Der Narr des Hofes des Königs

Der Narr des Hofes des Königs

Lachen ist sein Applaus. Lachen ist seine Luft, die er zum Atmen braucht. Zu weilen auch der Tritt des König in sein Hinterteil. Er schwimmt von Tag zu Tag auf den Wogen jenen Tränen, die aus seinen Witzen geboren sind. So hangelt er sich von Lacher zu Lacher, um dem Hofstaat zu gefallen. Zu jedem Gang zum Lachen gereicht und isst er doch immer allein. Alleine in seiner Kammer, spät Nachts im Kerzenschein. Dort wo nur der Staub und die Spinnen sein stummes Publikum sind. Wo kein Applaus sein Herz erfreuen kann. Selbst die Ratten verlassen im Morgengrauen sein sinkendes Schiff. Wenn die letzte Kerze ihr eigenes Licht erstickt, wird er von seiner verborgenen Melancholie gepackt. Sie lässt sein Herz nicht mehr los und eine einsame Träne läuft über sein Gesicht. Dann hört er die Glocke zur Morgenandacht läuten. Er packt seinen Spiegel und macht sich wieder auf. Auf einen neuen Lacher. Auf einen neuen Tritt. Jeder Tag ist für ihn, als wäre es sein Letzter.

Er allein ist seines eigenen Glückes Schmied und er wird immer die heissen Eisen aus dem Feuer holen und wird sich jedes Mal wieder daran verbrennen. Aber deswegen ist er der Narr des Hofes seines Königs.

Aber selbst des Lachens müde geworden sitzt er von Tag zu Tag wieder auf den kalten Fliesen vor dem Thron seines Herren. Immer auf einen Tritt von Hinten gefasst. Oder auf einen Schlag von der Seite. Er ist immer wachsam, um keinen Ball zu verpassen, der nach ihm geworfen wird. Um ihn mit all seinem Können wieder zurück in die Menge zu werfen. Auf dass sich der König und sein Gefolge wieder den Bauch halten mögen. Er verpackt die kleinen Wahrheiten des Hofstaates so geschickt, dass es ihm kaum einer so richtig übel nehmen traut, was da so humorvoll verpackt aus seinem Munde sprudelt. Die Tage sind lang und die Nächte noch viel länger, bis auch der letzte Gast gegangen und der letzte Wein getrunken und seine Worte nur noch ein einsames Krächzen sind, die gedämpft von den Wandbehängen wieder hallen.

Nun liegt der Narr gelangweilt auf dem Thron seines Königs, beide Beine baumeln über den Rand der Armlehne. Seine Freudentränen sind schon lange versiegt und so schaut er durch den Thronsaal. Die Gerüche der vergangenen Nacht liegen noch in der Luft. Und die Geräusche einer durchzechten Nacht drängen ungehört in sein Ohr. Genau so wie seine letzten Worte: ‚Wer hat da nur wem ein Kind gemacht?‘ Alle lachten, nur einer nicht, der Narr des Hofes, hat sein letztes Lächeln an die Dame seines Herzens verschenkt. Der König war mit seiner Dirne verschwunden und die Königin mit dem Rittmeister. Die Frau des Rittmeisters hat sich mit samt seiner guten Hoffnung vom höchsten Turm dieses Sündenpfuhls geworfen. Und so sitz er nun, ein armer Tor vor seinem Spiegel und wieder läuft eine Träne über sein Antlitz. Sein letzter Lacher hallt noch im Raum. Dann steht er schwungvoll auf, legt den Spiegel auf die Stufen vor den Thron seines Herren. Auf diesen Stufen, auf den er so oft gesessen hatte. Nun bleibt ihm nichts mehr als die Erinnerung. Erinnerungen an den Applaus. Erinnerungen an das Gelächter. Erinnerungen an seinen letzten Lacher. Und den letzten Satz, den er sich besser geschenkt hätte.

Geknickt geht er durch den Thronsaal, die Schnapsleichen hinter sich lassend. Er steigt auf die höchste Zinne des höchsten Turmes. Wo noch wenige Momente zuvor die Frau des Rittmeisters sich selbst erlöst hatte. Dort unten im Burggraben liegt sie nun. Ihr runder Bauch nach unten im Wasser treibend. Im Himmel wird kein Platz für sie sein. Auch nicht für ihn. Auch nicht für sein Kind. Keiner braucht einen traurigen Narren. Traurige Kinder nimmt man in den Arm und tröstet sie. Traurige Mädchen sind ein Objekt so mancher Begierde. Aber ein trauriger Narr ist einfach am Ende aller seiner Tage. Und somit nimmt er seine Kappe und hängt sie auf die höchste Zinne, dann klettert er über den Rand der Zinne und springt zu seiner Liebsten in den nassen Tod. In der Hölle vereint, weil sie es im Leben nicht konnten. So endet diese Geschichte mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Weil irgendjemand seinen Spiegel von den Stufen nehmen wird und darin das Lachen des Narren wieder finden möge, auf das sein Spiel von vorne beginne.

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