Drei und eine Axt – Teil 14

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 14

Als Halef und Lamina zu den Jurten gingen, kam ihnen seine Mutter entgegen. Sie lächelte ihnen im Vorbeigehen flüchtig zu. Die beiden Männer saßen bereits am Tisch und hatten wohl schon eine Aufgabe bekommen. Sie schnippelten Gemüse klein. Lamina löste sich von Halefs Hand und ging auf Meister Kejnen zu. Er war im Sitzen so groß, wie sie im Stehen. Sie senkte den Kopf und setzte an: ‚Meister Kejnen, wie kann ich Euch nur für eure Großherzigkeit danken?‘

Meister Kejnen blickte etwas irritiert drein, weil er nicht recht verstand, was sie meinte.

‚Ihr habt mich gekauft. Ich gehöre nun Euch!‘

‚Ja, nein. Ähm. Ich umgebe mich nur mit freien Menschen!‘

Nun verstand Lamina nicht und schaute ihn verstört an.

‚Du gehörst nur dir selbst.‘ Sie brauchte noch einen Moment, bis sie seine Worte endgültig begriffen hatte, dann fiel sie ihm einfach in die Arme. Ainur grinste wieder. Die Kinder kamen aus der großen Jurte und wurden von Halef gleich mal eingespannt, den Tisch zu decken. Eines der Mädchen räumte den Verschnitt vom Gemüse in einen Trog und machte sich auf zum Gatter zu gehen. Ainur sprang auf und fragte: ‚Ist das für die Pferde?‘ Das Mädchen nickte.

‚Dann komm ich mit, ich muss nach meinem Gaul sehen!‘ meinte Ainur und hob das Mädchen mit samt dem Trog hoch. ‚Mein Pferd lahmt, weißt du!‘

‚Onkel Ainur, darf ich dein Pferd füttern?‘ fragte das Mädchen.

‚Aber natürlich.‘ flüstere Ainur gerührt und drückte das Kind noch fester an sich.

Am Gatter lies er sie wieder auf den Boden. Soweit er das beurteilen konnte, stand es wirklich schlecht um sein Pferd, aber er hatte noch Hoffnung, solange es auf allen Vieren stand. Er blickte über den Rücken seines Pferdes zu Vira hinüber, wie sie völlig nackt auf einem Stein saß und sich die Haare kämmte und anschließend wieder zusammen band und ins Wasser ging. Er biss sich auf die Lippe und wand dann den Blick ab. Das Kind tappte zwischen den Pferden hin und her und fütterte jedes der Pferde gewissenhaft. ‚Verrätst du mir deinen Namen, kleine Maus.‘

‚Lina und ich bin nicht klein, meine kleine Schwester Nala ist nämlich noch viel kleiner als wie ich!‘

Er tätschelte die Kleine lächelnd am Kopf, wurde dann aber wieder sehr ernst.

‚Kann deine Tante auch Pferde behandeln?‘

‚Meine Tante kann alles!‘

Die Kleine drehte den leeren Trog um, klopfte ihn aus und hob ihn dann wieder hoch. Sie klaubte die letzten Fetzen aus dem Trog und gab sie einem der Pferde. Dann gingen sie wieder zu den Anderen. Der Tisch war bereits gedeckt. Lina allerdings schleifte Ainur zu einem großen Wasserbottich.

‚So und jetzt müssen wir die Hände waschen und den Trog!‘ sie machte eine Pause und warf den Trog in den Bottich. ‚Sonst kriegen wir nichts zu essen!‘

Kejnen brachte gerade einen Teller mit den Köstlichkeiten der alten Damen von der Zusammenkunft zum Tisch und eines der Kinder trug ihm einige Päckchen hinterher. Er brachte die Mädchen immer durcheinander, er konnte sie nur an der Größe erkennen, wenn sie allerdings durcheinander wuselten, dann tat er sich wirklich schwer.

‚So, ich sag dir nun, für wen die Geschenke sind und du legst sie unter den jeweiligen Platz. Und wenn dann alle beisammen sind, dürft ihr sie aufmachen.‘ erklärte er, deutete auf das ein oder andere Päckchen, flüsterte der Kleinen zu und ging wieder in die Jurte.

Wena und Ziska kamen aus der Jurte. Wena warf einen Bündel Stoff ins große Feuer. Ziska war sehr wackelig auf den Beinen und stolperte mit ihrem Korb in der Hand auf die Bank zu, stellte ihn unter der Bank ab und setzte sich neben Kejnen.

Lamina saß ihr gegenüber und lächelte sie an. Halef tischte auf und die beiden großen Mädchen halfen ihm dabei. Es gab von allem reichlich. Doch bevor alle zugreifen konnten, räusperte sich Kejnen, erhob seinen Becher und sprach: ‚Ich wollte den Göttern meinen Dank aussprechen, weil sie mich hier her geführt haben und bete, dass ihr alle bald glücklicheren Zeiten entgegen sehen möget. Die Geschenke sind für die Herzlichkeiten und die Gastfreundschaft, die mir hier widerfahren sind, ich hatte zu Kriegszeiten nicht zu hoffen gewagt, dass ich in meinem Leben noch einmal zur Ruhe kommen würde.‘ Er trank seine Becher aus und fuhr fort. ‚Kinder packt aus, bevor ihr noch verhungert.‘

Die Kinder packten freudig die Geschenke aus und bedankten sich herzlich bei Kejnen. Er erklärte die Geschenke, während alle aßen. Die beiden Kleinen hatten je eine kleine Spindel bekommen, damit sie sich vielleicht leichter damit taten dünne Fäden zu spinnen. Der Junge bekam ein kleines Messer, damit er seiner Mutter nicht immer die großen Küchenmesser verzog, um zu schnitzen. Die beiden großen Mädchen hatten jeweils eine eigene Bürste bekommen, damit sie sich nicht immer um den Kamm ihrer Mutter stritten. Nach dem Essen räusperte sich Wena und auch sie erhob den Becher.

‚Meister Kejnen, wie kann ich mich nur für die lieben Geschenke bei Euch bedanken? Und das größte Geschenk, dass das im Zelt liegt und stinkt und schnarcht. Auch wenn er mich vorhin nicht erkannt hat, als er die Augen aufschlug! Danke!‘ Sie schluckte schwer, Tränen rannen ihr über die Wangen. ‚Wenigstens habe ich sie nun wieder alle beisammen, und ich traue mich kaum mich zu freuen, da die Trauer in unseren Herzen so groß ist, über den schmerzlichen Verlust, den diese Familie erleiden musste…‘ Sie brach nun ab und weinte bitterlich. Ziska nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. Alle waren auf einen Schlag sehr still geworden. Erst als Wena sich wieder beruhigt hatte, fingen sie wieder an sich leise zu unterhalten. Lamina erklärte den beiden Kleinen, wie man dünne Fäden spann. Und wie durch ein Wunder klappte es endlich.

‚Ziska, darf ich Euch kurz belästigen?‘ flüsterte Ainur zu ihr.

Ziska blickte ernst auf, lächelte kurz und schon erhellte sich ihr Ausdruck wieder.

‚Mein Pferd lahmte schon, bevor wir los geritten sind, habt ihr irgendwas…?‘

‚Was hab ihr Männer nur mit euren Pferden?‘ fragte sie fast beiläufig.

‚Dieses Pferd begleitet mich schon genauso lange, wie ich Kejnen! Und ein humpelnder Freund ist wahrlich genug!‘ lachte er. Kejnen setzte lachend ein und sein Gesicht verzog sich zu seiner üblichen Fratze.

Sie griff unter die Bank und wühlte in ihrem Korb, holte einen Tiegel nach dem anderen herauf, bis sie den Richtigen gefunden hatte. ‚Verschmier das großzügig. Ich schau’s mir morgen an!‘ Sie schob den Tiegel zu Ainur hinüber und räumte die anderen Gefäße wieder in den Korb zurück.

‚Ziska, ist das nicht das Zeug, was du immer nachts heimlich auf mein Bein schmierst!‘

‚Was für Pferde gut ist, kann für Menschen doch nicht schlecht sein?‘ meinte sie und blickte Kejnen ernst an. Dann schmunzelte sie und alle lachten. ‚Solange du mich nicht heimlich mit eingedickter Kuhpisse beschmierst, ist es mir wahrlich egal.‘ meinte Kejnen ernst. Halef verzog das Gesicht. Ainur lachte wieder und meinte dann: ‚Wir hatten mal einen Feldscher, der hatte alles mit eingedickter Kuhpisse behandelt!‘

‚Kein Wunder, dass ich Kejnens Bein nicht wieder gerichtet bekomme, eingedickte Kuhpisse nehmen wir zum Vertreiben gefräßiger Waldbewohner.‘ Sie schaute wieder ernst und lächelte dann. ‚Scherz beiseite, wenn alle Stricke reißen, verwende selbst ich eingedickte Kuhpisse. Ich kann es holen, wenn ihr wollt.‘

Kejnen, Ainur und Halef riefen gleichzeitig: ‚NEIN!‘ Es dauerte eine ganze Weile bis das darauffolgende Gelächter verstummte.

Kejnen schnappte sich den Teller mit den Köstlichkeiten und verteilte sie. Lamina lies sich von Halef füttern, ihr standen die Tränen in den Augen, als sie den Geschmack erkannte.

Es war bereits dunkel geworden. Die Kinder räumten den Tisch ab und wuschen die Teller und Becher ab. Lamina half ihnen beim Trocknen. Halef brachte die Kochstelle in Ordnung. Ziska schlief am Tisch ein und sank auf Kejnens gesundes Bein. Er streichelte ihr Haar und unterhielt sich mit Ainur über alte Zeiten. Wena schickte die Kinder ins Bett. Ging aber dann doch mit und hielt sie an leise zu sein.

Vira war den ganzen Abend über sehr ruhig gewesen, sie versuchte nur hin und wieder zu lächeln, was ihr nur in den seltensten Fällen gelang.

Als sie alle wieder am Tisch saßen, räusperte sich Kejnen wieder und hob seinen Becher.

Wenn nun jeder von euch mal unter seinen Platz sieht, was ich dort versteckt habe.‘

Ainur lächelte ihn an und meinte: ‚Das wäre doch nicht nötig gewesen!‘

‚Ainur, du nicht!‘

Halef zog einen Reiterbogen unter seinem Sitzplatz hervor. ‚Kejnen, Ihr seid verrückt, der muss einen Vermögen gekostet haben!‘

‚Er war nur halb so teuer, wie die junge Dame, die neben dir sitzt.‘ Er griff nach ihrer Hand und fuhr fort. ‚Und das seid ihr beide wert und noch viel mehr!‘

Lamina lächelte ihn an und hatte Tränen in den Augen. Er griff ihr an die Wange und flüsterte in ihr Ohr. ‚Schau mal unter die Bank!‘

Wena und Vira beobachtete das Geschehen sehr skeptisch. ‚Jetzt los, traut euch!‘

Wena zog ein neues Messer, in einer wunderschönen Lederscheide unter der Bank hervor.

‚Deine ganzen Messer sind in Kriegszeiten mal Kurzschwerter gewesen, deswegen etwas Handlicheres zum Schneiden!‘

‚Das haben wir doch gar nicht verdient!‘ meinte Wena.

‚Doch das habt ihr!‘

Lamina packte gerade einen Klappenmantel aus und fiel ihm vor Freude um den Hals. Dann sprang sie auf und Halef half ihr in den Mantel. Halef verschwand kurz in der Jurte.

‚Da fehlt aber noch ein Gürtel!‘ meinte Ainur. ‚Ich glaub, ich hab noch ein paar Lederriemen, dann können wir morgen einen schönen Gürtel machen!‘

‚Ihr kennt Euch mit Leder aus?‘ fragte Vira.

