffe es hatten alle viel Spaß und Freude und wenn nicht. Wer nicht will, der hat schon!
Ich hatte anscheinend viel Spaß und am nächsten Tag zum Glück keinen Brummschädel. Ich versuchte zu packen und bis die Kraxe voll war, war noch gar nicht alles drin und sie zerbracht schon fast beim Hochheben, so schmiss ich nochmal alles über den Haufen und reduzierte Gewicht. Als erstes flog sämtliches Leder raus, die Hälfte vom Essen wurde aussortiert und die Hälfte der Klamotten und die Hälfte der Decken, ich habe mein kleines Babyschafsfell und eine Zweite Tunika mit aussortiert, die ich auf der Wanderung später noch schmerzlich vermissen würde.
Dann habe ich auch noch meinen Runenbecher zerschmettert und ich musste dann doch meinen Tupperware-Thermobecher mitnehmen, obwohl wir eigentlich keine Tupperware mitnehmen wollen durfte. Ich habe ja noch einen Trinkschlauch und ich hab ja noch einen Tarnhuch für den Thermobecher. Für diejenigen, die sich jetzt fragen, was ein Tarnhuch ist, es ist ein Säckchen im Form einer Flasche, mit einen Mützengugelchen zum Abnehmen und drüber stülpen, damit auch authentisch aus einer Bierflasche trinken kann, wenn man keinen Krug hat. Und das Outfit sieht aus wie das Outfit vom Huch, dabei hatte ich des Tarnhuch schon, bevor ich den Huch überhaupt kennengelernt habe.
Wir haben jetzt alles fertiggepackt und unsere Sachen auf sämtliche Autos verteilt, damit wir überhaupt mit 2 Kraxen und 3 Personen in meinem Ford Ka nach Passau kommen. Danke nochmal an den Sepp fürs Fundus übernehmen und fahren und fürs „Trittmich“ waschen. Und ein riesen Dankeschön an den Anderl, der wegen uns mit seiner Nicht-Wichs-Schulterverletzung mit aufs Con gefahren ist, um dann SL zu machen. Was ja auch ne ganz schöne Leistung ist, wenn man ständig unter Schmerzmittel steht. Und um uns dann am Sonntag nach Passau zufahren, damit wir wandern können. Auch die Aussicht, dass der Anderl eine Woche mein Auto und meine Wohnung zur Verfügung gestellt bekommt, ist jetzt nicht damit aufzuwiegen, dass er aufgrund seines erneuten Krankenstandes, diesen Luxus nicht so wirklich hat auskosten können. Danke nochmal! Dickes Bussi!
Ja, also wir fahren also von Thurmannsbang nach Passau und finden auch gleich den Dom. Dann packen wir die Kraxen aus dem Auto und uns auf den Rücken, die ersten Fotos werden von Touristen geschossen, wir verabschieden uns vom Anderl und beim Abschiedsbusserl, werde ich vom Anderl auf Back rechts/Backe links verwiesen, obwohl ich ihn ernsthaft auf den Mund knutschen wollte, weil mir irgendwie danach war. Hm. Es werden noch Beweisfotos geschossen, nur für den Fall, dass wir wirklich festgenommen werden oder als Fahndungsfoto falls uns total Irre mit samt den Kraxen entführen sollten. Dann fährt der Anderl mit meinem Auto einfach weg, mit meinem Schlüssel, meiner Handtasche, mit dem Deo und den Ohrenstäbchen und lässt uns zwischen den ganzen Touristen zurück.
Ein Bus mit Japanern fahrt langsam an uns vorbei und sie knipsen Fotos durch die Fensterscheiben. Wer zum Teufel schaut sich denn solche Bilder an? Im Vorbeifahren durch eine Scheibe fotografiert und die Ellbogen von den anderen Japanern im Foto, das ist doch ganz schön scheiße.
Also wir haben noch einige Fragen beantwortet und sind dann in die Kirche um unseren ersten Pilgerstempel für unseren Pilgerpass zu holen, in der Kirche nur Touries und Fotos und Fragen, aber keine Amtsperson. Beim Rückweg vom Altar haben wir die Domaufsicht entdeckt, den wir dann fast verfolgen mussten, damit wir mit ihm sprechen konnten. Nach einem langwierigen Erklären hat er uns dann doch ziemlich widerwillig geholfen. Wir haben zwar keinen Stempel, aber dafür ein Datum und eine Unterschrift.

Wir gingen nochmal in den Dom um eine Kerze anzuzünden und um ein Stoßgebet an den gehörnten Hirschgott zu schicken. Dass wir bitte nicht von der Polizei festgenommen werden und in die Klapse kommen, dass wir nicht vom LKW überfahren werden. Dass bitte die Holzschuhe halten und die Knie und die Knöchel, dass wir bitte nicht erfrieren und dass es bitte nicht mehr schneien soll, was jetzt nicht nur wegen dem Zwölfender eine echte Blasphemie war. Dafür komme ich in die Hölle.

