Der Thelocactus Freudenbergeri in Sachen Liebe.

Der Thelocactus Freudenbergeri in Sachen Liebe.

‚Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!‘

Mein Leben ist ein furchterbarer Alptraum. Mein unehelicher Ableger juckt wie nichts Gutes und er wird von Tag zu Tag immer größer und er zittert. Während mich seine Mutter nun endgültig verlassen hat, musste ich mir hier das langsame Treiben unseres Aushilfskellners Onkel Salvatore ansehen. Sie hat unsere Romanze nicht überlebt und bei der Langsamkeit von Onkel Salvatore, werde ich einen weiteren Tag hier nicht überleben. Sie ist einfach klamm und heimlich über Nacht eingegangen. Und nun habe ich einen weiteren Tag mit dem Onkel Salvatore vor mir, ich werde bei seinem Anblick langsam aber sicher verenden. Meine Mimose und ich hatten nur einen Tag und ich einen ziemlich unfreiwilligen Geschlechtsakt. Und nun diesen juckenden Bengel an meinen Lenden. So eine Scheiße, ich habe keine Lenden. Aber wenn ich welche hätte, dann würde er mir genau dort rauswachsen und noch mehr jucken. Und ich habe keine Hände, mit denen ich mich kratzen könnte. Aber was juckt es mich eigentlich, ich brauch bestimmt nur noch einen Tag in diesem Irrenhaus, bis ich schließlich und endgültig eingehen werde.

Aber wenn ich Hände gehabt hätte, dann hätte ich meine Mimose festhalten können, dann wäre sie mir vielleicht nicht entschlafen. Nein, wenn ich Hände gehabt hätte, dann hätte ich sie davon abgehalten, mir einen Bengel zu machen, weil sie genau diesen Fortpflanzungsakt nicht überlebt hat. Himmel, sie ist aus Liebe zu mir eingegangen. Die Fortpflanzung war zu aufregend für sie. Beim Geschlechtsverkehr mit mir entschlafen, ich muss mich umbringen. Ich bin nur außerstande mich umzubringen. Wie deprimierend. Und einen weiteren Tag hier überlebe ich wirklich nicht. Und was bleibt, ist dieser Bengel, mein Bengel. Er zittert und juckt. Aber er ist meiner. Aber andererseits hoffe ich, dass er bald abfällt und auf eigenen Beinen steht. Heul. Beine haben wir ja auch nicht, sonst wäre ich schön längst in das elektrische Fleischmesser von der Schwuchtel in der Küche gelaufen und hätte mich hoffentlich endgültig fremd entleibt. Als Trost bleibt mir der Anblick meiner verdorrten Geliebten und die Überreste, die neben mir im Blumentopf vor sich hin verrotten. Meine Mimose wird nie wieder für mich zittern. Die Liebe kann ganz schön grausam sein. Wenn sie vor der Tür steht, dann hast du was besseres zu tun, als die Türe zu öffnen und sie bleibt vor verschlossener Tür stehen und geht langsam aber sicher ein. Und wenn du dann endlich begriffen hast, dass sie vor deiner Tür gestanden hat, dann rennst du ganz aufgeregt zur Tür und da steht aber niemand mehr, es bleibt nur der schwache Duft zurück, der Duft meiner Mimose. Ich werde ihren Duft nie vergessen. Ein Problem habe ich nur, ich wäre nie zur Tür gekommen, weil ich nicht laufen kann. Wer bringt mich um, von mir aus auch die Schwuchtel. Warum bringt mich nicht einfach jemand um.

Während ich versuche mich in meinem Selbstmitleid zu ertränken, kommt Onkel Salvatore. Er braucht eine halbe Ewigkeit bis er bei der Tür ist und dann noch eine ganze Weile, bis er endlich im Lokal steht. Gut, er versucht zu stehen. Der alte Zausel wird nur noch von seiner Haut zusammengehalten. Er muss wesentlich älter als Die Nonna sein.

Die Nonna kommt im selben Augenblick wieder ins Lokal und erblickt zuerst die Mimose und dann Onkel Salvatore. Mit einer hochgezogenen Augenbraue kommt sie auf mich zu, schüttelt den Kopf und packt sich die Mimose. Und sie nimmt sie mir einfach weg. Weg. Nein, nicht in den Müllschlucker. Nein, bitte nicht. Jetzt bin ich allein. Allein, allein! Allein, mit einem pinken Porzellanpudel und meinem Baby. Und keiner will mich umbringen. Die Welt und das Universum hat einfach kein Einsehen mehr. Und wenn es nach Gott geht, dann schmort meine Mimose jetzt in der Hölle, weil sie schließlich lasterhafte Dinge an mir verrichtet hat und weil sie eine….eine…ja, weil sie eine Schlampe war. Eine Schamhafte. Und ich armes Opfer komme, dann in den Himmel, oder wie? Vielleicht sollte ich noch ein Bisschen sündigen, bevor ich mich umbringen lasse, oder ich schaffe es tatsächlich mich selbst umzubringen, in dem ich mich von der Fensterbank stürze. Das wäre dann Sünde genug, damit ich in die Hölle komme, zu meiner Liebsten. Hm. Onkel Salvatore ist schon an der Theke angekommen und lehnt nun keuchend an einem Barhocker. Die Nonna schüttelt auch seit Tagen nur noch den Kopf. Einfach ein Irrenhaus hier. Der fette Herr Baumhauer kommt und muss gar nichts bestellen, wir wissen ja eh was er da jeden Tag in sich rein schaufelt. Onkel Salvatore serviert gerade das Weißbier. Er tapert mit dem Glas in der Hand durch das Lokal. Zum Glück hat Die Nonna ihm das Tablett weggenommen. Er hatte in den letzten Tagen so viele Biere fallen lassen, dass die Nonna diese Zwangsmaßnahme einfach übers Herz bringen musste. Nun trägt er das Bier in einer gefährlichen Schräglage zum Tisch vom Herrn Baumhauer. Die Nonna hatte ihn heute an einen anderen Tisch gesetzt, wahrscheinlich weil sie nicht wollte, dass er das mit meiner Mimose mitbekam. Bis Onkel Salvatore am Tisch von dem Herrn Baumhauer angekommen ist, ist nicht nur der Schaum zusammengefallen, sondern auch der Herr Baumhauer kläglich vertrocknet und alle anderen kriegen schier einen Herzinfakt. Es ist wie ein Unfall, bei dem man einfach nicht wegsehen kann. Es ist echt nicht auszuhalten. Das Servieren des Schnitzels überlebe ich einfach nicht. Will uns denn keiner erlösen. Keiner. Wirklich keiner. Das habt ihr jetzt davon, ich stürze mich jetzt von der Fensterbank…

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Blutspuren im Schnee

Blutspuren im Schnee

Ich war bei den Tieren oben am Unterstand und machte mich auf den beschwerlichen Rückweg. Der Winter war zu früh gekommen, noch bevor wir das Vieh wieder vom Berg herunter treiben konnten. Wir hatten zu lange für die Ernte gebraucht. Es fehlt einfach ein Mann aufm Hof. Und der alte Knecht hat es am Ischias und kann sich kaum bewegen, sobald der kalte Ostwind kommt. Die Kinder arbeiten sich die Finger wund und ich mache die Arbeit, die vorher mein Mann erledigt hat. Ich konnte ihn nicht mal begraben, weil wir seine Leiche nie gefunden haben, als die Lawine ihn mitgenommen hat. Der Berg gibt einen nicht mehr her, wenn er einen mitgenommen hat.

Oben am Berg hab ich die Kühe gemolken, gefüttert und treibe jetzt zumindest ein paar Ziegen hinab zum Hof. Die volle Milchkanne habe ich mir auf den Rücken geschnallt und habe noch zwei kleinere Kannen in jeweils einer Hand. Das Gewicht der Kannen lässt mich noch tiefer in den Schnee einsinken, als beim Aufstieg. Aber zumindest kann ich so kaum ausrutschen. Ich schicke jeden Atemzug ein Stoßgebet in den Himmel.

Die Sonne war schon fast untergegangen. Die Sicht wurde immer schlechter. Die Ziegen liefen voraus, sie kennen den Weg besser als ich. Ich höre ein Knacken hinter mir und drehe mich, soweit es meine Kraxe eben erlaubt. Ich sehe einen riesigen Schatten hinter mir und bekomme es mit der Angst zu tun.

-Dies ist ein gestelltes Fotos!-

Shooting Winter 2009

Ich versuche loszurennen, der Schnee behindert mich aber bei meinem Lauf. Durch meine Panik angesteckt, suchen die Ziegen das Weite. Ich höre jemanden hinter mir durch den Schnee stapfen und ich kann seinen schweren Atem hören. Himmel, das muss einer von den Wilderer sein, die Nachts durch den Wald streifen. Wenn ich sein Gesicht erkenne, bringt er mich um, und das wäre nur das kleinere Übel, mit dem ich zu rechnen hätte. Unter der schweren Last kam ich viel zu langsam voran, aber ich konnte die Milch nicht einfach wegschütten, sonst haben wir nichts zu essen. Im Lauf wagte ich es nochmal meinen Kopf zu drehen. Ich sah einen wilden Hünen mit zottigen Haaren, der hinter mir her rannte. Er hielt eine Axt über den Kopf und schob den Schnee vor sich her, als er auf mich zu hechtete. Er würde mich umbringen. Ich blieb geistesgegenwärtig stehen und suchte mir einen sicheren Stand. Dabei lies ich eine meiner Kannen in den Schnee sinken und nahm den Henkel der anderen Kanne in beide Hände. Wenn er mich jetzt schon umbringen sollte, dann sollte er noch möglichst lange an mich denken. Ich warf die Kanne gegen seinen Arm und die Axt flog im hohen Bogen über meinen Kopf hinweg davon. Im Ducken nahm ich die zweite Kanne in beide Hände und holte aus. Die Milch war bereits gefroren, dass konnte mein einziger Vorteil sein. Mein Schlag saß besser als ich es zu hoffen gewagt hatte. Von der Wucht meines Schlages fiel er nach hinten um. Blut rann dampfend in den Schnee. Zitternd nestelte ich an der Aufhängung meiner Kraxe und rannte los. Als ich die Knoten endlich lösen konnte, warf ich die Kraxe von meinem Rücken. Von dem fehlenden Gewicht auf meinem Rücken kam ich ins Straucheln, stürzte und rutschte bäuchlings den Abhang herab. Meine Hände gruben sich immer tiefer in den Schnee, bis ich endlich zum Stillstand kam. Mein erleichtertes Aufatmen wurde je unterbrochen, als der Mann sich, wie ein Tier, auf mich warf. Sein Gesicht war blutüberströmt. Und er hatte eine lange Blutspur im Schnee hinterlassen, von dem Punkt, wo ich ihn zu Fall gebracht hatte bis zu dem Punkt wo ich zum Stillstand gekommen war. Mein Schlag hatte ihn noch viel rasender gemacht. Er wälzte mich herum und dabei riss er meinen Janker auf.

