Wenn der Glaube sich selbst nicht glaubt…

Wenn der Glaube sich selbst nicht glaubt…

Winternacht Teil 3

‚Fräulein Müller, sie glaum des doch selber net, dass wir erna des abnehmen!‘ schrie ihr der bierbäuchige Polizeiobermeister der örtlichen Behörden feucht ins Gesicht.

Sie wischte sich seine Spucke aus dem Gesicht und blieb dabei an ihrer Nase hängen. Schmerzverzerrt verzog sie das Gesicht, sie hatte vergessen, dass ja ihre Nase gebrochen war.

‚Zum hundertsten Mal, sprechen Sie bitte mit meiner Abteilung oder lassen Sie mich an meinen Wagen, da ist mein Dienstausweis!‘ meinte sie in einem monotonen Singsang. Sie hatte diesen Satz wirklich schon hundert Mal gesagt.

Ein junger Polizist kam zur Tür herein, legte dem Polizeiobermeister ein Fax hin und verschwand gleich wieder.

Der Polizeiobermeister schrie sie wieder an: ‚Sie ham ihren Arztbericht in die Interne faxen lassen!‘ Er schnaubte vor Wut und wechselte mehrmals die Farben von rot zu weiß.

‚Ja, auch wenn Sie es kaum glauben wollen, so wie es in den Vorschriften steht. Wenn Sie mich nun bitte in meine Zelle führen würden, bis die Kollegen da sind. Herrn Polizeiobermeister!‘ sagte sie schnippisch und hielt ihm die Hände hin, damit er ihr Handschellen anlegen konnte.

‚Wenn ses auf ‚d harte Tour woin, des hama glei…!‘ meinte er im Aufstehen. Er griff an seinem Gürtel, löste die Handschellen und ging um den Schreibtisch herum. Mit einem Ruck zog er sie hoch und stieß sie unsanft gegen die Wand. Er bog ihr die Hände auf den Rücken und befestigte die Handschellen besonders grob an ihren Handgelenken. Mit seinem Bierbauch pinnte er sie dabei an die Wand und durchsuchte sie, dabei konnte sie seinen Atmen auf ihrem Hals spüren. Den Würgereiz unterdrückend schossen ihr ein paar Tränen in die Augen. Sie blinzelte und sah ein Fahndungsbild direkt vor ihrer Nase. Er hatte sie förmlich mit der Nase drauf gestoßen, sie lehnte mit dem Gesicht gegen eine Pinnwand mit Vermisstenanzeigen. Das Bild brannte sich durch ihre Netzhaut in ihr Gehirn. Hariolf Otterbein, Patient eines örtlichen Sanatorium, wurde vor drei Monaten als vermisst gemeldet. Auch ohne Bart und mit Frisur erkannte sie seinen Blick, der auf dem Foto weniger verrückt zu sein schien. Aber er war es, der verrückte Irre.

Sie wurde in eine Zelle gebracht, dort saß sie eine Zeit lang mit auf dem Rücken behandschellten Armen und rauschenden Kopf. Wo war der Fehler. Da muss irgendwo ein Fehler sein. Sie kam nicht drauf, wo der Knackpunkt an dieser Geschichte war. Und ihr fiel einfach nicht ein, was in der Zeit passiert war, zwischen dem Eintreffen des Dr. Brock und dem Morgen, als sie gefesselt auf dem Tisch aufgewacht war. Die Ärzte hatten ihr zwar erklärt, was theoretisch geschehen war, aber sie konnte sich einfach an nichts erinnern und sie wusste nicht, ob diese Unwissenheit nun besser war für sie oder ob es alles noch viel schlimmer machte, ahnungslos zu bleiben.

