Jakobsweg – Ich muss mehr sündigen…

Jakobsweg Zeitreise Ich muss mehr sündigen…

Pilgern 2009

Die letzten 2,5 Kilometer bis Pfarrkirchen sind die absolute Hölle. Es ging den Berg jetzt wieder doppelt so steil wieder runter, den ich vorhin noch halbwegs munter hinaufgeschlichen bin. Ich musste mich an den Gartenzäunen festhalten, sonst hätte ich den Berg nicht wieder hinunter geschafft. Meine Wade macht ein komisches Geräusch, ich glaube meine Achillessehne ist angerissen. Na, hoffentlich kommt jetzt nicht Orlando Bloom um die Ecke und schießt mir im Legolas-Style in die Wade. Nach einer halben Ewigkeit bin ich dann unten am Berg angekommen und kaum ist der Weg wieder gerade, geht meine Blase auf, die ich ja eigentlich gar nicht haben sollte. Mein Leben ist ein Alptraum. Würde jetzt gerne was schönes und niedliches kaputt machen. Was für eine Scheiße. Ich humple also weiter und versuche meinen Fuß zumindest an der offenen Blase nicht zu belasten. Mit einer Kraxe auf dem Rücken ist das nicht unbedingt leicht. Das Universum muss mich ganz schön hassen. Habe ich etwa nicht genügend gebetet. Das glaube ich nicht. An irgendwas muss es doch liegen, dass ich so eine Pechsträhne habe. Vielleicht habe ich ja wenigstens etwas im Lotto gewonnen. In der Liebe klappte es ja immerhin auch nicht. Ich glaube ich hänge mich jetzt einfach mit samt meiner Kraxe auf und mache Schluss mit der Scheiße. Und vorher erschlage ich noch ein paar Katzen und deren Besitzer mit meinem Pilgerstab.

Ich finde keinen Baum an dem ich mich aufhängen könnte und an dem Bach an dem ich vorbeikomme, hätte ich nicht mal eine Katze ertränken können. Also schleppe ich mich weiter. Wenn sich meine Blase jetzt noch entzündet, dann hätte ich eine doppelte Blasenentzündung, das wäre mir fast der Spaß wert damit zum Arzt zu gehen.

Irgendwie bin ich zwar jetzt schon in Pfarrkirchen, aber ich laufe an einer Umgehungsstraße entlang. Ich komme mir jetzt noch mehr einsam und alleine vor. Das Alleinsein macht mir ja eigentlich nichts aus, weil ich eigentlich gerne alleine bin, alleine schreibe ich die besten Geschichten, alleine lenkt mich keiner ab. Aber ich bin jetzt irgendwie schon im nächsten Level von Alleine angekommen, ich fühle mich irgendwie unvollständig. Als würde mir etwas zum Leben fehlen. Jemand zum Leben fehlen. Niemand bestimmtes, einfach jemand, der mir Vollständigkeit gibt. Ich glaube ich habe sie wirklich nicht mehr alle beisammen. An Unvollständigkeit grenzende Tatsachen sozusagen. Dazu gibt es auch ein schönes Filmzitat von Echte Kerle. Ich hoffe ich kriege es aus dem Stegreif hin. Wenn ein Kopffüßler (Tintenfisch, Krake, was auch immer) zu lange alleine lebt, dann fängt er an, vor Einsamkeit, sich die Arme abzubeißen. Wie gesagt, es ist ein Filmzitat. In Wirklichkeit ist es bei den Kopffüßlern so, dass die Männchen gleich nach dem ersten Geschlechtsakt sterben und die Weibchen zwischen legen und schlüpfen des Nachwuchses sterben. Beides ist nicht besonders aufmunternd. Wenn der jungfräuliche Kopffüßler sich die Arme abbeißt, weil er keine Frau abkriegt oder wenn er stirb, weil er eine Frau abgekriegt hat. Himmel, jetzt bin ich noch viel mehr deprimiert als vorher.

