Wenn sich eine Lücke schließt…

Wenn sich eine Lücke schließt…

Winternacht Teil 4 – Sieben Jahre später.

Vor Gericht hatte man sie damals freigesprochen. Notwehr. Obwohl sie es nicht hätte müssen, hatte sie doch ihren Dienst quittiert und war allein aufs Land gezogen. Rutger kümmerte sich nach wie vor rührselig um ihr Wohlbefinden. Sie zog es aber dennoch vor allein zu bleiben. In ihr rumorte Tag für Tag ein ruheloser Geist. Dieser Geist trieb sie immer wieder in die Berge. Immer wieder stieg sie diesen Berg hinauf. Immer wieder stand sie vor dieser Hütte. Dennoch hatte sie die Hütte seit dieser Nacht nie wieder betreten. Sie stand immer nur davor, stundenlang. Aber sie ging nicht hinein. Nie. Sie konnte einfach keine Gewissheit darüber haben, was damals in diesen 5 Stunden wirklich geschehen war. Und die Angst davor hinderte sie daran tatsächlich in diese Hütte zurückzukehren. Im Grunde ihrer Herzens wollte sie wahrscheinlich nie die Wahrheit über das Geschehene erfahren.

Irgendwann war ihr ein großer, schwarzer Hund zu gelaufen, der sie von nun an auf Schritt und Tritt begleitete. Sie hatte eine Anstellung als Handarbeitslehrerin angenommen. Die Arbeit mit den Kindern, half ihr nur wenig darüber hinweg, dass sie selbst keine Kinder mehr kriegen konnte.

Selbst sieben Jahre nach Beendigung ihres Falles blieben viele Fragen ungeklärt. Nicht nur die fehlenden 5 Stunden, sondern auch das seltsame Verschwinden des ominösen Dr. Brock, ließen sie Nachts oft schweißgebadet aufschrecken. Sie versuchte irgendwie damit fertig zu werden. Irgendwie.

Es war wieder Winter und sie beschloss sich einen Weihnachtsbaum zu holen. Ihr Hund begleitete sie natürlich. Sie fuhr zu einer nahegelegenen Baumschule. Dort musste man seinen Weihnachtsbaum selbst schlagen. Sie bekam eine Axt in die Hand gedrückt und dann zeigte man ihr, wo sie sich einen Baum aussuchen konnte.

Es waren zwar viele Kunden auf dem verschneiten Gelände der Baumschule unterwegs, aber die Massen verliefen sich auf dem riesigen Areal. Ein Stück entfernt hörte sie ein junges Mädchen freudig quietschen: ‚Papa, kuck mal, voll der süße Hund. Da kuck!‘ Am Ende vom Weg konnte sie ein Mädchen mit den Armen wedeln sehen. Das Mädchen meinte doch nicht ihren schwarzen Teufel. Dieser zerzauste Köter war jenseits von süß, er war deswegen nicht weniger liebenswürdig, aber süß war er bestimmt nicht.

‚Jetzt kuck doch. Darf ich den streicheln? Bitte!‘ meinte das kleine Mädchen aufgeregt.

Eine merkwürdige Männerstimme ertönte: ‚Da musst du die nette Dame fragen, Emma.‘

Sie schaute sich blitzschnell um und sie sah ein kleines Mädchen, dass auf sie zu lief. Wie in einem Traum gefangen stand sie auf dem Weg und hatte immer noch die Axt in der Hand. Das kleine Mädchen sah aus wie sie selbst, als sie noch ein Kind war. Hinter ihr kam ein Mann den Weg entlang gelaufen.

‚Eine schöne Axt haben sie da!‘ meinte der Mann. Das Kind war vor ihr stehen geblieben und blickte sie fragend an. Der Mann hatte die Kleine mittlerweile eingeholt und legte beide Hände auf die Schultern der Kleinen. Er hatte einen Lederhandschuh an der rechten Hand und seine linke Hand, war eine Prothese.

‚Na, meine Kleine. Du möchtest meinen Hund streicheln?‘ Die Kleine nickte. ‚Dann lauf los. Er tut dir nichts. Er will nur spielen.‘

Die Kleine rannte los. Als sie außer Hörweite war, begann der Mann zu sprechen:

‚Man trifft sich immer zwei mal im Leben, was?‘

‚Sie verfluchter Bastard!‘ meinte Emma völlig trocken.

‚Aber nein Fräulein Emma, ich wollte ihnen nichts Böses tun, ich wollte nur ihre Eierstöcke für meinen Gen-Plan. TzzTzzTzz. Und Sie sollten sich doch an nichts erinnern…!‘

Sie hob die Axt und schlug schnell und kraftvoll auf den ominösen Dr. Brock ein, bis sein Körper langsam und blutüberströhmt zu Boden glitt. Dann schlug sie sich selbst den Stiel der Axt mehrmals ins Gesicht und steckte ihm den blutigen Stiel in seine reglose Hand und zog sie wieder heraus. ‚Die Axt ist im Mietpreis inbegriffen, Dr. Brock!‘ Schwankend richtete sie sich auf, tappte langsam den Weg entlang und lies irgendwann die Axt in den Schnee fallen. Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche und wählte Rudger’s Nummer. ‚Ist es in Ordnung, wenn du mich nochmal aus der Scheiße ziehst?‘

Als sie aufgelegt hatte, lies sie sich langsam auf die Knie in den Schnee sinken.

‚Geht es Ihnen gut?‘ Das kleine Mädchen stand plötzlich vor ihr.

‚Jetzt geht es mir gut, kleine Emma!‘ seufzte die große Emma.

‚Mein Papa war ein böser, böser Mann, stimmts?‘ flüsterte die Kleine.

‚Ja, Emma!‘

‚Darf ich bei Ihnen bleiben?‘

‚Aber natürlich, Emma!‘

Happy-End?!

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