Drei und eine Axt – Teil 1

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt –  Teil 1

Die Sonne neigte sich dem Abend zu und der Krieger führte seinen alten Rappen langsam am Flussufer entlang. Diese alte Mähre war genauso müde wie er. Nach den Schlachten seiner Vergangenheit war er los gezogen, um wieder in seine Heimat zurückzukehren. Um so länger sein Weg war, um so mehr schwanden seine Kräfte. Er würde wohl eines Tages einfach tot vom Gaul fallen und es würde niemanden interessieren. Wie viele Schlachten er auch geschlagen und wie viele Kriege er für die Fürsten entschieden hatte. Überlebt hatte er sie alle. Aber zu welchen Preis. Nun war das Reich zerschlagen und er war allein. Allein mit seinem Pferd. Er war so allein, dass er schon Selbstgespräche führte.

Er wusste nicht, wie weit sein Weg noch sein mochte. An die Berge seiner Heimat konnte er sich nur noch bruchstückhaft erinnern und in den Zeiten des Krieges hatte sich wohl auch die Landschaft stark verändert. Er hoffte schon gar nicht mehr die Berge seiner Heimat wieder sehen zu dürfen, oder gar den Duft der Ebene wieder in seine Lungen ein saugen zu können. In sehnsüchtigen Erinnerungen an seine unbeschwerte Kindheit schwelgend, ritt er weiter.

Am Ufer eines kleinen Flusses konnte er Lichter in der Dämmerung erkennen. Dort hin lenkte er sein Pferd. Es befanden sich mehrere Jurten auf einer kleinen Lichtung. In einem nahen Gatter standen nur wenige Pferde und die Behausungen sahen nicht sonderlich einladend aus. Seltsam war nur, dass nun keine Lichter mehr brannten. Er konnte nur noch schwachen Rauch riechen. Die Bewohner mussten geflohen sein, oder sie hatten sich in ihren Jurten verschanzt.

Nachdem er, seiner Meinung nach, keine ernstzunehmende Bedrohung mehr zu sein schien, konnte er auch nicht verstehen, was hier vorging. Ihn hielt doch nur noch seine Rüstung halbwegs aufrecht im Sattel. Er machte ein keuchendes Geräusch und sein Pferd blieb langsam stehen. Fast schon gemächlich zog er einen Stab aus dem Sattel und ließ sich langsam und kraftlos vom Pferd fallen. Mit schmerzverzerrten Gesicht stützte er sich auf den Stab und lies die Zügel los. Dann humpelte er auf die Größte der Jurten zu. Sein Pferd folgte ihm auf dem Fuße. Er konnte im Inneren der Jurte ängstliches Wimmern und Gepolter hören. Es half alles nichts, er musste es tun: ‚Seid gegrüßt, habt ihr kein Obdach für einen Krüppel?‘

An einer erloschenen Feuerstelle hielt er inne, stocherte mit seinem Stab in der Asche herum und brachte ein wenig Glut hervor. Er schob ein paar Holzscheite wieder in die Glut, die scheinbar nur eilig aus dem Feuer geholt und gelöscht worden waren. Das Holz fing wieder Feuer, sobald es auf die Glut traf. Vom Feuerschein erhellt, konnte er erkennen, wie runtergekommen die Jurten da standen. Der von Flicken übersäte Zeltstoff schien nicht mehr besonders dicht zu sein. Langsam ging er zum Eingang der Jurte. Gegen die Öffnung war die eigentliche Tür nur angelehnt. Sie war aus den Angeln gesprungen. Keine Männer, nur Frauen, Kinder und Alte, dachte er. Mit seinem gesunden Bein trat er gegen die Tür, diese fiel einfach nur um, dann humpelte er weiter in die Jurte. Gebückt blieb er im Licht stehen, um sich ein Bild zu verschaffen und den Insassen die Möglichkeit zu geben ihn ebenfalls zu betrachten. Seine Taktik ging nicht auf. Zwei Frauen sprangen mit Messern bewaffnet auf ihn zu. Als sie ihn erreicht hatten, ließ er sich einfach fallen und die Beiden stürzten ungebremst auf ihn drauf. Beim Sturz verlor er seinen Stab und eine der Frauen ihren Dolch und das andere Messer hatte er der Zweiten mit Leichtigkeit abnehmen können und aus der Jurte geworfen. Nun rangelte er mit Beiden, bis er der Einen den Arm auf den Rücken biegen und die Andere rücklings im Schwitzkasten festhalten konnte. Plötzlich sah er von oben eine hektische Bewegung. Etwas blitzte auf und dann sah er eine Axt auf sich herab sausen. Blitzschnell stieß er beide von sich weg und hechtete im letzten Moment zur Seite. Ein stechender Schmerz durchzog seinen Rücken und er stieß schmerzverzerrt ein hustendes Keuchen aus. In gekrümmter Haltung blieb er reglos liegen, bis er von mehreren Händen gepackt und auf den Rücken gedreht wurde. Dabei kam ein kurzer Schrei aus seinem Mund. Als der Schmerz wieder verzogen war, öffnete er die Augen und blickte in die erschrockene Gesichter dreier Frauen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.

‚Ich will euch nichts antun, und ich hoffe inständig, dass ihr mir auch nichts tun wollt!‘ keuchte er so ruhig es ihm mit seiner rauchigen Stimme auch nur möglich war. Die Damen waren sehr verängstigt. Die Eine hielt nun wieder die Axt in der Hand, als sich alle versuchten aufzurappeln. Ein Kind fing an zu weinen und eine der Frauen stürmte hinter einen Vorhang. Sein steifes Bein hinderte ihn daran gänzlich aufzustehen, sein Stock war zu weit entfernt und sein Rücken schmerzte so, dass er kaum atmen konnte. Da sah er wieder die Axt blitzen, die ihm unter die Nase gehalten wurde. Er blickte durch sein zerzaustes Haar zu der Axtträgerin auf und da erkannte er, dass sie ihm die Axt hinhielt, damit sie ihm beim Aufstehen behilflich sein konnte.