‚Ja und mit Eisen und mit Holz und so!‘ stotterte Ainur.

‚Wo wir gerade bei Eisen sind, Vira. Wenn du dein Geschenk mal hervor holen würdest, dann kann ich euch endlich erzählen, wie wir beide uns wieder gefunden haben.‘

Vira griff wortlos unter Ihren Stuhl und tastete am Boden, bis sie ein Stück Holz ergriff. Es war schwer. Wenig später hielt sie eine handliche, kleine Axt in ihren Händen.

‚Ja, schade um deine schöne Streitaxt!‘ meinte Ainur sehnsuchtsvoll.

Vira war den Tränen nahe, fing sich aber gleich wieder, weil Ainur aufstand und zu ihr ans andere Ende des Tisches kam. ‚Also, Kejnen kam an die Schmiede, bei der ich gerade gearbeitet hatte. Er wollte seine schöne Streitaxt umbauen lassen.‘

‚Ja und ich hab diesen Bastard erst gar nicht erkannt, er war von oben bis unten mit Ruß beschmiert.‘

‚Ich weigerte mich das gute Stück umzubauen, ich bot ihm einen Tausch an.‘

‚An seiner Axt erkannte ich ihn dann!‘

‚Ich hab dann doch eine neue Axt für dich gefertigt! Und ich besitze jetzt zwei schöne Streitäxte.‘ Er nahm ihr kurz die Axt ab und balancierte sie auf seinem riesigen Finger. ‚Also, die liegt unglaublich gut in der Hand!‘ Er warf sie kurz hoch und fing sie gleich wieder auf. ‚Für das sie so klein ist, meine ich!‘

Er drückte sie ihr wieder in die Hand, sie stand auf, ging um ihren Stuhl herum und er fuhr dann fort. ‚Sie lässt sich auch sehr gut werfen! Wenn du mal daneben wirst, ich habe sie so oft gefaltet, sie wird nie stumpf werden!‘ Sie drehte sich zum Holzstoß, holte aus und warf. Die Axt trat einen der aufgestapelten Scheite. Der getroffene Scheit wurde durch die Wucht des Wurfes sofort entzweit. Die Axt bleib zitternd in einem dahinter liegenden Scheit stecken.

Ainur piff die Luft durch die Zähne, er war von dem kraftvollen Wurf und dem zielgenauen Treffer dieser Frau einfach nur erstaunt und begeistert zugleich. Vira stand auf und ging zum Holzstoß. Lässig zog sie die Axt aus dem Holz und schob sie dann in ihrem Gürtel. Als sie zum Tisch zurückkam, tätschelte sie die Axt und drückte Kejnen einen Kuss auf die Stirn. ‚Danke!‘ Sie hatte wieder Tränen in den Augen, also wand sie sich hastig in Richtung Fluss. Als sie die Wäsche im Wind flattern sah, sprach sie ebenso hastig. ‚Oh, verdammt, wir haben die Wäsche vergessen.‘ Sie schnappte sich einen Korb und lief zum Fluss hinunter.

Ziska wurde wach und hob den Kopf. ‚Los, junge Dame, es ist schon spät, ich bring dich ins Bett, da liegt noch eine Überraschung für dich!‘ Sie lächelte nur und lies sich dann von ihm aufhelfen.

Während Kejnen Ziska ins Bett brachte, stand Halef plötzlich in der Tür der Jurte. Er hatte das kleine Paket in Händen, dass er vom Khan bekommen hatte. Er ging auf Wena zu und drückte es ihr in die Hand. ‚Großvater hat es mir mitgegeben!‘

Wena blickte ihn ungläubig an und öffnete das Paket. Es war erst in Pergament und dann zehn mal in roter Seide eingewickelt. In dem Paket befanden sich viele Spulen mit dünnen Fäden, Nähnadeln in verschiedenen Größen und ein Kamm, der wohl aus Elfenbein geschnitzt war. ‚Der Khan hat den Verstand verloren!‘ stammelte sie. Mit zitternden Fingern legte sie das Bündel auf den Tisch und zog den Seidenstoff heraus. ‚Schaut euch das an. Und der Kamm erst. Ist das Elfenbein? Er muss auf den Kopf gefallen sein.‘ Sie hatte wieder Tränen in den Augen, hastig hob sie ihre Geschenke auf und ging in die Jurte.

Lamina nahm sich ein frisches Tuch und die Tinkturen, die ihr Ziska gegeben hatte und Halef begleitete sie zum Abort. Ainur ging zu seiner Stute, um ihr den Lauf einzuschmieren. Vira kam mit der Wäsche zurück und brachte sie in die Jurte und hängte die restlichen nassen Sachen auf. Dann machte sie sich daran den Tisch aufzuräumen und ihn abzuwischen. Mit Sorgenfalten im Gesicht kam Ainur zurück zum Tisch. Vira hatte sich über den Tisch gebeugt und blickte ihm entgegen, während sie putzte. Sie gewährte ihm unabsichtlicher Weise tiefe Einblicke. Sie sah richtig geschafft aus.

‚Kann ich Euch irgendwas Gutes tun?‘ fragte er.

‚Das wollte ich Euch gerade fragen!‘ konterte sie.

Er seufzte und stellte den Tiegel mit der Pferdesalbe auf den Tisch.

‚Das wird schon alles wieder werden!‘ meinte Vira aufmunternd, hatte dabei aber Tränen in den Augen. Er griff nach dem Lumpen und blickte sie an. ‚Lasst mich weitermachen und setzt Euch!‘ Sie ließ es zu, wand sich aber ab, um eine Flasche aus einem Korb zu holen. ‚Trinkt Ihr noch einen mit mir?‘

‚Aber natürlich!‘

Sie goß den Inhalt in zwei frische Becher. ‚Auf das Ende von Ihr und Euch und auf du und du!‘ sagte sie feierlich. Sie stießen an und tranken. Halef kam mit Lamina auf dem Arm vorbeigelaufen. Ziska blickte ihn an, er blickte zurück und schüttelte unmerklich den Kopf. Sie nickte und schnappte sich ein trockenes Tuch und holte einen heißen Stein aus dem Feuer und trug ihn in die Jurte.

Nach einiger Zeit kam sie wieder aus der Jurte und blickte Ainur an, entschuldigend und um einen kleinen Moment Geduld bittend. Sie holte eine Kanne Tee und einen Becher und ging wieder in die Jurte.

Als sie wieder herauskam, schaute sie sich irritiert um. ‚Wo habt Ihr…äh… du deine Felle hin… ihr hab noch gar kein Nachtlager!‘

‚Ich kann am Feuer schlafen.‘

Sie hob nur eine ihrer Augenbrauen und er blickte zur Jurte hinüber. Sie verstand es sich wirklich wortlos zu reden. Er würde wohl nicht am Feuer schlafen. Sie blickte zurück und da lag sein Bündel. Sie war vorhin einfach daran vorbei gelaufen. Bevor sie wieder weglaufen konnte, drückte er ihr ihren Becher wieder in die Hand, er hatte bereits nach geschenkt. ‚Auf Du!‘

‚Und Du!‘ erwiderte sie.

Sie blickte ihm in die Augen und Tränen liefen ihr die Wangen herab. Er sprang vom Tisch auf und nahm sie ungefragte in die starken Arme. ‚Es ist keine Schande im richtigen Moment Schwäche zu zeigen. Ich hab heute fast geweint, als mich eines der Mädchen Onkel Ainur nannte.‘ Sie blickte ihm durch den Tränenschleier an und musste lächeln. Ihr nächster Blick sagte nur Betten bauen.

Als sie in die Jurte gingen, stand Halef gerade auf und blickte seiner Mutter entgegen. Er würde noch die Feuer löschen. Lamina schlief bereits. Kejnen und Ziska auch. Ainur brachte sie ins Bett und duldete keine Widerrede. Sein Bett baute er sich selbst und als Halef wieder kam, lag er bereits auf dem Boden vor Viras Bett und versuchte zu schlafen. Es gelang ihm nicht recht, Vira hatte ihm ganz schön den Kopf verdreht und es war äußerst makaber. Sie hatte bestenfalls gestern erfahren, dass ihr Mann schon lange tot war. Und sie wird ihn nicht begraben können und er hatte nichts besseres zu tun, als ihr schöne Augen zu machen und ihr hinterher zu spannen.

Vira schreckte mitten in der Nacht hoch, sie hatte wirres Zeug geträumt. Ainur wälzte sich am Boden im Schlaf hin und her. Sie bleib weinend an der Bettkante sitzen und zögerte ziemlich lange, bis sie völlig durchgefroren zu ihm runter auf den Boden glitt und unter seine Decken kroch. Er wand sich zu ihr und machte ein Auge auf, lächelte schwach und nahm sie in den Arm. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Hast du da oben keine Decken?‘ Sie schluchzte nur in sein Brusthaar. Sein männlicher Duft ließ ihr fast die Sinne schwinden. Er hielt sie einfach nur fest. Völlig unbewusst kamen ihm beruhigende Laute aus seiner Kehle. Sorgsam deckte er sie zu und traute sich kaum sie zu berühren. Er hatte einfach kein Recht eine trauernde Witwe zu berühren. Sie aber klammerte sich mit ihrem ganzen Körper an den Seinen, was die Sache für ihn nicht einfacher machte, sie nicht berühren zu wollen. Ihr sinnlicher Duft betörte ihn und ihr zitternder Körper rieb sich an dem Seinen. Er konnte kaum an sich halten, aber er musste. Er musste sich irgendwie ablenken. Im Kopf ging er seine Kampfübungen durch, bis er irgendwann einschlief.

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Drei und eine Axt – Teil 13

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 13

Meister Kejnen und Ainur ließen die Pferde durch die Furt traben. Ziska stand bis zu den Knien im Wasser und wusch die Wäsche aus. Seifenschaum schwamm auf der Wasseroberfläche und trieb langsam flussabwärts.

Als sie die Pferde hörte, blickte sie auf und lächelte ihnen entgegen. Die Pferde blieben am Ufer stehen und Ziska watete, mit der nassen Wäsche im Arm aus dem Wasser, warf sie fast beiläufig auf einen Stein und lief ihnen entgegen.

Kaum hatte sich Kejnen vom Pferd fallen lassen, sprang Ziska ihn schon an. In dem Moment als ihre Beine seine Hüften und ihre Arme seinen Hals umschlangen, wurde ihm gewahr, dass sie nur eine nasse Tunika trug. Er bedeckte mit einer Hand ihren nackten Hintern und mit der anderen Hand musste er sich am Sattel festhalten, weil er sonst umgestürzt wäre.

‚Hast du mich etwa vermisst?‘ fragte er mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Sie zog ihm mit einer Hand das entstellte Gesicht zurecht und musste auch grinsen.

‚Nein, überhaupt nicht!‘ sagte sie in ihrer albernen Art und hielt einen langen Moment inne, bis sie ihm einen langen Kuss aufdrückte. Er verlor fast das Gleichgewicht, aber sein Pferd hielt sein Stolpern auf. An sein Pferd gelehnt rang er nach Luft, erwiderte aber ihren Kuss. Ainur grinste nur.

Als Kejnen seinen Mund wieder zur freien Verfügung hatte, meinte er sanft: ‚Meine Schöne, du hast einen Patienten und wir haben einen weiteren Gast.‘

Langsam löste sie sich von Kejnen und glitt an seinem Körper herab. Als ihre Füße wieder den Boden berührten, zupfte sie ihre Tunika zurecht und hielt Ainur die Hand hin, der immer noch feixend auf seinem Pferd saß.

