Steter Tropfen höhlt den Stein 1

Steter Tropfen höhlt den Stein 1

Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag sein Kopf auf meinen Brüsten. Wir lagen beide auf der Seite und er hatte beide Arme um meinen Körper geschlungen. Seine Umarmung war fast schon liebevoll. Ich strich ihm behutsam ein paar Haarsträhnen glatt.

Wir lagen noch eine Weile so da, bis eine ältere Frau gebückt das Zelt betrat. Sie brachte einen Krug mit einer dampfenden Flüssigkeit herein und goss den Inhalt in eine große Schüssel. Dann verließ sie rückwärts laufend das Zelt, in der selben gebeugten Haltung, wie sie vor wenigen Momenten hereingekommen war. Ich schlüpfte aus seiner Umarmung.

Als die alte Frau erneut das Zelt betrat, saß ich völlig außer Atem und schweißgebadet an der Bettkante und stierte Löcher in die Luft. Sie stellte ein Tablett mit Essen und heißem Gebräu auf einen Hocker ab, der neben dem Bett stand. Dann nahm sie mich bei der Hand und zog mich zu dem Becken, ohne mich auch nur einmal direkt anzublicken. Sie half mir beim Waschen und hüllte mich in frische Kleider. Bevor sie wieder verschwand, wies sie noch auf das Tablett. Ich setzte mich an die Bettkante und probierte das Gebräu und aß etwas.

Als ich erwachte, sah ich sie mit dem Rücken zu mir an der Bettkante sitzen. Sie schreckte hoch und drehte sich gleichzeitig zu mir um. Mit ihren großen Augen schaute sie mich erschrocken an, dann bot sie mir mit zitternden Händen das Stück Gewürzbrot an, von dem sie gerade essen wollte. Ich machte wohl eine zu hastige und abweisende Bewegung, als ich zu ihr hin rutschte und ihre Hand weg schieben wollte. Wenn der Bettpfosten sie nicht aufgehalten hätte, wäre sie vor Schreck wahrscheinlich aus dem Bett gefallen. Ihr standen Tränen in den Augen, als sie aufblickte und mich völlig entsetzt anstarrte. Sie hatte beide Hände mit samt dem Stück Gewürzbrot an ihre Brust gedrückt.

‚Sch…sch…sch… hab keine Angst!‘ So sanft ich auch nur konnte, versuchte ich sie zu beruhigen. ‚Du bist hier in Sicherheit, es wird dir hier niemand etwas zu Leide tun!‘

Der Klang meiner Stimme versetzte sie aber nur noch mehr in Unruhe. Ich hatte irgendwie den Eindruck, dass sie mich nicht nur überhaupt nicht verstand, sondern dass sich unsere Sprache für sie mehr als bedrohlich anhören musste. Plötzlich wurde mir gewahr, dass ich nicht nur völlig nackt war, sondern dass mir auch eine beachtlicher Morgenlatte vorstand. Ich sprang aus dem Bett und pfiff nach meinem Laufburschen. Ich wusch mich und zog mir zumindest eine Hose an. Der Junge kam ins Zelt geeilt. Ich erklärte ihm, dass sie mich nicht verstehen würde.

Er schrie mich an. Ich verstand kein Wort von dem, was er mir da sagen wollte. Das machte ihn noch rasender. Er kam mir immer näher und wollte mich allen Anschein nach beschwichtigen. Ihm war nicht bewusst, dass er immer noch nackt war und sein beachtlicher Schwanz zur vollen Größe aufgerichtet war. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Irgendwann bemerkte er seine eigene Nacktheit und sprang aus dem Bett. Er pfiff nach etwas oder jemanden. Ich verstand überhaupt gar nichts mehr.

Ein junger Bursche betrat mit gebeugten Kopf das Zelt und sagte mir etwas völlig Unverständliches. Der Mann hatte sich mittlerweile eine Hose über gezogen und sprach hastig mit dem Jungen.