-Dies ist ein gestelltes Fotos!-

Shooting Winter 2009

Sein Blut tropfte in mein Gesicht und ich konnte seinen stinkenden Atem riechen. Ich würgte von seinem Gestank und versuchte mich unter ihm herauszuwinden. Er hält mich an meinem Röcken fest, die unter seinem Griff zerrissen. Durch meine Bewegungen grub ich mich nur noch mehr in den Schnee ein. Er versuchte mich zurückzuhalten, bekam aber wieder nur meinen Rock zu fassen und riss ihn mir bis zum Bund auf. Er grinste mich dreckig an, als er meine Unterröcke mit Blut besudelte.

Der Schnee unter mir gab nach und ich rutschte mit einer Ladung Schnee nochmal den Abhang hinab. Mit einem lauten Krachen landete ich an einem Baum und der Schnee, der von diesem Baum herunter kam, begrub mich bis zum Hals mit Schnee. Mein Angreifer warf sich mit voller Wucht auf den Schneehaufen, unter dem ich lag. Er packte mein Bein und zog mich mühelos aus dem Schnee. Ich versuchte mich an allem festzuhalten, was ich zu fassen bekam. Es half alles nichts, er war einfach zu kräftig. Er zog mich weiter den Hang hinab und ich lies es bewegungslos zu, bis er am Fuße des Berges an der großen Eiche stehen blieb. Erst jetzt sah ich, dass er seine Axt wieder in der Hand hielt. Er musste sie nach meiner Rutschpartie aufgehoben haben. Für einen Moment lies er mein Bein los, um sich nach mir zu bücken. Ich trat ihm gegen das Knie und versuchte mich aufzurappeln. Er hatte die Axt fallen gelassen und packte mich an beiden Schulter, drehte mir mit einem Ruck beide Arme auf den Rücken und zog mich hoch. Mit voller Wucht schmetterte er mich gegen den Stamm der Eiche und schob mich mit seinem Körper den Stamm hinauf. Meine Arme schrammten an der Rinde entlang. Heißes Blut rann an meinen Armen und Händen hinab. Ich verkniff mir aber jeglichen Schmerzensschrei. So an den Stamm gepinnt konnte ich mich nicht mehr wehren. Ich hing kraftlos am Stamm der Eiche fest und meine Beine baumelten ein ganzes Stück über dem gefrorenen Waldboden. Er riss mir nun auch mein Mieder und mein Hemd auf. Mit einem zufriedenen Grinsen rieb er seine blutverschmiertes Gesicht über meine nackte Brüste. Ein ekelerregendes Stöhnen kam aus seiner Kehle, als er den Kopf hob um mir ins Ohr zu flüstern: ‚Hübsches Täubchen!‘

Ich spuckte ihm ins Gesicht. Er drückte mich mit seiner Brust gegen den Baum, rieb sich dann mit einer Hand meine Spucke aus dem Gesicht und dann nestelte er an seiner Hose herum. Ich versuchte meine letzten Kräfte zu sammeln, um mich von ihm loszukämpfen, wenn er in dem richtigen Moment die Konzentration verlieren würde. Ich schloss die Augen und atmete tief durch und versuchte mich zu entspannen.

Ich spürte einen dumpfen Schlag und riss die Augen auf. ‚Lass die Finger von meiner Mutter, du Bastard!‘ hörte ich meinen Ältesten brüllen, so laut, wie ich es noch nie aus seiner Kehle vernommen hatte. Der Kopf des Wilderers lag auf meiner Brust. Sein Gewicht quetschte mich immer noch gegen den Stamm. Mein Sohn zog an etwas und der Körper des Wilderers fiel einfach nach hinten um. Ich rutschte vom Stamm herunter, bis meine Beine den Boden berührten. Meine Beine gehorchten aber nicht mehr meinem Willen und gaben nach. Ich krachte mit voller Wucht mit dem Hintern auf den Boden und bleib dann reglos an den Stamm gelehnt liegen. Mein Sohn stand immer noch mit der blutverschmierten Axt da und starrte mit einem entsetzten Blick auf das Geschehen.

Der Thelocactus Freudenbergeri und seine Begegnung der dritten Art.

Der Thelocactus Freudenbergeri und seine Begegnung der dritten Art.

Meine MimoseMitten in der Nacht wache ich auf, weil sich in meinem Blumentopf irgendetwas echt seltsam an fühlt. Es ist stockduster im Lokal und ich bekomme ernsthaft Gänsehaut. Dann nehme ich den Geruch war. Ein süßlicher Geruch beißt mir in meiner nicht vorhandenen Nase. Auf der Digitalanzeige des Radios steht auf 03:47. Ich habe zwar keine Augen, aber soviel kann ich gerade noch sehen. Es dauert noch eine ganze Weile bis die Sonne aufgehen wird und Die Nonna kommt, um mich zu retten. Dann bemerke ich, dass sich in meinem Topf etwas rührt. Hilfe, da ist was Lebendiges in meinem Topf. Das Universum mag mich einfach nicht, erst geht mir Die Nonna mit dem fetten Herrn Baumhauer fremd, dann vergenußwurzelt mich diese blöde Mimose am laufenden Band und jetzt hab ich irgendwas Lebendiges in meinem Blumentopf.

Wenn ich weglaufen könnte, dann würde ich es tun. Der Tag fängt ja gut an, bevor er überhaupt angefangen hat. Hilfe! Hilllllfeeeee! Warum hört mich denn keiner? Ich kann ja gar nicht reden! Hiilllllfeeeee! Ich werde jetzt einfach eingehen. Einfach so. Lebe Wohl geliebte Die Nonna. Vielleicht werde ich ja als Pudel wieder geboren. Dann können wir zusammen in die Heimat fahren. Plötzlich wird es mir ganz anders, ich kann die Digitalanzeige vom Radio nicht mehr erkennen. Ich bin blind. Aber ich habe doch gar keine Augen, ich kann gar nicht blind sein. Es ist aber so dunkel hier und das Lebendige in meinem Blumentopf wird immer größer und größer. Ich bekomme enorme Beklemmungen. Das macht mir Angst. Warum hilft mir denn niemand. Die Nonnnaaaaa, hilf mir. Und hier stinkt so. Und dieser Geruch ist es, der hat mich blind gemacht. Ich will hier raus, verdammt nochmal. Vor Angst zitternd warte ich auf den Sonnenaufgang. Dann sehe ich bestimmt wieder was. Es dauert scheinbar eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich wieder etwas erkennen kann. Vor mir ist etwas in meinem Topf aufgegangen. Bloß was ist es, ich kann es nicht genau erkennen. Wenn ich Augen hätte, dann könnte ich wenigstens schielen. Die Anzeige vom Radio steht auf 00:00. Wir hatten wohl Stromausfall und ich dachte ich muss sterben. Plötzlich höre ich ein Pfeifen, vielleicht kann Die Nonna nicht ohne mich schlafen. Die Nonna, bitte rette mich! Bitte! Die Tür geht auf und der Große Bruder Mario Calabrese kommt zur Tür herein. Er geht zur Bar, tritt gegen die Wandvertäfelung und holt die Flasche Ramazotti hervor, trinkt aus der Flasche, beißt in eine Zitrone und geht wieder aus seinem Lokal. Der Auftritt des Großen Bruders hat mich so von meinem Problem abgelenkt, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass er das Licht angelassen hatte. Jetzt kann ich sehen was in meinem Topf wächst. Nein, des kann doch nicht wahr sein. Ich habe einen Ableger bekommen. Ein so einen Großen. Nein, es sind eigentlich drei. Und die Ableger zittern vor sich hin. Mir schwant arges. Die blöde Mimose hat mich angebumst und jetzt hab ich drei total empfindliche Ableger. Toll. Geht es eigentlich noch schlimmer? Kann mich das Universum nicht gleich umbringen. Muss ich vorher noch ordentlich gequält werden, oder wie?

Aber woher kommt der komische Geruch. Ich kucke auf die Seite. Die Mimose geht gerade mit dem Sonnenlicht auf und entfaltet sich zu voller Größe, um sich dann gleich an meinen Stacheln zu reiben und sich dann wieder zusammen zuziehen. Hey, du Schlampe du, hab mal ein bisschen Rücksicht, ich bin nicht nur schwanger, sondern auch allein erziehend. Jetzt kann ich ihre Blüten sehen und oben auf jeder Blüte prangt jeweils ein großer gebogener Stachel. Diese Stacheln kommen mir verdammt bekannt vor. Ich wusste nicht, dass sich Mimosen überhaupt mit einem wie mir kreuzen lassen, aber so wie es aussieht geht es schneller, als man denkt. Ich zahle aber keine Alimente für eine mehrfache Vergewaltigung. Diese empfindliche Sinnschlampe und jetzt zieht sie wieder die Blätter ein und will nichts mehr von mir wissen. Himmel, wie soll das nur weitergehen.