Ich bin ja eigentlich auf dem Jakobsweg und schleppe mich und meine Kraxe nach Pfarrkirchen. Ich muss schon wieder aufs Klo und mein linker Fuß fühlt sich so an, als wäre er eine einzige Blase. Jetzt achte ich nicht mehr wirklich auf die Jakobswegschilder, sondern will nur noch so schnell wie möglich zu meinem Auto. Ich bin so im Arsch, dass ich kaum noch weiter kann. Ich achte nur noch auf die Bahngleise und überlege, wie ich am schnellsten zu meinem Auto komme, ohne aber dabei völlig aufzugeben. Ich habe nicht vor mich dahin fahren oder tragen zu lassen. Ich komme an einem Autohaus vorbei und es fragt mich ein alter Mann, was ich da mache. Ich bin dankbar für die kleine Pause und erkläre ihm kurz, was ich da mache. Er kramt in seiner Hosentaschen und drückt mir 2 Euro und 20 Cent in die Hand. Ich soll ihm eine Kerze stiften, wenn ich in Altötting ankomme.

Toll, ich hatte mich innerlich eigentlich schon entschlossen aufzugeben und nachhause zu fahren. Was mache ich denn jetzt, ich kann doch jetzt nicht aufgeben und die 2 Euro einfach behalten. Es ist echt nicht einfach aufzugeben und sich seine Niederlage einzugestehen. Am schwierigsten ist es seine Schwäche vor anderen zu zeigen. Kurz bevor ich den Jakobswegs endgültig verlasse, um zu meinem Auto zu gehen, sehe ich wie der Weg einen Berg hinauf geht zu der Wallfahrtskirche Gartlberg, die ich heute wohl nicht mehr sehen werde. Selbst ohne Kraxe würde ich zwar rauf kommen, aber wahrscheinlich nicht mehr runter. Ich verlasse den Jakobsweg und frage mich zum Bahnhof durch. Kurz vor dem Bahnhof, kommt mir eine Frau mit ihrem Kind entgegen. ‚Ui, schau mal der Nikolaus!‘ meint das Kind. Sehr witzig. Hohohoho.

Wenig später bin ich an meinem Nemo angekommen. Mit zitternden Fingern binde ich die Kraxe von meinem Rücken und lasse sie einfach auf den Boden fallen. Ich krame nach meinem Schlüssel und drücke aufs Knöpfchen, wuchte meine Kraxe auf den Beifahrersitz und verpisse mich erst mal hinter mein Auto. Da war sie wieder meine Blasenentzündung und diesmal sind mir mögliche Zuschauer scheiß egal. Dann lasse ich mich auf den Rücksitz meines Autos fallen und bleibe erst mal eine geschlagene Stunde reglos liegen. Dann beschloss ich meine Füße zu untersuchen. Ich habe 6 Blasen auf dem Fußballen und zwei an der Seite, davon ist eine nicht nur bereits aufgeplatzt, sondern sieht schon ziemlich unschön aus.

Meine Füße fühlen sich so an und sehen auch so aus, als wäre ein Panzer drüber gefahren. Das liegt jetzt wohl an meinen Bi(e)nchensocken, mit meinen Pilgersocken, wäre das wohl auch nicht passiert. Der rechte Fuß scheint halbwegs in Takt zu sein.

Und mein Arsch tut mir weh, ich befürchte meine Kraxe hat mir beim Laufen so den Arsch versohlt, dass ich jetzt bestimmt blaue Flecken am Hintern hab.

Mein Fazit ist, dass ich im letzten Jahr anscheinend zu wenig gesündigt habe, so dass sich der Weg irgendwie nicht gelaufen werden will. Aber ich werde nicht aufgeben. Ich werde Stück für Stück weiter machen und irgendwann werde ich wohl mal an meinem Ziel ankommen, wo auch immer dieses Ziel sein wird. Und ich werde dieses Jahr zum Jahr der Sünde ausrufen.

Am nächsten Tag bin ich nach Altötting gefahren und habe zwei Kerzen angezündet. Eine für mich und eine für den alten Mann. Nur die 2 Euro habe ich behalten, es ist ein 2 Eurostück aus Spanien. Das ist ein Zeichen, oder? Trotz meiner Niederlage, habe ich jetzt einen Arsch voll Glücksbringer aufgeladen, die mir hoffentlich für die Zukunft mehr Glück bringen werden. Naja, mein Dieter Bohlen (Tinnitus) nervt zwar wieder, aber dem werde ich jetzt als erstes das Maul stopfen.

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