Der lachsfressenden Wolperdinger ruft

Der lachsfressenden Wolperdinger ruft

Drei mehr oder weniger Stadtkinder ziehen aus, um den Weihnachtsfeiertagen zu entgehen. Die Berghütte liegt weit ab vom Schuss auf einem Berg (Hügel) und ist bei den Witterungsverhältnissen, die wir dieses Weihnachten hatten, nur mit dem Traktor oder äußerst beschwerlich zu Fuß zu erreichen. In der ersten Nacht, leider ohne meine Anwesenheit, gab es einen Stromausfall, da die Solarzelle auf dem Dach der Hütte so verschneit war, dass es unter Tags quasi nicht zu einer Stromerzeugung gekommen war. Es gibt zwar auch eine Gaslampe, aber die haben sie sich nicht getraut anzumachen. Und nach der zweiten Dachlawine waren sie so verschreckt, dass sie früh ins Bett gegangen sind und konnten dann somit auch die halbe Nacht nicht schlafen, da sie lauter schlimme Geräusche gehört haben. Das Knacken des Ofen und das Plätschern der Kuhtränke hören sich in der nächtlichen Stille an, als wären gleich alle irren Axtmörder der Welt mit samt ihrer blutigen Opfer, die just in diesem Moment als Zombies wieder auferstanden sind, zu dieser einen Hütte unterwegs, um die beiden Stadtkinder erst zu zerhacken und dann halb aufzufressen, aber nur um die Überreste dann den vielen bayrischen wilden Waldbewohnern vorzuwerfen. Diese waldigen Wildtiere sind es, die auch untertags ihnen nach dem Leben trachten, deswegen waren sie auch bei Tag auf der Hut. Bewaffnet mit der Axt und dem Sax, vom einzigen ‚Mann‘ auf dieser Hütte, gehen sie in der Nacht auch nur zu zweit zum Pinkeln. Eine nicht ganz so stille Nacht, wie damals beim Heiland, aber sie haben es definitiv überlebt und rufen mich am nächsten Tag ungefähr 20 mal an, weil sie tausend Sachen vergessen haben, wie zum Beispiel die Zahnbürste.

Ich komme am ersten Weihnachtstag am Vorort des Geschehens an und auf der Suche nach dem Bauernhof, wird mein Weg von einem riesigen Eisbrocken versperrt. Es scheint mir so, als würden die Bewohner des Bauernhofes keinen Besuch erwarten wollen. Hm. Ich rufe an bei den Bauersleuten an und frage, ob ich den Eisbrocken aus dem Weg schieben darf. Etwas unverstanden räume ich den Brocken weg und teste die Geländefähigkeit meines Nemos auf Herz und Nieren. Ich trete durch die Haustür und schreite mit diesem einen Schritt quasi 100 Jahre in die Vergangenheit. Vier stramme Burschen sitzen an einem Tisch und frönen dem Gerstensaft und das Spiel des geköpften Schafes. Der erste Satz den ich glaube zu verstehen ist: ‚Auweh, Voda. De derfst du aufi foarn!‘ Der Jungbauer versucht sein errötetes Gesicht zu verbergen, indem er den Kopf auf den Tisch schlägt, immer und immer wieder. Man könnte sagen, dass mein Auftritt eine einschlagende Wirkung hatte. Die drei anderen Burschen scheinen zwar von mir fasziniert zu sein, trauen sich aber nur über ihren Kartenrand hinaus auf mich herab zu blicken, obwohl sie sitzen und ich stehe. Hm. Ein schwarzer Hund kommt mir entgehen gelaufen. Er scheint ernsthaft der Einzige zu sein, der sich ernsthaft freut mich zu sehen. Er schmeißt sich gleich auf den Rücken und lässt sich von mir kraulen. Sein gotterbärmlicher Gestank treibt mir die Tränen in die Augen. Es wäre mir wesentlich lieber gewesen, wenn einer der Burschen mich auf den Rücken geschmissen hätte, um mich durchzukraulen. Hm. Meine äußerst schmutzigen Gedanken werden vom Bauern unterbrochen, der mir einen Schnaps anbietet. Ich antworte: ‚Na, na, dann werd i ja glei bsoffn!‘ Himmel, bayrisch verlernt man ja wirklich nie. Ich muss ihm aber versprechen, dass wir oben einen Schnaps trinken. Wie gut, dass mir meine Mutter einen Schlehenschnaps mitgegeben hat.

