An der Säule

An der Säule

Nach getaner Arbeit saß sie im Vorraum zur Küche und blickte durch das Fenster nach draußen. Ihr Blick war genauso hoffnungsvoll, wie traurig. Die Sonne küsste gerade noch die Bäume, bevor sie dahinter verschwand. Schwer seufzend zog sie die schweren Vorhänge zu. Als sie sich bückte, um die Vorhänge mit einem schweren Stein zu beschweren, krachte etwas flatternd gegen den Stoff. Aufgeregt riss sie den Vorhang wieder auf. Da saß eine Taube auf dem Fenstersims und guckte sie an. Bereitwillig lies sie sich aufnehmen und ins Innere heben. Hastig zog sie etwas vom Bein des Tieres. Ein Zettel. ‚Noch vor Mitternacht an der Säule. In Liebe.‘

Hastig kritzelte sie etwas auf den Zettel, befestigte ihn wieder an der Taube und lies sie fliegen, als sie zur Tür hinaus eilte. Schnellen Schrittes lief sie zu ihrer Kammer und warf die Arbeitskleidung von sich, wusch sich schnell und hüllte sich in ein frisches Gewand. Sie wickelte sich in einen Umhang, den sie sich auch über den Kopf legte und verließ ihre Behausung. Draußen war es bereits dunkel geworden. Die Zikaden zirpten ihr Lied. Es war nicht weit zu den Gärten der Herrschaften, für die sie arbeitete. Geduckt lief sie in die Nacht. Vom Herrenhaus ging ein Weg hinunter bis zum See und zum meist verlassenen Seehaus. Der Weg wurde von einer langen Pergola gesäumt, deren Balken von Weinranken umhüllt waren. Auf der Hälfte des Weges zum See bildete die Pergola ein Rondell, in deren Mitte eine abgebrochene Säule stand. Sie hatte nie herausbekommen, warum gerade diese Säule dort stand und warum immer mal wieder Blumen dort niedergelegt wurden.

Dies war im Übrigen auch der einzige Punkt der Pergola, der nicht von beiden Seiten des Weges einzusehen war. Herankommende Personen würde man erst hören und bevor man selbst zu sehen wäre. Das gab einem noch genug Zeit sich durch die Ranken aus dem Staub zu machen. Ein perfekter Treffpunkt für ein Stelldichein.

Das Seehaus wurde nachts nie bewacht, weil keiner so dumm war, die lange Strecke am Felsen entlang im Dunkeln zu schwimmen und dann noch den steilen Weg hinauf zum Seehaus zu steigen, so dachte der Hausherr. Falsch gedacht, ihr Liebster nahm die Strapazen mehrmals in der Woche auf sich, nur um sich mit ihr zu treffen. So verrückt war er nach ihr.

Leichten Fußes eilte sie den Weg in der Pergola entlang. Völlig lautlos, dass hatte sie mittlerweile gelernt. Eigentlich war es ihr nicht gestattet, sich mit überhaupt jemanden zu treffen. Die Herrschaften waren sehr streng mit ihr. Ihr Herz pochte immer lauter, um so näher sie an die Säule kam. Sie hielt sich den Mantel gegen die Brust und hoffte ihr Herz beruhigen zu können. Ein sinnloses Unterfangen, jeder in ihrer Nähe würde ihr Herz laut pochen hören können. Der Weg machte eine Biegung und da war die besagte Säule. Durch ein Loch in der Rankendecke drang Mondlicht hindurch und spiegelte sich an der Säule. So dass es den Anschein hatte, als würde sie im Dunkeln leuchten. Ihr Schritt wurde langsamer. Ihr Herz aber schien ihr fast aus der Brust zu springen. An der Säule angekommen, glitten ihre Finger über den kalten Stein. Langsam ging sie in die Knie und setzte sich genau in den Schatten der Säule und lauschte. Sie hörte nur Herz pochen. Dann die Zikaden. Der Wind rauschte durch die Weinranken. In der Luft lag der süßliche Duft der Weintrauben und vom Wind wurde der Duft von Lavendel von den Gärten zu ihr herüber getragen. Sie seufzte und zog langsam die Luft zwischen ihren Zähnen hinein. Ihre Gedanken galten nur ihm, niemand anderen. Sie verzehrte sich nach seinen Berührungen. Nach seinen Küssen. Seiner Zunge, wie sie über ihren Körper glitt. Sie bemerkte, wie sie allein an den Gedanken daran erregt wurde. Ein Schauder lief ihr über den Rücken und sie fühlte die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen…

%d Bloggern gefällt das: