Drei und eine Axt – Teil 4

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 4

Noch vor Sonnenaufgang wurde Kejnen wach, weil eines der Kinder in der Nachbarjurte aus vollen Halse schrie. Ziska lag auf seiner Brust. Er wollte sie auf keinen Fall wecken, aber er musste nach dem Rechten sehen. Lautlos kroch er unter ihr heraus, hangelte nach seinem Stock und stand auf. Alle schliefen tief und fest, sogar der Junge am Feuer schnarchte mit seinen beiden Hunden im Arm. Er humpelte weiter, immer dem Geräusch hinterher und betrat schließlich wenig später die Jurte von Wena und den Kindern. Nala saß aufrecht im Bett und schrie aus Leibeskräften. Wena lag völlig erschöpft im Bett und regte sich nicht. Beruhigende Laute kamen ihm über die Lippen. Das Kind schrie dessen ungeachtet weiter, also packte er sie, hob sie mit samt ihrer Decke hoch und brachte sie zur Jurtentür. Dort setzte er sich auf eine Truhe und wiegte die Kleine so lange, bis sie sich beruhigt hatte. Den Daumen im Mund und mit der anderen Hand in seinem Haar spielend, schlief sie wieder ein. Nun saß er da, mit der Kleinen im Arm. Er wagte nicht sich zu bewegen, weil er sie nicht erschrecken wollte.

Die Sonne ging auf und er blickte ihrer strahlenden Schönheit entgegen und wusste, dass er nicht einfach so hier wieder fort gehen konnte. Diese Menschen hier waren ihm bereits so ans Herz gewachsen, dass er sie nicht mehr verlassen könnte.

Vira hechtete mit der Axt in der Hand aus der Jurte, dann sah sie ihn im Schein der Sonne im Eingang der Jurte sitzen und wie liebevoll er das Kind im Arm hielt. Langsam lies sie die Axt sinken, lehnte sie fast lautlos gegen die Jurte und schritt langsam zu ihm hinüber. In der Eile des plötzlichen Erwachens hatte sie nur schnell den Klappenmantel ihres Mannes übergeworfen und war nach draußen geeilt. Als sie Kejnen erreicht hatte, setzte sie sich wortlos auf die Türschwelle und lehnte sich an sein gesundes Bein. Sachte legte er seine freie Hand auf ihre Schulter und lehnte seinen Kopf gegen den Türstock.

Nach einem langen Moment stand Vira auf, nahm ihm die Kleine ab und legte sie wieder in ihr Bett. Dann trat sie zu Kejnen und hielt ihm die Hand hin. Gemeinsam gingen sie zum großen Tisch und begannen Feuer zu machen. Kejnen kümmerte sich um das Frühstück. Vira ging Eier sammeln, die ihre Hühner mal wieder auf den ganzen Hof verteilt gelegt hatten, danach ging sie die Ziegen melken.

Halef wurde wach, als Kejnen in die Jurte stolperte, um sich doch seine Hose anzuziehen. Während der Junge sich noch weigerte aufzustehen, waren seine Hunde bereits wach und beäugten Kejnen wieder misstrauisch.

Ziska kam verschlafen an die Jurtentür und stolperte über Halef, als sie zum Tisch wankte. Kejnen goss ihr Tee ein. Halef wankte zum Flussufer, um sich zu erleichtern.

Vira kam aus der Vorratsjurte und schüttelte ungehalten den Kopf. ‚Wird der Junge einmal den Abort benützen?‘

Kejnen blickte fragend auf und grinste sie an. ‚Er ist zu jung und zu gesund, um es zu schätzen im Sitzen pinkeln zu können.‘

Die Frauen lachten, bis Vira ein fieses Grinsen aufsetzte.

‚Meister Kejnen, wenn ihr bis zum Frühjahr bleibt, nehmt Ihr auch an den Spielen teil?‘ fragte Vira.

‚Ich verstehe nicht!‘

‚Wir spielen den ganzen Winter darum, wer im Frühjahr die Grube für den Donnerbalken neu ausheben muss.‘ lachte Ziska.

‚War das eine Einladung oder eine Drohung, weil auf einem Bein werd ich nicht springen können und im Eierlauf bin ich denkbar schlecht.‘

‚Nein, keine Sorge, wir würfeln meist.‘ grinste Ziska.

Meister Kejnen, Ihr seid herzlich eingeladen solange zu bleiben, wie es Euch bei uns gefällt.‘ sagte Vira feierlich.

Plötzlich stand Halef neben ihm und fragte kleinlaut. ‚Meister Kejnen, könnt Ihr mir zeigen mit dem Bogen umzugehen, darin bin denkbar schlecht.‘

‚Junge, wie konntest du so viel jagen, wenn du nichts triffst.‘ fragte Ziska misstrauisch.

‚Ich lasse für mich jagen, Tante. Ich habe zwei Hunde und im Fallen bauen bin ich gut genug, dass es euch bis heute nicht aufgefallen ist, dass ich nicht so richtig Bogenschießen kann.‘ erwiderte Halef und pfiff nach seinen Hunden.

‚Also, es gefällt mir sehr gut bei euch und ich bleibe solange ich gebraucht werde.‘ meinte Kejnen ehrenrührig.

‚Gut Kejnen. Dann haben wir für den heutigen Tag schon einen Plan, oder?‘ meinte Vira.

Keiner verstand sie so recht, deswegen blickten sie alle fragend an. ‚Also Ziska und ich wollten heute nochmal in den Wald. Sie hat irgendwelche giftigen Pilze gefunden und ich wollte nach dem wilden Wein sehen. Und ihr beide geht jagen und Bogen schießen.‘

‚Oh, wenn der Wein reif ist, dann haben wir aber viel zu tun heute!‘ meinte Wena gähnend. Sie stand schon eine Weile in der Tür ihrer Jurte und hatte ihnen zugehört.