‚Das ist Ainur, ein alter Kriegskamerad.‘ erklärte Kejnen kurz und zog endlich seinen Stock aus dem Sattel. Nun stand er wieder sicherer auf seinen Beinen und lies sein Pferd los. Das unaufgefordert zusammen mit dem Packpferd langsam zum Gatter trottete.

Ziska machte einen Knicks, während Ainur ihre Hand ergriff.

Wie von einem Schlag getroffen, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie tatsächlich nur eine ziemlich nasse Tunika an hatte. Sie entzog Ainur mit einem entschuldigenden Augenaufschlag die Hand und lief zu einem Stapel Kleidung, der auf einem anderen Stein lag.

‚Ach, so begrüßt du unsere Gäste?‘ meinte Vira, die völlig lautlos aus dem Wald getreten war und nun hinter den beiden vorbei trottenden Pferden hervor kam, um mit beiden Händen in die Hüften gestemmt, das Geschehen ungeduldig zu mustern.

Sie ging zum Pferd von Ainur und hob vorsichtig den Kopf des bewusstlosen Otar an.‚Otar!‘

Dann blickte sie finster zu Kejnen.‚Kejnen, Ihr habt ihn doch nicht den ganzen Weg laufen lassen?‘ Sie lies den Kopf wieder sinken und blickte Kejnen ernst an.

‚Nicht den Ganzen.‘ stammelte Kejnen entschuldigend.

‚Und warum ist er völlig durchnässt?‘ löcherte sie weiter.

Ainur rümpfte die Nase und meinte hastig: ‚Er ist vom Pferd in den Fluss gefallen.‘ Dann räusperte er sich und hielt ihr die Hand hin. ‚Ich bin Ainur, ein…!‘

‚…alter Kriegskamerad und so viele Flüsse gibt es nicht, die es zum Überqueren gegeben hätte!‘ unterbrach ihn Vira schnippisch, hielt ihm dann aber ihre Hand hin: ‚Vira.‘ Ainur packte ihre Hand und stotterte dann: ‚Freud mich!‘ Es war ihm peinlich, dass er kein vernünftiges Wort herausbrachte und lies ihre Hand nach einem viel zu langem Moment, hastig wieder los.

Ziska hatte bereits eine Hose angezogen und stolperte wieder zurück, noch bevor sie diese ganz geschlossen hatte. Mit einer kraftvoller Bewegung war Ainur vom Pferd gestiegen und half Vira ihren Schwager vom Pferd zu heben. Wo sie sich schwer tat, hob er den Bewusstlosen mit einer Hand vom Pferd und legte ihn auf seine Schulter. Ainur gab seinem Pferd einen liebevollen Schlag aufs Hinterteil und es humpelte den anderen Pferden hinterher.

Währenddessen balgte Halef sich mit seinem beiden Hunden am Waldrand, stand dann aber schlagartig auf, als er die Bewegung der Pferde am Flussufer wahrnahm. Seine Mutter gab ihm ein Zeichen, dass er die Pferde absatteln sollte, während sie die Herren zu den Jurten führte. Wena stand mit den Kindern gerade am Tisch und bereitete das Essen vor, während ihre Kinder lautstark um sie herum wuselnden. Aufgrund des Geräuschpegels ihrer Kinder hatte sie die Ankunft der Pferde nicht bemerkt.

Sie blickte auf und wischte gleichzeitig die feuchten Hände an ihrer Schürze ab. Dann erkannte sie in dem bewusstlosen Mann, den man ihr vor die Füße legte, ihren Mann Otar. Sie stürzte schluchzend auf die Knie. Vira scheuchte die aufgeregten Kinder wortlos zu den Pferden, sie sollten Halef helfen die Sachen herbei zutragen.

Ziska und Wena nahmen sich Otar an und Ainur half ihnen Otar in Wena’s Jurte zu bringen.

Vira schenkte den Herren zwei Becher Tee ein. Ainur kam aus der Jurte, während Vira Kejnen aus seinem Klappenmantel half. Ainur grinste wieder breit.

‚Nachdem wir heute Waschtag haben, würde ich euch bitten mir eure Schmutzwäsche zu geben, während ihr euch frisch macht, ich bring euch frische Kleider zum Fluss!‘ meinte Vira und machte sich auf, wieder zum Fluss gehen zu wollen. ‚Aber trinkt nur erst und verschnauft erst mal.‘

Als sie außer Hörweite war, meinte Kejnen grinsend zu Ainur: ‚Darf ich dir Vira vorstellen! Die Herrin dieser kleinen Gemeinschaft!‘

Ainur grinste nur weiter und hatte dem nichts hinzuzufügen. Sie folgten ihr langsam zum Fluss. Vira hatte sich ihre Obertunika ausgezogen und hatte den Mantel von Kejnen schon ausgebürstet und gewaschen und hing ihn gerade zum Austropfen über einen Stein. Ihr Unterkleid war unter der Brust gebunden und an einigen Stellen durchnässt. Nun wand sie die Wäsche, an der Ziska vorhin gearbeitet hatte, aus und hing sie auf die Leine, die sie zum Zwecke des Wäschetrocknens quer über den Hof gespannt hatten.

Halef kam auch zum Fluss, gab seiner Mutter ein Zeichen und ging zu Lamina, die immer noch auf dem Stein lag und schlief. Vira blickte ihn etwas ungeduldig an und gab ihm nur mit Gestik und Mimik zu verstehen, dass er sich beeilen solle, sich waschen, weil sich jemand ums Essen kümmern sollte, und der wird wohl er sein. Aber er könne sich ruhig erst um Lamina kümmern.

Die Herren entkleideten sich indes und tuschelten mit einander. ‚Sie sagt kein Wort und dennoch schallt ihr herrischer Ton über den ganzen Hof.‘ flüstere Ainur.

‚Dem ist nichts hinzuzufügen!‘ grinste Kejnen und humpelte nur mit seinem Stock bekleidet ins Wasser. Ainur folgte ihm. Vira blickte über das letzte Wäschestück hinweg und beobachtete Ainur, wie er sich nach der Seife bückte, bevor er ins Wasser watete. Ihr schoss es die Schamesröte ins Gesicht, so dass sie sich gleich abwandte und zur Jurte ging.

Halef war zu Lamina auf den Stein geklettert und beobachtete sie einen Moment und kitzelte sie mit einer Blume aus dem Schlaf. Ihre Haare leuchteten goldbraun in der Sonne und als sie die Augen öffnete, strahlte ihr Bernstein ihm entgegen. Sie lag auf dem Bauch und drehte nur ihren Oberkörper in seine Richtung und zog die Arme mit der Decke an ihren Körper.

‚Ich hab mich fast nicht getraut, dich zu wecken, aber…ähm…wie geht’s dir?‘ stotterte Halef.

‚Gut! Glaub ich!‘ flüsterte Lamina und nahm die Blume entgegen. ‚Danke!‘ Ihre Wangen wurden rot und sie schloss beschämt die Augen.

‚Meister Kejnen ist gekommen und Ainur und erschreck dich nicht, sie waschen sich gerade am Fluss!‘

Sie lächelte, öffnete die Augen wieder.

‚Ähm, ich werd mich auch waschen und muss dann…!‘ Er brach ab, räusperte sich und fuhr dann fort. ‚Magst du mir nachher beim Essen machen helfen?‘ Sie nickte und ihr fielen die Augen wieder zu.

‚Also, ich bin in der Nähe, wenn… was…ist!‘ Er wunderte sich selber über sein Stottern, strich ihr noch über die Wange und sprang dann vom Stein.

Im Lauf entkleidete er sich und sprang in den Fluss, er tauchte zu den beiden Herren und erbat sich die Seife.

‚Wie geht es der Kleinen?‘ erkundigte sich Meister Kejnen.

‚Gut soweit!‘

‚Und dir?‘

‚Hm!‘

‚Hast du Ziska alles berichtet, was ich dir aufgetragen habe?‘

‚Ja, ähm, Mutter hat es ihr gesagt.‘

‚Und?‘

‚Sie wusste es irgendwie bereits!‘

‚Und das mit Otar?‘

‚Das hab ich ihr in der Jurte bereits gesagt!‘ meinte Ainur. ‚Und sie wusste es irgendwie bereits!‘

‚Ich habs ihr gesagt! Sie hat es erschreckend gut aufgenommen!‘ erklärte Halef.

Die drei Männer guckten sich ratlos an. Halef tauchte wieder unter.

Wenig später kam Vira wieder zum Fluss und legte 3 Stapel Wäsche auf einen freien Stein und griff sich die Kleidungstücke, die am Ufer verstreut lagen, um sie in den Kessel zu werfen. Ainur watete ans Ufer. Ganz beiläufig hielt sie ihm ein trockenes Tuch hin, aber nicht ohne seinen nackten Körper einen flüchtige Moment lang zu mustern. Meister Kejnen kam ebenfalls aus dem Wasser gehumpelt. Sie eilte ihm entgegen, drückte ihm auch ein trockenes Tuch in die Hand, stütze ihn an der Schulter und nahm ihm für einen Moment den Stock ab, damit er sich das Tuch um die Hüften schlingen konnte. Dann geleitete sie ihn zu einem Stein, wo er sich setzten konnte. Dort hatte sie ihm bereits seine Kleidung zurechtgelegt. Ainur trocknete seinen massigen Körper ab, als Vira ihm einen Stapel Wäsche vor die Nase hielt. ‚Das müsste passen!‘ meinte Vira und wand sich ab, aber nicht ohne noch einmal in den Kessel zu blicken und ein Scheit nachzulegen. Dann lief sie zu den Jurten zurück. Als die Beiden angekleidet waren, folgten sie ihr ebenfalls.

Lamina schreckte im Schlaf hoch, in dem Moment als Halef mal wieder auftauchte. Er warf die Seife an den Strand und hechtete in Richtung des Steins, auf dem Lamina nun aufrecht saß und sich verängstigt die Decke vor die Brüste presste. Die Blume war aus ihrer Hand gepurzelt und blieb am Rand des Steins liegen. Halef sprang mit einem Satz aus dem Wasser und kletterte den Felsen hoch und lugte über den Rand. Beruhigende Laute kamen ihm über die Lippen. Er stemmte sich hoch, nahm die Blume auf und hielt sie ihr erneut hin. Sie blickte ihn durch einen Tränenschleier an. Ein flüchtiges Lächeln brach ihre versteinerte Maske und sie machte Anstalten ihn zu umarmen. Dabei lies sie beinahe die Decke fallen.

‚Vorsicht!‘ meinte er noch kurz. Er musste die zweite Hand wieder zum Stützen senken, sonst wäre er in den Fluss gestürzt. ‚Na..ss!‘ Sie umarmte ihn nun weniger stürmisch. Er blickte ihr über die Schulter auf ihren blanken Rücken. ‚Dein Rücken sieht schon viel besser aus.‘ meinte er beklommen. Es war ihm irgendwie reichlich unangenehm, sich vor ihr splitternackt an den Felsen zu klammern.

‚Lamina, ich hab…!‘ stotterte er wieder.

Sie löste sich, erkannte seine Nacktheit und errötete.

‚Ich bin gleich wieder da!‘ meinte er kurz, wand sich ab und sprang ins Wasser zurück. Als er wieder auftauchte war er schon fast an der Stelle, wo seine Mutter ihm die Kleidung zurecht gelegt hatte. Er hielt sich nicht weiter mit abtrocknen auf und schlüpfte, nass wie er war in seine Hose und stolperte bereits wieder zurück zu Lamina.

Sie musste lachen, weil er ziemlich albern dabei aussah.

‚Hätte ich mich gar nicht so beeilen müssen, wenn du schon wieder lachst!‘

‚Wenn du dich nicht beeilt hättest, hätte ich wahrscheinlich nicht lachen müssen.‘

Mit einem Satz war er auf dem Felsen.

