Wenn der Morgen graut…

Wenn der Morgen graut…

Winternacht Teil 2

Sie wurde wach und konnte sich nicht bewegen. Ihr ganzer Körper war taub und sie hatte Raureif in Ge

sicht. Erst als sie langsam die Augen öffnete, erkannte sie, dass noch viel mehr nicht stimmte, als nur die Temperatur in der Hütte. Sie saß auf der Bank und ihre Arme waren auf dem Rücken gefesselt und sie hatte verdammt nochmal Raureif im Gesicht. Langsam drehte sie den Kopf und blickte im Raum umher. Ihr nächtlicher Besucher lag auf dem Kanapee und schlief, neben ihm lehnte die Axt auf dem Boden und auf dem Boden war Blut. Verdammt viel Blut. Schläft er wirklich? Sein Brustkorb hob und senkte sich. Sie grübelte darüber nach, was gestern Nacht noch geschehen war, nachdem sie den fremden Herrn Brock eingelassen hatte. Und um so mehr sie grübelte, um so weniger konnte sie sich erinnern. Hinter ihr ging die Tür auf und ein Schwall eisig kalter Luft kam in den ohnehin viel zu kalten Raum. Sie konnte nicht erkennen, wer die Hütte betreten hatte.

Eine krächzend lachende Stimme kam vom Eingang der Hütte. ‚Das Täubchen hat das Feuer ausgehen lassen!‘ Sie konnte ein paar schlürfende Schritte hören und dann traf sie ein heftiger Schlag ins Gesicht. Von der Wucht wurde sie hoch geschleudert und stieß mit dem Kopf gegen die rückwärtige Wand. Wo sie bewegungslos liegen blieb. Benommen versuchte sie sich von der noch unangenehmeren Haltung zu befreien. Aber ihr eigenes Gewicht drückte so auf ihre Arme, dass sie ihren Körper kaum hoch hieven konnte. Jemand packte sie am Hals und zog sie hoch. Dabei stießen ihre verkrampften Beine gegen die Tischkante.

‚So, Täubchen. Vielleicht willst du mir ja jetzt sagen, was du mit dem sauberen Herrn Dr. Brock zu schaffen hast?‘ kreischte die Stimme ihr nun direkt ins Gesicht. Sie konnte seinen stinkenden Atem riechen. Ihre Sinne schwanden wieder, bis sie ein weiterer Schlag wieder aus der nahenden Ohnmacht riss.

Als sie ruckartig die Augen öffnete, kam auch der Schmerz. Der letzte Schlag musste ihre Nase gebrochen haben, aus der nun Blut lief. Sie blickte in das Gesicht ihres Peinigers. Ein wilder Mann mit zerzausten Haaren und einem ungepflegten Bart starrte sie mit dem ihm eigenen, irren Blick an. Und sein Blick passte so unmissverständlich zu seiner Stimme, dass sie sich jetzt auch nicht mehr wunderte, warum er sie aus unerfindlichen Gründen schlug. Dieser Mann war einfach verrückt. Und was zum Teufel macht dieser Verrückte in ihrer Hütte. Diese Abscheu die sie nun empfand, spie sie ihm ins Gesicht. Mit ihrem Speichel spritze auch eine Ladung Blut mitten in sein Gesicht. Wie es schien, freute er sich darüber, dass sie ihn angespuckt hatte. Er lies einfach von ihr ab und widmete sich nun dem ominösen Herrn Dr. Brock. Sie war wieder auf die Bank zurückgefallen und lag nun quer auf der Bank, mit dem Kopf halb unter dem Tisch. Hinter ihr auf der Bank lag etwas. Sie versuchte mit den gebundenen Fingern danach zu greifen. Gott sei dank, es war ihr Nähzeug. Nun versuchte sie lautlos das Nähtäschchen zu öffnen und suchte nach dem Auftrenner. Dieses kleine Trennmesser konnte nun ihr Leben retten. Da war es ja! Während sie mit dem Trennmesser versuchte ihre Fesseln zu durchschneiden, beobachtete sie den Irren und den ominösen Dr. Brock.

Der Irre hatte sich behutsam an den Rand des Kanapees gesetzt und betupfte die Stirn des Dr. Brock mit einem Küchenhandtuch. Er hatte bereits das Feuer wieder entzündet und Wasser aufgestellt. Der Wasserdampf und der Rauch vom Ofen machte die Szenerie noch unwirklicher. Aber als dann die Sonne aufging und die ersten Strahlen durch die gefrorenen Scheiben schien, konnte sie nur noch den aufgewirbelten Staub, den Rauch und den Wasserdampf sehen, aber nichts von dem was sich nur drei Meter von ihr entfernt abspielte.

‚Dr. Brock, es wäre nicht nötig gewesen mich verletzen zu wollen. Ich hätte Ihnen nichts getan. Aber Sie haben es so gewollt. Sie haben mich förmlich darum gebeten ihnen die Hand abzuschneiden, die Sie gegen mich erhoben haben, Dr. Brock!‘ die Stimme des Irren hörte sich erschreckender Weise richtig fürsorglich an.

‚Hariolf, ich wollte dich nicht verletzen.‘ flüsterte Dr. Brock geschwächt.