Die Nonna kommt trällernd zur Tür herein. Sie stellt den Radio wieder auf die richtige Uhrzeit und stellt ihn dabei an. Umberto Tozzi´s ‚Ti Amo‘ brüllt aus dem Radio und Die Nonna kommt richtig in Stimmung und singt lautstark dazu. Jetzt bemerkt sie mich und kommt zu mir rüber. ‚Du böser kleiner Kaktus, was hast du heute Nacht bloß mit der armen kleinen Mimose getrieben!‘ Sie gießt die Mimose jetzt allen Ernstes mit meinem Pellegrino, dann geht sie ohne mich zu gießen und holt einen hässlichen pinken Porzellanpudel von einer anderen Fensterbank und stellt ihn zwischen mich und meine Peinigerin. Wenigstens etwas. Sie geht in die Küche und kommt mit einem Putzlappen wieder. ‚Du wollüstiges Stachelmonster, du brauchst wohl eine Abkühlung.‘ Dann windet sie den Putzlappen über mir aus. Igitt. Nass, kalt und widerlich dreckig. Ich kündige. Ich werde ständig falsch verstanden und misshandelt. Mein Leben ist wirklich die Hölle. Schlimmer kann es ja jetzt nicht mehr kommen. Aus dem Radio ertönt jetzt Howard Carpendale´s ‚Hello Again‘ und dazu wimmert die Mimose vor sich hin. Wie schaffe ich es nur, mich auf der Stelle zu entleiben. Giovanni kommt mit einer Lieferung meiner entfernten Verwandten herein. Das Geschrei von ihnen kommt mir gerade recht, dann übertönt es hoffentlich das schamhafte Trennungsgewimmer von der Sinnschlampe. Sie zittert jenseits des Porzellanpudels wieder vor sich hin. Haha. Das hat sie nun davon. Wenn ich eine Zunge hätte, würde ich sie ihr rausstrecken. Giovanni kommt wieder aus der Küche und entdeckt mich. Er bekommt einen für meinen Geschmack viel zu langen Lachanfall. Als er sich wieder beruhigt hat, macht er ein Handyfoto von mir und sagt: ‚Ja, was hat er denn da? Was hat er denn?‘ Jetzt krault mich dieser schwule Vegetarier an meinem Ableger, dass macht mir Angst. ‚Wie nett, ein stacheliger Pimmel mit zwei schrumpeligen Eiern dran!‘ Nett ist die kleine Schwester von Scheiße. Ich will sofort eine ganz große Knarre und genug Munition, dann könnte ich die Schwuchtel auf der Stelle erschießen und dann mich. Wenn ich Arme und Hände hätte. Im Radio läuft jetzt Trude Herr’s ‚Weil ich so sexy bin‘ und ich werde ohnmächtig.


Der nächste Morgen – ein grauenvoller Tag für Thelocactus Freudenbergeri!

Der nächste Morgen – ein grauenvoller Tag für Thelocactus Freudenbergeri!

Thelocactus freudenbergeri1.jpgDie Nonna weckt mich nach 3 Stunden Schlaf. Sie putzte zu Carmen und sie sang mit, jeden Ton. Ich muss einen Kopf haben, weil ich Schmerzen habe, als hätte ich einen Kopf. Zwischen den Arien flucht Die Nonna über die blöden deutschen Fußballfans und überlegt sich wahrscheinlich, wie sie ein paar tragische Unfälle einfädeln kann. Giovanni kommt irgendwann mit einer neuen Fleischlieferung und als er gerade die Kisten in die Küche trägt, kommt Diego mit einem weinerlichen Ausdruck im Gesicht ins Lokal. Er meint, seine Oma wäre verstorben und er müsse sofort nach Spanien reisen, damit er ihr wenigstens die letzte Ehre erweisen könne. Die Nonna ist weniger begeistert, aber sie gibt ihm die Woche frei und geht zum Telefon. Wenigstens bin ich den Norgerlpantscher für eine Woche los, dann kann ich versuchen in dieser Woche von meiner Alkoholsucht herunterzukommen, die ich dem blöden Diego zu verdanken habe. Die Nonna spricht ins Telefon: ‚Salvatore!‘ Dann schreit sie in einem so schnellen italienisch in den Hörer, dass ich mit meinem ziemlich beschränkten Sprachwissen nicht mehr hinterher komme. Herr Baumhauer kommt und bestellt das Übliche. Er hat Die Nonna ein Geschenk mitgebracht. Ein Strauch, so ein Gestrüpp. Mit so was kann ich nicht mal entfernt verwandt sein!

Er säuselte Die Nonna ins Ohr: ‚Eine schamhafte Sinnpflanze für das zarteste Pflänzchen in unserer Straße!‘ Ich muss kotzen. Nein, so ein Mist, ich kann gar nicht kotzen. Es ist ein echtes Drama, wenn man so gerne wollen würde, aber nicht kann. Ich versuche mich ernsthaft von der Fensterbank zu stürzen, in der Hoffnung, dass ich bei meinem Todessturz den fetten Herrn Baumhauer erwische. Aber mein Topf bewegt sich keinen Millimeter vom Fleck, so sehr ich mich auch bemühe. Wenn ich schreien könnte, würde ich es tun.

Die Nonna murmelt das italienische Wort für ‚Schwuchtel‘ und stellt das schamhafte Sinnpflänzchen neben mich. Igitt, es ist tatsächlich eine Mimose. Und diese Unterpflanze steht jetzt neben mir und heuchelt nach der Liebe von Die Nonna. Die Nonna gehört aber mir. Nur mir! Das des klar ist! Ich plustere mich zur vollen Größe auf, sofern es mir eben möglich ist. Die Mimose zittert. Sie hat Angst vor mir. Haha. Was für eine unterwürfige Schlampe. Die will doch von mir gequält werden. Nachdem sie aber zu weit von mir weg steht, kann ich sie zumindest nicht persönlich quälen. Und der Diego ist nicht da, so ein Mist. Immer wenn man ihn braucht, ist er nicht da. Norgerl zum Gießen haben wir im Moment auch nicht. Mist. Die Mimose neben mir zittert vor Erregung. Ich habe sie noch nicht mal berührt und sie ist schon total geil. Ich muss hier weg. Der Baumhauer flirtet doch allen Ernstes mit meiner Die Nonna. Und die Mimose ist durch ihr zittern doch tatsächlich näher an mich heran gerutscht. Hilfe, ich werde von einer Mimose sexuell belästigt. Ich kündige.

Die Tür geht auf und eine Frau kommt rein.

‚Ja, Grüssi!‘ sie schritt auf Die Nonna zu und redet einfach weiter: ‚I bin die Anita Lagleder! I bin vom Bund emanzipierter Landfrauen Bayerns e.V.. Mir würdn gerne ihr Hinterzimmer mieten, für unsere Jahreshauptversammlung.‘

Die Nonna schaut sie entgeistert an, trabt aber dann zum Reservierungsbuch und schlägt es auf. Sie setzt ihre Brille auf die Nase, die sie immer um den Halshängen hat, wenn sie sie nicht auf hat. Jetzt sieht sie aus wie eine Stubenfliege. Sie schaut die Frau Lagleder fragend an.

Frau Lagleder ergreift wieder das Wort: ‚Ists am Samstag recht?‘ Die Nonna nickt. ‚Mir san ung’fähr 45 Landfrauen! Wir nehmen dann eine große Vorspeisenplatte und haben sie auch was Vegetarisches.‘

Die Nonna klappt das Buch zu und geht in die Küche. Sie murmelt das italienische Wort für Vegetarier und scheucht den Giovanni in den Schankraum.

Nachdem die Beiden ein Menü ausgekartelt hatten, geht die Frau Lagleder wieder und Herr Baumhauer bekommt von Die Nonna persönlich sein Schnitzel serviert.

Hat er da ein Herz aus Ketchup auf seinem Teller? Die Nonna geht mir doch nicht fremd, so eine Schlampe. Und wo wir grad bei Schlampe sind, die Mimose reibt sich an meinen Stacheln. Jetzt erzittert sie völlig erregt und zieht sich zusammen und jetzt steht sie ganz ruhig neben mir und macht keinen Mucks mehr. Wie, war das jetzt etwa alles, wir haben doch noch gar nicht angefangen. Ich wusste nicht, dass es eine erektile Dysfunktion auch bei Mimosen gibt.

Endlich ist der Herr Baumhauer weg und die Nonna trällert jetzt: ‚Herzilein, du musst nicht traurig sein!‘ Die Nonna geht zur Vorderseite der Bar und tritt gegen die Wandvertäfelung. Ein Brett fällt aus der Wandverträfelung und ein Geheimversteck kommt zum Vorschein. Dann zieht Die Nonna eine Flasche Ramazotti aus dem Versteck. Genüsslich gießt sie sich ein Glas mit Eis und Zitrone ein und singt weiter. Ich könnte kotzen. Nein, da war ja was, ich kann ja gar nicht kotzen. Die Mimose hat sich wieder beruhigt und macht sich wieder über meine Stacheln her. Was geht denn mit der. Ich geb ihr jetzt mal eine halbe Minute, bis sie wieder genug hat. Egoistische Schlampe.

Der Bierlieferant kommt. Endlich. Er heißt Elmar Wucher und er macht der Familie Calabrese immer einen guten Preis. Er hat nämlich eine Zementallergie. Er liefert nicht nur Bier, sondern auch den Schnaps. Sehr gut, da können die Emanzen ja kommen. Hoffentlich ist bis Samstag der Diego wieder da. Ich befürchte ich muss mich betrinken lassen, wenn die Fau Lagleder wieder kommt. Der Wucher geht und drückt quasi dem Großneffe Guiseppe die Klinke in die Hand. Er bringt uns die Weinlieferung.

‚Ah, Nonna, ich soll dir Ausrichten, dass Onkel Salvatore um 17.00 Uhr kommt und für den Spanier einspringt.‘

‚Guiseppe, wann lernst du endlich deine Muttersprache?‘ fragt Die Nonna und haut dem Bengel einen liebevollen Schlag in den Nacken.

Die Mimose ist gerade schon wieder über meine Stacheln hergefallen. Ich komme mir jetzt richtig benützt vor. Sie hat mich benützt. Unglaublich. Die Sonne geht langsam unter. Endlich. Die Mimose zieht wieder die Blätter ein und bewegt sich irgendwie gar nicht mehr. Toll, erst macht sie mich unnötigerweise geil, dabei wollte ich mich doch für Die Nonna aufsparen und dann lassen mich alle einfach unverrichteter Dinge stehen und die Mimose will einfach nicht mehr mitspielen. Was für eine Schlampe. Jetzt zittere ich, weil ich sowas von fickrig bin und dabei fallen mir jetzt auch noch meine Blüten ab. Wenigstens schau ich morgen wieder Normal aus. Das Universum wird doch nicht mal ein Einsehen mit mir haben.