Ein Schlüssel würde ins Schloss gesteckt und umgedreht. Von dem Geräusch schreckte sie aus ihren wirren Gedanken. Noch bevor die Zellentür aufschwang, hatte sie sich einigermaßen gesammelt. Der junge Polizist stand in der Tür und kam zögernd in die Zelle. Zaghaft half er ihr auf und brachte sie wieder in das Büro des Polizeiobermeisters. Im Zimmer saß ihr Abteilungsleiter auf dem Sessel des Polizeiobermeisters und der Polizeiobermeister machte gerade Anstalten zu gehen. Beide waren wohl nicht gerade begeistert von den Geschehnissen.

‚Was soll denn dass bitte? Machen sie sofort die Handschellen auf!‘ befahl ihr Abteilungsleiter in seinem üblichen scharfen Ton. Es ging einfach runter wie Öl, weil sie ausnahmsweise mal nicht von ihrem Chef angeschrien wurde.

Er war aufgestanden, schritt an ihre Seite und wartete bis alle anderen den Raum verlassen hatten. Dann legte er ihr einen Zettel auf den Tisch, berührte eine Sekunde lang ihre Schulter, wand sich ab und ging wieder zurück, um sich auf den Bürostuhl zu setzen.

Ihre Handgelenke reibend las sie was auf dem Zettel stand. ‚Bitte vergiss was ich dir in den nächsten 10 Minuten an den Kopf werfe! Wir reden im Wagen!‘

Im Aufblicken versuchte sie zu lächeln, es gelang ihr aber nicht. Tief einatmend griff er über den Tisch, nahm den Zettel, faltete ihn ordentlich und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts.

‚Frau Müller, wollen Sie mich verarschen? Sie zerhacken einen vermissten Irren mit einer Axt und glauben dann, dass ich in dieses Kuhkaff geeilt komme, um ihnen aus der Scheiße zu helfen!‘ Er machte eine Pause und grinste sie schuldbewusst an, bevor er fort fuhr. ‚Wie Notwehr? Notwehr! Sie haben den armen Irren zerstückelt, mit einer Axt, vorher wollten sie ihn grillen. Das ist am Arsch keine Notwehr.‘ Wieder machte er eine Pause und blickte sie dabei entschuldigend an.

‚Wie sexuelle Belästigung? Vergewaltigung, ja genau? Was weiß ich, was sie mit dem armen Irren da auf der Hütte getrieben haben.‘ Die nächste Pause war für ihn schlimmer als für sie, obwohl ihr bereits die Tränen aus den Augen schossen. ‚Ich muss ja wohl nicht erwähnen, dass Sie suspendiert sind und dass sie nicht nur ein Verfahren am Hals haben, Frau Müller! Alles weitere klärt der Staatsanwalt.‘ Mit Beendigung dieses Satzes war er wieder an ihrer Seite, berührte diesmal etwas länger ihre Schulter und hielt ihr seine Handschellen vor die Nase. Willenlos hob sie die Hände und lies sich erneut fesseln. Die Tränen liefen ihr über ihre Wangen, als sie von ihrem eigenen Abteilungsleiter aus der Polizeistation geführt wurde. Unsanft wurde sie in seinen Dienstwagen gestoßen, dabei hatte er ihr unbemerkt die Handschellen wieder geöffnet. Als sie sich im Wagen langsam aufrichtete, schnallte er sie liebevoll an. Sie bemerkte, dass seine Hände dabei zitterten. Erst im Auto löste sich dieses makabere Schauspiel auf.

‚Um Himmels Willen, Emma. In was für eine Scheiße bist du da geraten? Dieser Irre war schon seit Monaten vermisst und dieser Dr. Brock ist aus dem Krankenhaus geflohen, noch bevor wir ihn verhören konnten. Ich habe den Arztbericht gelesen, Emma. Es tut mir leid. Ich genehmige dir nie wieder Urlaub, wenn die Sache hier vorbei ist, ja! Was haben die Ärzte noch gesagt?‘ er blickte mit einem sorgenvollen Blick nach hinten, während er mit einem Affenzahn aus dem Ort auf die Landstraße bretterte.

