Das Leben nach der Wahrheit…

Das Leben nach der Wahrheit…
(Fortsetzung zu Eine wunderschöne Blumenwiese im Schneesturm… )
Warum ich? Warum hat er mich auserwählt? Und warum nur, hat er mich verschont? Warum muss ich weiterleben? Ich sehne mich an den Tag zurück, an dem ich noch unwissend war. Lieber wäre ich wieder unwissend und nur halb verrückt, als dass ich mit diesem Wissen gebrandmarkt, vollends dem Wahnsinn anheim gefallen, durch diese unwissende Welt wandeln muss. Denn auch nur die Vorahnung von all dessen, hätte mir meinen Verstand vollends rauben müssen. Hätte ich gewusst, dass ich nun nicht mal mehr auf Erlösung hoffen darf, wäre ich zu hause geblieben und hätte weiter fern gesehen. Warum hat er nur mich ausgewählt, warum ich, war ich nicht schon wahnsinnig genug?
Ich habe diese schreckliche Winternacht zwar überleben dürfen. Aber zu welchen Preis? Heute wäre ich lieber damals mit den anderen in den kalten Tod gegangen, dann könnte ich nun endlich die Augen schließen und meinen wahnsinnigen Geist zur Ruhe bringen.
Es wäre so schön einfach die Augen schließen zu können, ohne seinen Griff auf meiner Schulter zu spüren. Seine Krallen, die sich in mein Fleisch bohren und mein Blut langsam aber sicher vergiften. In jeder Sekunde meines Lebens nach dem ich die Wahrheit erfahren habe, geht mir genau diese Wahrheit nicht mehr aus meinen Kopf. Ich kann seine tiefe Stimme in meinem Kopf hören. Und sie hört nicht auf meinen Verstand zu schinden. Er peinigt meine Seele und meine Gedanken. Jedes Mal wenn ich in den Spiegel sehe, kann ich ihn hinter mir erblicken. Es ist nur ein Bruchteil von dem was er eigentlich darstellt, aber dieser Ausschnitt langt völlig aus, mir dir Eingeweide zu verdrehen. Selbst wenn ich vor dem Kotzen auf die Wasserfläche in meiner Toilette blicke, sehe ich ihn hinter mir. Keine Fensterscheibe ist auch nur groß genug, um das ganze Ausmaß meines Gedankenschinders erblicken zu können.
So sieche ich vor mich hin und gehe kaum noch vor die Tür. Selbst als ich diese Zeilen tippe, kann ich seine Hand im Spiegelbild meines Bildschirmes erkennen. Hätte ich mich damals nur zurückgehalten, nicht weiter zu forschen. Ich hätte nicht so tief graben dürfen. Ich hätte den Schlafenden nicht erwecken dürfen.
Warum ich nicht versuche meinem Leben ein Ende zu bereiten? Ja, das wäre eine einfache und schnelle Lösung gewesen. Zu Einfach. Aber er lässt mich nicht gehen. Ich blicke auf die Narben an meinen Handgelenken und streiche über die kleine Narbe an meinem Hals. Der Freitod bringt mich keinen Schritt näher an den Tod. Er bringt mich nur noch weiter von meiner Erlösung fort. Ich habe jegliche Möglichkeit versucht mich umzubringen, von ganz einfach und schnell bis hin zu möglichst kompliziert und ausgeklügelt. Immer steht er da und rettet mich. Dieser Sanitäter von der Feuerwehr. Er ist mein Lebensretter. Ich habe schon aufgehört zu zählen. Es ist so als hätte er den Zwang mich retten zu müssen. Seine lilatürkisen Augen holen mich jedes mal wieder zurück und meine Leiden fangen wieder von vorne an. Täglich grüßt das Murmeltier, nur mein Murmeltier hat keine Haare, es ist schleimig grün und hat lilatürkise Augen und Tentakeln und es ist einfach riesig. Und es lebt tief unten in seinem Bau. Und ich bin schuld, dass es für den Bruchteil einer Sekunde erwachte, um seine Kräfte frei zugeben. Nur um mich zu schinden, bis ans Ende der Zeit.
