Die letzte Vollmondnacht

Die letzte Vollmondnacht – eine kleine romantische Vorstellung von Beltane –

Sie rannte durch den dämmernden Wald. Der Mond war bereits aufgegangen, doch die Sonne war noch nicht vollends untergegangen. Mystisches Licht traf auf den aufsteigenden Nebel. Sie rannte um ihr Leben. Wahrlich ging es um ihr Leben. Um ihrer Liebe willen würde sie alles tun. Auch in den Tot gehen. In dieser Vollmondnacht gab es nur ein Ziel. Dieses Ziel hatte sie bereits vor Augen. Sie hoffte inständig, dass ihr Liebster auch das gleiche Ziel verfolgen würde, wie sie. Sie hatten nur diese eine Möglichkeit für immer zusammen zu kommen, diese Eine und der Tod.

Auch wenn die Große Mutter sie dann nicht in ihren Schoß aufnehmen würde, würde sie sich vom höchsten Berg stürzen, wenn sie am Ende dieser Jagd nicht ihren Liebsten im Arm halten würde. Noch ein weiteres Jahr konnten sie es einfach nicht verheimlichen.

Sie lief weiter durch den Wald und hatte nur noch ihr Ziel vor Augen, dass gerade hinter einigen Bäumen verschwunden war. Der Waldboden war mit altem Laub und Moos bedeckt. Die ersten Blümchen stießen schon durch den Unrat des Winters und mit dem Blumen fasste sie wieder neue Hoffnung.

Die anderen Jägerinnen hatte sie bereits seit langem hinter sich gelassen. Wobei sie sich nicht ganz sicher war, ob der Hirsch nur ein Trugbild war, ob er sie nur auf eine falsche Fährte führen wollte. Der Zweifel in ihrem Kopf kämpfte mit der Hoffnung in ihrem Herzen. Sie rannte immer weiter und sah den Hirschen gerade noch, wie er hinter einem Hügel verschwand. Wenn sie beide an dieser Aufgabe scheitern würden, würden sie nach dem Wunsch ihrer Sippen mit jemand anderen verheiratet werden. Noch vor dem Cerridwen würden sie sich dann nie wieder sehen können.

Ihr Liebster war der Spross einer verfeindeten Sippe. Bis jetzt hatten sie ihre Liebelei ganz gut geheim halten können. Aber lange konnte sie dieses Versteckspiel nicht mehr durchhalten. Die Missgünstigen wurden schon hellhörig. In einer Zeit, in der sich niemand mehr daran erinnern konnte, warum ihre Familien eigentlich verfeindet waren, hatten sie sich doch gefunden. Sie wusste, dass gerade heute Nacht die Liebenden unter einem gutem Mond standen.

Die Hoffnung hatte für einen Moment die Oberhand, als sie schwer atmend den Hügel hinauf lief. Sie hob ihren Speer ein wenig an und klammerte ihn fest in ihre Wurfhand. Als ihr Blick über die Kuppe fiel, sah sie den Hirsch im letzten Sonnenstrahl des Tages stehen. Die Sonne blendete sie so, dass sie ihre andere Hand vor die Stirn halten musste, um ihn weiter betrachten zu können. Die Sonnenstrahlen ließen sein weißen Geweih noch mehr erstrahlen und über ihm prangte der Vollmond. Er war weiß. Nur wenige Meter vor ihm, stürzte sie auf ihre Knie und dankte dem Gehörnten für sein Vertrauen. Angesichts dieses Zeichens schnitt sie mit ihrer Lanzenspitze in ihre Hand und lies einige Tropfen ihre Blutes auf den Waldboden fallen. Dann schwor sie, dass heute Nacht nur ihr Blut vergossen werden würde und sie dieses Wesen mit ihrem Leben beschützen würde. Dann lies sie noch einen Tropfen Blut auf die Erde fallen und schwor sich, dass egal wie diese Nacht noch ausgehen mochte, sie dem elendiglichen Streit ihrer Sippen endgültig ein Ende bereiten würde. Koste es was es wolle.

Sie stieß den Speer in den Boden, schrie laut auf und hielt dem weißen Hirschen die blutige Hand hin. Der Gehörnte, keineswegs aufgeschreckt von ihrem Schrei, tat ein paar Schritte auf sie zu und schnupperte an ihrer Hand. Als er die Zunge ausstreckte, um ihre Wunde zu berühren, kam ein zweiter Hirsch auf die Kuppe gelaufen. Auch er war weiß, wie Schnee. Hinter ihm kam ihr Liebster im vollen Lauf den Hügel hinauf gelaufen. Aber in dem Moment, als er den Speer zum Wurf erhob, erkannte er die beiden Weißen und seine Liebste in ihrer Mitte. Mit übermenschlicher Gewalt rammte auch er den Speer in den Boden und stürzte im vollen Lauf auf die Knie. Der Speer zitterte noch unter der Gewalt, mit der er in den Boden getrieben worden war, als er auf den Knien an ihm vorbei rutschte. Hinter ihm kamen die Priester den Hügel hinauf gelaufen. In dieser Vollmondnacht würde wohl kein Hirsch erlegt werden. Er weinte vor Glück und blickte durch den Tränenschleier auf. Die beiden Weißen liefen aufeinander zu und verschmolzen in einander. Der Mond strahlte nun heller, als die Sonne. Und der zweieinige Hirsch stellte sich auf die Hinterläufe und streckte die Vorderläufe weit auseinander. Die Verwandlung war vollendet und nun stand ER vor ihnen. Nicht Mensch, aber auch nicht Hirsch. ER war es leibhaftig. Der Gehörnte. Der Hirschgott.

ER nahm sie bei der verletzten Hand und streckte ihm die zweite Hand hin. Gebieterisch wand ER sich mit beiden um, so dass die herbeieilenden Priester sie noch kurz erblicken konnten, bevor ER mit den beiden Auserwählten hinter einer Nebelwand verschwand…

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