Zurück in der Realität und die Sehnsucht bleibt.

Jakobsweg Zeitreise – Zurück in der Realität und die Sehnsucht bleibt.

Der Zug und die ganzen Menschen sind schon Realität genug, könnte man meinen. Wir haben mit dem Handy telefoniert, es ist so ungewohnt plötzlich. Der Anderl holt uns vom Hauptbahnhof in München ab. München, die große Stadt, sie hat uns wieder, und sie ist so laut und es sind so viele Menschen, da fallen zwei Pilgerinnen gar nicht auf. Schon sind wir wieder anonym und wenn wir hier nackig mit den Kraxen zum Parkplatz laufen würden, dann würde es auch kaum einen interessieren, außer die Japaner vielleicht.

Wir werden vom Anderl am Parkplatz vor dem Hauptbahnhof in Empfang genommen und des Erste was klar ist, wir stinken. Wir planen nun was wir machen. Wir müssen noch zum Einkaufen und der Anderl muss zum Arzt und dann geht’s nach Hause.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen, so denkt man, aber uns fällt nicht so recht ein, was wir erzählen sollen. Lassen uns durch München kutschieren. Der Anderl geht zum Arzt wegen seiner Nichtwichsschulterverletzung. Im Auto wartend, bin ich dermaßen Bewegungsunfähig, dass ich zwar mein Docs in der Hand habe, aber eine halbe Ewigkeit brauche, um mich überhaupt zu bewegen. Ich habe meine Haare gekämmt, mir einen Zopf gemacht und ganz genüsslich meine Ohren geputzt und die beschreibungsunwürdigen Ohrenstäbchen aus dem Fenster geschmissen. Mein Deo ist eine Wohltat und wir riechen zumindest wieder erträglich.

Wir waren dann beim Einkaufen und entschlossen uns zuhause zu kochen und nicht zum McDonalds zu gehen. Es gab Spagetti mit Hackfleischsoße. (Meine Erinnerung scheint mir einen Streich zu spielen, wir waren anscheinend doch beim McDonalds. Ich kann mich nicht erinnern, aber anscheinend kann es kein großes Geschmacksereignis gewesen sein, weil sonst würde ich mich ja daran erinnern. Ich kann mich aber noch lebhaft daran erinnern, dass wir gekocht haben, ich werd alt. Oh, Gott, wir waren wirklich beim McDonalds und wenn ich auch so einen Shrimp Lemon gegessen habe, dann war es wahrscheinlich sogar ein Geschmacksereignis. Aber bevor wir gegessen haben, waren wir ausgiebig auf dem Klo und das war toll ausgiebig die Hände zu waschen. Dann sind wir stinkend aber mit sauberen Händen zur Theke und haben was auch immer bestellt. Der Verkäufer war so baff und wir dann auch, als er uns einen Gutscheinzettel in die Hand drückte, wo auf der Rückseite die Werbung vom Mittelaltermarkt in München aufgedruckt war. Wie könnt ich das nur vergessen?)

Zuhause haben wir uns und unsere Sachen gewaschen, ich meine Kraxe nicht gewogen und gegessen, geschrieben und geschlafen. So wie beim Pilgern gegessen, geschrieben, geschlafen und gelaufen wird erstmal nicht mehr.

Am nächsten Tag hatte ich mein Knie völlig vergessen, es tat auch nicht mehr weh. Für dass wir wegen diesem blöden Knie abbrechen müssten, tut es jetzt so, als wären wir nie wandern gewesen. Ich bin auch bei der Wanderung nicht auf die Idee gekommen Schmerzmittel zu nehmen. Wir hatten uns ins Ruhstorf nur Doppelherz aktiv Magnesium + B6 + B12 aktiv gekauft, gegen den Muskelkater. Die Darreichungsform ist zwar ungewohnt und es schmeckt beschissen, aber es wirkt wunder. Ich nehme sie zuweilen mit, wenn ich mit meinen Orks auf Con gehe und wir wieder über Stock und Stein gejagt werden. Nie wieder Muskelkater.

Wir schreiben am Samstag sehr viel und warten, dass unsere Wäsche trocken wird. Um wieder mit den Pilgerklamotten in die Schandgeige und mittelalterlich Essen zu gehen. Ich kann mich nicht entscheiden welches Häubchen ich anziehen soll, ich nehme am Ende mein kleines Rotes. Aber ich weiss was ich essen soll, ein Schnitzel mit Meerrettichsenfmarinade und einem Sößchen und einen orgastischen Schokoladenkuchen. (Ich glaube es zumindest, aber ich habe mich beim McDonalds ja auch getäuscht!) Es war lecker (Das weiss ich ganz sicher!) und wir erzählten von unserer Reise. Wenn man eine Reise tut, dann kann man was erzählen. Es war ein schöner Abend.

Ich habe seither viele schöne Momente erlebt und weniger Schöne. Auch wenn die nicht so schönen Momente meistens die Oberhand behalten, bleiben die Schönen einem ewig in Erinnerung. Aber egal was ich tue, ich habe immer wieder Sehnsucht nach dem Weg. Weiterzumachen, immer wenn ich nicht mehr kann oder wenn ich nicht mehr weiter weiss oder wenn mir mal wieder alles über den Kopf wächst, dann würde ich am liebsten alles stehen und liegen lassen und abhauen, ab auf den Weg und einfach weg von dem ganzen Müssen. Aber die Sehnsucht bringt mich oft schon über den Berg und es geht weiter. Und es wird wohl genau ein Jahr seit der letzten Pilgerschaft vergehen müssen, bis es bei mir wieder los geht, weg von dem Müssen und einfach weg. Mich drei Wochen lang von der Gesellschaft am Arsch lecken lassen. Zu gehen, zu essen, zu schreiben und zu schlafen und dort zu bleiben wo es schön ist, so lange die Füße mich Tragen und solange das Wetter und der Herr (der über uns wohnt, wie er auch heißen mag!) mir huld ist.

Ein vorläufiges Fazit: Ich lass mich mehr oder weniger schon das ganze Jahr am Arsch lecken, von der Welt und von der Gesellschaft, aber doch fickt mich das Schicksal das ganze Jahr schon. Mit den Männern hab ich es langsam echt satt, weil ich immer an die Irren gerate und dafür habe ich mittlerweile keine Kraft mehr. Meine Kraft brauche ich für anderen Dinge, fürs Laufen, fürs Essen (verdienen), fürs Schreiben und fürs Schlafen. In meinem Beruf bin ich einigermaßen Erfolgreich und ich bin furchtbar unentbehrlich und es macht mir nachwievor Spaß für den Staat zu arbeiten. Dann schreib ich wieder und nun hab ich endlich meine Jakobsweggeschichte beendet, es hat lange genug gebraucht, bis ich sie endlich zu Ende gebracht habe, nun ist es fast soweit…


Die Überlegung eine Nonne zu werden, habe ich nicht ganz geschafft, aber ich war lange Zeit sehr brav. Die Gedanken sind frei und unzüchtige Gedanken, werd ich wohl immer haben, egal ob ich ansonsten brav bin oder nicht. Und nachdem ich nachwievor auch noch ständig von der Gesellschaft gefickt werde, wird mir der Schreibstoff auch nie ausgehen, Amen.

Am Ende ist ein Anfang

Jakobsweg Zeitreise – Am Ende ist ein Anfang

Freitag, der 04.04.08:

Wir sind in der Früh, dann wieder zeitig los und haben alles sauber hinterlassen. Sogar den Müll haben wir mitgenommen. Langsam muss ich auch echt zugeben, dass man früh morgens einfach am besten vorankommt. Aber man hat halt nicht immer Bauarbeiter, die einen aus dem Schlummer reißen. Und einen Wecker werde ich bei der nächsten Etappe nicht mitnehmen. Meine Abneigung gegen Uhren möchte ich somit zum Ausdruck bringen. Ich werde in der Regel wach sobald es hell wird. Wir werden es in Zukunft sehen.


Huckenham hinter uns lassend, geht es weiter nach St. Veit. Wir blicken doch zurück und versuchen noch ein paar Fotos zu machen. Aber bei dem Nebel ist es echt schwierig die schöne Skyline von Huckenham einzufangen.

In St. Veit angekommen, finde ich es fast schade, dass wir nicht hier übernachtet haben. Die Höfe sind hier noch älter und die Kapelle ist noch viel, viel noch älter. Das Bild aus dem Reiseführer wird nachfotografiert. Ich beschließe, wenn ich einmal heiraten sollte, werde ich dies wohl hier tun. Diese Kapelle ist so schön und keiner ist hier, um diese alten Gemäuer zu ehren. Aber dass hab ich ja schon angemerkt, oder? In jeder Kirche, die wir betreten haben, war keiner außer uns und einer Alarmanlage. Auf dem vergangenen Weg haben wir so viele heilige Stätten gesehen, wie ich im ganzen Leben noch nicht gesehen habe, aber sie stehen alle leer. Ich finde es echt schade, da stehen uralte Kirchen und keiner kümmert sich darum, ein Alarmanlage und gut ist. Eine spirituelle Stätte kann ihren Zauber nur erhalten, wenn Menschen hingehen und den Zauber sehen und spüren. Und ihn dann nach Hause tragen. Ich finde es echt schade. Mir geht’s dabei garantiert nicht um die katholische Kirche. Mir geht es um die Gemäuer, die von den Menschen, im Schweiße ihres Angesichts und mit wunden Fingern, auf uralten gebaut wurden. Wie zum Beispiel, die Kapelle zu Rotthof, die auf eine römische Kultstätte gebaut wurde. Und wenn es nur ein Naturaltar mitten im Wald ist, es ist eine spirituelle Stätte und die Menschen zieht es immer wieder dort hin. Damals und heute?

Meine spirituellen Stätten sind der keltische Opferstein in der Amperschlucht in der Nähe von Grafrath. In Germansbergl ins Tal blickend beim Sonnenaufgang. Beim Herrrn Numberger aufm Hof bei seinen Schafen. Die Kapelle zu Rotthof und hier, in St. Veit.