Ein noch kleinerer Bub fährt mit mir zum Parkplatz, der einzigen Wirtschaft der Gegend. Meine sieben Sachen werden auf den Traktor gepackt und ich muss auf dem Trittbrett mitfahren. Ich schwitze Blut und Wasser, dass nicht mein IKEA Sack, mit meinem Laptop drin, vom Traktor fällt. Dieses äußerst abenteuerliche Anreise, darf ich in der Arbeit niemanden erzählen, weil mit Arbeitssicherheit, hat dieses Fortbewegungsmöglichkeit nicht besonders viel zu tun gehabt. Hm. Gut, dem Bauern wird schon nichts passieren, aber der Bua und ich hinten auf dem Trittbrett, das wahrscheinlich eine Anhängerkupplung ist, haben noch eine IKEA Sack und meine Kraxe zwischen den Beinen auf der Trittfläche stehen. Nachdem es gerade jetzt taut, wird auch alles inklusive mir während der recht abenteuerliche Fahrt nass gespritzt. Der Bub hat mir einen historischen Landwirtschaftsvortag gehalten, bis ich ihm erzählt habe, dass ich Mittelalterdarsteller nur im Nebenberuf bin und eigentlich in einem Amt arbeite. Jetzt schildert er mir alle Arbeitsunfälle der Gegend, die in den letzten Jahren passiert sind. Oben angekommen, werd ich Stadtkind bis vor die Tür der Hütte gefahren und die beiden Bewohner freuen sich wie die Schnitzel, auch wenn es gerade nicht schneit. So, ausladen und dann gibt’s an Schnaps. Der Bauer ist einigermaßen vom Schlehenschnaps meiner Mutter begeistert und läd mich seinerseits auf eine Schnapsprobe im nächsten Jahr zu erm aufm Hof ein. Gut, ich oder der Schnaps meiner Mutter, oder beides, müssen doch tatsächlich einen ziemlichen Eindruck hinterlassen haben. (Der Schnaps meiner Mutter, ist auch ernsthaft ein schöner Titel für ein Buch!)

Der Bauer erklärt uns Stadtkinder die Gaslampe und fahrt dann mit dem Buben wieder ins Tal. Jetzt sind wir mutterseelen allein in der Wildnis. Die Erholung kann beginnen. Ich höre das Geräusch einer SMS. Hm. Wir haben doch Netz. Ja, Isoldes Handy schon. Meines nicht. Ich beschließe es auszuschalten. Meine Immer-wieder-Ex-Mitbewohnerin erwischt mich dabei, wie ich die ganze Hütte nach einer Steckdose absuche. Sie meint, dass da keine wären, sie hätte gestern schon alles durchsucht. Wir ratschen bis es richtig dunkel ist, dann machen wir das Gaslicht an. Ich bin jetzt die Gasbeauftragte hier auf der Hütte. Die Beiden erzählen mir von der letzten Nacht und sie geben zu, dass sie doch Stadtkinder sind. Da muss ich jetzt aber mal sagen, ich bin wesentlich näher an der Großen Stadt aufgewachsen, als die anderen Beiden, stelle mich aber in der Wildnis nicht ganz so blöd an. Gut, ich habe eine Axt mit auf die Hütte genommen, aber nur aus Prinzip, weil Hauptsache man hat ne Axt dabei. Wenn ich ehrlich bin, warte ich ja nur auf den irren Axtmörder um ihm einen Heiratsantrag zu machen. Wir kochen Rouladen. Ich bin jetzt auch Schnipselbeauftragte. Ich mache ein fast perfektes MORETVM, aber für die Jahreszeit war das MORETVM schon ganz in Ordnung. Aber finde du mal mitten im Winter mal frische Kräuter, die nicht aussehen wie obszöne Pilzgewächse. Ganz nebenbei spielen wir eine Runde Monopoly und nach dem Essen ‚Pflicht an der Wahrheit‘. Ein Mischung aus Wahrheit oder Pflicht und Flaschendrehen, nur ohne Flasche und ohne Drehen, dafür aber mit Würfel. Ich bitte nächtliche Anrufe zu entschuldigen, das war alles Bestandteil vom Spiel.