‚Ähm, das war’s wohl mit der Familienplanung…ich kann mich an nichts erinnern. Mir fehlen ungefähr 5 Stunden.‘ stotterte sie. ‚Ich kann mich einfach an nichts erinnern!‘

‚Okay, ich hoffe, dass du diesen Dorfbullen nichts davon erzählt hast? Sonst haben wir vor Gericht mit Notwehr keine großen Chancen.‘

‚Was heißt hier eigentlich wir?‘ fragte Emma.

‚Hey, Emma. Ich lass Dich jetzt nicht hängen. Okay!‘ meinte er wieder in seinem Befehlston, dabei drehte er sich wieder mit dem Kopf nach hinten und blickte sie einen langen Moment lang ernst an. Dieser Satz wäre nicht weniger irritierend gewesen, wenn sie ihn nicht besser kennen würde. Er war ihr Abteilungsleiter in der Internen Abteilung und sie hatten vor einem Jahr eine kurze Affäre, die sie schlauerweise schnell beendet hatte, bevor irgendjemand davon Wind bekam. Sie waren beide zu sehr Profis in ihrem Beruf, als dass dies irgendeine Auswirkung auf ihre tägliche Arbeit gehabt hätte. Und gerade jetzt schaut er sie wieder so an. Gerade jetzt nach diesem Horrortrip.

‚Emma, ist es denn in Ordnung, wenn ich dir helfe?‘ fragte er kleinlaut.

‚Ähm… ja… natürlich… Danke… Rutger. Das ist lieb von dir! Danke!‘ erwiderte sie völlig erschöpft.

Plötzlich bremste er und fuhr rechts ran. Wie von einem Blitz getroffen sprang er aus dem Auto, rannte außen um das Auto herum und riss die Tür auf, hinter der sie saß.

‚Tut mir leid! Ich hab…!‘ meinte er und sie verstand nicht was er meinte. Vorsichtig griff er nach den offenen Handschellen, die er mit samt den Armen unter dem Gurt eingeklemmt hatte. Er befreite sie davon und half ihr aus dem Auto. Ohne ein weiteres Wort nahm er sie in den Arm und drückte sie. Ihre Knie gaben nach und sie sackte kraftlos in seine Umarmung. Liebevoll bugsierte er sie auf den Beifahrersitz und schnallte sie wieder an. Die Handschellen blieben auf dem Rücksitz liegen. Er erklärte ihr, wo er sie hinbringen würde und dass er einen sehr guten Anwalt für sie hatte, aber davon bekam sie nur noch Wortfetzen mit. Während er das Auto über die Autobahn Richtung der großen Stadt heizte, schlief sie bereits tief und fest, immer noch ahnungslos. Sie hatte aufgehört über die fehlenden 5 Stunden nachzudenken.

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Wenn der Morgen graut…

Wenn der Morgen graut…

Winternacht Teil 2

Sie wurde wach und konnte sich nicht bewegen. Ihr ganzer Körper war taub und sie hatte Raureif in Ge

sicht. Erst als sie langsam die Augen öffnete, erkannte sie, dass noch viel mehr nicht stimmte, als nur die Temperatur in der Hütte. Sie saß auf der Bank und ihre Arme waren auf dem Rücken gefesselt und sie hatte verdammt nochmal Raureif im Gesicht. Langsam drehte sie den Kopf und blickte im Raum umher. Ihr nächtlicher Besucher lag auf dem Kanapee und schlief, neben ihm lehnte die Axt auf dem Boden und auf dem Boden war Blut. Verdammt viel Blut. Schläft er wirklich? Sein Brustkorb hob und senkte sich. Sie grübelte darüber nach, was gestern Nacht noch geschehen war, nachdem sie den fremden Herrn Brock eingelassen hatte. Und um so mehr sie grübelte, um so weniger konnte sie sich erinnern. Hinter ihr ging die Tür auf und ein Schwall eisig kalter Luft kam in den ohnehin viel zu kalten Raum. Sie konnte nicht erkennen, wer die Hütte betreten hatte.

