Wenn der Berg ruft…

Wenn der Berg ruft…

Winternacht Teil 1

Endlich Ruhe. Sie hat endlich ihre Ruhe. Ihre Ruhe vor dem Lärm. Sie hat Urlaub, endlich Urlaub. Ungeduldig hatte sie ihren Rucksack gepackt und ins Auto geschmissen. Sie ist am frühen Nachmittag noch zur Hütte rauf gefahren. Soweit es eben mit dem Auto geht, dann ist sie zu Fuß weiter. Der Weg ist steil und ihr Rucksack schwer. Aber mit jedem Schritt, den sie unweigerlich näher an ihr Ziel kommt, fühlt sie sich freier. Jetzt können sie endlich alle mal am Arsch lecken. Sie war erst vor ein paar Wochen auf der Hütte gewesen, aber die Erholung hatte nicht lange angehalten. Vielleicht sollte sie sich doch einen anderen Job suchen. Sie würde die nächsten Wochen nicht mehr so oft auf die Hütte fahren können. Dies ist wahrscheinlich auch das letzte Wochenende, wo noch nicht all so viel Schnee liegt. Es ist mitten im Dezember und der Winter hatte noch nicht so richtig zugeschlagen. Unten im Tal lag fast kein Schnee, aber um so höher sie gefahren war, um so mehr Schnee säumte den dünnen Forstweg. Die Gedanken noch bei der Autofahrt, hatte sie ihr Fahrzeug eigentlich schon längst hinter sich gelassen und war losmarschiert. So stapfte sie nun gedankenversunken durch den Schnee. Nach langem Überlegen macht sie ihren Entschluss soweit dingfest, dass sie sich sobald sie wieder in der großen Stadt war, nach einem nicht ganz so stressigen Job umsehen würde. Oder vielleicht einfach nach einer neuen Wohnung, die näher an der Hütte liegt. Näher an den Bergen. Sie hatte so viel im Kopf, dass sie die Umgebung überhaupt kaum wahrnahm. Die Umgebung, für die sie extra hier herauf gefahren wahr.

Der Weg zur Hütte zog sich heute ganz schön. Sie kam nur langsam voran. Der Schneefall war doch ganz schön stark gewesen. Beim Rauflaufen hörte sie weitab ein donnerndes Geräusch. Sie hätte sich sehr erschrocken, wenn sie nicht schon öfter im Winter hier herauf gelaufen wäre. Es wird wahrscheinlich irgendwo ein kleines Schneebrett abgegangen sein oder es war das Geräusch eines umstürzenden, altersschwachen Baumes, der unter den Schneemassen zusammengebrochen war. Sie dachte sich nichts weiter und lief weiter den Berg hinauf, sie musste sich sputen, wenn sie noch vor Einbruch der Dunkelheit ankommen wollte.

Oben an der Hütte angekommen, war es schon fast dunkel. Sie öffnete die Fensterläden und schürte den Ofen an. Erst als sie den Lichtschalter betätigen wollte, bemerkte sie, dass durch die starken Schneefälle die Solarzellen auf dem Dach der Hütte völlig von Schnee und Eis bedeckt sein mussten und somit keine Stromerzeugung zu Stande gekommen war. Sie würde sich morgen darum kümmern. Somit musste sie wohl im Kerzenschein den Abend verbringen. Wäre ja eigentlich ziemlich romantisch, wenn sie nicht allein hier herauf gelaufen wäre. Der Bauer und Hüttenbesitzer hatte ihr ein Gaslicht auf den Tisch gestellt, für Notfälle. Sie pfriemelte im Halbdunkel an dem Gaslicht und schaffte es dann aber doch es anzuzünden. Sie beschloss Wasser aufzustellen und Tee zu machen. Dann machte sie sich etwas zu Essen. Später stand sie mit einem Becher heißem Tee und einer Flasche Whisky in den Händen am offenen Fenster und genoss die kalte Bergluft. Sie konnte nur noch erahnen, an welcher Stelle die Sonne hinter dem Berg verschwunden war. Immer wieder am Whisky nippend, stand sie ziemlich lange am Fenster. Draußen war es stockdunkel geworden, nur der aufgegangene Mond erhellte die Nacht ein Wenig. Sie blickte auf den sternenübersäten Himmel. Sie dachte nicht an die Romantik des Augenblicks, sondern nur daran, dass es diese Nacht richtig kalt werden würde und dass sie mehrmals in der Nacht raus müsste, um Holz nach zulegen. Kurzerhand beschloss sie so lang wie möglich wach zubleiben und kräftig nachzuschüren. Sie wollte auf keinen Fall in der Früh mit Raureif auf dem Gesicht aufwachen. Für die Mußestunden hatte sie sich was zum Arbeiten mitgebracht. Etwas was nichts mit ihrem Job zu tun hatte. Sie strickte schon seit Jahren an ein und dem selben Schal und sie wollte die freie Zeit nutzen, um ihn endlich fertigzustellen.

Sie hatte einen kleinen Weltempfänger mitgebracht. Ungeduldig drehte sie an dem Knopf und hoffte, dass sie hier oben ein gescheites Signal bekommen würde. Nach 10 Minuten gab sie es auf und begnügte sich mit Volksmusik. Langsam kam sie runter, trotz eines Trompetensolo von Stefan Mross, und es stellte sich endlich die lang ersehnte Erholung ein.