Sie hatte eine leichte Tunika in der Hand und versuchte sie anzuziehen, ohne aber die Decke los zulassen. Er ging ihr ziemlich umständlich zur Hand, am Ende hatte sie die Tunika endlich an und war ihm dabei auch noch in den Schoß gestürzt. Worauf beide wieder lachen mussten. Er umarmte sie liebevoll und lächelte sie an: ‚Es ist schön, wenn du lachst.‘ Sie drehte sich in seiner Umarmung und blickte ihm direkt ins Gesicht. ‚Es auch schön, wenn du lachst!‘ Dabei strich sie ihm die nassen Haare aus dem Gesicht. ‚Wir müssen langsam!‘ meinte Halef. Ihre Hand blieb auf seiner Wange liegen, dann drückte sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. Beide wurden schlagartig rot im Gesicht und stoben auseinander, dabei wäre er beinahe vom Felsen gefallen. Als er sie wieder anblickte, lächelte sie ihn verschmitzt an. Er bot ihr lächelnd seine Hand an, als er den Felsen wieder herunter kletterte. Sie nahm die Blume in die Hand und klemmte sich die Decken unter den Arm und hielt ihm die freie Hand hin. Dann erkannte er, dass sie seine Hose trug: ‚Meine Hose steht dir ausnehmend gut!‘

‚Ja, findest du?‘

‚Ist ja auch meine Hose!‘

Drei und eine Axt – Teil 12

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 12

Als Halef zum großen Tisch kam, war es bereits dunkel geworden und Wena scheuchte gerade die Kinder ins Bett. Während er versuchte zu essen, nickte er mehrmals ein. Ziska saß in eine Decke gehüllt auf Kejnens Stuhl und schlief. Vira kam gerade aus der Jurte, als Halef ein weiteres Mal ein nickte. ‚Halef, ich glaube, da möchte dich jemand sprechen!‘ Halef schnellte von der Bank hoch, wurde aber von seiner Mutter gestoppt, bevor er in die Jurte stürmen konnte. ‚Nicht so stürmisch!‘

Halef atmete durch und ging dann halbwegs besonnen in die Jurte. Drinnen, war alles hell erleuchtet, das Feuer brannte hoch. Der Duft beruhigender Kräuter lag in der Luft. Er blickte auf sein Bett. Lamina lag auf dem Bett. Sie blinzelte und versuchte etwas zu sagen. Nun stürmte er doch an sein Bett, fiel auf die Knie und rutschte ganz nah an die Bettkante heran. ‚Lamina, he! Wie geht’s dir?‘

Sie drehte den Kopf zu ihm und versuchte etwas zu sagen, ihre Stimme brach aber sofort, sie schluckte schwer. Beruhigende Laute kamen aus seinem Mund, als er mit dem Handrücken über ihre Stirn strich. Mit der anderen Hand suchte er nach ihrer Hand unter der Decke und fand sie. Er zog sie hervor und führte sie zu seinem Mund, umfasste sie mit der zweiten Hand und dann küsste er ihre Hand, so behutsam er auch nur konnte. Sie schloss die Augen und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Seine Mutter stand plötzlich neben ihm und hielt ihm einen Becher hin. Er setzte sich auf die Bettkante und flüsterte ihr leise ins Ohr: ‚Lamina!‘ Und hielt ihr dabei den Becher hin. Sie stemmte sich kraftlos hoch, hastig stütze er sie und half ihr beim Trinken. Als sie den letzten Schluck geleert hatte, sank sie erschöpft auf seinen Oberschenkel. Mit einem langen Seufzer lehnte er sich an den Bettpfosten und nickte ein.

Er erwachte erst wieder, als seine Mutter ihm den Becher aus der Hand nahm und ihn ernst anblickte. Sie blickte auf den Boden, wo sie ihm seine Felle ausgebreitet hatte. Ihr ernster Blick verschwand auch nicht, als er sie mitleidig anblickte. Langsam tauschte er seinen Oberschenkel durch ein Kissen aus und stand dabei auf. Sein ganzer Körper zitterte, so dass er sich beinahe freiwillig ans Feuer legte und sich in seine Felle kuschelte. Er schlief bereits tief und fest, als Lamina aus dem Schlafe hoch schreckte und verwirrt umher blickte. Sie kroch zur Bettkante und blickte zum Feuer hinüber. Als sie den schlafenden Halef am Boden erblickte, krabbelte sie aus dem Bett und kroch zu ihm unter seine Felle. Im Halbschlaf nahm er sie in die Arme und fiel sofort wieder in tiefen Schlaf. Beruhigt blieb sie mit dem Kopf auf seiner Brust liegen und schlief alsbald wieder ein.

Er schrak hoch als Ziska in von Oben aus anstarrte. ‚Wollt ihr nicht im Bett schlafen?‘ Sie legte ein paar Scheite nach und ging wieder. Lamina schlief tief und fest, er brachte es aber nicht übers Herz, sie zu wecken. Das musste er auch nicht, sie erwachte nach wenigen Momenten, weil sie sich beobachtet vor kam. ‚Komm, ich bring dich wieder ins Bett.‘ Sie schüttelte den Kopf. ‚Dir tut grad nichts weh?‘ Sie blickte ihn angestrengt an und schüttelte wieder den Kopf, da begriff er.

Er hob sie hoch und stand langsam auf. Als er mit ihr auf dem Arm aus der Jurte kam, schreckten seine Mutter und Ziska auf. Er ging wortlos Richtung Abort. Ziska sprang auf und lief in die Jurte, kam wenig später mit zwei Tiegel und einen frischen Tuch wieder heraus. Sie schnappte sich eine saubere Schüssel und goss heißes Wasser hinein. Als sie am Abort ankam, kam Halef sich an der Hose nestelnd hinter einem Busch hervor und sie hörte Lamina hinter dem Vorhang wimmern und dann konnte man nur noch einen erstickten Schrei hören.

‚Lass uns allein!‘ befahl sie ihm. Er gehorchte und verschwand mit hängenden Schultern außer Sichtweite. Wortlos ging er in die Jurte, packte seine Felle und warf sie aufs Bett. Seine Mutter kam zur Jurtentür, als Ziska nach ihm pfiff.

‚Lass, ich mach schon!‘ rief er und rannte aus der Jurte, am Tisch vorbei hinter zum Abort. Ziska stütze Lamina, die offensichtlich bewusstlos war. ‚Nimm sie mir ab und bring sie ins Bett.‘

Er brachte sie ohne Fragen zu stellen ins Bett und deckte sie zu. Ziska folgte ihm, sie hatte eine Kanne mit Tee in der Hand und einen Becher. ‚Setz sie auf und setz dich bitte hinter sie und halt ihr den Kopf zurück.‘ Er gehorchte abermals, hatte aber keine Ahnung, was sie vorhatte. Ziska stellte Kanne und Becher ab und ging zum Feuer, um einige Kräuter ins Feuer zu werfen. Dann holte sie einige Dinge aus ihrem Korb und kam wieder ans Bett und setzte sich. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ Dann hielt sie ihr ein kleines Gefäß unter die Nase. Lamina schreckte hoch und krümmte sich sogleich zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ meinte Ziska ruhig und hielt ihr den ersten Becher vor die Nase. Lamina schüttelte den Kopf. ‚Es wird nur besser, wenn du mehr trinkst. Komm schon, glaub mir, ich weiß das.‘ Die Eindringlichkeit und der Schmerz in ihrer Stimme brachte Lamina dazu, den Becher auszutrinken. In den zweiten Becher gab sie noch einen Schuss ihres Schnapses dazu. ‚Und das ist gegen die Schmerzen!‘

Halef flüsterte ihr etwas ins Ohr, bevor sie trank: ‚Du weißt ja, verdünnt kann man es fast trinken.‘ Dann half er ihr beim Trinken. Sie leerte brav den Becher. ‚Einen noch und dann lass ich euch schlafen.‘ Nach diesem Becher, rollte sie zitternd von Halef runter und blieb reglos mit angezogenen Beinen liegen. Halef deckte ihren schweißnassen Körper liebevoll zu und schob ihr eines seiner Felle unter den Kopf. Dann stand er auf und kam nach einem Moment wieder ins Bett. Er hielt ein Bündel in der Hand, dass er unter ihrer Decke an ihr vorbeiführte und ihr dann in ihre Hände legte, die sie an ihren Unterleib gepresst hatte. Es war ein heißer Stein, den er in ein Tuch gewickelt hatte. Ihr Körper entspannte sich augenblicklich. Als er seine Hand wieder zurückziehen wollte, hielt sie ihn bestimmt zurück. Ziemlich umständlich kam auch er zum Liegen. Er legte den anderen Arm oberhalb ihres Kopfes ab und sank mit seinem Kopf auf das selbe Fell, auf dem auch Lamina lag. Ihr Körper wurde wieder durch ein Schaudern gebeutelt, unmerklich rückte er näher an sie ran. Nun entspannte auch er sich und kam nun auch zur Ruhe.

Am nächsten Morgen weckte ihn seine Mutter. Lamina schreckte hoch und sah ihm zu, wie er seine Schuhe anzog. Er versuchte sie zu beruhigen: ‚Schlaf weiter, ich muss arbeiten. Tante Ziska kümmert sich um dich. Am Nachmittag bin ich wieder da!‘

Sie mussten sich ums Holz kümmern. Er spannte einen der Gäule an. Der Hund begleitete sie, als sie in den Wald gingen, um umgestürzte Bäume aus dem Unterholz zu ziehen. Wena und Ziska hatten heute Waschtag. Die Kinder machten ihre Arbeiten, die Großen halfen Vira und Halef und brachten die kleinen Holzstücke und Äste zurück zu den Jurten und sammelten dann Beeren. Die Kleinen gingen Wena und Ziska zur Hand. Als Lamina wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Ziska kümmerte sich rührend um sie. Sie brachte Lamina zum Fluss, um sich ihre Verletzungen bei Tageslicht anzusehen. Ziska half ihr beim Waschen und reinigte ihre Wunden. Lamina war sehr still, sie bat nur darum, auch ihre Haare waschen zu dürfen. Als das Gestrüpp auf ihrem Kopf endlich gewaschen und halbwegs gebändigt war, taute sie langsam auf.

Danke!‘ flüsterte sie, während Ziska ihr die feuchten Haare kämmte.

‚Ist schon gut, dazu bin ich doch da!‘ meinte Ziska nur kurz.

‚Meister Kejnen hat 3 Gold für mich bezahlt!‘ stammelte Lamina beunruhigt.

‚Ehrlich!‘ Ziska war sichtlich erstaunt.

‚Ich gehöre jetzt ihm! Meinst du, dass er…!‘ ihre Stimme brach.

Ziska nahm sie sachte am Kinn und drehte ihren Kopf, damit sie ihr besser ins Gesicht blicken konnte. ‚Er wird auf nichts bestehen, was dich beunruhigt.‘

‚Sicher?‘ fragte Lamina ungläubig und wischte sich dabei Tränen aus den Augen.

‚Ganz sicher, da habe ich noch ein Wörtchen mit zureden und ich glaube auch nicht, dass Halef damit einverstanden wäre.‘

Lamina versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht so wirklich, deswegen seufzte sie nur hilflos.

‚Halef ist bis über beide Ohren in dich verliebt!‘ grinste Ziska.

Lamina blickte sie nur ungläubig an und schüttelte den Kopf. Ihr standen wieder Tränen in den Augen.

‚Du brauchst dir darüber auch keine Sorgen machen, er ist wohl erzogen und und…ähm…!‘ Ziska stockte, sie wusste nicht genau, wie sie dass erklären sollte, was sie zu erklären versuchte.