Ein Passant hob unsere Kraxe und meinte dass des bestimmt 20 Kilo wären, ich habe meine nie gewogen, deswegen werde ich es nie erfahren, wie schwer sie wirklich war und es ist auch gut so.
Es ist übrigens der 30.03.08 ca. 14.00/15.00Uhr, als wir in Passau loskommen, die Zeitumstellung hat uns kalt erwischt, aber es wird nicht mehr lange dauern, dass wir keine Uhrzeit mehr brauchen würden…
Wir liefen also los und wurden noch einige Male von Passanten befragt und fotografiert. Einer kam und wollte wissen, ob er uns etwas gutes tun könne, er schenkte uns dann eine Banane und half uns noch den Weg zum Inn zu finden. Später ist mir dann aufgefallen, dass es uns ja eine Banane geschenkt hat, warum er das gemacht hat, weis ich nicht, ob er die Fotos vom letzten Schyrenfelscon gesehen hat? Oder wollte er nur den Affen Zucker geben? Das werden wir wohl auch nie erfahren, aber Danke!
Wir kamen über Stufen zum Inn herunter und es war ein königlicher Moment, wie sie uns alle anstarrten, als wir aus dem Dunkel ins Licht kamen und dann mit unseren Kraxen auf der Innpromenade standen. Wir liefen eine Zeit lang und bahnten uns den Weg durch die Passanten und wir beschlossen nicht mehr stehen zu bleiben, wenn uns jemand was fragt, weil uns das ehrlich nur unnötig aus dem Trott bringt.
Wir suchten nach dem ersten Hinweis, dass wir auf dem richtigen Weg sind, der Fluss floss uns entgegen (worüber ich jetzt gar nicht mehr so sicher bin, in welche Richtung er eigentlich fließt!?) und wir liefen aus der Stadt heraus, aber ein Jakobsschild hatten wir noch nicht gesehen. Ein letztes Telefonat wurde geführt und dann wurde auch das Sprachrohr zur Außenwelt erst einmal ausgeschalten. Weiter geht’s. Und endlich ein Jakobswegschild, ein Beweisfoto wurde geschossen.
Bei unserer ersten Rast, der edylische Rücken, kamen mehrere Gruppen von Passanten an uns vorbei und stellten Fragen. Es wurden uns gute Füße gewünscht und das Gottes Weg immer der Richtige wäre und wir sollten einen Stein für eine nette Dame in Santiago hinlegen und ein kleines Mädchen fragte: ‚Müsst ihr da jetzt bis nach Santiago laufen!‘
Müssen, ich hätte so viel tun müssen, habe es nicht getan und laut meinen Eltern hätte ich schon längst heiraten müssen. Bloß wen? Und mit 30 hätte ich laut meiner biologische Uhr auch schon mindestens 2 Kinder haben müssen. Aber dazu hätte die Männerwelt mich so akzeptieren müssen, wie ich bin. Dann hätten die Männer auch treu und ehrlich sein müssen. Dann hätte ich einmal die richtige Entscheidung treffen müssen. Laut dem Volksmund hätte ich mir schon längst eine anständige Frisur zulegen müssen! ‚Und wie du wieder aussiehst!‘
Müssen, müssen, müssen, ich muss schon viel zu viel Steuern zahlen, ich muss jeden Tag in die Arbeit fahren. Ich muss springen, wenn andere schreien, ich muss immer selbstverständlich sein….Nein, ich muss mich eigentlich in erster Linie mal am Arsch lecken lassen. ‚Nein, Müssen tu ma gar nichts, und zum Sterbn is no kei Zeit!‘
Des ist genau das Interessante am Pilgern, wir können wirklich alles tun, stehen bleiben, wann und wo wir wollen. Irgendwo bleiben, weil es da schön ist. (Ich muss unbedingt nochmal nach Passau, die Stadt ist so schön gewesen!) Wir sollten nur einmal am Tag einen Stempel in unseren Pilgerpass bekommen und des wars dann schon, natürlich versuchen wir ein bisschen Stecke zu machen um voranzukommen. Ich hab mir auch geschworen nicht zurück zu laufen, sondern immer nur nach vorne zu blicken und nicht zurück und wenn sich eine Gelegenheit ergibt, sie nicht vorbeirauschen zu lassen. Dann hab ich eine Regel, die schon mein ganzen Leben bestand hat, einmal am Tag verlaufen ist OK und mehr muss auch nicht sein. Das ist uns auch gleich am ersten Tag passiert und nachdem wir nicht über den Inn gehen wollten, haben wir dann ganz schnell gemerkt, dass wir außen um ein Wehr herum gehen mussten, um weiter zu kommen. Und dann gingen wir weiter und weiter…. und der Inn fließt sehr ruhig uns entgegen und flüstert uns leise zu, dass wir wirklich gar nichts müssen und zum Sterbn is no kei Zeit und das ist gut so….

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