Ich hab ihn schon sooft angefleht mich gehen zu lassen, aber jedes mal wenn ich das tat, stand er wieder in der Tür. Der Feuerwehrsanitäter mit dem irren Blick. Er machte immer ein Geräusch der Missbilligung und zeig mir seinen erhobenen Zeigefinger. Dann macht er, zu was er auserkoren, er holt mich zurück, in den Scherbenhaufen meines Lebens.
Auch er erhört mein Flehen nicht, er nimmt mich in seine Arme und drückt mich fest an seine starke Brust. Ich kann zwei gewaltige Herzen Schlagen in seiner Brust schlagen hören. Er spricht mit meinem Hirn: ‚Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.‘
Warum ich ihn dann nicht umbringe? Meinen Lebensretter. Ja, das wäre eine Möglichkeit gewesen, aber ich weiß was sich in seinem Körper gefangen hält. Wenn ich das Wesen freisetze, werden viele unschuldige Seelen draufgehen. Wobei diese Unwissenden könnten mir eigentlich auch egal sein, weil sie müssen ja nicht Tag ein, Tag aus, dieses Leiden ertragen, so wie ich. Sie glauben an ihre eigene kleine Wahrheit oder an das was ihnen die Regierung oder ihre Religion vorgibt, zu glauben. Aber es nichts gegen all das was meinen Kopf jeden Moment zum Platzen bringt.
Also sitze ich nun hier an der Klippe, an der alles begonnen hat und warte darauf, dass das Geschwür in meinem Kopf endlich aufplatzt und hoffentlich dem Ganzen ein Ende macht.
Ein Sturm zieht auf und triebt seine schweren Wolken ans Ende der Welt. Meine Haare wehen mir ins Gesicht. Ich habe einen roten Stuhl in der Hand und dresche ihn solange auf den Felsen bis er in seine Bestandteile zerbricht. Holzsplitter spritzen umher. Ich höre einen dumpfen Schlag und ein Geräusch. Ich blicke zurück, weg von der Klippe. Da steht mein Lebensretter. Ein Stuhlbein steckt in seiner Brust. Er röchelt erleichtert. Sein Hemd saugt sich mit Blut voll. Sein Blut ist rot. Nein, ich habe seine Hülle verletzt und das freigesetzt, was ich für immer im Verborgenen halten wollte. Warum ist sein Blut rot? Wir stützen beide aufeinander zu. Als ich ihn erreicht habe, fällt er schon auf die Knie.
Er blickt mich mit seinen lilatürkisen Augen an und weint. ‚Nun, weißt du endlich, dass ich es nicht bin, der nicht sterben darf. Es bist du…‘ Er röchelte und hustet Blut. Ich stürzte auf die Knie und schreie ihn an: ‚Nein, du darfst nicht gehen, wer rettet dann meine sterbliche Hülle? Wieder und wieder?‘
‚Es ist vorbei, nur kannst du es selbst nicht zu Ende bringen.‘
‚Bitte hilf mir! Ich kann so nicht weiter machen.‘
Er brach mit einem Lächeln auf den Lippen über mir zusammen und in dem Moment, in dem der Stumpf des Stuhlbeins durch meine Eingeweide stießt, erlosch das Leuchten in seinen Augen. Seine Lippen waren auf die meinen gepresst und ich konnte das Leben spüren, wie es seinen Körper verließ. Ich küsste ihn und nahm seine Seele in mich auf. Auf eine skurrile Art und Weise vereint, sanken wir beide auf den Boden. Unser Blut vermischte sich und floss über den Felsen. Er hatte im letzten Moment seines Lebens meine Seele geheilt und so konnte ich die Stille für einen Bruchteil eine Sekunde fast genießen. Es war vorbei. Endlich. Und es war mir fast egal, was nach mir kommen würde. Ich spürte, wie sich Tentakeln ihren Weg durch mein Gedärm bahnten und aus meinem Körper drangen. Sie umschlangen seinen Körper und rissen ihn in die Höhe, während mein Körper endgültig zerbracht. Der Gedankenschinder ergoss sich über den Felsen, während der Sturm weiter die Wolken in die See hinaus treib. Der Felsen zerbrach unter der Last und so stürzte der Gedankenschinder mit samt unseren Überresten ins Meer. Das Letzte was ich wahrnahm war, dass der Gedankenschinder unzähligen Tentakeln entgegen fiel. Mein Tod wird erst der Anfang sein.
Fortsetzung folgt..
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