‚Was und…!‘ fragte Lamina.

‚Er hatte eine Vision, als er den Knebel berührte, bevor er ihn ins Feuer warf!‘ Sie stockte wieder, fuhr aber dann fort. ‚Er hat gesehen, was sie mit dir gemacht haben… und ich habe das auch gesehen, als ich dich geheilt habe!‘

Lamina starrte sie nur fassungslos an. ‚Da hatten die alten Damen ja doch recht, dass er von den Göttern gesandt wurde.‘

‚Wir sind ein wenig außergewöhnlicher als üblich, aber soweit würde ich nicht gehen! Von den Göttern gesandt!‘ Ziska schüttelte lachend den Kopf und schloss Lamina dann liebevoll in die Arme.

‚Du hättest ihn sehen müssen, als er mit dir angeritten kam, er war klitschnass, er war im vollen Lauf durch den Fluss geritten und er war so aufgelöst, dass ich erst mal kein Wort aus ihm rausgebracht habe. Ihm liefen die Tränen über das verstaubte Gesicht. Ich hab ihn schon lange nicht mehr so aufgelöst gesehen.‘

‚Er hat doch nicht nur wegen mir geweint?‘

‚Vielleicht nicht nur, aber auch wegen dir!‘ meinte Ziska abschließend. ‚So, nun leg dich ein bisschen hin, damit deine Haare trocknen können. Ich geh dir einen Tee holen und noch was für deinen Rücken!‘

Irgendwann verschwand der Hund von Halef’s Seite und da wusste er, dass Meister Kejnen bald kommen würde. Als Ziska von den Jurten wieder zum Fluss lief, sah sie, wie der Hund an den Jurten vorbei lief und an der schmalsten Stelle über den Fluss sprang und in Richtung Ebene davon flitzte. Lamina war tatsächlich eingeschlafen, Ziska versorgte ihre Wunden, ohne sie aber dabei zu wecken und machte sich dann dran, die gewaschene Wäsche im Fluss auszuspülen.

Drei und eine Axt – Teil 11

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 11

Kejnen stieß Halef mit seinem Stock an, worauf der Junge seine Augen aufriss. ‚Der Tag bricht gleich an!‘ Lamina lag auf seiner Brust. Behutsam bettete er sie um und ließ sie weiter schlafen. Er stand auf, packte seinen Sattel und kam aus der Jurte. Mit den ersten Sonnenstrahlen, brach alles wieder auf ihn ein. Der gestrige Abend war kein böser Traum gewesen, es war die traurige Wahrheit. Sein Onkel Otar lag schnarchend auf dem Boden und sabberte in den Dreck. Einige der alten Damen waren wieder da, sie bereiteten ihnen Frühstück und sie legten dem Jungen wieder Geschenke vor die Füße und küssten seine Hände. Dessen ungeachtet ging Halef hinters Zelt, um sich zu erleichtern. Als er fertig war, stand plötzlich ein Mann hinter Halef und sprach: ‚Ich hab mich gestern Nacht nicht vorgestellt, ich bin Ainur, ein alter Freund von dem Krüppel da drüben.‘

‚Ich hab dich auch gern, Ainur!‘ rief Kejnen laut.

Halef blickte ihn an und die alten Damen waren wieder da und sie wuschen seine Hände. Halef schüttelte nur den Kopf und ging zu seinem Pferd, um es zu satteln. Sie packten alle leichten Sachen auf Halef’s Pferd. Die Damen weckten das Mädchen, versorgten sie und zogen sie an.

Der Khan stand plötzlich mitten im Lager. ‚Es ist tatsächlich Otar.‘ meinte der Khan. Er war sichtlich bestürzt darüber, wie runtergekommen sein Schwiegersohn aussah. ‚Tut mir einen Gefallen und werft ihn in den Fluss, bevor ihr ihn zu meiner Tochter bringt. Er stinkt erbärmlich.‘

‚So was in der Art war mein Plan.‘ meinte Kejnen.

‚Wie habt ihr ihn gefunden? Meine Männer hatten das ganze Zeltlager nach ihm durchkämmt.‘

‚Ainur hat ihn gefunden!‘ meinte Kejnen und wies auf Ainur.

‚Ah, der Schmied. Ainur, mein Dank ist Euer.‘ rief der Khan.

‚Es war mir eine Ehre helfen zu können.‘ meinte Ainur und verbeugte sich kurz.

Halef trat in die Runde, um sich zu verabschieden.

‚Halef, Junge. Gib auf das Mädchen acht, du hast mehr zu tragen, als nur schlechte Nachrichten. Und gib dass meiner Tochter.‘ sprach der Khan und drückte ihm ein dünnes Päckchen in die Hand und dabei steckte der Khan ihm seinen Dolch in den Gürtel. ‚Ich habe gehört, des es bei euch mit scharfen Messern nicht so gut bestellt ist.‘

‚Habt Dank, ehrenwerter Khan.‘ meinte Halef und ging rückwärts zu seinem Pferd, steckte das Paket in seine Satteltasche und stieg auf. Ainur nahm den alten Damen das Mädchen ab und hob es vor ihn in den Sattel. ‚Róka, bleibt bei euch, Kejnen.‘

‚Kann ich nicht den Angsthasen haben? Du weißt doch, deine Hunde mögen mich nicht.‘

‚Nyúl findet den Weg aber nicht ohne mich!‘

‚Gut, Junge. Dann sieh zu, dass du los kommst und bring es ihnen schonend bei.‘

Halef ritt los. Als er außer Reichweite war, meinte der Khan: ‚Wann wird er mich endlich Großvater nennen?‘

‚Wer weiß?‘ meinte Kejnen und zuckte mit den Achseln.

Einer der Söhne des Khan kam und blickte verdrießlich in die Runde.

‚Die Geschäfte rufen, Meister Kejnen. Wir werden uns wieder sehen, so oder so. Ihr seid ein außergewöhnlicher Mann und die Götter scheinen es gut mit Euch zu meinen.‘

‚Wir sehen uns, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen!‘

‚Wir sehen uns, wenn ich den kleinen Hügel am Ende der Steppe erblicke und den Rauch rieche.‘ sprach der Khan und fuhr dann fort. ‚Bringt ihn gut heim und passt mir auf meine Mädchen auf, mein Freund!‘

Halef ritt wie der Wind über die Ebene. Lamina saß in eine Decke gewickelt vor ihm im Sattel. Er hielt sie so behutsam, wie möglich, aber doch bestimmt in seinen Armen, während er das Pferd im schnellen Lauf über die unwegsame Ebene hetzte. Völlig verkrampft klammerte sie sich an einen seiner Arme. An ihrem Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass sie sehr große Schmerzen haben musste. Sie hielt sich aber Tapfer im Sattel.

Um die Mittagsstunden bekam sie Fieber, das von Stunde zu Stunde immer stärker wurde. Zu dem beutelte sie heftiger Schüttelfrost, so dass er sie kaum halten konnte, ohne ihr noch mehr Schmerzen zu bereiten. Es half alles nicht, er drückte ihren schweißnassen Körper fest an sich und ritt so schnell, dass selbst sein Hund ihm kaum folgen konnte.

Am späten Nachmittag war sie vom unruhigen Schlaf in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen. Panisch trieb er sein Pferd noch unerbittlicher in Richtung Heimat.

Endlich konnte er am Horizont den kleinen Hügel erkennen und Rauch, der gekräuselt gen Himmel stieg. Er holte die letzten Kräfte aus seinem Pferd und klammerte Lamina noch fester an sich. Sein Hund verlor endgültig den Anschluss und blieb nun weit zurück. Im vollen Lauf ritt er durch die Furt, am Gatter vorbei bis fast vor den Jurteneingang. Er schrie nach seiner Tante, noch bevor er das Pferd stoppen konnte.

Tante Ziska kam aufgeregt aus der Jurte gelaufen und blickte ungläubig auf den triefenden Gaul und ihren Neffen, dem das Spritzwasser vom Fluss ebenfalls von der Reisekleidung ran.

Hastig sprang er mit dem Mädchen im Arm vom Pferd und eilte ihr entgegen.

‚Sie hat Fieber und und…!‘ seine Stimme brach. Ziska blickte ihn verstört an und sah die Tränen in seinen Augen. ‚Bring sie erst mal rein.‘ meinte sie beschwichtigend und schob ihn zur Jurte.

Er stolperte vor Ziska in die große Jurte und sah sein Bett. Ziska hatte ihre Drohung also wahr gemacht, dass sie ihn nun nicht mehr draußen schlafen lassen würde.

‚Leg sie hin und setz dich bitte!‘ sagte sie ruhig, während er vor Aufregung nach Luft schnappte. ‚Und beruhige dich bitte, bevor du mir erzählst was überhaupt los ist.‘

Er atmete tief durch und schluckte schwer.

‚Lamina ist ähm… Meister Kejnen hat sie einem Sklavenhändler abgenommen. Sie haben sie ausgepeitscht und und…‘ Seine Stimme brach wieder. ‚Ver… Ver…!‘ Ziska unterbrach sein Stottern. ‚Ist schon gut! Lass mich allein, ich kümmere mich schon um sie.‘

In dem Moment als er aufstand und zurück taumelte, stand seine Mutter schon in der Jurtentür.

‚Halef, was ist hier los und wo ist Kejnen?‘

Halef stürzte seiner Mutter in die Arme und schluchzte: ‚Er kommt später.‘

‚Was soll das heißen, er kommt später?‘ Nachdem aber außer stottern und schluchzen nichts aus ihrem Sohn herauszubekommen war, lies sie ihn einfach vor der Jurte stehen und fing erst mal sein Pferd ein, dass sich gerade über Ziska’s Kräutergarten hermachen wollte.

Erst als sie versuchte das voll bepackte Pferd von dem Gewicht der vielen Taschen und Beuteln zu befreien, stand er plötzlich neben ihr und packte lautlos mit an.

‚Kejnen hat Otar gefunden!‘ flüsterte er fast beiläufig.

Vira lies fast den Sattel fallen und starrte ihn ungläubig an, dann stotterte sie: ‚Und…und…Ulgur… und dein…dein…Va…!‘

Halef schüttelte nur den Kopf, dabei rannen ihm wieder Tränen die Wangen hinunter. Nun krachte der Sattel auf den Boden und Vira stolperte rücklings zum Gatter. Dort musste sie sich fest klammern, um nicht auf die Knie sinken zu müssen. Halef nahm seinen Sattel auf und versuchte ihn auf die Schulter zu heben, dabei bebten seine Arme so, dass er ihn nicht halten konnte. Völlig geschwächt sank er mit samt dem Sattel zu Boden und begann mit einem entsetzlichen Seufzer zu weinen. Seine Tränen tropften auf den Sattel, doch sein Gesicht war von seinen zerzausten Haaren verdeckt. Nun sank auch Vira zu Boden und stürzte in seine Arme. Beide schluchzten und hielten sich fest. Ihre Körper bebten. Es dämmerte bereits, als sie sich nach einem viel zu langen Moment wieder regten und sich aufrappelten, um die Arbeit zu vollenden, die sie beide so kläglich begonnen hatten. Irgendwann fand Vira ihre Stimme wieder.

‚Und das Mädchen? Was ist mit dem Mädchen?‘

‚Lamina?‘ fragte er.

‚Hast du etwa noch ein zweites Mädchen mitgebracht?‘ nörgelte sie weiter.