Der Junge wand sich zu mir und sprach: ‚Kannst du mich verstehen?‘

Ja konnte ich, ich nickte. Er sprach weiter, währenddessen der Mann im Hintergrund weiter vor sich hin zeterte. ‚Mein Herr, Fürst Utem möchte klarstellen, dass seine Erhabenheit dir kein weiteres Leid zu Teil werden lassen möchte. Du brauchst also keine Angst mehr zu haben, du bist hier in Sicherheit. Hast du das verstanden?‘

Ich nickte wieder.

‚Mein Fürst möchte deinen Namen erfahren.‘ meinte der Junge.

Ich versuchte meinen Namen in meinem Mund zu bilden, aber es kam kein Ton heraus. Der Junge kam einen Schritt näher, aber es kam weiter kein Laut aus meiner Kehle. Panisch zog ich den Jungen zu mir herab und drückte sein Ohr an meinen Mund. Ich brachte das Wort nur in Bruchstücken heraus: ‚E-el-le-eo-on-no-or-ra!

Der Junge wand sich aus meiner Umklammerung und wiederholte: ‚Eelleeoonnoorra? Ahh! Eleonora!‘

Ich nickte wieder.

Der Junge drehte sich zu seinem Herren und sagte wieder etwas unverständliches zu ihm, was ich bis auf meinen Namen nicht verstand. Bloß Fürst Utem schien bei meinem Namen ernsthafte Schwierigkeiten mit der Aussprache zu haben. Sie einigten sich auf Elen. Ich nickte einfach nochmal. Elen hatte mich meine Mutter immer genannt. Fürst Utem hatte sich mittlerweile vollständig angezogen. Der Junge brachte ihm seinen Tee, den er sich mit einem Schluck in den Rachen stürzte. Mit einer geschickten Handbewegung warf er dem Jungen den leeren Becher zu und dieser stellte ihn wieder auf dem Tablett ab. Irgendwie kam es mir so vor, als ob sie dieses Spielchen schon öfter gespielt hatten. Der Junge half seinem Herrn in seine Rüstung. Er redete weiter auf den Jungen ein, nun aber viel sanfter. Dann schritten sie beide zu mir herüber. Fürst Utem nahm meine Hand, ich stand aus Gewohnheit auf. Dann sagte er wieder etwas und der Junge übersetzte. ‚Mein Fürst, möchte dass ich dir sage, dass er nie eine schönere Frau erblickte, auch nicht in seinen Träumen und er möchte dass du weißt, dass es dir freigestellt ist zu bleiben. Er wäre aber sehr unglücklich darüber, wenn du dich entschließen würdest gehen zu wollen.‘

Fürst Utem küsste meine Hand, dann blickte er mich fragend an. Mir wurden die Knie weich und ich musste mich wieder setzten. Die Nähe zu ihm, wühlte mich zu sehr auf, um aufrecht stehen bleiben zu können. Er setzte sich neben mich aufs Bett und blickte mir fast durch den Kopf. Ich versuchte seinem Blick stand zuhalten, dabei schossen mir die Tränen in die Augen. Er packte mich und drückte mich fest an seine Rüstung. Der Junge erlaubte sich etwas zusagen, als er bemerkte, dass ich nach Luft schnappte. Blitzschnell löste er die Umarmung, hielt mich aber an beiden Schultern fest und beäugte mich so, als wäre er nicht sicher, ob er mich kaputt gemacht hätte. Ich versuchte zu lächeln. Mit einer hochgezogenen Augenbraue starrte er mich weiter unverwandt an, redete aber wieder mit dem Jungen.

‚Mein Herr will dich zu nichts drängen, aber wir müssen weiter ziehen.‘

Von draußen kamen Stimmen herein. Er sprang vom Bett auf, rannte in Richtung Zeltausgang und schrie wieder in seinem üblichen Tonfall. Mir stellte es wieder die Nackenhaare auf. Der Junge nahm mich bei der Hand, grapschte mit der anderen Hand nach den restlichen Brotstücken, die noch auf dem Tablett lagen und schleifte mich aus dem Zelt.

Mampfend sagte er zu mir: ‚Du brauchst wirklich keine Angst von ihm zu haben, er ist ein ganz ein Lieber.‘ Es kam mir so vor, als würde er von einem Tier reden und nicht von seinem Fürsten. Die Leute vor dem Zelt machten sich an den Abbau des fürstlichen Schlafzeltes. Es kam ein älterer Mann an einem Stock gestützt auf uns zu.