Ich finds richtig schade, dass wir weiter gehen müssen und die kleinen windschiefen Häuser in St. Veit verlassen müssen. Es geht weiter nach Luderbach. Es ist auch ein malerisches Fleckchen Erde und nach Luderbach verlangt die Natur ihr Recht. Und jetzt merke ich wieder, wie mein Knie mir schmerzt. Und wie beschwerlich es ist, mit einem Bein sich hinzusetzen und sein Geschäft zu verrichten. Die restliche Etappe ist wieder der Horror und so beschließen wir auf einer Bank in der Nähe eines Biotopes, dass wir uns in Bad Birnbach noch einen Stempel holen und dann nach Hause fahren. Schweren Herzens legen wir die letzten Paar Kilometer zurück. Aber es geht wirklich nicht mehr, mein Knie brauch ich noch ein Leben lang und der Jakobsweg läuft mir nicht davon.


In Bad Birnbach, stellen wir erschreckenderweise fest, dass die Leute hier ganz schön kleingeistig sind. Wir werden angehupt und von Blicken verfolgt. Ich spüre Finger, die auf uns zeigen und ich fühle mich schmutziger als ich wahrscheinlich bin und es beginnt mir peinlich zu sein, hier so rumzulaufen. Aber dass ist doch wieder die Gesellschaft, die uns dies aufdrückt und der Volksmund, der uns ins Ohr flüstert, dass wir nicht der Norm entsprechen. Wie ich genau das hasse, aber ich bin so fertig, dass ich mich füge und weiter trotte. Wir verursachen beinahe noch den ein oder anderen Auffahrunfall, weil die Leute in den Autos plötzlich stehenbleiben, um uns nachzustarren oder gar dabei von der Fahrbahn abkommen. Des ist doch wirklich ganz schön peinlich, aber für die, nicht für uns.

Bei der Kurverwaltung angekommen, kriegen wir unseren letzten Stempel. Die nette Dame erklärt uns, wie wir zum Bahnhof kommen und dass gleich ein Zug gehen würde.

Ab zum Bus und an der Bushaltestelle werden wir gleich wieder angepöbelt. Ich will hier weg, in den Wald und ich will meine Ruhe. Bad Birnbach ist übrigens ein Kurort, anscheinend für allerlei Bekloppte und für Alkoholkranke, bloß weg hier.

Wie kommt man aber mit 2 Pilgerinnen, 2 Pilgerstäben und 2 Pilgerkraxen in einen Bus. Um Himmels Willen. Des ist gar nicht so einfach, wie man so denken könnte. Der Bus kommt, die Türen gehen auf, ich schmeiße die beiden Stecken rein und dann die Kraxen, dann krabble ich auf allen Vieren hinterher, die Hanna holt die Fahrkarten. Die Leute kucken uns ganz schön komisch an. Der Bus hält an jedem Kuhfladen, wir kommen aber doch noch rechtzeitig am Bahnhof an, bevor der Zug kommt. So ein Stress. Wir haben gerade noch Zeit eine Zugkarte zu kaufen und einen Plan zu machen, wie wir in den Zug kommen. Der Zug kommt nicht, es werden Fotos gemacht. Der Zug kommt mit ein wenig Verspätung. Selbes Spiel, erstmal rein mit dem Zeug und wir hinterher. Wir bekommen einen schönen Sitzplatz für unsere Kraxen und uns. Die deutsche Bahn hat keine Gepäckfächer für Kraxen, also besetzen wir 4 Plätze und machen erstmal Brotzeit. Wir werden durchaus ganz schön blöd angesehen und ich belausche die anderen Fahrgäste. Was für Probleme die haben. Gott, sind die Peinlich!

Beim Blick nach draußen ins schöne Bayernland zieht die Landschaft so an uns vorbei und unser Blick fällt bei jeder Ortschaft sofort auf den Kirchturm. So bewusst war mir des noch nie, aber sieht man immer hin, wenn man in einen Ort kommt, nicht nur als Pilger.

Früher oder später bringt der Weg dich zum Weinen.

Jakobsweg Zeitreise – Früher oder später bringt der Weg dich zum Weinen.

Wir kamen wieder aus der Wallfahrtskirche um unseren Weg fortzusetzen. Es regnete immer noch, aber es hilft alles nichts, wir müssen weiter. Der Blick runter nach Bayerbach ist gigantisch. Aber der Weg selbst war schrecklich. Durchnässt ist auch gar kein Ausdruck mehr für den Zustand unserer Sachen. Für den Zustand meines Knies finde ich auch keine Worte mehr. Wir kommen irgendwann in den Ort und suchen dann die Kirche, in der wiedermal keiner ist. Wir fragen uns durch zum Pfarramt. Ich kann echt nicht mehr. Wir irren durch Bayerbach und finden dieses blöde Pfarramt nicht. Die Fragen, die wir stellen, bringen uns auch nicht weiter, irgendwie will uns keiner helfen. Am Kindergarten werden wir wieder zurückgeschickt, wir sind anscheinend am Pfarramt vorbeigelaufen. Ist auch kein Wunder, es ist ein Wohnhaus. Wir klingeln, es macht keiner auf. Ich kann nicht mehr. Wir diskutieren, was wir jetzt machen. Hanna will weiter gehen, ich will nicht mehr. Ich breche zusammen, weil ich wirklich nicht mehr weiter kann. Hanna ist mit der Situation heillos überfordert, entschließt sich aber doch nochmal fragen zu gehen. Wir erfahren, dass der Pfarrer seinen Mittagsschlaf hält und wenn er dies tut, macht er grundsätzlich nicht auf, das wüsste hier jeder. Wir beschließen zu warten, bis sich der Pfarrer rührt. Also warten wir, und warten, und warten… irgendwann regt sich was im Inneren des Pfarrhauses.

Der Pfarrer steht vor der Glastür und macht uns endlich auf, nach über einer Stunde. Wir sagen wieder unser Sätzchen auf und ich überlege mir ehrlich ob ich Sternsinger werden soll. Er ist heillos mit uns überfordert. Er bittet uns erstmal rein, sagt uns aber gleich, dass er für uns eigentlich nichts tun kann. Bayerbach hat keine Unterbringungsmöglichkeit für uns und vorallem nicht der Pfarrer. Was sollen da die Leute sagen, wenn er zwei junge Pilgerinnen aufnimmt. Er hat aber so ein schlechtes Gewissen, weil er uns nicht helfen kann und drückt jeder von uns 20 Euro in die Hand, schickt uns aber dennoch weiter.

Das Wetter ist mittlerweile wesentlich besser, der April tut gerade so, als hätte es heute nie geregnet. Hanna läuft voraus und ich humple hinterher. Am Beginn unserer Pilgerschaft war ich immer vorne und musste immer auf die Hanna warten, jetzt ist es umgekehr, was für mein Gemüt nicht unbedingt so prickelnd ist. Als Kind habe ich wandern mit meinen Eltern immer gehasst, weil mein Vater immer voran gelaufen ist und meine Mutter und meine Schwester haben immer versucht den Anschluss nicht zu verpassen. Und ich war immer die Letzte und hatte immer die Angst sie würden mich in der Wildnis zurücklassen. Genau so fühle ich mich jetzt, dabei sind wir mitten in Bayerbach.

Am Bahnhof von Bayerbach haben wir uns vorsichtshalber mal erkundigt, wie des mit den Zügen so ist. Ja, es ist ein Bahnhof und es kommt ganze 3mal am Tag ein Zug. Wir entschließen uns weiterzulaufen, bevor wir jetzt abbrechen und uns 3 Stunden am Bahnhof den Arsch abfrieren, weil ein Bahnhofsmission gibt es in Bayerbach nicht, dass wurde an Privat verkauft. Also weiter geht es.

In Huckenham entscheiden wir uns nochmal nach einer Unterkunft zu fragen. Wir hoffen inständig auf die Nächstenliebe der Bewohner von Huckenham. An der ersten Tür, an der wir klingeln, kommt nach einer Weile, ein Freizeichen und dann geht der Anrufbeantworter an die Tür. Ganz schön strange. Wir sprechen nichts drauf, außer mein verwundertes: ‚Häh!‘

Dann kommt eine Frau aus einem anderen Haus, die kann uns auch nicht helfen, lässt uns aber in die kleine Kapelle zu Huckenham. Die auch echt malerisch ist, sie ist aber immer versperrt, wegen den Diebstählen in der Gegend. Eigentlich echt der Hammer, wer klaut was aus einer Kirche?

Da kann ich mich an ein Ereignis in meiner Kindheit erinnern, da ist in der Klosterkirche Fürstenfeld, dem kleinen Jesuskind die Königsinsignien geklaut worden. Dann wurde die Klosterkirche solange für die Öffentlichkeit gesperrt, bis sie sie ordentlich vergittert hatten. Seit der Zeit, konnte ich das Jesuskind nur noch durch Kitterstäbe sehen. Erst wird des eh schon nackerte Jesuskind beklaut und dann wird’s auch noch dafür eingesperrt. So komisch ist die Welt.

Ich schweife schon wieder ab, ich weiss. Die Frau, die uns nicht helfen konnte, rannte gleich mal zum Nachbarn, um den zu fragen, ob er uns helfen kann. Vergeblich. Da war jetzt nur noch ein Hof in Huckenham, unsere letzte Hoffnung. Da war ein Herr, der gerade Holz schnitt, der war total von uns begeistert, er hatte uns schon gesehen und hat gleich erkannt, dass wir Pilger sind. Weil er hat gewusst, dass der Jakobsweg an Huckenham vorbeiführt, weil er an dem Jakobswegschild jeden Tag unzählige Male mit dem Traktor vorbeifährt. Er schleift uns auf den Hof, seine Frau ist recht mürrisch. Sie will uns nicht übernachten lassen, er aber schon. Sie hat Angst, dass wir die Ferienwohnung dreckig machen könnten, des ist irgendwie verständlich, so wie wir aussehen. Der Mann überredet sie, weil er es so toll findet, weil zwei so junge Frauen pilgern. Wir versprechen keinen Dreck zu machen und auf dem Boden zu schlafen. Sie gibt irgendwann nach. Wir müssen die Schuhe vor der Tür ausziehen und sie warnt uns nochmal inständig davor Dreck zu machen.