‚Nein, natürlich nicht.‘ Er stockte, setzte dann wieder an. ‚Auf dem Markt, hat ein Sklavenhändler sie an einem Strick vorbei geschleift, ich wollte hinterher, aber Kejnen hat mich daran gehindert, ich weiß nicht wie er sie befreit hat…‘

‚Und wer hat sie so zugerichtet?‘

‚Der Sklavenhändler, wahrscheinlich!‘

‚Und jetzt?‘

‚Kann sie bitte bei uns bleiben?‘

‚Du wirst für zwei Arbeiten müssen!‘ meinte sie ernst, dann erzwang sie sich ein Lächeln, als sie seine Miene sah. ‚Natürlich kann sie bei uns bleiben, wir kriegen dass alles schon hin, irgendwie.‘

Der Hund kam vom Fluss herauf geschlichen, blieb mitten im Hof stehen und brach einfach nur zusammen. Halef lies die Luft durch seine Zähne pfeifen, sein Hund reagierte erst nicht. Nach einem langen Moment hob er den Kopf, grunzte und lies seinen Kopf nun wieder sinken.

Wena kam aus der Jurte. Sie gähnte verschlafen: ‚Was ist denn los, ich hab vorhin was gehört. Ich muss wohl eingeknickt sein.‘

‚Wo sind die Kinder grad? Es ist so ruhig.‘ fragte Vira.

‚Die Großen sind Kleinholz und Beeren sammeln und die Kleinen kämmen Wolle.‘

‚Klappt des mit dem Spindeln?‘

‚Mutter!‘ nörgelte Halef und drängte Wena auf einen Stein. ‚Setz dich besser!‘

Er räusperte sich. ‚Ainur, ein alter Kriegskamerad von Kejnen hat Otar gefunden…!‘ Er stockte wieder, setzte dann aber nochmal an: ‚Aber…!‘

Wena unterbrach ihn mit einer stürmischen Umarmung. ‚Wo ist er und was ist mit….‘ Ihre Stimme brach. ‚Ulgur und… und…deinem…!‘

Sie blickte über die Schulter des Jungen Vira ins Gesicht. Doch Vira schüttelte fast unmerklich den Kopf.

‚Wie kann ich mich freuen, wenn ihr alle trauern müsst?‘ heulte Wena los.

‚Halef was ist mit dem Aber!?‘ fragte Vira ungeduldig.

Halef versuchte Wena zu beruhigen und sprach dann langsam und stockend weiter. ‚Wena, er hat beim Versuch Vater und Onkel Ulgur zu retten einen üblen Schlag auf den Kopf bekommen…‘ Er machte wieder eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen, während ihn Wena nur fragend anblickte. Er würde die richtigen Worte eh nicht finden, also platze es aus ihm heraus. ‚Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf und…und…!‘ Seine Stimme brach erneut. Wena schrie in fast an: ‚Was?‘ Von ihrem Gefühlsausbruch ziemlich irritiert, spie er die nächsten Worte förmlich aus: ‚Er war so verwirrt, dass er die Leichen seiner Brüder verloren hat und… und… und!‘

‚Jetzt lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!‘ unterbrach ihn Vira.

‚Er ist ein Säufer!‘ schrie er, während ihm Rotz und Wasser aus Mund und Nase ran. ‚Er ist ein verrückter Säufer!‘ Dann sprang er auf und lief zum Fluss hinunter. Wena blieb fassungslos auf dem Stein sitzen.

Vira setzte sich neben sie und sprach ganz ruhig: ‚Wena, du bist der verständnisvollste Mensch den ich kenne, du wirst auch damit zurecht kommen.‘

Wena blickte sie nur an und meinte trocken: ‚Wir sollten den Schnaps und den Wein verstecken, bevor sie kommen!‘

‚Ich red mit Ziska, sie soll ihre Kräfte schonen, vielleicht kann sie ja was tun.‘ meinte Vira im Aufstehen und lief langsam zur Jurte hinüber.

Sie streckte den Kopf bei der Tür herein. Ziska schaute besorgt auf. Viras Blick schweifte über den Körper des Mädchens.

‚Sie ist noch nicht übern Berg, aber das wird schon wieder.‘ flüsterte Ziska.

Vira zog nur eine Augenbraue hoch. Ziska stand schwankend auf und ging zu Vira hinüber. Beide gingen aus der Jurte, Ziska lehnte die Tür nur an und ging weiter.

‚Sie ist auf grausamste Art und Weise vergewaltigt worden und ausgepeitscht und…‘ Sie stockte und blickte Vira besorgt an. ‚Die Wunden werden wieder heilen und alles Körperliche habe ich repariert…!‘ Vira packte sie an der Schulter und drückte sie in eine Umarmung.

‚Manchen Wunden heilen nie!‘ meinte Ziska trocken.

‚Kejnen hat Otar gefunden!‘ meinte Vira ebenso belanglos, wie Halef vorher. Ziska blickte Vira in die Augen und sie sah, dass Vira Tränen in den Augen hatte.

‚Mein Herz hat es schon seit langem gewusst!‘ flüsterte Ziska.

‚Wir wollten es nur nicht wahr haben!‘ flüsterten sie beide.

‚Otar hat einen Schlag auf den Kopf bekommen, Halef sagt er sei verrückt und ein Säufer und er hat die Leichen unserer Männer verloren.‘

Ziska nickte nur: ‚Wo ist Halef? Ich möchte mit ihm über das Mädchen reden!‘

Vira blickte zum Fluss hinunter und ging dann in die Jurte. Das Mädchen lag bewegungslos im Bett, ihr Brustkorb hob und senkte sich ganz leicht auf und ab. Vira griff in eine Kiste, zog ein paar Kleidungstücke heraus und nahm ein Tuch von einer Leine. Als sie wieder aus der Jurte trat, stand Ziska immer noch davor. Sie drückte ihr die Sachen in die Hand und ein Stück Seife.

Halef saß am Ufer, er hatte sich die Schuhe ausgezogen, weiter war er nicht gekommen. Ziska setzte sich neben ihn ins Wasser. Die Wäsche legte sie hinter sich, an einer trockenen Stelle ab. Blitzartig schnellte sein Kopf herum. Seine Tränen waren getrocknet und hatten in seinem staubigen Gesicht seltsame Streifen hinterlassen. Er wischte sich den Rotz mit dem Ärmel aus dem Gesicht und blickte sie fragend an.

‚Das Fieber steigt nicht mehr, das was ich heilen konnte, habe ich geheilt.‘ Er wollte schon aufspringen, doch sie hielt ihn zurück. ‚Sie schläft erst mal eine ganze Zeit lang und deine Mutter ist bei ihr.‘

‚Tante Ziska?‘ Er fiel ihr um den Hals. ‚Danke!‘

Sie löste sich aus der Umarmung und blickte ihn ernst an. ‚Dir liegt sehr viel an der Kleinen?‘ Nach einem langen Zögern nickte er nur. ‚Das wird sie jetzt auch brauchen.‘

Er drehte seinen Kopf wieder zum Fluss und starrte in die Ferne. ‚Sie hatten sie geknebelt, damit sie nicht schreit, ich habe den Knebel gefunden, er hatte sich in ihrem Haar verfangen…‘ Er stockte. ‚Das Holz war zerbissen und blutig… ich habe ihn verbrannt… ich kriege aber die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, die ich vor meinem inneren Auge gesehen habe, als ich den Knebel berührte…‘ Sie strich ihm über die schmutzige Wange. ‚Sie wird schon wieder und sie kann froh darüber sein, dass es dich gibt.‘ Sie stand auf und warf ihm die Seife zu. ‚Beeil dich, ich mach dir was zum Essen.‘

Drei und eine Axt – Teil 10

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 10

Er schreckte plötzlich hoch, als seine Hunde anschlugen. ‚Halef, deine Hunde mögen mich einfach nicht.‘ hörte er Meister Kejnen sich von draußen lauthals beschweren. Halef pfiff nur leise und bettet die Kleine dabei wieder auf die Felle zurück und deckte sie sachte zu. Sie wollte im Schlaf seinen Arm kaum loslassen.

Kejnen stand bereits vor dem Zelt als Halef, seinen Klappenmantel überziehend, aus dem Zelt trat.

‚Verzeih die Verspätung, aber die Damen hier und Neuigkeiten haben mich aufgehalten.‘

Eine Schar älterer Damen strömten in gebückter Haltung in ihr Lager. Sie legten ihm viele Dinge vor die Füße und küssten seine Hände. Er hatte Einige davon gestern im Lager des Khan gesehen.

‚Sie wollten dir helfen und dir die Sachen bringen, aber deine Hunde haben sie nicht ins Lager gelassen. Und sie sind steif und fest der Meinung, dass du von den Göttern gesandt wurdest.‘

Halef blickte Meister Kejnen nur ungläubig an und schüttelte den Kopf.

‚Wie geht es dem Mädchen?‘ fragte er und blickte ihn dabei ernst an.

‚Ich habe sie gewaschen und ihre Wunden versorgt und die Damen sollten besser dafür beten, dass sie keinen Wundbrand bekommt… Am Liebsten würde ich morgen schon mir ihr aufbrechen und sie zu Tante Ziska bringen.‘

‚Ja, da hast du wohl recht…es wird das Beste sein.‘

‚Was für Neuigkeiten haben dich aufgehalten?‘

‚Überraschende! Ein alter Kriegskamerad will sich mit mir treffen. Deswegen muss ich gleich noch einmal los.‘

Während die Beiden sich unterhalten hatten, machten sich die Damen an der Kochstelle zu schaffen und setzten frisches Wasser auf. Sie fütterten die Hunde mit dem Kesselinhalt und machten ihnen neues Essen.

Kejnen durfte erst gehen, als er etwas gegessen hatte. Auch Halef flößten sie Tee ein und drückten ihm die verschiedensten Köstlichkeiten in die Hand. Er konnte sich ihrer erst erwehren, als das Mädchen im Zelt wieder zum Wimmern begann. Sich immer noch bedankend verschwand er rücklings im Zelt. Das Mädchen saß aufrecht und völlig verschreckt auf den Fellen und ihr liefen gerade wieder Tränen die Wangen herab, als er sich zu ihr umdrehte. Eine der Damen folgte ihm und brachte ein Tablett voll mit Essen und Tee herein und stellte es ab. Genauso lautlos wie sie ihm gefolgt war und verschwand sie auch wieder. Halef kniete sich zu dem Mädchen und nahm sie in den Arm.

‚Wir haben Besuch vieler netter alter Damen!‘ flüsterte er ihr ins Ohr, während sie sich weinend an ihn klammerte. ‚Sie haben uns zu Essen gebracht!‘ Er hangelte nach dem Tablett, schnappte sich eine der süßen Köstlichkeiten und bot es ihr an. Sie schüttelte nur den Kopf.

Genüsslich biss er selbst davon ab und man konnte es wirklich an seinem Gesicht ansehen, dass er nie etwas Köstlicheres zu sich genommen hatte. Ihm standen fast die Tränen in den Augen, als er ihr die andere Hälfte davon anbot. Sie öffnete ganz leicht den Mund und lies sich füttern. Der unglaubliche Geschmack explodierte schier in ihrem Mund und die Tränen, die nun aus ihren Augen schossen, mussten Freudentränen gewesen sein, weil sie ihn überglücklich dabei anlächelte. Bei diesem Lächeln ging ihm schier das Herz auf, er drückte sie noch fester an sich und küsste ihre Stirn.

Irgendwann schloss sie die Augen und sackte dann ganz langsam wieder in die Felle zurück. Er rückte die Felle zurecht, räumte das übrige Verbandszeug in Ziska’s Beutel zurück und legte ihn in Reichweite der Schlafstätte ab.

‚Man kann ja nie wissen!‘ flüsterte er. Er kramte eine weitere Decke hervor und setzte sich neben das Mädchen.