‚Wena ganz ruhig, du willst doch heute nicht schon das Weinfest feiern?‘

‚Warum nicht, wir haben doch was zu feiern, oder? Das jeder von uns nur einer von Fünfen ist, beim Grubenspiel und dass wir den Wein vom letzten Jahr endlich austrinken müssen, weil wir nicht genug Fässer haben, um den Neuen anzusetzen. Und Brot backen wollte ich heute eh, also kann ich auch den restlichen Ton verarbeiten und endlich die Flaschen brennen, die schon seit Tagen hinter der Jurte stehen.‘ meinte Wena unwirsch.

‚Und ich frage mich immer, warum sie immer vor ihren Kindern einschläft.‘ meinte Ziska kichernd.

Aber dann bleiben wir am Vormittag hier und helfen, wo wir können und dann gehen wir am Nachmittag auf ein paar Hasen.‘ meinte Halef.

‚Ja, Junge. Irgendjemand muss mir heute ein paar Korken schnitzen.‘ kam es von Wena , die bereits in der Vorratsjurte verschwunden war. 

‚Und dieser Jemand werde wohl ich sein!‘ rief ihr Halef hinterher.

An diesem Tag wurden nicht nur Korken geschnitzt, sondern auch aus den Überresten einer alten Bank zwei Stühle gebaut. Kejnen flickte seine Schuhe. Noch bevor die Damen aus dem Wald zurückkehrten, waren Kejnen und Halef schon lange zur Hasenjagd aufgebrochen. Vira hatte vier Körbe voll Weintrauben auf den Gaul gebunden und den fünften Korb trug sie selbst den Berg hinunter, während Ziska einen Korb voll Pilze, Beeren und Kräuter aus dem Wald schleppte.

Halef hatte neben dem Bogen seines Vaters natürlich seine Hunde mitgenommen und Kejnen ritt auf seinem Gaul, weil er nicht so weit laufen konnte. Er hatte seinen Reiterbogen mitgenommen. Erstmal tauschte Kejnen seinen Bogen mit Halef und dann unterwies er ihm im Umgang mit seinem Reiterbogen, da der alte Bogen seines Vaters für den Jungen gänzlich ungeeignet war. Sie hatten im Laufe einer Stunde sieben Hasen erlegt und die beiden Hunde hatten ihnen eine junge Ziege in die Arme getrieben. Die Ziege war reichlich verstört, aber gesund, also hatte Halef ihre Läufe gebunden und sie kurzerhand über die Schulter geschmissen. Kejnen stellte fest, dass die beiden Hunde ihn immer noch bei jedem seiner Schritte misstrauisch beäugten.

‚Halef, deine Hunden mögen mich irgendwie nicht….!‘ meinte Kejnen, als sie wieder auf dem Rückweg waren.

‚Es langt völlig, dass ich Euch mag, Meister Kejnen.‘ stammelte Halef und blickte ihn verschämt an.

Nach einer langen Pause, meinte Kejnen: ‚Ich weiß nicht, ob ich mir ein Urteil erlauben darf, aber du machst deine Sache wirklich gut.‘

‚Ja, und mein Vater wäre wirklich stolz auf mich.‘ meinte Kejnen verdrießlich.

‚Deine Tanten und deine Mutter sind stolz auf dich und ich bin stolz auf dich, wie du mit meinem Bogen umgehen kannst.‘ meinte Kejnen, als sie die seichteste Stelle des Flusses überqueren wollten. ‚Und morgen probieren wir es vom Pferd aus zu schießen.‘

‚Wenn wir heute wirklich das Weinfest machen, dann habt ihr morgen alle einen Kater und ich bin bestenfalls unterwegs von meiner Höhle zurück zum Hof.‘ witzelte Halef.

‚Du hast eine Höhle?‘

‚Ja, nein. Ich habe sie gefunden. Sie ist auf halber Strecke zu unseren Nachbarn flussabwärts.‘

‚Und die Nachbarn Flussaufwärts?‘

‚Sind fünf Tagesreisen entfernt!‘

‚Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, ob ihr hier nicht eine Brücke bauen wollt?‘ fragte Kejnen, angesichts der Tatsache, dass Halef schon pitschnass war und sie waren erst halb durch den Fluss.

‚Ja, schon, aber im Frühjahr würde die Schneeschmelze sie wieder mit sich reißen…Vater hatte eine gebaut, bevor er in den Krieg gezogen ist.‘

Mit diesem Satz war ihr Gespräch erst mal beendet, weil ihnen die Kinder bereits entgegen liefen.

Sie hatten alle Weinranken und Blumenkränze um die Köpfe gewickelt und hüpften und tanzten am Ufer. Kejnen stieg vom Pferd und drückte Alur die Hasen in die Hand. Die Mädchen hatten die Jurten dekoriert und Wena hatte sich selbst übertroffen. Sie hatte ihre Drohung war gemacht und den alten Wein umgefüllt. Es standen vier Krüge voll Wein und so viel Essen auf dem Tisch, dass er sich bog. Ihre Wangen waren viel roter als sonst. Vira und Ziska stampften gerade die Trauben in einem der großen Bottiche, in dem sonst immer Wasser gewesen war. Die Kinder kümmerten sich um sein Pferd. Alur hatte die Hasen nochmal ausgewaschen, nachdem Halef sie unterwegs nur schnell ausgenommen hatte. Nun hingen sie an einer dunklen Stelle der Vorratsjurte und warteten darauf ihr Fell abgezogen zu bekommen. Halef brachte die Ziege zum Gatter und überlies es den Kindern sich darum zu kümmern.

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