Wow, eine richtige Suite. Wir rühren nichts an, anfangs nichtmal den Fernseher. Ich konnte nach langem Verhandeln mit Hanna wenigstens die Nachrichten rausschlagen. Wir drehten alle Heizungen auf und trockneten erstmal alle unsere Sachen. Ich sitze nun auf dem Sofa, von dem ich mich nun nicht mehr runter bewege. Ich schone mein Knie. Wir essen unsere Vorräte auf, irgendwie haben wir schon gewusst, dass wir morgen heimfahren werden. (Mir ist eingefallen, dass wir den Anderl telefonisch vorgewarnt hatten, für den Fall, dass wir morgen abbrechen!) Obwohl wir nicht darüber geredet hatten, die nächste Bahnstation ist in Bad Birnbach und bis dahin sollten wir doch noch kommen, oder?

Es ist übrigens schon den ganzen Tag und die letzten zwei Blogs lang, der 03.04.08 und morgen ist ein neuer Tag.

Jakobsweg Zeitreise – Welche Religion?

Jakobsweg Zeitreise – Welche Religion?

Der Pfarrer von Karpfham war ein ganz netter, wir waren ja auch platschnass, er wollte uns auf jedenfall helfen und nachdem wir nicht wirklich in einer Pension schlafen wollten, weil das einfach viel zu unauthentisch gewesen wäre, überlies er uns den Pfarrsaal. Er meinte nur, dass wir damit rechnen müssten, dass der Kirchenchor heute noch Proben würde, aber ansonsten könnten wir dort bleiben.
Der Pfarrsaal war riesig und wir konnten erstmal unsere Planen und unsere Röcke trocknen und schauen, ob noch irgendwo in der Kraxe was nass geworden war.
Plötzlich stand die Kommunionsgruppe da und kuckten komisch. Wir erklärten uns, und nachdem wir sowieso noch was einkaufen gehen wollten, gingen wir zum hiesigen Edeka. Ich wollte eine neue Flasche kaufen, damit wir einen Ersatz für den kaputten Trinkschlauch haben würden.
Vor lauter 5-Minuten-Terrine, Sonderangebote und Schokolade, hätte ich beinahe mein ganzes Geld ausgegeben, was ich noch hatte. Wir gingen aus dem Laden und ich wollte gegenüber in die Bank und noch ein bisschen Bares holen. Als wir über die Straße gehen wollten, hielt ein Wagen (Ohne zu Blinken!) mitten auf der Straße und einige Jugendliche fragten uns: ‚Welche Religion?!‘
Und was soll man auf so eine Unverschämtheit eigentlich antworten? Hanna sagte ‚Keine!‘ Ich dachte ‚Arschloch!‘ und für den Fall, dass nochmal jemand so eine Frage stellt, täusche ich einen Herzinfakt oder eine göttlich Eingebung vor oder ich sag einfach: ‚Sie verstoßen gegen die Verkehrsregeln, wenn Sie einfach so auf der Straße nach einer Kurve stehenbleiben, ohne zu blinken! Sie Arschloch!‘ Des war jetzt wieder, die Jugend heutzutage!
Ich holte dann Geld bei der Bank und dann viel mir ein, dass ich gar nichts zu trinken gekauft hatte. Also lief ich nochmal über die Straße und holte mir ein rotes Hohes C und dann gingen wir mit unseren Einkäufen in die Kirche und machten ein paar Fotos. Die Kirche war mit einer Alarmanlage gesichert, ist ja auch kein Wunder, bei der Jugend heutzutage.
In Zukunft bin ich jetzt einfach wieder katholisch, wenn jemand fragt, und wer Pilger verarscht kommt in die Hölle! Es stinkt mich immer noch an, dass man sich nur so aufführen kann. Unglaublich!
Zurück im Pfarrsaal war die Kommunionsstunde in den letzten Zügen, die Kinder bastelten übrigens Jakobsmuscheln.
Sobald alle verschwunden waren, breiteten wir uns aus und machten uns was zum Essen und Tee. Wie schön! Ich machte es mir gemütlich und fing wieder an zu schreiben.
Irgendwann kam dann doch der Chor, sie probten dann in der Kirche, aber einige Damen ratschten erst noch mit uns, es war sehr interessant. Wir gingen dann bald schlafen, vom Bettenbau gibt es eh ein Foto und ich schlief wieder hervorragend.
Am nächsten Morgen liefen wir wieder früh los, auf nach Schwaim. Da kam uns wieder mein Morgenschiss in die Quere, aber da war zum Glück ein Gasthof, der schon offen hatte. Das Wetter ist nicht gerade berauschend, aber zumindest regnet es nicht. Von Schwaim ging es nach Asbach und einen unbarmherzigen Berg zum Kloster Asbach hinauf. Mittlerweile regnet es wieder. Mein Knie bringt mich schier um, aber irgendwie haben wir es nach oben geschafft. Wieder ist alles total ausgestorben. Im Gasthof ist tote Hose, aber wir können die Kraxen stehen lassen und rasten, pinkeln und dann das Kloster erkunden. Das Kloster war gigantisch, zwar hinter Gittern, aber gigantisch. Hier auf dem Berg sind gerade mal zwei Friedhofsgärtner/Bauarbeiter und zwei Küchenangestellte im Gasthof, ansonsten ist hier ja mal gar nichts los. Wie vorher schon in so vielen Kirchen nichts los war. Schade irgendwie.

Die nächste Etappe ist der blanke Horror, kaum sind wir aus der Klosteranlage raus, fängt es wieder tierisch zu schiffen an. Wir stellten uns unter ein Garagendach, aber irgendwann sind wir dann doch im Regen weitergelaufen. Verfolgt von Schafkäse-Schildern jagen wir weiter, mein Knie ist schon fast taub, könnte aber auch an der Kälte liegen. Schneller als der Trott es eigentlich erlaubt versuchen wir Strecke zu machen. Mein Knie behindert mich so sehr, dass ich mittlerweile nicht mehr auftreten kann und habe eine Art Veitstanzsprung mit Pilgerstab entwickelt, um überhaupt noch weiterzukönnen. Wie komisch ich aussehen muss, versuche ich mir besser nicht auszumalen.

Irgendwo bei Neugertsham machten wir dann an einem neugebauten Haus Brotzeit. Nachdem wir nicht im Dreck essen wollten, beschlossen wir auf der Terrasse des neugebauten Hauses zu speisen. Zur Terrasse führten einige Stufen. Ich musste auf allen Vieren die Stufen hinaufkraxeln. Aber als wir da auf der Bank saßen, kam die Sonne raus. Der Herr hat doch ein Einsehen mit uns.

Kaum hatten wir die Kraxen wieder auf dem Buckel, fing es wieder zu schiffen an. Es geht weiter, nass, aber es geht weiter, humpelnd, aber es geht weiter. An einer Kreuzung wussten wir nicht wirklich mehr weiter, die Karte machte uns auch nicht schlauer. Eine Frau kam aus einem Haus und wies uns die Richtung, wieder einen fiesen Berg hinauf. So viel Sünden können wir wirklich nicht haben, dass uns der Herrgott, oder wer auch immer, so strafen tut. Das haben wir jetzt mit der Vielgötterei. Um den Moment noch dramatischer zu machen, fängt es wieder stärker zu regnen an. Der Berg ist die Hölle, mein Knie, ja mein Knie, ich bin für eine Amputation, nur dass ich nicht weiterlaufen muss. Der Berg kennt keine Gnade, doch irgendwann sehen wir oben am Berg eine Kirche, die immer größer wird, um so näher wir kommen. Es ist ja ganz klar, dass dies einfach so ist, aber beim Pilgern ist es ein Hoffnungsträger, der immer größer wird, bis man es dann bis vor die Kirchenpforte geschafft hat. Wir stellten uns in der kleinen Wallfahrtskirche Langwinkl unter. Nachdem wir von ein paar Hofhunden verbellt wurden, beschlossen wir in die Kirche zu gehen, um etwas zu rasten. Da sind dann auch ein paar Fotos entstanden, die wirklich widerspiegeln, wie fertig wir an diesem Punkt unserer Wanderschaft waren. Wir beschlossen uns in Bayerbach eine Unterkunft zu suchen, weil ich nachwievor Knieschmerzen hatte und wir beide schon völlig durchnässt waren.

Voll auf die zwölf

Voll auf die zwölf

bruce-willis-as-korben-dallas-in-the-fifthIch komme in die Arbeit und nach dem ich meine Stempelkarte immer noch nicht gefunden habe, freue ich mich schon riesig darauf mich gleich wieder mit unserem Empfangsroboter aus alten Stasibeständen auseinander setzten zu müssen. Es ist alles dunkel, es muss ganz schön früh sein. Ich höre meinen Chef schon sagen: ‚Frau Rösner, sind Sie aus dem Bett gefallen?‘ Gedankenversunken komme ich ins Foyer. Ich bemerke nicht die orangeroten Warnleuchten, wie im guten alten Aliens-Film. Ich schrecke erst aus meinen Gedanken, als ich das unmißverständliche Warngeräusch einer schließenden Außenlucke in einem Raumfrachter höre: ‚Öööööööööööhnnnnnnnt! Ööööööööhnnnnnnnnnt!‘

Ich warte auf die automatische Selbstzerstörungssequenz. Hm. Nichts. Als ich zur Stempeluhr gehen will, renne ich gegen irgendwas und pralle mit meinem Gesicht von etwas ab. Ich falle aber nicht um, weil ich mit dem Rücken von etwas aufgefangen werde. Ich freue mich schon auf die Aliens.

‚Die Hände an die Wand!‘

Okay, es ist Starship Troopers, hurra, ich bin kurz davor mir mein Shirt vom Körper zu reißen und den Bugs meine Tätowierung zu zeigen.

‚Legen Sie die Hände in die gelben Kreise!‘

Ja, strike und ich habe zwar meinen Multipass nicht dabei, aber das wird Bruce Willis schon nicht stören, heute muss mein Glückstag sein, dabei bin ich doch noch gar nicht an meinem Adventskalender. Hm.