Irgendwann gingen wir dann schlafen und unsere Nachtruhe würde dann nur noch von Isoldes nächtliche Aktivitäten gestört.

Am nächsten Morgen waren wir dann erschreckend früh wach, wir machten Frühstück und stellten fest, dass unser Lachsfrühstück wohl des Nächtens von jemanden anderen gefressen wurde. Unser nächtlicher Besucher hatte sich durch unsere Vorräte gefressen und hatte auch nicht vor Plastikfolie zurückgeschreckt. Wir rätselten den ganzen Tag, wer oder was sich über unsere Vorräte hergemacht hatten. Isolde hörte überall Geräusche. Er behauptet steif und fest, es wären Ratten. Ich behaupte es war der gemeine Wolperdinger und meine Immer-wieder-Ex-Mitbewohnerin behauptet, dass der Hans in der Nacht hier rauf gekommen ist, um sich für den nächtlichen Anruf zu rächen und unsere Vorräte zu vernichten. Der vollgefressene Hans liegt jetzt irgendwo im Wald und rülpst Plastikfolie. Und deswegen die komischen Geräusche.

Nichts desto Trotz machen wir einen authentischen Wanderausflug. Wir machen voll authentische Überfallfotos. Gut, der Wikinger hätte nie einer Marketenderin aus dem 15. Jahrhundert überfallen können, aber wir wollen ja mal nicht so sein. Wir erschreckten auf dem Weg zurück zur Hütte noch ein paar Wanderer und dann rutschten wir mit IKEA-Säcken den Berg hinunter. Das sieht in mittelalterlichen Klamotten echt total bescheuert aus, macht aber einen riesen Spaß. Man muss nur schauen, dass man den Rock nicht unter den Sack bekommt, sonst haut es einen gewaltig aufs Maul. Und IKEA-Sackrutschen ist der erste Sport neben Sumo und Wettessen, wo Übergewicht ernsthaft von Vorteil zu sein scheint. Wir hatten einen Heidenspaß und kamen völlig durchgefroren in die Hütte zurück. Und jetzt begangen wir den schlimmsten Fehler, den wir je begehen konnten und ich tadle nochmal alle, die uns nicht vorgewarnt hatten. Wir bekamen das Munschkin-Fieber und spielten, selbst den unheimlichen Geräuschen und den noch unheimlicheren Stromausfall trotzend, die ganze Nacht. Es ist echt immer eine ganz komische Situation, wenn plötzlich das Licht ausgeht und alles Stock dunkel ist. Mit Gaslicht spielten wir die halbe Nacht. Am nächsten Morgen, aßen wir die Reste, putzen die Hütte und spülten das Geschirr. Mir dem Traktor ging es wieder runter ins Tal. Es waren nur ein paar Tage auf der Hütte, aber ich bin wirklich total entspannt, auch wenn ich kein Wort geschrieben habe, habe ich doch viele Eindrücke mitgenommen. Werd wohl die nächsten Tage ganz viele Berg, Wald und Schnee-Geschichten schreiben.

Seit dem ich wieder zurück bin von der Hütte, lassen mich die Berge nicht wieder los, ich hab Föhn und sehe von meinem Büro auf die Berge, die immer noch nach mir rufen. Habe mir überlegt, wie es ist allein auf der Hütte zu sein. Es ist unglaublich idyllisch dort und die Ruhe lässt einen tatsächlich entspannen, nur sobald man wieder in der Stadt ist, artet wieder alles in Stress aus. Laufe immer noch mit meinen Wanderstiefel rum, weil meine Stadtschuhe immer noch unter der Heizung stehen, sie haben den Hüttenaufenthalt nicht so sportlich überstanden, wie ich. Hm.

Die Weihnachtsfeiertage haben wir so entspannt wie möglich hinter uns gebracht und nun hat uns der Alltagsstress wieder. Freu mich schon aufs nächste Mal.

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  1. Danke an die Hanna für die Bilder.


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