Wenn der Glaube sich selbst nicht glaubt…

Wenn der Glaube sich selbst nicht glaubt…

Winternacht Teil 3

‚Fräulein Müller, sie glaum des doch selber net, dass wir erna des abnehmen!‘ schrie ihr der bierbäuchige Polizeiobermeister der örtlichen Behörden feucht ins Gesicht.

Sie wischte sich seine Spucke aus dem Gesicht und blieb dabei an ihrer Nase hängen. Schmerzverzerrt verzog sie das Gesicht, sie hatte vergessen, dass ja ihre Nase gebrochen war.

‚Zum hundertsten Mal, sprechen Sie bitte mit meiner Abteilung oder lassen Sie mich an meinen Wagen, da ist mein Dienstausweis!‘ meinte sie in einem monotonen Singsang. Sie hatte diesen Satz wirklich schon hundert Mal gesagt.

Ein junger Polizist kam zur Tür herein, legte dem Polizeiobermeister ein Fax hin und verschwand gleich wieder.

Der Polizeiobermeister schrie sie wieder an: ‚Sie ham ihren Arztbericht in die Interne faxen lassen!‘ Er schnaubte vor Wut und wechselte mehrmals die Farben von rot zu weiß.

‚Ja, auch wenn Sie es kaum glauben wollen, so wie es in den Vorschriften steht. Wenn Sie mich nun bitte in meine Zelle führen würden, bis die Kollegen da sind. Herrn Polizeiobermeister!‘ sagte sie schnippisch und hielt ihm die Hände hin, damit er ihr Handschellen anlegen konnte.

‚Wenn ses auf ‚d harte Tour woin, des hama glei…!‘ meinte er im Aufstehen. Er griff an seinem Gürtel, löste die Handschellen und ging um den Schreibtisch herum. Mit einem Ruck zog er sie hoch und stieß sie unsanft gegen die Wand. Er bog ihr die Hände auf den Rücken und befestigte die Handschellen besonders grob an ihren Handgelenken. Mit seinem Bierbauch pinnte er sie dabei an die Wand und durchsuchte sie, dabei konnte sie seinen Atmen auf ihrem Hals spüren. Den Würgereiz unterdrückend schossen ihr ein paar Tränen in die Augen. Sie blinzelte und sah ein Fahndungsbild direkt vor ihrer Nase. Er hatte sie förmlich mit der Nase drauf gestoßen, sie lehnte mit dem Gesicht gegen eine Pinnwand mit Vermisstenanzeigen. Das Bild brannte sich durch ihre Netzhaut in ihr Gehirn. Hariolf Otterbein, Patient eines örtlichen Sanatorium, wurde vor drei Monaten als vermisst gemeldet. Auch ohne Bart und mit Frisur erkannte sie seinen Blick, der auf dem Foto weniger verrückt zu sein schien. Aber er war es, der verrückte Irre.

Sie wurde in eine Zelle gebracht, dort saß sie eine Zeit lang mit auf dem Rücken behandschellten Armen und rauschenden Kopf. Wo war der Fehler. Da muss irgendwo ein Fehler sein. Sie kam nicht drauf, wo der Knackpunkt an dieser Geschichte war. Und ihr fiel einfach nicht ein, was in der Zeit passiert war, zwischen dem Eintreffen des Dr. Brock und dem Morgen, als sie gefesselt auf dem Tisch aufgewacht war. Die Ärzte hatten ihr zwar erklärt, was theoretisch geschehen war, aber sie konnte sich einfach an nichts erinnern und sie wusste nicht, ob diese Unwissenheit nun besser war für sie oder ob es alles noch viel schlimmer machte, ahnungslos zu bleiben.

Ein Schlüssel würde ins Schloss gesteckt und umgedreht. Von dem Geräusch schreckte sie aus ihren wirren Gedanken. Noch bevor die Zellentür aufschwang, hatte sie sich einigermaßen gesammelt. Der junge Polizist stand in der Tür und kam zögernd in die Zelle. Zaghaft half er ihr auf und brachte sie wieder in das Büro des Polizeiobermeisters. Im Zimmer saß ihr Abteilungsleiter auf dem Sessel des Polizeiobermeisters und der Polizeiobermeister machte gerade Anstalten zu gehen. Beide waren wohl nicht gerade begeistert von den Geschehnissen.

‚Was soll denn dass bitte? Machen sie sofort die Handschellen auf!‘ befahl ihr Abteilungsleiter in seinem üblichen scharfen Ton. Es ging einfach runter wie Öl, weil sie ausnahmsweise mal nicht von ihrem Chef angeschrien wurde.

Er war aufgestanden, schritt an ihre Seite und wartete bis alle anderen den Raum verlassen hatten. Dann legte er ihr einen Zettel auf den Tisch, berührte eine Sekunde lang ihre Schulter, wand sich ab und ging wieder zurück, um sich auf den Bürostuhl zu setzen.

Ihre Handgelenke reibend las sie was auf dem Zettel stand. ‚Bitte vergiss was ich dir in den nächsten 10 Minuten an den Kopf werfe! Wir reden im Wagen!‘

Im Aufblicken versuchte sie zu lächeln, es gelang ihr aber nicht. Tief einatmend griff er über den Tisch, nahm den Zettel, faltete ihn ordentlich und steckte ihn in die Innentasche seines Jacketts.