Eine krächzend lachende Stimme kam vom Eingang der Hütte. ‚Das Täubchen hat das Feuer ausgehen lassen!‘ Sie konnte ein paar schlürfende Schritte hören und dann traf sie ein heftiger Schlag ins Gesicht. Von der Wucht wurde sie hoch geschleudert und stieß mit dem Kopf gegen die rückwärtige Wand. Wo sie bewegungslos liegen blieb. Benommen versuchte sie sich von der noch unangenehmeren Haltung zu befreien. Aber ihr eigenes Gewicht drückte so auf ihre Arme, dass sie ihren Körper kaum hoch hieven konnte. Jemand packte sie am Hals und zog sie hoch. Dabei stießen ihre verkrampften Beine gegen die Tischkante.

‚So, Täubchen. Vielleicht willst du mir ja jetzt sagen, was du mit dem sauberen Herrn Dr. Brock zu schaffen hast?‘ kreischte die Stimme ihr nun direkt ins Gesicht. Sie konnte seinen stinkenden Atem riechen. Ihre Sinne schwanden wieder, bis sie ein weiterer Schlag wieder aus der nahenden Ohnmacht riss.

Als sie ruckartig die Augen öffnete, kam auch der Schmerz. Der letzte Schlag musste ihre Nase gebrochen haben, aus der nun Blut lief. Sie blickte in das Gesicht ihres Peinigers. Ein wilder Mann mit zerzausten Haaren und einem ungepflegten Bart starrte sie mit dem ihm eigenen, irren Blick an. Und sein Blick passte so unmissverständlich zu seiner Stimme, dass sie sich jetzt auch nicht mehr wunderte, warum er sie aus unerfindlichen Gründen schlug. Dieser Mann war einfach verrückt. Und was zum Teufel macht dieser Verrückte in ihrer Hütte. Diese Abscheu die sie nun empfand, spie sie ihm ins Gesicht. Mit ihrem Speichel spritze auch eine Ladung Blut mitten in sein Gesicht. Wie es schien, freute er sich darüber, dass sie ihn angespuckt hatte. Er lies einfach von ihr ab und widmete sich nun dem ominösen Herrn Dr. Brock. Sie war wieder auf die Bank zurückgefallen und lag nun quer auf der Bank, mit dem Kopf halb unter dem Tisch. Hinter ihr auf der Bank lag etwas. Sie versuchte mit den gebundenen Fingern danach zu greifen. Gott sei dank, es war ihr Nähzeug. Nun versuchte sie lautlos das Nähtäschchen zu öffnen und suchte nach dem Auftrenner. Dieses kleine Trennmesser konnte nun ihr Leben retten. Da war es ja! Während sie mit dem Trennmesser versuchte ihre Fesseln zu durchschneiden, beobachtete sie den Irren und den ominösen Dr. Brock.

Der Irre hatte sich behutsam an den Rand des Kanapees gesetzt und betupfte die Stirn des Dr. Brock mit einem Küchenhandtuch. Er hatte bereits das Feuer wieder entzündet und Wasser aufgestellt. Der Wasserdampf und der Rauch vom Ofen machte die Szenerie noch unwirklicher. Aber als dann die Sonne aufging und die ersten Strahlen durch die gefrorenen Scheiben schien, konnte sie nur noch den aufgewirbelten Staub, den Rauch und den Wasserdampf sehen, aber nichts von dem was sich nur drei Meter von ihr entfernt abspielte.

‚Dr. Brock, es wäre nicht nötig gewesen mich verletzen zu wollen. Ich hätte Ihnen nichts getan. Aber Sie haben es so gewollt. Sie haben mich förmlich darum gebeten ihnen die Hand abzuschneiden, die Sie gegen mich erhoben haben, Dr. Brock!‘ die Stimme des Irren hörte sich erschreckender Weise richtig fürsorglich an.

