Jakobsweg Zeitreise – Welche Religion?

Jakobsweg Zeitreise – Welche Religion?

Der Pfarrer von Karpfham war ein ganz netter, wir waren ja auch platschnass, er wollte uns auf jedenfall helfen und nachdem wir nicht wirklich in einer Pension schlafen wollten, weil das einfach viel zu unauthentisch gewesen wäre, überlies er uns den Pfarrsaal. Er meinte nur, dass wir damit rechnen müssten, dass der Kirchenchor heute noch Proben würde, aber ansonsten könnten wir dort bleiben.
Der Pfarrsaal war riesig und wir konnten erstmal unsere Planen und unsere Röcke trocknen und schauen, ob noch irgendwo in der Kraxe was nass geworden war.
Plötzlich stand die Kommunionsgruppe da und kuckten komisch. Wir erklärten uns, und nachdem wir sowieso noch was einkaufen gehen wollten, gingen wir zum hiesigen Edeka. Ich wollte eine neue Flasche kaufen, damit wir einen Ersatz für den kaputten Trinkschlauch haben würden.
Vor lauter 5-Minuten-Terrine, Sonderangebote und Schokolade, hätte ich beinahe mein ganzes Geld ausgegeben, was ich noch hatte. Wir gingen aus dem Laden und ich wollte gegenüber in die Bank und noch ein bisschen Bares holen. Als wir über die Straße gehen wollten, hielt ein Wagen (Ohne zu Blinken!) mitten auf der Straße und einige Jugendliche fragten uns: ‚Welche Religion?!‘
Und was soll man auf so eine Unverschämtheit eigentlich antworten? Hanna sagte ‚Keine!‘ Ich dachte ‚Arschloch!‘ und für den Fall, dass nochmal jemand so eine Frage stellt, täusche ich einen Herzinfakt oder eine göttlich Eingebung vor oder ich sag einfach: ‚Sie verstoßen gegen die Verkehrsregeln, wenn Sie einfach so auf der Straße nach einer Kurve stehenbleiben, ohne zu blinken! Sie Arschloch!‘ Des war jetzt wieder, die Jugend heutzutage!
Ich holte dann Geld bei der Bank und dann viel mir ein, dass ich gar nichts zu trinken gekauft hatte. Also lief ich nochmal über die Straße und holte mir ein rotes Hohes C und dann gingen wir mit unseren Einkäufen in die Kirche und machten ein paar Fotos. Die Kirche war mit einer Alarmanlage gesichert, ist ja auch kein Wunder, bei der Jugend heutzutage.
In Zukunft bin ich jetzt einfach wieder katholisch, wenn jemand fragt, und wer Pilger verarscht kommt in die Hölle! Es stinkt mich immer noch an, dass man sich nur so aufführen kann. Unglaublich!
Zurück im Pfarrsaal war die Kommunionsstunde in den letzten Zügen, die Kinder bastelten übrigens Jakobsmuscheln.
Sobald alle verschwunden waren, breiteten wir uns aus und machten uns was zum Essen und Tee. Wie schön! Ich machte es mir gemütlich und fing wieder an zu schreiben.
Irgendwann kam dann doch der Chor, sie probten dann in der Kirche, aber einige Damen ratschten erst noch mit uns, es war sehr interessant. Wir gingen dann bald schlafen, vom Bettenbau gibt es eh ein Foto und ich schlief wieder hervorragend.
Am nächsten Morgen liefen wir wieder früh los, auf nach Schwaim. Da kam uns wieder mein Morgenschiss in die Quere, aber da war zum Glück ein Gasthof, der schon offen hatte. Das Wetter ist nicht gerade berauschend, aber zumindest regnet es nicht. Von Schwaim ging es nach Asbach und einen unbarmherzigen Berg zum Kloster Asbach hinauf. Mittlerweile regnet es wieder. Mein Knie bringt mich schier um, aber irgendwie haben wir es nach oben geschafft. Wieder ist alles total ausgestorben. Im Gasthof ist tote Hose, aber wir können die Kraxen stehen lassen und rasten, pinkeln und dann das Kloster erkunden. Das Kloster war gigantisch, zwar hinter Gittern, aber gigantisch. Hier auf dem Berg sind gerade mal zwei Friedhofsgärtner/Bauarbeiter und zwei Küchenangestellte im Gasthof, ansonsten ist hier ja mal gar nichts los. Wie vorher schon in so vielen Kirchen nichts los war. Schade irgendwie.

Die nächste Etappe ist der blanke Horror, kaum sind wir aus der Klosteranlage raus, fängt es wieder tierisch zu schiffen an. Wir stellten uns unter ein Garagendach, aber irgendwann sind wir dann doch im Regen weitergelaufen. Verfolgt von Schafkäse-Schildern jagen wir weiter, mein Knie ist schon fast taub, könnte aber auch an der Kälte liegen. Schneller als der Trott es eigentlich erlaubt versuchen wir Strecke zu machen. Mein Knie behindert mich so sehr, dass ich mittlerweile nicht mehr auftreten kann und habe eine Art Veitstanzsprung mit Pilgerstab entwickelt, um überhaupt noch weiterzukönnen. Wie komisch ich aussehen muss, versuche ich mir besser nicht auszumalen.

Irgendwo bei Neugertsham machten wir dann an einem neugebauten Haus Brotzeit. Nachdem wir nicht im Dreck essen wollten, beschlossen wir auf der Terrasse des neugebauten Hauses zu speisen. Zur Terrasse führten einige Stufen. Ich musste auf allen Vieren die Stufen hinaufkraxeln. Aber als wir da auf der Bank saßen, kam die Sonne raus. Der Herr hat doch ein Einsehen mit uns.

Kaum hatten wir die Kraxen wieder auf dem Buckel, fing es wieder zu schiffen an. Es geht weiter, nass, aber es geht weiter, humpelnd, aber es geht weiter. An einer Kreuzung wussten wir nicht wirklich mehr weiter, die Karte machte uns auch nicht schlauer. Eine Frau kam aus einem Haus und wies uns die Richtung, wieder einen fiesen Berg hinauf. So viel Sünden können wir wirklich nicht haben, dass uns der Herrgott, oder wer auch immer, so strafen tut. Das haben wir jetzt mit der Vielgötterei. Um den Moment noch dramatischer zu machen, fängt es wieder stärker zu regnen an. Der Berg ist die Hölle, mein Knie, ja mein Knie, ich bin für eine Amputation, nur dass ich nicht weiterlaufen muss. Der Berg kennt keine Gnade, doch irgendwann sehen wir oben am Berg eine Kirche, die immer größer wird, um so näher wir kommen. Es ist ja ganz klar, dass dies einfach so ist, aber beim Pilgern ist es ein Hoffnungsträger, der immer größer wird, bis man es dann bis vor die Kirchenpforte geschafft hat. Wir stellten uns in der kleinen Wallfahrtskirche Langwinkl unter. Nachdem wir von ein paar Hofhunden verbellt wurden, beschlossen wir in die Kirche zu gehen, um etwas zu rasten. Da sind dann auch ein paar Fotos entstanden, die wirklich widerspiegeln, wie fertig wir an diesem Punkt unserer Wanderschaft waren. Wir beschlossen uns in Bayerbach eine Unterkunft zu suchen, weil ich nachwievor Knieschmerzen hatte und wir beide schon völlig durchnässt waren.

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