‚Ihre Axt hatte mich nur knapp verfehlt, Dr. Brock. Ich habe Ihnen alles anvertraut und wie danken Sie es mir. Sie haben es dem Täubchen erzählt… Sie haben es dem Täubchen erzählt….Sie haben es dem Täubchen erzählt…!‘ wiederholte der irre Hariolf, immer und immer wieder, so dass Dr. Brock es kaum schaffen konnte, ihn mit seiner schwachen Stimme zu unterbrechen.

‚Hariolf, ich brauche ärztliche Versorgung, sonst verblute ich!‘ stammelte Dr. Brock.

Sie hörte wieder diesen schlürfenden Gang. Dann öffnete jemand den Ofen. Dieses quietschende Geräusch kannte sie nur zu gut. Durch den Rauch konnte sie etwas Glühendes sehen. War das der Kohlenschieber? Eine Minute später konnte man nur noch einen gellenden Schrei hören, der sogar weit ab der Hütte, noch das Wild aufschreckte.

Nachdem der Schrei verstummt war, war gar nichts mehr zu hören. Sie hatte innegehalten und lauschte mit geschlossenen Augen. Nichts. Kein Atmen. Keine Bewegung. Nur das Prasseln und Knacken des Ofens. Sie konzentrierte sich noch mehr, aber da war nichts. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Da war wieder nur der aufgewirbelte Staub und die Sonnenstrahlen im Raum. Dieser Irre würde sie einfach umbringen, einfach so. Weil sie das Täubchen war, das zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die Ironie dabei war nur, dass sie auf diesen Berg geflüchtet war, um endlich ihre Ruhe zu haben vor den ganzen Verrückten in der großen Stadt. Und jetzt würde sie von einem völlig Irren einfach abgeschlachtet werden. Nein. Das war nicht das, was sie sich noch vor ein Paar Stunden für ihr weiteres Leben zu recht gerückt hatte. Lautlos versuchte sie sich weiter von ihren Fesseln zu befreien. Obwohl es immer noch eisig kalt in der Hütte war, stand ihr, von der Anstrengung sich nahezu bewegungslos befreien zu wollen, der Schweiß auf der Stirn und ihre Hände wurden ganz feucht, so dass sie den Auftrenner kaum noch festhalten konnte.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und sie konnte den Irren sehen, wie er den glühenden Kohlenschieber hoch hielt, ihn in der Hand drehte und ihn aufmerksam beobachtete. Er machte einen Schritt in ihr Richtung. Nun konnte sie diesen süßlichen Geruch wahrnehmen. Der Geruch brennenden menschlichen Fleisches. Er musste dem Dr. Brock seine Verletzung ausgebrannt haben. Bei solchenen Schmerzen wäre es kein Wunder, wenn dieser Dr. Brock nun auch völlig verrückt geworden wäre oder einfach an dem Schock gestorben wäre. Der Irre stand nun vor ihr und hielt ihr das glühende Metall vor die Nase.

‚Kannst du sein Fleisch riechen?‘ fragte er sie. ‚Ich kann sein Fleisch riechen!‘

Noch verrückter ging es ja wohl nicht. Das würde ihr nie jemand glauben. Ihre Fesseln begannen sich langsam zu lösen. Der Irre kam ihr mit dem Kohlenschieber gefährlich nahe und sie konnte sich der Gefahr nicht entziehen. Der Raum war hinter der Bank zu Ende und wenn sie sich von der Bank stürzen würde, dann saß sie unter dem Tisch in der Falle. Jetzt war es an der Zeit ein Stoßgebet an Universum zu schicken.

Wie in einem schlechten Horrorfilm begann der Wasserkessel an zu pfeifen, als das glühende Metall nur noch wenige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt war. Der Irre erschrak und lies den Kohlenschieber fallen. In dem Moment schnellte ihre Hand unter ihr hervor und sie fing den Kohlenschieber auf, bevor er allzu viel Schaden in ihrem Gesicht anrichten konnte. Der Irre hatte sich aber schon abgewandt und war zum Herd geschlürft um den Lärm abzustellen. Mit einen Satz kam sie zum Stehen, strauchelte und stolperte Richtung Kanapee. Der Irre drehte sich um, er hatte den Wasserkessel in der Hand. Sie holte aus und warf den Kohlenschieber nach ihm. Sie traf ihn mitten im Gesicht. Es zischte drei mal. Das Zischen als der glühende Kohlenschieber in seinem Gesicht auf traf und sich in sein Fleisch brannte. Der fallende Wasserkessel, der seinen heißen Inhalt auf seine Füße ergoss und durch diese Verkettung der Ereignisse kam auch der Irre ins Straucheln und stütze sich am Ofen auf, um nicht rücklings zu stürzen. Der Ofen brannte sich in seine Hände. Das war ihre Chance. Sie packte die Axt, die zu ihren Füßen lag und schlug auf den Irren ein. Es ging alles so schnell, dass er sich kaum wehren konnte. Sie schrie und schlug unzählige Male auf ihn ein, bis sein blutiger Leib langsam zu Boden glitt.

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  1. Wie es kaum zu erwarten wäre, fortsetzung folgt….


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