‚Hariolf, ich wollte dich nicht verletzen.‘ flüsterte Dr. Brock geschwächt.

‚Ihre Axt hatte mich nur knapp verfehlt, Dr. Brock. Ich habe Ihnen alles anvertraut und wie danken Sie es mir. Sie haben es dem Täubchen erzählt… Sie haben es dem Täubchen erzählt….Sie haben es dem Täubchen erzählt…!‘ wiederholte der irre Hariolf, immer und immer wieder, so dass Dr. Brock es kaum schaffen konnte, ihn mit seiner schwachen Stimme zu unterbrechen.

‚Hariolf, ich brauche ärztliche Versorgung, sonst verblute ich!‘ stammelte Dr. Brock.

Sie hörte wieder diesen schlürfenden Gang. Dann öffnete jemand den Ofen. Dieses quietschende Geräusch kannte sie nur zu gut. Durch den Rauch konnte sie etwas Glühendes sehen. War das der Kohlenschieber? Eine Minute später konnte man nur noch einen gellenden Schrei hören, der sogar weit ab der Hütte, noch das Wild aufschreckte.

Nachdem der Schrei verstummt war, war gar nichts mehr zu hören. Sie hatte innegehalten und lauschte mit geschlossenen Augen. Nichts. Kein Atmen. Keine Bewegung. Nur das Prasseln und Knacken des Ofens. Sie konzentrierte sich noch mehr, aber da war nichts. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Da war wieder nur der aufgewirbelte Staub und die Sonnenstrahlen im Raum. Dieser Irre würde sie einfach umbringen, einfach so. Weil sie das Täubchen war, das zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Ironie dabei war nur, dass sie auf diesen Berg geflüchtet war, um endlich ihre Ruhe zu haben vor den ganzen Verrückten in der großen Stadt. Und jetzt würde sie von einem völlig Irren einfach abgeschlachtet werden. Nein. Das war nicht das, was sie sich noch vor ein Paar Stunden für ihr weiteres Leben zu recht gerückt hatte. Lautlos versuchte sie sich weiter von ihren Fesseln zu befreien. Obwohl es immer noch eisig kalt in der Hütte war, stand ihr, von der Anstrengung sich nahezu bewegungslos befreien zu wollen, der Schweiß auf der Stirn und ihre Hände wurden ganz feucht, so dass sie den Auftrenner kaum noch festhalten konnte.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und sie konnte den Irren sehen, wie er den glühenden Kohlenschieber hoch hielt, ihn in der Hand drehte und ihn aufmerksam beobachtete. Er machte einen Schritt in ihr Richtung. Nun konnte sie diesen süßlichen Geruch wahrnehmen. Der Geruch brennenden menschlichen Fleisches. Er musste dem Dr. Brock seine Verletzung ausgebrannt haben. Bei solchenen Schmerzen wäre es kein Wunder, wenn dieser Dr. Brock nun auch völlig verrückt geworden wäre oder einfach an dem Schock gestorben wäre. Der Irre stand nun vor ihr und hielt ihr das glühende Metall vor die Nase.

‚Kannst du sein Fleisch riechen?‘ fragte er sie. ‚Ich kann sein Fleisch riechen!‘

Noch verrückter ging es ja wohl nicht. Das würde ihr nie jemand glauben. Ihre Fesseln begannen sich langsam zu lösen. Der Irre kam ihr mit dem Kohlenschieber gefährlich nahe und sie konnte sich der Gefahr nicht entziehen. Der Raum war hinter der Bank zu Ende und wenn sie sich von der Bank stürzen würde, dann saß sie unter dem Tisch in der Falle. Jetzt war es an der Zeit ein Stoßgebet an Universum zu schicken.