Die Dame von eben kam wieder ins Zelt, brachte einen Stapel mit Kleidung und legte ihn zu ihren Füßen ab. Oben auf dem Stapel lagen ein Paar gebundene Strümpfe. Er griff unter die Decke und fühlte nach ihren Füßen, die wie er vermutet hatte eiskalt waren. Die Decke beiseite schiebend zog er ihr die Strümpfe an, klappte das Letzte der Felle am Fußende über ihre Beine und deckte sie wieder sorgfältig zu. Er griff sich die zweite Decke und legte auch diese über das Mädchen. Dann ging er zum Zelteingang und streckte den Kopf hinaus, draußen waren noch immer einige Damen, die gleich aufgeregt zu ihm stürmten, um ihm wieder die Hände zu küssen. Sie drückten ihm noch eine Decke in die Hand und ein Öllicht. Er pfiff nach seinen Hunden und wies sie wortlos an, am Feuer Wache zu halten. Ebenso wortlos bedankte er sich bei den Damen und verschwand wieder im Zelt. Die Damen schlossen das Zelt hinter ihm. Er hängte das Öllicht an eine Kette, die von der Mittelstange herab hing, dann setzte er sich zu ihren Füßen und zog endlich seine Schuhe aus.

Währenddessen humpelte Meister Kejnen zum Treffpunkt, an dem er einen seiner alten Kriegskameraden Ainur treffen wollte, den er gleich zu Beginn ihrer Ankunft auf die Männer der drei Damen angesetzt hatte.

Sein Kamerad führte ihn gleich nach ihrem Zusammentreffen in eine Kaschemme. Am Tresen kauerte ein Mann, der ziemlich heruntergekommen und völlig betrunken war. Kejnen humpelte zu ihm hinüber.

‚Bist du Otar, Sohn des Alur?‘ fragte Kejnen ihm gerade auf den Kopf zu.

Der Mann schreckte hoch und starrte ihn fassungslos an.

‚Deine Frau Wena und deine Kinder vermissen dich!‘

Der Mann, der wohl tatsächlich Otar war, brach vor Kejnen auf die Knie und weinte.

‚Deine Schwägerinnen würde gerne wissen, wo ihre Männer sind, deine Brüder!‘

Otar klammerte sich an seinen Füßen fest und schrie: ‚Ich hab sie verloren!‘

‚Wie verloren?‘ rief Kejnen fassungslos.

Ainur stand nun hinter Otar und machte eine kreisende Handbewegung auf Stirnhöhe. ‚Ich sagte doch, er ist nicht nur ein Säufer, sondern auch ganz schön verrückt!‘

‚Das ist mir egal, wir nehmen ihn mit, wenn der Junge ihn erkennt, dann bringen wir ihn morgen heim, die Frauen werden ihn schon wieder hinkriegen.‘

‚Gut, dann lass uns verschwinden!‘ meinte Ainur.

Kejnen warf dem Wirt einen Goldklumpen hin und überließ es seinem Freund, den betrunkenen Otar hochzuziehen und mitzuschleifen.

Halef saß immer noch zu ihren Füßen zusammengesunken und hielt seinen Kopf. Seine Gedanken und Gefühle rauschten völlig wirr durch seinen Kopf. Sie erwachte wieder, öffnete langsam ihre Augen und sah ihn im schummrigen Licht zu ihren Fußen sitzen. Sie versuchte etwas zu flüstern. ‚Ha…h…!‘

Er schreckte hoch und wand sich um. Sie versuchte es nochmal. ‚Halef?‘ Schon war er an ihrer Seite und griff nach ihrer Hand. Sie blickte zu ihrem Becher, der unweit des Tablett stand. Halef goss ihr Tee ein und reichte ihr den Becher. ‚Danke!‘ sagte sie leise. Ihre Stimme war heiser und unsicher, ihm aber machte es so glücklich, dass sie sprach. Er hatte schon die Befürchtung gehabt, sie könnte stumm sein. ‚Ist doch selbstverständlich, kann ich dir noch etwas Gutes tun?‘

Sie zuckte nur mit den Schultern, verzog dann schmerzverzerrt das Gesicht und lies beinahe den Becher fallen. Gelassen griff er nach ihrem Becher und fragte: ‚Soll ich dir was gegen die Schmerzen geben?‘ Sie nickte nur. Er wühlte in dem Beutel nach Ziska’s schönen Träumen und goss ihr einen Schluck davon in den Becher. Sie trank ihn brav aus, während er ihren Kopf etwas hochhielt, damit sie besser trinken konnte. Nachdem sie den Becher wieder absetzte, beutelte es sie und sie kämpfte damit, nicht wieder alles von sich zu geben. Lächelnd lies er ihren Kopf langsam wieder sinken, nahm ihr den Becher ab und rückte mal wieder die Felle zurecht. Als er sich wieder abwenden wollte, hielt sie ihn an seiner Hand fest. Er griff aber nur nach der Decke, die ihm vorhin die Damen gegeben hatten. Schlagartig lies sie seine Hand wieder los und lies ihn sich die Decke über die Schultern werfen. Nach ihren Händen greifend, setzte er sich etwas näher zu ihr hin und blickte sie sanft an. Ihre Augen waren schon fast wieder geschlossen, als sie wieder zum Flüstern ansetzte. ‚La…mi…na…‘

Er lächelte ihr entgegen und sprach ihr nach: ‚Lamina.‘ Auf seine eigene Art hatte er ihren Namen so betont, so dass sie auch lächeln musste. Mit diesem Lächeln auf den Lippen schlief sie wieder ein.

Die Hunde schlugen wieder an, er schnellte hoch und lies ihre Hände los, um im nächsten Moment behände, unter der Zeltplane hindurch, nach draußen zu schlüpfen.

Ihm stockte der Atem, als er drei Gestalten vor dem Zelt erblickte. Eine Gestalt löste sich und trat näher, es war unverkennbar Meister Kejnen.

‚Junge, komm näher und leg ein paar Scheite nach!‘ meinte Kejnen in seinem ihm üblichen Befehlston. Er folgte und bückte sich nach dem Holz und legte es auf die Glut.

‚Wie geht es dem Mädchen?‘

‚Gut, soweit! Wer sind die…!‘ meinte Halef, stockte aber, als einer der Männer, den Anderen losließ und dieser auf die Knie stürzte und ihn gleichzeitig völlig wahnsinnig anstarrte.

‚Halef, Junge. Du bist aber groß geworden!‘ lallte der Mann, der nun in Richtung seiner Füße kroch.

Halef stürzte zu ihm herab und packte ihn an seiner völlig verdreckten Tunika. ‚Du betrinkst dich, anstatt nach Hause zu kommen, Onkel!‘

‚Ich hab den Weg nicht gefunden! Den Weg nicht mehr gefunden‘ jammerte Otar und klammerte sich an Halef’s Bein fest.

‚Wo ist mein Vater?‘ schrie Halef ihn mit einem angewiderten Gesichtsausdruck an. ‚Verdammt, wo sind deine Brüder?‘

‚Ich hab sie verloren! Verloren! Den Weg nicht gefunden!‘ winselte Otar.

Kejnen hielt Halef an der Schulter fest und sprach ganz ruhig: ‚Die Leute erzählen sich, dass er in der letzten Schlacht einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und seit dem hat er sie nicht mehr alle beieinander!‘

‚Ja, und! Er soll mir meine Frage beantworten! Das wird er ja wohl noch können!‘

Kejnen hatte Halef nie so wütend erlebt, deswegen zog er ihn von Otar fort, um ihm ins Gewissen zu reden: ‚Halef, die Leute erzählen sich auch, dass…!‘

Doch er wurde von Otar weinend unterbrochen. ‚Ich wollte ihre Körper heim bringen, aber ich habe sie verloren! Den Weg nicht gefunden!‘ Otar griff wieder nach seinen Füßen, doch der andere Mann hielt ihn zurück und sprach ganz ruhig: ‚Die Kameraden aus seiner Einheit erzählten mir, dass er seine Brüder retten wollte und dabei hat er einen Hieb auf den Kopf bekommen und…!‘

Halef riss sich aber schon von Meister Kejnen los und wand sich ab. Einen Moment später, war er im Zelt verschwunden. Meister Kejnen folgte ihm, so schnell es ihm möglich war.

‚Halef?‘ flüsterte er und griff ihn an der Schulter, als er sich im Zelt wieder aufrichtete. ‚Hast du noch von Ziska’s schöne Träume?‘ Er wand sich nur halb um und nickte dann.

‚Verstecke es so, dass er es nicht findet! Ich möchte morgen früh aufbrechen! Versuch etwas zu schlafen! Wir schlafen draußen.‘

Meister Kejnen packte sich sein Bündel Felle und humpelte wieder nach draußen.

‚Gib mir die Jurtenhaut raus, Junge!‘ meinte Meister Kejnen leise.

Halef tat was ihm befohlen und als er die Jurtenhaut unter seinem Sattel herauszog, blickte ihn Lamina fragend an. Sie sah, dass er Tränen in den Augen hatte, als er sich wieder abwandte. Draußen nahm Kejnen ihm die Jurtenhaut ab und setzte sie auf dem Boden ab.

‚Junge…!‘ sagte Kejnen und packte ihn dann, um ihn in eine Umarmung zu ziehen.

Halef lies es für einen Moment zu, wand sich dann aber aus der Umarmung und sagte kurz: ‚Ist schon gut, Meister Kejnen!‘

Seine Hunde lauschten auf und kamen auf ihn zu gelaufen. Sie hatten in seiner Stimme mehr gehört, als Kejnen verstand. Kejnen griff in seine Hose und drückte ihm die Beutel mit Gold in die Hand. ‚Man kann ja nie wissen!‘ Beide versuchten zu lächeln, es gelang ihnen aber nicht wirklich.

Halef ging zurück ins Zelt, seine Hunde krochen ihm hinterher. Mit einer beiläufigen Handbewegung wies er seinen Hunden den Platz vor seiner Schlafstätte zu, wo die Beiden sich sofort zusammenrollten.

Halef packte seine Schuhe, die immer noch vor seiner Schlafstätte standen, steckte die Beutel hinein und legte sie unter seinen Sattel. Dann griff er nach der Flasche, entkorkte sie, trank einen Schluck, und steckte sie verschlossen zu seinen Schuhen. Noch bevor der Trunk seine Kehle hinunter ran, setzte er sich zu seinem Sattel und legte den Kopf auf seine Knie. Schwer seufzend konnte er die Tränen nun nicht mehr aufhalten. Lamina griff nach seiner Hand und zog ihn zu sich auf die Felle. Er lies es kraftlos zu. Bevor es ihm gewahr wurde, befand er sich bereits mit dem Gesicht auf ihrer Decke. Sie nahm ihn liebevoll in den Arm und zog seinen Kopf auf ihre Brust. Sein ganzer Körper bebte vor Aufgewühltheit, so dass sie ihn kaum beruhigen konnte. Behutsam strich sie ihm durchs Haar und drückte ihn noch fester an sich. Als er sich nach einer Weile wieder halbwegs gefangen hatte, krächzte er: ‚Eigentlich müsste ich dich im Arm halten und dich trösten!‘ Es war ihm ein Wenig peinlich in ihren Armen zu liegen und so liebevoll von ihr umsorgt zu werden. Sie regte sich und flüsterte in sein Haar: ‚Ja, aber mir tut gerade nichts weh!‘ Er seufzte schwer und zog sich den Rotz in der Nase hoch. Sie musste schmunzeln und küsste dann sein Haar. Irgendwann lies sie ihn aber doch los und er drehte sich auf den Rücken. Mit einer Hand nach seiner Decke suchend, nahm er sie in den Arm und deckte sie beide mit der dritten Decke zu, so schliefen sie beide ein.