‚Frau Müller, wollen Sie mich verarschen? Sie zerhacken einen vermissten Irren mit einer Axt und glauben dann, dass ich in dieses Kuhkaff geeilt komme, um ihnen aus der Scheiße zu helfen!‘ Er machte eine Pause und grinste sie schuldbewusst an, bevor er fort fuhr. ‚Wie Notwehr? Notwehr! Sie haben den armen Irren zerstückelt, mit einer Axt, vorher wollten sie ihn grillen. Das ist am Arsch keine Notwehr.‘ Wieder machte er eine Pause und blickte sie dabei entschuldigend an.

‚Wie sexuelle Belästigung? Vergewaltigung, ja genau? Was weiß ich, was sie mit dem armen Irren da auf der Hütte getrieben haben.‘ Die nächste Pause war für ihn schlimmer als für sie, obwohl ihr bereits die Tränen aus den Augen schossen. ‚Ich muss ja wohl nicht erwähnen, dass Sie suspendiert sind und dass sie nicht nur ein Verfahren am Hals haben, Frau Müller! Alles weitere klärt der Staatsanwalt.‘ Mit Beendigung dieses Satzes war er wieder an ihrer Seite, berührte diesmal etwas länger ihre Schulter und hielt ihr seine Handschellen vor die Nase. Willenlos hob sie die Hände und lies sich erneut fesseln. Die Tränen liefen ihr über ihre Wangen, als sie von ihrem eigenen Abteilungsleiter aus der Polizeistation geführt wurde. Unsanft wurde sie in seinen Dienstwagen gestoßen, dabei hatte er ihr unbemerkt die Handschellen wieder geöffnet. Als sie sich im Wagen langsam aufrichtete, schnallte er sie liebevoll an. Sie bemerkte, dass seine Hände dabei zitterten. Erst im Auto löste sich dieses makabere Schauspiel auf.

‚Um Himmels Willen, Emma. In was für eine Scheiße bist du da geraten? Dieser Irre war schon seit Monaten vermisst und dieser Dr. Brock ist aus dem Krankenhaus geflohen, noch bevor wir ihn verhören konnten. Ich habe den Arztbericht gelesen, Emma. Es tut mir leid. Ich genehmige dir nie wieder Urlaub, wenn die Sache hier vorbei ist, ja! Was haben die Ärzte noch gesagt?‘ er blickte mit einem sorgenvollen Blick nach hinten, während er mit einem Affenzahn aus dem Ort auf die Landstraße bretterte.

‚Ähm, das war’s wohl mit der Familienplanung…ich kann mich an nichts erinnern. Mir fehlen ungefähr 5 Stunden.‘ stotterte sie. ‚Ich kann mich einfach an nichts erinnern!‘

‚Okay, ich hoffe, dass du diesen Dorfbullen nichts davon erzählt hast? Sonst haben wir vor Gericht mit Notwehr keine großen Chancen.‘

‚Was heißt hier eigentlich wir?‘ fragte Emma.

‚Hey, Emma. Ich lass Dich jetzt nicht hängen. Okay!‘ meinte er wieder in seinem Befehlston, dabei drehte er sich wieder mit dem Kopf nach hinten und blickte sie einen langen Moment lang ernst an. Dieser Satz wäre nicht weniger irritierend gewesen, wenn sie ihn nicht besser kennen würde. Er war ihr Abteilungsleiter in der Internen Abteilung und sie hatten vor einem Jahr eine kurze Affäre, die sie schlauerweise schnell beendet hatte, bevor irgendjemand davon Wind bekam. Sie waren beide zu sehr Profis in ihrem Beruf, als dass dies irgendeine Auswirkung auf ihre tägliche Arbeit gehabt hätte. Und gerade jetzt schaut er sie wieder so an. Gerade jetzt nach diesem Horrortrip.

‚Emma, ist es denn in Ordnung, wenn ich dir helfe?‘ fragte er kleinlaut.

‚Ähm… ja… natürlich… Danke… Rutger. Das ist lieb von dir! Danke!‘ erwiderte sie völlig erschöpft.

Plötzlich bremste er und fuhr rechts ran. Wie von einem Blitz getroffen sprang er aus dem Auto, rannte außen um das Auto herum und riss die Tür auf, hinter der sie saß.

‚Tut mir leid! Ich hab…!‘ meinte er und sie verstand nicht was er meinte. Vorsichtig griff er nach den offenen Handschellen, die er mit samt den Armen unter dem Gurt eingeklemmt hatte. Er befreite sie davon und half ihr aus dem Auto. Ohne ein weiteres Wort nahm er sie in den Arm und drückte sie. Ihre Knie gaben nach und sie sackte kraftlos in seine Umarmung. Liebevoll bugsierte er sie auf den Beifahrersitz und schnallte sie wieder an. Die Handschellen blieben auf dem Rücksitz liegen. Er erklärte ihr, wo er sie hinbringen würde und dass er einen sehr guten Anwalt für sie hatte, aber davon bekam sie nur noch Wortfetzen mit. Während er das Auto über die Autobahn Richtung der großen Stadt heizte, schlief sie bereits tief und fest, immer noch ahnungslos. Sie hatte aufgehört über die fehlenden 5 Stunden nachzudenken.

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