Wie in einem schlechten Horrorfilm begann der Wasserkessel an zu pfeifen, als das glühende Metall nur noch wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war. Der Irre erschrak und lies den Kohlenschieber fallen. In dem Moment schnellte ihre Hand unter ihr hervor und sie fing den Kohlenschieber auf, bevor er allzu viel Schaden in ihrem Gesicht anrichten konnte. Der Irre hatte sich aber schon abgewandt und war zum Herd geschlürft um den Lärm abzustellen. Mit einen Satz kam sie zum Stehen, strauchelte und stolperte Richtung Kanapee. Der Irre drehte sich um, er hatte den Wasserkessel in der Hand. Sie holte aus und warf den Kohlenschieber nach ihm. Sie traf ihn mitten im Gesicht. Es zischte drei mal. Das Zischen als der glühende Kohlenschieber in seinem Gesicht auf traf und sich in sein Fleisch brannte. Der fallende Wasserkessel, der seinen heißen Inhalt auf seine Füße ergoss und durch diese Verkettung der Ereignisse kam auch der Irre ins Straucheln und stütze sich am Ofen auf, um nicht rücklings zu stürzen. Der Ofen brannte sich in seine Hände. Das war ihre Chance. Sie packte die Axt, die zu ihren Füßen lag und schlug auf den Irren ein. Es ging alles so schnell, dass er sich kaum wehren konnte. Sie schrie und schlug unzählige Male auf ihn ein, bis sein blutiger Leib langsam zu Boden glitt.

Wenn der Berg ruft…

Wenn der Berg ruft…

Winternacht Teil 1

Endlich Ruhe. Sie hat endlich ihre Ruhe. Ihre Ruhe vor dem Lärm. Sie hat Urlaub, endlich Urlaub. Ungeduldig hatte sie ihren Rucksack gepackt und ins Auto geschmissen. Sie ist am frühen Nachmittag noch zur Hütte rauf gefahren. Soweit es eben mit dem Auto geht, dann ist sie zu Fuß weiter. Der Weg ist steil und ihr Rucksack schwer. Aber mit jedem Schritt, den sie unweigerlich näher an ihr Ziel kommt, fühlt sie sich freier. Jetzt können sie endlich alle mal am Arsch lecken. Sie war erst vor ein paar Wochen auf der Hütte gewesen, aber die Erholung hatte nicht lange angehalten. Vielleicht sollte sie sich doch einen anderen Job suchen. Sie würde die nächsten Wochen nicht mehr so oft auf die Hütte fahren können. Dies ist wahrscheinlich auch das letzte Wochenende, wo noch nicht all so viel Schnee liegt. Es ist mitten im Dezember und der Winter hatte noch nicht so richtig zugeschlagen. Unten im Tal lag fast kein Schnee, aber um so höher sie gefahren war, um so mehr Schnee säumte den dünnen Forstweg. Die Gedanken noch bei der Autofahrt, hatte sie ihr Fahrzeug eigentlich schon längst hinter sich gelassen und war losmarschiert. So stapfte sie nun gedankenversunken durch den Schnee. Nach langem Überlegen macht sie ihren Entschluss soweit dingfest, dass sie sich sobald sie wieder in der großen Stadt war, nach einem nicht ganz so stressigen Job umsehen würde. Oder vielleicht einfach nach einer neuen Wohnung, die näher an der Hütte liegt. Näher an den Bergen. Sie hatte so viel im Kopf, dass sie die Umgebung überhaupt kaum wahrnahm. Die Umgebung, für die sie extra hier herauf gefahren wahr.

Der Weg zur Hütte zog sich heute ganz schön. Sie kam nur langsam voran. Der Schneefall war doch ganz schön stark gewesen. Beim Rauflaufen hörte sie weitab ein donnerndes Geräusch. Sie hätte sich sehr erschrocken, wenn sie nicht schon öfter im Winter hier herauf gelaufen wäre. Es wird wahrscheinlich irgendwo ein kleines Schneebrett abgegangen sein oder es war das Geräusch eines umstürzenden, altersschwachen Baumes, der unter den Schneemassen zusammengebrochen war. Sie dachte sich nichts weiter und lief weiter den Berg hinauf, sie musste sich sputen, wenn sie noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen wollte.