‚Legen Sie sofort die Hände in die gelben Kreise!‘

Das Licht ist zwar an, aber ich erkenne immer noch nicht so recht, wer oder was hier die Sonne verdunkelt. Ich kucke nach oben und reibe mir den Kopf. Ich bin umkreist von mehreren archaischen Hünen in kackisenfblähfarbenen Uniformen und ihre kantigen Gesichter schauen mich ernst an. Ihre Köpfe sind gekrönt von rot besternten Pelzmützen und auf meiner Augenhöhe sind ca. 12 durchtrainierte Brustmuskeln, die mich irgendwie auch finster anstarren. Gegen eine von diesen steinharten Mannermöpsen bin ich wohl vorhin gelaufen. Dann erkenne ich erst. Hilfe, die Russen sind da. Die Stasi ist wohl von den Russen übernommen worden. So ein Mist, ich wusste nicht, dass die europaweiten Ausschreibungen in deutschen Ämtern auch nach Mütterchen Russland gehen. Was machen die nur für einen Aufstand, ich will nur einstempeln und dann meinen Dienst tun. Der Staatsdienst wird auch immer gefährlicher.

‚Legen Sie sofort die Hände in die gelben Kreise, oder sonst!‘

Als mir eine Kalaschnikow an den Kopf gehalten wird, sehe ich an der Stelle, an der eigentlich die Stempeluhr sein sollte, zwei gelbe Kreise. Ich werde unsanft an die Wand geschoben.

‚Beine auseinander!‘ (RRR)

Nachdem ich immer noch total perplex bin, reagiere ich nicht gleich und einer der riesigen Russen drückt mir mit seinem Knie die Beine auseinander. Irgendwie finde ich es ziemlich scharf, wenn die Wachposten mich jetzt jeden Tag an die Wand stellen, um mich erst mal ordentlich zu durchsuchen, dann hätte ich da bestimmt meine Freude dran. Warum ist eigentlich nie jemand da, der mir auf die Finger haut, wenn ich schmutzige Gedanken habe. Ich werde ziemlich grob durchsucht und dabei hält mir einer weiterhin seine Kalaschnikow gegen die Schläfe.

So eine Scheiße, er hat die Sicherung noch drin, böser Fehler. Nichts ist gefährlicher als eine gesicherte Kalaschnikow, das kann echt ins Auge gehen und bei meinem Glück wahrscheinlich in Meines. Ich finde es trotzdem ziemlich geil.

Können Sie sich ausweisen?!‘ fragt mich der wachhabende Offizier.

‚Ja und nein!‘ stottere ich.

‚Wollen Sie mich verarschen!?‘ Ich finde es total scharf, wenn dieser Offizier seine Fragen in der Befehlsform stellt. Mir stellen sich die Nackenhaare auf.

‚Ich kann mich als deutscher Staatsbürger ausweisen, aber nicht als Staatsdiener, weil ich meinen Multipass …äh… meine Stempelkarte verlegt habe!‘ stammle ich so vor mich hin. Dann habe ich eine geniale Idee. ‚Vielleicht sollten Sie mich nochmal auf Herz und Nieren durchsuchen, weil ich so ein unartiges Mädchen bin, vielleicht habe ich ja meine Stempelkarte in meiner Unterw…!‘

‚Himmel, Frau Rösner. Sie sollen doch nicht mit dem Wachpersonal spielen. Lassen Sie die Herren ihre Arbeit machen und machen Sie ihre Arbeit!‘ mein Chef steht in der Tür und blickt mich finster an. Er hat aber auch immer ein beschissenes Timing und er gönnt mir aber auch wirklich keinen Spaß. Hm. Widerwillig folge ich meinem Chef zum Aufzug. Im Aufzug betretenes Schweigen, bis mein Chef das Wort ergreift. ‚Frau Rösner, meinetwegen können Sie außerhalb ihrer Dienstzeit mit dem Wachpersonal spielen!‘ Dann grinst er mich ziemlich komisch an. Die Türen des Aufzugs gleiten auf und ich wache auf. Was für eine Scheiße habe ich denn da wieder geträumt. Himmel, es ist Samstag. Bine, du musst am Samstag noch nicht arbeiten. Ich drehe mich nochmal um und hoffe, dass ich nochmal von den Russen durchsucht werde und wir dann beim Paragraph 78 spielen nicht gestört werden.

Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm…

Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm…

Ich laufe über eine wunderschöne Blumenwiese. Sie ist voll schön. Weil! Weil, da sind ganz viele wunderschöne Blumen. Ich springe wie ein kleines 12jähriges Mädchen mit blonden Zöpfen über die wunderschöne Blumenwiese. Himmel, ich bin ein kleines 12jähriges Mädchen mit blonden Zöpfen. In was für eine Scheiße bin ich da jetzt wieder geraten? Ich muss mit dem Koffein und mit dem Absinth aufhören. Und ich muss verdammt nochmal mehr schlafen. Scheiß auf den Vollmond, Bine! Bine, du musst verdammt nochmal mehr schlafen. Ich schaue an mir herab. Was ist denn dass? Ich habe eine pinke HelloKitty-Kindergartenumhängetasche um den Hals hängen. Ich öffne die Tasche und schaue hinein. Völlig enttäuscht schließe ich die Tasche wieder, mein angebissenes Schinkenkäsetoast ist gar nicht da drin. Blöder Traum.