‚Das ist der Geistheiler des Fürsten. Vor ihm brauchst du auch keine Angst zu haben, er sagt du wärst eine weiße Hexe und das wäre immerhin ein ziemlich gutes Omen in den heutigen Zeiten.‘

Der alte Mann trat ganz nah an mich heran und sprach, mehr mit meinem Geist als mit seiner Zunge. ‚Der Fürst ist ein dummer Junge, dich wegschicken zu wollen. Meine Kräfte schwinden und wer, wenn nicht du, soll den Fürsten beschützen, wenn ich erst bei den Ahnen bin.‘

Ich nickte mehr automatisch, als gewollt und versuchte wieder zu reden, aber es gelang mir nicht. Es kam nur ein merkwürdiges Krächzen aus meiner Kehle. Der alte Mann nahm mich an meinem Kinn und zog mein Gesicht zu sich heran. Er schaute mir in den Mund.

Der Junge meinte nur: ‚Keine Angst, der alte Mann weiß schon was er tut!‘

Er schüttete den Inhalt eines kleinen Lederbeutels in meinen Hals und goss den Inhalt seines Trinkschlauches hinterher. Ich versuchte nicht daran zu ersticken und schluckte mehr oder weniger bereitwillig. Die Flüssigkeit war ein ziemlich übelriechender Kräuterschnaps gewesen, der schrecklich brannte, bis in meinem Magen und wieder zurück. Er steckte seine Utensilien wieder in seinen Gürtel, wo er sie davor wahrscheinlich hervor gezaubert hatte. Dann rieb er seine Hände und massierte meinen Hals, dabei sprach er mit dem Jungen, der daraufhin davon lief. Ich blickte ihm nach. Wenig später kam er mit zwei Pferden wieder. Der alte Mann löste sich von meinem Hals und hinkte zu seinem Pferd. Er zog etwas aus seiner Satteltasche und legte es mir um den Hals. Es roch nach Kräutern und gleich wurde es warm um meinem Hals.

‚Kannst du reiten?‘ fragte der Junge. Ich zuckte mit den Schultern. ‚Dann lernst du es jetzt.‘

Ich zog eine Augenbraue hoch und blickte auf den alten Mann. Dieser befestigte seinen Stab am Sattel und schwang sich so schwungvoll und behände, wie ein junger Krieger, aufs Pferd. Dieser alte Mann hatte es faustdick hinter den Ohren. Er gab seinem Pferd einen leichten Stoß und preschte zum Fürsten hinüber, um ihm dann mit der flachen Hand auf den Hinterkopf zu schlagen. Ich befürchte, dass er ihm genau dass sagen würde, was er eben zu mir gesagt hatte. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich jedes Wort von ihm verstanden hatte. Das Zelt des Fürsten war bereits zusammengelegt worden und wurde auf einige Packpferde verteilt. Ansonsten war das ganze Lager bereits abgebrochen und teilweise zogen sie schon weiter. Es waren Frauen und Kinder unter ihnen, die alle auf Pferden vorüber ritten.

Der Fürst war auf sein Pferd gesprungen und kam zu uns hinüber geritten. Noch unterm Reiten sprang er vor uns vom Pferd und guckte mich wieder genauso fragend an, wie noch wenige Momente zuvor. Ich nickte einfach nur. Seine Gesichtszüge hellten sich auf und er strahlte, wie ein kleines Kind, dem man ein unglaubliches Geschenk gemacht hatte. Er machte wieder Anstalten, mich in den Arm nehmen zu wollen, stoppte aber in der Bewegung und nahm mich dann ganz vorsichtig in den Arm, küsste meine beiden Hände und dann schließlich meine Stirn. Dann löste er mich wieder von mir, gab dem Jungen einen Wink, der sich sogleich auf das zweite Pferd schwang. Dann hob der Fürst mich ganz behutsam hinter dem Jungen aufs Pferd.

‚Ich sagte doch du brauchst wirklich keine Angst von ihm zu haben, er ist ein ganz ein Lieber.‘

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