Oben an der Hütte angekommen, war es schon fast dunkel. Sie öffnete die Fensterläden und schürte den Ofen an. Erst als sie den Lichtschalter betätigen wollte, bemerkte sie, dass durch die starken Schneefälle die Solarzellen auf dem Dach der Hütte völlig von Schnee und Eis bedeckt sein mussten und somit keine Stromerzeugung zu Stande gekommen war. Sie würde sich morgen darum kümmern. Somit musste sie wohl im Kerzenschein den Abend verbringen. Wäre ja eigentlich ziemlich romantisch, wenn sie nicht allein hier herauf gelaufen wäre. Der Bauer und Hüttenbesitzer hatte ihr ein Gaslicht auf den Tisch gestellt, für Notfälle. Sie pfriemelte im Halbdunkel an dem Gaslicht und schaffte es dann aber doch es anzuzünden. Sie beschloss Wasser aufzustellen und Tee zu machen. Dann machte sie sich etwas zu Essen. Später stand sie mit einem Becher heißem Tee und einer Flasche Whisky in den Händen am offenen Fenster und genoss die kalte Bergluft. Sie konnte nur noch erahnen, an welcher Stelle die Sonne hinter dem Berg verschwunden war. Immer wieder am Whisky nippend, stand sie ziemlich lange am Fenster. Draußen war es stockdunkel geworden, nur der aufgegangene Mond erhellte die Nacht ein Wenig. Sie blickte auf den sternenübersäten Himmel. Sie dachte nicht an die Romantik des Augenblicks, sondern nur daran, dass es diese Nacht richtig kalt werden würde und dass sie mehrmals in der Nacht raus müsste, um Holz nach zulegen. Kurzerhand beschloss sie so lang wie möglich wach zubleiben und kräftig nachzuschüren. Sie wollte auf keinen Fall in der Früh mit Raureif auf dem Gesicht aufwachen. Für die Mußestunden hatte sie sich was zum Arbeiten mitgebracht. Etwas was nichts mit ihrem Job zu tun hatte. Sie strickte schon seit Jahren an ein und dem selben Schal und sie wollte die freie Zeit nutzen, um ihn endlich fertigzustellen.

Sie hatte einen kleinen Weltempfänger mitgebracht. Ungeduldig drehte sie an dem Knopf und hoffte, dass sie hier oben ein gescheites Signal bekommen würde. Nach 10 Minuten gab sie es auf und begnügte sich mit Volksmusik. Langsam kam sie runter, trotz eines Trompetensolo von Stefan Mross, und es stellte sich endlich die lang ersehnte Erholung ein.

Einige Stunden später fing das Gaslicht an zu Flackern. Sie war über ihrem Strickzeug eingeschlafen. Die Stricknadeln in einer Hand, lag sie mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief den Schlaf der Gerechten.

Ein gewaltiges Poltern, dass die ganze Hütte unter sich erbeben lies, riss sie aus dem Schlaf. Sie blickte zuerst ziemlich orientierungslos umher und sah dann zum Fenster. Eine Dachlawine brachte Unmengen von Schnee ins Rutschen, der nun am Fenster vorbei rauschte. Sie hatte sich vor Schreck an die Brust gegriffen und blieb eine ganze Weile in dieser Haltung reglos sitzen, bis eine weiteres Geräusch sie aus dieser Starre riss. Etwas war gegen die Tür gefallen. Das Gaslicht flackerte wieder. Geistesgegenwärtig zündete sie ein paar Kerzen an, hastete auf und lief zu ihrem Rucksack. Mit fahrigen Bewegungen und zitternden Finger suchte sie etwas. Nach einer halben Ewigkeit förderte eine Stirnlampe aus dem Rucksack. Sie machte sie an und ging zur Tür. Etwas kratzte an der Tür. Sie zog es vor die Hände frei zu haben und setzte sich die Stirnlampe auf den Kopf. Mit festem Schritten ging sie zur Tür und nahm die Axt, die neben der Tür stand, in beide Hände. Dann löste sie eine Hand von der Axt und öffnete mit zitternden Fingern die Tür. In dem Moment als die Tür quietschend aufschlug, gingen erst die Kerzen und dann das Gaslicht aus. Etwas viel ihr mit einer Ladung Schnee vor die Füße. Vor Schreck lies sie beinahe die Axt fallen. Sie atmete langsam tief durch und blickte nach unten. Das Licht der Stirnlampe schien auf einen riesigen Schneehaufen. Und in Mitten des ganzen Schnees lag ein scheinbar regloser Körper. Mit einer hastigen Bewegung lies sie die Axt sinken. Ihre Bewegung war zu hastig gewesen. Sie erschrak, als die Axt in der Bank stecken blieb, die neben der Tür stand. Sie schleppte den Körper zur Tür herein und versuchte dann die Tür zu schleißen. Was ihr auch mit Müh und Not nicht gelang. Erst als sie mit dem Fuß die Schneemassen zurückdrängte, konnte sie die Tür endlich schließen. Dann lies sie sich auf den Boden sinken und untersuchte die Gestalt und fühlte den Puls. Der Puls schlug langsam, aber er schlug. Der Mann, der vor ihr auf dem Boden lag, musste halb erfroren sein. Sie zog ihm die nasse Kleidung aus und wickelte ihn einige Decken. Nach seiner Kleidung zu urteilen, war er wohl ein ungeübter Wanderer. Er hatte eine Platzwunde am Kopf und einige Schürfwunden an Händen und Gesicht, die sie versorgte. Dann versuchte sie ihm heißen Tee mit Whisky einzuflößen. Als sie ihn dazu aufrichten wollte, wurde er wach. Er schlug die Augen auf und blinzelte. Erst als er versuchte die Hand vors Gesicht zu halten, bemerkte sie, dass sie ja immer noch die Stirnlampe auf dem Kopf trug und ihm damit direkt ins Gesicht leuchtete. Mit einer hastigen Bewegung wand sie ihren Kopf zu Seite. ‚Oh, Verzeihung!‘ sagte sie, lächelte dann an ihm vorbei und stellte den Becher auf dem Boden ab. Sie zog die Stirnlampe vom Kopf und legte sie mit der Leuchte nach oben neben den Becher. Dabei hielt sie den Mann immer noch an der Schulter hoch. ‚Sie müssen was trinken!‘ Schon hatte sie den Becher wieder in der Hand und führte ihn an seinen Mund. Er nahm kleine Schlucke und hustete dabei ein Wenig. Er klammerte sich dabei am Becher fest und berührte ganz flüchtig ihre Hand. Sie zog sich aus der Berührung zurück und überließ ihm den Becher. Erschöpft zog sie sich am Tisch hoch und zündete die Kerzen wieder an. Dann drehte sie sich um und schaute den Verletzten an.

‚Danke Frau…äh…!‘ stammelte er.

‚Frau Müller. Emma Müller!‘ antwortete sie und schaute ihn dann fragend an.

‚Müller. Danke Frau Müller! Ähm, ich bin Richard Brock und ähm, ich war zu Fuß unterwegs und ähm,…!‘ Er brach den Satz abrupt ab und rieb sich den Kopf.

‚Ist schon gut, waren Sie allein unterwegs?‘ wollte sie wissen, nicht dass noch mehr unerwartete Besucher zur Tür hereingeschneit kamen.

Nickend schaute er sie an. Sie lies sich auf den Tisch sinken und atmete langsam aus. ‚Sie haben mich ganz schön erschreckt.‘

‚Eine schöne Axt haben sie da!‘ meinte er geistesabwesend.

‚Oh, ja. Die ist im Mietpreis inbegriffen!‘ lächelte sie und blickte zur Axt.

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