Ich springe ja immer noch auf dieser wunderschönen Blumenwiese herum. Die Wiese, unendliche Weiten. Unglaublich, wie viele Blumen hier sind. Ich will sie alle pflücken. Können 12jährige Mädchen schon dem Größenwahn unterliegen. Ich hüpfe weiter über die wunderschöne Blumenwiese und ich komme an einen wunderschönen Ententeich. Ich sehe ins Wasser und ich kann mich im Wasser spiegeln sehen. Mein Spiegelbild zeigt mir, dass ich ein weißes Kleid mit roten Punkten an habe. Oh, was ist das. Die Punkte werden zu Blumen und ich bin kein 12jähriges Mädchen mehr. Ich bin eine ältere Bine mit pinken Zöpfen und ich träge außer mir selbst eine Ganzkörperblumenbemalung. Ein Blumenstirnband ziert meinen Kopf und ich habe ein Körbchen in der Hand, bis oben hin voll mit Blütenblättern. Ich höre Hochzeitsglocken läuten. Jetzt muss ich mich aber beeilen, sonst komme ich noch zu spät. Zu spät zu was? Ich laufe wieder über die wunderschöne Blumenwiese auf eine Hochzeitsgesellschaft zu. An den vereinzelnd stehenden Bäumen sind weiße Schleifen gebunden. Viele weiße Tauben fliegen in den blauen Himmel. Ich laufe immer schneller über die Wiese. Meine nackten Füße graben sich bei jedem Schritt in die feuchte Erde und das Moos, dass zwischen den Grashalmen wächst. Die, durch meine schnellen Schritte aufgescheuchten, Schmetterlinge begleiten meinen Weg. Ich laufe immer schneller auf die Hochzeitsgesellschaft zu, ich kann sie aber nicht erreichen. Die fangen noch ohne mich an. Aber ich bin doch das Blumenmädchen. Himmel, was sind dass denn für Gedanken? Blumenmädchen? Haare braun färben? Das muss ein Traum sein, auf so eine Idee würde ich ja nie kommen, wenn ich ernsthaft mal wach wäre, oder? Mein Blick vernebelt sich und ich kann eine kräftige Hand auf meiner Schulter spüren. Krallen bohren sich in meine Haut. Es wird alles weiß um mich herum. Weiß. Und unsagbar kalt. Ich kann eine tiefe Stimme in meinem Kopf hören. Mein Verstand scheint das Gesagte aufzunehmen. Mein Körper hat wohl das Laufen eingestellt, mein Verstand hastet aber weiter. Immer weiter. Ohne Pause. Ruhelos. Ich spüre eine zweite Hand, wie sie durch meinen Körper griff um meinen Verstand zu stoppen. Es dauert nur ein paar Sekunden, bis mein Verstand endlich zur Ruhe gekommen ist. Ich stelle fest, dass ich in einem weißen, weiten Raum stehe. Öd und leer und kalt. Es ist so kalt. Ich habe nachwievor keine Schuhe an, kann aber den Boden unter meinen Füßen nicht wahrnehmen. Am Ende des Raumes sehe ich einen Fleck. Ich gehe auf den Fleck zu. Ein roter Fleck. Die Hand auf meiner Schulter begleitet mich, so wie die Kälte. Der rote Fleck ist ein roter Stuhl. Mit jedem Schritt, den ich näher an den roten Stuhl komme, wird der weiße Raum immer kleiner und kleiner. Irgendwann stehe ich vor dem roten Stuhl. Der weiße Raum ist jetzt so klein geworden, viel zu klein. Ich habe das Gefühl mich ducken zu müssen, um nicht am Ende des Raumes anzustoßen. Der unentwindbare Griff der starken Hand zwingt mich auf den roten Stuhl. Ich spüre den Körper, der zu der starken Hand gehören muss, hinter mir stehen. Ich wäge es aber nicht mich umzudrehen. Seine Stimme prügelt weiter auf mein Hirn ein. Er schändet meine Gedanken. Ich kann nicht wiedergeben, was mir da gesagt wurde, aber ich weiß, dass etwas gesagt wurde. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Aber nicht wegen der Kälte. Wegen dieser Stimme. Die Stimme bohrt sich in meinen Kopf und löst Gedanken in mir aus. Meine Gedanken stürzen mich ins Chaos. Der Stuhl kippt nach vorne. Der Raum wird immer kleiner und kleiner, meine Augen verdrehen sich und mir schwinden die Sinne, als der Raum über mir zusammenbricht. Als ich wieder aus meiner Ohnmacht aufschrecke, schwebt der rote Stuhl immer noch in gekippter Art und Weise am Rande einer Klippe. Es ist immer noch alles weiß. Ich habe Angst zu fallen. Falle aber nicht. Ich werde von der Hand gehalten. Das Gefühl gleich abzustürzen geht aber nicht weg. Meine nackten Zehenspitzen berühren ganz leicht den verschneiten, gefrorenen Boden, der unter den beiden Stuhlbeinen zu sein scheint. Schnee und Eis lassen in mir das Gefühl auffahren, dass es mir gerade die Zehennägel aufrollt. Vor mir ist die stürmische See. Der Wind treibt mir gefrorenen Regen ins Gesicht. Die schweren, schwarzen Wolken kommen rasend schnell auf mich zu. Ich bemerke neben mir einen Schatten. Die starke Hand presst mich weiter auf den Stuhl. Ich habe das Gefühl, dass meine Knochen unter dieser Berührung bersten könnten. Nun kann ich die Hand sehen, die mich, wie ein Schraubstock, mit dem Stuhl zusammen in der Luft hält. Es ist eine echt große Hand, die mit pergamentartiger, weißer Haut und angeschwollenen grünen Adern umhüllt ist. Seine spitzen, schwarzen Krallen bohren sich in mein Fleisch. Ich blicke nun doch auf den gewaltigen Schatten neben mir, der ohne Zweifel zu der Hand gehören muss. Ich sehe weißes Fleisch, das von angeschwollenen grünen Adern übersät ist. Die Adern scheinen nach anderen Gesetzen über den enormen Körper zu wachsen und enden in großen Geschwüren. Diese Geschwüre sind lila oder türkis und sie wirken auf mich, als würden sie nur durch meinen Blick zum Platzen gebrachten werden. Aus Manchen läuft ein bunt schillerndes, widerlich schleimiges und übelriechendes Sekret. Ich hatte nie eine genaue Vorstellung davon, wie obszöne Pilzgewächse den aussehen sollen, aber diese Geschwüre kommen dem schon ziemlich nahe, was sich mein verrückter Verstand in der Vergangenheit insgeheim so farbenfroh ausgemalt hat. Die Stimme hatte die ganze Zeit nicht aufgehört zu meinem Hirn zu reden und ich fühle mich so, als würde aus meinem Kopf auch dieses Sekret laufen. Die Stimme bricht ab und ich verstehe nun laut und deutlich: ‚Du wirst die einzige Überlebende sein!‘ Der enorme Körper dreht sich zu mir hinunter und ein verschobener Blick eines entstellten Gesichtes schaut mich allwissend an. Zwei ungleiche türkis-lila Augen blitzten mich überirdisch an. Eines seiner Auge ist riesig, es kommt mir so vor, als wäre das Auge aus einem dieser Geschwüre entstanden. Das Gesicht war für den riesigen Körper viel zu schmal und endete in sieben zuckenden Tentakeln. Dieses groteske Auge hatte meinen Blick so gefesselt, dass mir diese Tentakeln gar nicht aufgefallen sind. Mein Verstand mag nicht zu erklären versuchen, ob das Wesen nun neben mir steht oder sitzt, oder ob die Dimensionen für ihn keine Bedeutung zu haben scheinen. Ich kann noch nicht mal mit aller Sicherheit sagen, ob er wirklich ein er ist. Er muss ein er sein, weil die mächtige, tiefe Stimme in mir Dinge wachgerufen hatte, die ich in dieser Situation nicht erwartet hätte. Die Vorstellung, dass die sieben Tentakeln nicht alles gewesen sind, was sich an seinem Körper herab schlängelt, lässt meinen eh schon verlorenen Verstand nicht mehr zurückkehren. Die Vorstellung eines siebenschwänzigen Überwesens lässt mich nur kaum größenwahnsinnig werden und die Frage, warum er sich gerade mich heraus gesucht hat, werde ich wohl nie erfahren. Dieser mächtige Körper schien mir nur das schwache Gefäß für etwas noch Gewaltigeres zu sein. Das Gewaltige, was unter seiner Haut waberte, hatte den Anschein mich jeden Moment verschlingen zu wollen. Dieses Wesen war so gewaltig, dass es keine Macht überhaupt in einen menschlichen Körper pressen könnte. Und der Versuch sah nicht nur äußerst strafbar aus, die Folgen würde ich wohl am eigenen Körper erfahren, wenn das Ding aus ihm heraus bricht. Ich werd einen Scheißdreck die einzige Überlebende sein. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt um ein Stoßgebet an das Universum zu senden. Aber an welches Universum? Dieses Wasauchimmer war definitiv nicht von dieser Welt oder von diesem Universum. Ich habe keine Ahnung welchen überdimensionalen Traum ich da gerade träume und in welches Raumzeitkontinuum ich beim Träumen gerutscht bin. Aber hier ist ja wohl mehr als die Ordnung gestört und durcheinander geraten. Und der riesige lebende Behälter wartet anscheinend nun reglos auf das Bersten seiner Selbst. Die Geschwüre blähen sich immer mehr auf, die Hand lässt mich und den roten Stuhl fallen. Der Stuhl bleibt auf den zwei vorderen Beinen stehen und ich versuche mich erst nicht zu bewegen. Im Augenwinkel kann ich Tentakelenden erkennen, die aus den Geschwüren geschossen kommen. Ich werde allein von der Druckwelle des Raumes, den der noch gewaltigere Körper einnehmen wird, mit samt dem Stuhl umstürzen und von der Klippe in die stürmische See stürzen. Ich versuche mich nach hinten zu lehnen und hoffe, dass der Stuhl mit mir nach hinten fällt. Hätte ich doch nur nicht an die Möglichkeit eines siebenschwänzigen Überwesen gedacht, dann würde ich wahrscheinlich immer noch in meinem Bett liegen und mich in meine Schafsfelle kuscheln und von wunderschönen Blumenwiesen träumen. Der Boden unter mir erbebt und der Stuhl beginnt mit mir zusammen nach vorne zustürzen. Ich werfe mich mit einem Ruck nach hinten und der Stuhl fällt zum Glück mit mir nach hinten in den Schnee. Eiskristalle klirren unter mir und die zerborstenen Splitter durchbohren meine Haut. Der gefrorene Schnee kommt unter mir ins Rutschen und ich schlittere, mit dem Stuhl zusammen, den scheinbar ungefährlicheren Teil der Klippe hinunter. Ich sehe die Hülle des Überwesens unter der eigenen Macht zerbrechen und das Gewaltige was nun das Licht der Welt erblickt, lässt meine Gedanken wieder ins Chaos stürzen. Der Gedankenschinder war klein und niedlich, gegenüber von dem was sich nun über die Klippe ins Meer ergießt. Eine riesige Welle schwappt über die Klippe und gefror sogleich. Was für ein Glück, sonst wäre ich mitten in einem Schneesturm ertrunken. Meine Rutschpartie endet auf einer Erhöhung. Ich blicke über meinen Kopf hinweg, auf ein verschneites Dörfchen. Es ist alles auf dem Kopf. Ich blicke nach oben und dann über den Stuhl hinweg zur Klippe. Eine Welle nach der anderen kommt auf die Klippe geschwappt und gefriert. Hinter den Eiswellen kann ich unzählige Tentakeln erkennen. Das Eis splittert und explodiert in tausend Stücke. Der Stuhl unter mir gibt nach und der Boden bricht unter mir zusammen. Ich stürzen mit Unmengen Schnee und Eis in die Tiefe.

Ich erwache durch laute Rufe, Hundegebell und Motorenlärm. Ich mache die Augen auf. Meine Augen sind verschleiert und ich kann nur Schemen sehen. Ein großer heller Fleck und Lichtblitze. In meinem Kopf rumort immer noch das Chaos. Irgendwelche Hände fassen mich an und heben mich hoch. Die Berührungen sind nichts im Vergleich mit der Berührung meines Gedankenschinders. Langsam kann ich meinen Körper wieder spüren. Ich habe das Gefühle zu schweben. Jetzt ist alles wieder hell. Stimmen kommen langsam durch das Chaos. ‚Sie lebt. Alle anderen sind erfroren!‘ Mir schwinden wieder die Sinne. ‚Hey, Lady. Nicht Schlafen, sie müssen jetzt wach bleiben!‘ Eine starke Hand hält mich an der Schulter fest und eine andere Hand tätschelt mein Gesicht. Die Erinnerung an diesen Schultergriff lassen mir wieder die Sinne schwinden und nur der nächste Schlag ins Gesicht holte mich ins Diesseits zurück. ‚Ich sagte, nicht einschlafen!‘ Die Stimme war tief und streng. Ich gehorchte und blieb wach. Ich öffnete die Augen. Ein grelles Licht blendet mir ins Auge und der Reflex versucht meine Augen wieder zu schließen, wurde auf einer Seite von zwei Fingern unterbrochen. ‚Das sieht doch ganz gut aus!‘

Langsam setzt sich ein Bild in meinem Kopf zusammen. Ich lag in einem Rettungswagen. Der Sanitäter hatte einen blauen Overall an. Er drehte mir gerade den Rücken zu. Da stand Feuerwehr. Hm. Ich hörte eine Meldung durch das Radio im Fahrerraum. ‚…Schneesturm…Halbinsel eingeschneit…Dächer eingestürzt …49 Tote und nur eine Überlebende, die noch in Lebensgefahr schwebt und zu dieser Zeit in das nächst gelegene Krankenhaus gebracht wird!‘

Der Sanitäter dreht sich zu mir um und lächelt mich an. ‚Ich glaub die reden da von Ihnen! Aber keine Sorge Sie schweben mir nirgendwo mehr hin!‘ Er packte mich wieder bei der Schulter und schaute mich allwissend an. Seine Augen funkelnden türkis und lila und traten dabei leicht aus den Augenhöhlen. An seiner Hand konnte ich eine grüne Ader sehen, die langsam an schwoll und irgendwo unterm Overall verschwand…

Ich schreckte schreiend, verschwitzt und schwer atmend auf. Mein Körper fühlte sich so an, als hätte ich einen Marathonmarsch hinter mir. Meine Hände waren in mein Schafsfell vergraben und die Finger waren völlig verkrampft und taten weh. Den leeren Blick gegen die weiße Wand gerichtet, verharre ich. Langsam kommt mein Verstand langsam wieder zu mir zurück. Himmel, was war das für ein abartiger Traum. Der Fernseher flackert und es laufen die Nachrichten. ‚Schneechaos in ganz Deutschland..Schneesturm…Halbinsel eingeschneit…Dächer eingestürzt …49 Tote und nur eine Überlebende, die…!‘

Meine Finger lösen sich langsam aus dem Fell. Meine Nägel haben tiefe Wunden in die Handfläche getrieben. In einer Hand halte ich eine zerquetschte Blume. Ich schlage die Decke zurück und meine Zehen sind voll Erde, Moos und Gras. Dann höre ich die Worte, klar und deutlich in meinem Kopf. ‚Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.‚ Seine Stimme werde ich mein Leben lang nie vergessen.

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