Mit Hilfe der Axt schaffte er es sich hochzuziehen und als er endlich schweißgebadet und wackelig auf seinen beiden Beinen stand, drückte ihm eine der Damen seinen Stock in die Hand, auf dem er sich so gleich hastig aufstützen musste, um nicht wieder ins Straucheln zu kommen.

‚Verzeiht unser Misstrauen, aber wir sind nur schon zu oft überfallen worden!‘ sagte sie sanft.

‚Ich bin des Kämpfens sehr müde geworden, von mir habt ihr nichts zu befürchten.‘ keuchte er.

Sein Wort schien ihr zu genügen. Die Frau mit der Axt ging nach draußen, kam als gleich mit einem brennenden Holzspreisel herein und entzündete das Feuer in einer kleinen erhöhten Feuerstelle, die in der Mitte der Jurte stand.Sie hatte feuerrotes Haar, das im Feuerschein nur noch mehr brannte. Die Dritte kam mit einigen verheulten Kindern hinter dem Vorhang hervor und schaute immer noch ziemlich ängstlich in die Runde. Die Kinder und die Frau hatten alle samt schwarze, glatte Haare, eine hohe Stirn und rote, speckige Wangen. Angesichts ihres Aussehens war er sich nicht ganz sicher, ob er schon zu weit gereist war. Einige der Kinder begannen wieder zu weinen. Die Rothaarige sagte kurz: ‚Ist schon gut!‘ Sie schien die Älteste der Drei zu sein, sie wirkte aber keineswegs alt.

An seiner Seite stand immer noch die Frau, die ihm seinen Stab gebracht und mit ihm gesprochen hatte. Vorsichtig stützte sie ihn und schmiegte ihren warmen, weichen Körper an den Seinen. Er blickte sie an und war wie verzaubert von ihrem Anblick. Sie hatte helle Haut und fast weißes Haar. Ihr Körper war zierlich und schlank, aber ihr Griff war bemerkenswert kräftig. Nach einem langen Moment wurde ihm gewahr, dass er auf ihre üppigen Brüste gestarrt hatte. Hastig schob er seinen Körper von ihr fort, kam aber gleich wieder ins Straucheln. Gleich waren die Frauen wieder an seiner Seite und führten ihn zu einer Bettstatt am anderen Ende der Jurte.

Er lies sich bereitwillig führen und war heilfroh, als er auf dem Bett zur Ruhe kam. Die Damen wiesen die Kinder an, sich um sein Pferd zu kümmern, während sie ihn gemeinsam aus der Rüstung halfen und  ihm zu Essen und zu Trinken gaben.

Die Rothaarige kam zu ihm ans Bett und brachte einen Waschtrog mit heißem Wasser und ein Handtuch. ‚Wenn Ihr in meinem Bett liegen bleiben wollt, erlaubt mir Euch zu waschen!‘ meinte die Rothaarige. Er war ehrlich zu schwach, um sich gegen die Fürsorge zu wehren und nickte sachte. Sie stellte den Waschtrog neben das Bett und nahm nun ein Stück Seife in die soeben befeuchtete Hände.

‚Sagt mir doch Euren Namen!‘ meinte sie und rieb die Seife an einen nassen Lumpen.

‚Wenn Ihr mir Euren verratet!‘ sagte er kurz, dann versuchte er zu lächeln. Die zahlreichen Narben in seinem Gesicht verschoben sein Antlitz zu einer grausamen Fratze. Die Rothaarige blickte ihn erschrocken an und ließ vor Schreck die Seife in die Schüssel fallen. Er nahm ihre zitternde Hand und hielt sie fest. ‚Ich bin Meister Kejnen und ich wollte Euch wahrlich nicht erschrecken! Mir war nicht klar, wie grauenerregend mein Erscheinen für Euch sein muss.‘

Sie zog ihre Hand zurück, presste sie zitternd gegen ihre Brust und blickte ihn weiter völlig aufgelöst an. Er wusste nicht, was er machen sollte und selbst wenn, hätte er keine Kraft dazu gehabt. Eigentlich hatte er gedacht, dass die Rote die Mutigere der drei Frauen war. Ohne ein weiteres Wort wand er sich von ihr ab und hielt sich eine Hand vors Gesicht.

Nach einem langen Moment drang eine andere, aber bekannte, Stimme an sein Ohr. ‚Meister Kejnen, verzeiht. Ich bin Ziska und meine Schwägerin Vira ist nur mutig, wenn sie eine Axt in der Hand hält!‘ Sie berührte ihn sachte an der Hand und an seinem Gesicht. Er drehte wieder seinen Kopf zurück, schlug die Augen auf und blickte der blonden Schönheit direkt ins Gesicht. Dann kam die Dritte in sein Sichtfeld: ‚Und ich bin Wena, die Dritte im Bunde!‘

Vira war aufgestanden und machte sich an seinen Schuhen zu schaffen, während Wena die Seife aus der Schüssel fischte und Ziska den Waschlappen aus wrang.

Liebevoll kümmerten sie sich um seinen geschundenen Körper. Vira hatte ihm auch sein letztes Kleidungsstück ausgezogen und war damit nach draußen gegangen, um seine Wäsche zu waschen. Die beiden Anderen wuschen ihn fertig, rieben seine Haut trocken und deckten ihn behutsam zu.

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