Einige Stunden später fing das Gaslicht an zu Flackern. Sie war über ihrem Strickzeug eingeschlafen. Die Stricknadeln in einer Hand, lag sie mit dem Kopf auf dem Tisch und schlief den Schlaf der Gerechten.

Ein gewaltiges Poltern, dass die ganze Hütte unter sich erbeben lies, riss sie aus dem Schlaf. Sie blickte zuerst ziemlich orientierungslos umher und sah dann zum Fenster. Eine Dachlawine brachte Unmengen von Schnee ins Rutschen, der nun am Fenster vorbei rauschte. Sie hatte sich vor Schreck an die Brust gegriffen und blieb eine ganze Weile in dieser Haltung reglos sitzen, bis eine weiteres Geräusch sie aus dieser Starre riss. Etwas war gegen die Tür gefallen. Das Gaslicht flackerte wieder. Geistesgegenwärtig zündete sie ein paar Kerzen an, hastete auf und lief zu ihrem Rucksack. Mit fahrigen Bewegungen und zitternden Finger suchte sie etwas. Nach einer halben Ewigkeit förderte eine Stirnlampe aus dem Rucksack. Sie machte sie an und ging zur Tür. Etwas kratzte an der Tür. Sie zog es vor die Hände frei zu haben und setzte sich die Stirnlampe auf den Kopf. Mit festem Schritten ging sie zur Tür und nahm die Axt, die neben der Tür stand, in beide Hände. Dann löste sie eine Hand von der Axt und öffnete mit zitternden Fingern die Tür. In dem Moment als die Tür quietschend aufschlug, gingen erst die Kerzen und dann das Gaslicht aus. Etwas viel ihr mit einer Ladung Schnee vor die Füße. Vor Schreck lies sie beinahe die Axt fallen. Sie atmete langsam tief durch und blickte nach unten. Das Licht der Stirnlampe schien auf einen riesigen Schneehaufen. Und in Mitten des ganzen Schnees lag ein scheinbar regloser Körper. Mit einer hastigen Bewegung lies sie die Axt sinken. Ihre Bewegung war zu hastig gewesen. Sie erschrak, als die Axt in der Bank stecken blieb, die neben der Tür stand. Sie schleppte den Körper zur Tür herein und versuchte dann die Tür zu schleißen. Was ihr auch mit Müh und Not nicht gelang. Erst als sie mit dem Fuß die Schneemassen zurückdrängte, konnte sie die Tür endlich schließen. Dann lies sie sich auf den Boden sinken und untersuchte die Gestalt und fühlte den Puls. Der Puls schlug langsam, aber er schlug. Der Mann, der vor ihr auf dem Boden lag, musste halb erfroren sein. Sie zog ihm die nasse Kleidung aus und wickelte ihn einige Decken. Nach seiner Kleidung zu urteilen, war er wohl ein ungeübter Wanderer. Er hatte eine Platzwunde am Kopf und einige Schürfwunden an Händen und Gesicht, die sie versorgte. Dann versuchte sie ihm heißen Tee mit Whisky einzuflößen. Als sie ihn dazu aufrichten wollte, wurde er wach. Er schlug die Augen auf und blinzelte. Erst als er versuchte die Hand vors Gesicht zu halten, bemerkte sie, dass sie ja immer noch die Stirnlampe auf dem Kopf trug und ihm damit direkt ins Gesicht leuchtete. Mit einer hastigen Bewegung wand sie ihren Kopf zu Seite. ‚Oh, Verzeihung!‘ sagte sie, lächelte dann an ihm vorbei und stellte den Becher auf dem Boden ab. Sie zog die Stirnlampe vom Kopf und legte sie mit der Leuchte nach oben neben den Becher. Dabei hielt sie den Mann immer noch an der Schulter hoch. ‚Sie müssen was trinken!‘ Schon hatte sie den Becher wieder in der Hand und führte ihn an seinen Mund. Er nahm kleine Schlucke und hustete dabei ein Wenig. Er klammerte sich dabei am Becher fest und berührte ganz flüchtig ihre Hand. Sie zog sich aus der Berührung zurück und überließ ihm den Becher. Erschöpft zog sie sich am Tisch hoch und zündete die Kerzen wieder an. Dann drehte sie sich um und schaute den Verletzten an.

‚Danke Frau…äh…!‘ stammelte er.

‚Frau Müller. Emma Müller!‘ antwortete sie und schaute ihn dann fragend an.

‚Müller. Danke Frau Müller! Ähm, ich bin Richard Brock und ähm, ich war zu Fuß unterwegs und ähm,…!‘ Er brach den Satz abrupt ab und rieb sich den Kopf.

‚Ist schon gut, waren Sie allein unterwegs?‘ wollte sie wissen, nicht dass noch mehr unerwartete Besucher zur Tür hereingeschneit kamen.

Nickend schaute er sie an. Sie lies sich auf den Tisch sinken und atmete langsam aus. ‚Sie haben mich ganz schön erschreckt.‘

‚Eine schöne Axt haben sie da!‘ meinte er geistesabwesend.

‚Oh, ja. Die ist im Mietpreis inbegriffen!‘ lächelte sie und blickte zur Axt.

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  1. Fortsetzung folgt…


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