Drei und eine Axt – Teil 9

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 9

Der Sklaventreiber war stehen geblieben und schon sammelten sich ekelhaft geifernde Kaufwillige um das Mädchen. Sie konnte kaum älter als Halef sein. Als ihr einer den letzten Fetzen vom Leib riss, sah Kejnen, dass nicht nur ihre Schenkel blutverschmiert waren, sondern auch ihr Rücken.

Kejnen humpelte in die Menge und packte sich den Sklaventreiber.

‚Das ist aber keine wohl feine Ware mehr, wenn sie schon benutzt ist!‘

‚Damit Ihr keine Scherereien mehr mit ihr habt, habe ich sie schon mal eingeritten.‘ lachte der Sklavenhändler süffisant. Der Geifer lief ihm dabei aus dem Maul. Kejnen musste sich wirklich zurückhalten, ihn nicht auf der Stelle danieder zu strecken.

‚Sie taugt ja kaum zum Arbeiten, so wie Ihr sie zugerichtet habt, da müsst Ihr mir teures Gold geben, damit ich die Heiler bezahlen kann. Nicht dass sie mir weg stirbt, bevor ich mit ihr zu hause ankomme.‘

‚Wollt Ihr sie nun, oder wollt Ihr sie nur schlecht machen?‘ brüllte der Sklavenhändler laut. Er wollte wohl die Aufmerksamkeit der anderen Interessenten auf sich lenken.

Kejnen spielte nur mit den drei Goldbrocken in seiner Hand.

‚Gebt mir die drei Gold und dann verschwindet mit ihr! Bevor ich meine Geduld verliere!‘

Kejnen schlug in den Handel ein und als sich seine Hand wieder von der des Sklaventriebers löste, war er drei Gold ärmer, aber die Kleine war nun in Sicherheit. Das Mädchen hatte sich ängstlich am Boden zusammengekauert und umklammerte die Überreste ihrer Kleidung. Kejnen packte sich den Strick und zog sie aber an ihrer Schulter aus der Menge. Als sie außer Sichtweite waren, wickelte er sie erst in seinen Klappenmantel, zückte dann sein Messer und schnitt ihr die Fesseln und den Knebel durch. Verstört blickte sie ins Leere, es schien so, alles hätte sie keine Kraft mehr zu weinen.

‚Dir wird nichts mehr angetan werden, du bist jetzt in Sicherheit.‘ flüsterte ihr Kejnen zu, es hatte aber den Anschein, dass sie nicht begriff, was er sagte.

Irgendwann blickte sie ihn endlich an. Er hatte das Gefühl, dass sie sich von seinem Anblick erschrocken haben muss, weil ihr jetzt doch die Tränen in den Augen standen. So liebevoll wie möglich, nahm er sie in den Arm und versuchte sie mehr schiebend als tragend in Richtung ihres Zeltes zu befördern.

Dort angekommen hatte Halef bereits Feuer gemacht, Wasser aufgekocht, das Pferd abgeladen und Tee und Essen zubereitet. Wie er das in dieser kurzen Zeit vollbracht hatte, war ihm wahrscheinlich selbst völlig unerklärlich.

‚Kümmere dich um sie, ich berichte dem Khan und ich besorge ihr etwas zum Anziehen und Schuhe.‘ meinte Kejnen, als er Halef die Kleine übergab, dann wand er sich ab und verschwand fluchend wieder.

Vorsichtig bugsierte er das Mädchen ins Zelt und versuchte sie auf seine Felle zu setzen, die seine Bettstatt darstellten. Ihr Blick war leer und sie starrte einfach nur nach draußen zum Feuer. Frische Tränen waren auf ihrem verdreckten Gesicht getrocknet. Behutsam nahm er sie am Kinn, strich ihr die zerzausten Haare aus dem Gesicht und hielt ihr gleichzeitig einen Becher mit Tee hin, den er ihr sogleich an den Mund führte. Sie trank vorsichtig und blickte ihn dabei über den Becherrand hinaus mit ihren unglaublichen Augen an. Tränen standen darin. Er war mit der Situation mehr als überfordert und wusste im ersten Moment nicht so richtig, was er zu ihr sagen oder was er machen sollte. Mit zitternden Fingern nahm sie den Becher von ihren Lippen und hielt ihn Halef mit beiden Händen wackelig hin. Da er leer war goss er neuen Tee hinein und sprach zu seiner eigenen Überraschung mit einer festen aber ruhigen Stimme: ‚Vorsicht heiß!‘ Sie trank ein wenig. Beim Versuch, den Becher abzustellen, hätte sie ihn beinahe verschüttet, wenn er ihn nicht festgehalten hätte. Er stellte den Becher in sicherer Reichweite ab und stand dann auf und rührte im Kessel, der über der Feuerstelle hing. Hastig füllte er eine Schale mit dem, was er auf die Schnelle zusammen gekocht hatte. Dazu reichte er ihr Gewürzbrot. Sie war so kraftlos, dass sie kaum die Schale halten konnte, also fütterte er sie. Nach ein paar Bissen verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. Er überspielte dies mit einem Achselzucken, nahm den Löffel selbst in den Mund und stellte die Schale neben ihnen ab. Er goss das restliche Wasser in eine Schüssel und suchte nach einigen Kräutern und Tinkturen, die Ziska ihnen mitgegeben hatte. Ohne seinen Blick von ihr zu wenden, warf er einige Kräuter ins Feuer und goss ein wenig Öl ins Wasser. Mit Seife, dem Wasser, mehreren Tüchern und Ziska’s Notfallbeutel bewaffnet, kniete er sich zu ihr und begann ganz vorsichtig ihr Gesicht, ihre Hände und Füße zu waschen. Ganz vorsichtig versorgte er ihre Schrammen.

Der Duft der Kräuter, die auf der Glut ihr volles Aroma entfalteten, drangen ins Zelt. Er schickte ein Stoßgebet an alle Götter und dankte dafür, dass seine Tante ihm die Tinktur gegen Wundbrand mitgegeben hatte. ‚Man kann ja nie wissen!‘ hatte sie zu ihm gesagt und dann hatte sie ihm noch Ziska’s Schöne Träume eingepackt, mit den Worten: ‚Doppelt genäht hält besser.‘ Zum Glück war er selber immer der beste Patient seiner Tante gewesen und so hatte er am eigenen Leib gelernt, was jetzt zu tun war.

Er bedeckte sie zuerst mit einer Decke, bevor er sie von dem Mantel befreien wollte. Ohne Gegenwehr lies sie das alles über sich ergehen. Als er den Mantel über den Rücken hinunter zog, stockte ihm der Atem. Sie war ausgepeitscht worden, denn ihr Rücken bestand eigentlich nur aus fleischig roten Striemen. Er rang nicht nur mit seiner Fassung, sondern kämpfte auch mit seinen eigenen Tränen. Mit zitternden Händen zog er ihre Arme unter der Decke hervor und legte den Mantel nur lose um ihre Hüften. Er wickelte die Überreste des Lederstricks von ihren Handgelenken und warf diese ins Feuer, bevor er ihre Arme wusch. Durch die Fesselung war auch die Haut an ihren Gelenken bis aufs Fleisch durch gescheuert. Sorgsam behandelte er diese Wunden zuerst und verband sie, bevor er sich ihrem Rücken widmen würde. Mit einer verkrampften Körperhaltung klammerte sie die Decke mit beiden Armen gegen ihre Brust. Sie erahnte bereits, dass die Behandlung ihres Rücken keineswegs schmerzfrei werden würde. Er zog eine Flasche aus Ziska’s Tasche und schüttete einen Schluck des Inhalts in ihren Becher. ‚Das hier hilft gegen einfach alles, aber es brennt wie Feuer!‘ meinte er und hielt ihn ihr vor die Nase. ‚Verdünnt kann man es fast trinken.‘

Sie nahm den Becher mit beiden Händen und blickte ihn fragend an. Er war aufgestanden und goss sich ebenfalls einen Becher Tee ein und schüttete sich einen Schluck aus der Flasche dazu. ‚Einen großen Schluck von Ziska’s schöne Träume und es sind alle Sorgen nur noch Schäume, sagt meine Tante immer.‘ rezitierte Halef und stürzte sich den Inhalt des Bechers in den Rachen. Bereits beim Schlucken beutelte es seinen ganzen Körper. Als er den Becher abgesetzt hatte, trank das Mädchen noch. Mit einem angewiderten Ausdruck in ihrem Gesicht nahm sie den Becher von ihren Lippen und lies ihn dabei fast fallen. Halef fing ihn auf und lächelte ihr entgegen. ‚Jetzt kennst du schon meine Tante, ihren Kräutertrunk und ihre Lebensweisheit und ich habe mich selbst noch gar nicht vorgestellt.‘ meinte Halef. Der Trunk hatte ihm die Zunge etwas gelockert. Er zog ein Band unter einem Fell hervor und begann ganz vorsichtig ihre langen braunen, völlig zerzausten und verschmutzen Haare vom verklebten Rücken zuziehen und sie zusammen zubinden. ‚Ich bin Halef! Willst du mir deinen Namen verraten?‘

Der Knebel hatte sich in ihren Haaren verfangen gehabt und war nun auf den Mantel gefallen. Er blickte ihr von der Seite aus ins Gesicht, sie blickte ihn aber nur an und sagte nichts. Er hielt ihren Bernsteinaugen nicht stand und senkte den Blick zum Boden, wo er dann den Knebel entdeckte. Fast beiläufig nahm er ihn auf und betrachtete ihn etwas genauer. Das grobe Stück Holz war völlig zerbissen und Blut getränkt. Plötzlich schossen ihm viele grausame Bilder durch seinen Kopf. Er riss die Augen auf, er zog blitzartig die Luft ein und als er die Luft wieder aus seinen Lungen stieß, waren die Bilder weg. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er machte eine hastige Bewegung, sprang auf und wand sich ab. Wütend warf er den Knebel ins Feuer und schaute noch einen Moment in die Flammen, bis ihn ihr Gewimmer aus seinen Gedanken riss.

Genauso hastig wie er aufgesprungen war, stürzte er wieder an ihre Seite. Ihr angstvoller Blick lies ihn in der Bewegung erstarren, dann begriff er, dass er sie gerade ziemlich erschreckt haben musste. Während ihm völlig unbewusst beruhigende Laute über seine Lippen kamen, versuchte er sie behutsam aber umständlich in den Arm zu nehmen, ohne dabei ihre Wunden zu berühren. Mit einer Hand fischte er den Lumpen aus dem Wasser und lies das mittlerweile handwarme Wasser über ihren Rücken laufen. Ein Zucken schoss durch ihren Körper und sie klammerte sich zitternd an seinem Oberkörper. Das Wasser löste den gröbsten Schmutz und floss in den Mantel, auf dem sie immer noch saß. Er schöpfte mit der Hand immer wieder Wasser über ihren Rücken und tupfte mit einem sauberen Tuch die Wunden trocken. Bei jeder Berührung, so sanft sie auch gewesen waren, zuckte sie schmerzerfüllt zusammen und klammerte sich noch fester an seinen Körper. Vorsichtig beträufelte er die Wunden mit der Tinktur. Noch bevor er mit der Prozedur fertig war, sank sie kraftlos auf seinen Schoß und blieb dort erschöpft liegen. Ihr Körper bebte vor Schmerzen und er versuchte sie irgendwie davon abzulenken, in dem er ihr behutsam ihr Haar streichelte.

Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, machte er ihr noch einen Kräuterumschlag, auf den er sie bettete. Dabei versuchte er gleichzeitig den Mantel unter ihrem Hintern herauszuziehen und ihr eine gefaltete Decke unter den Kopf zu schieben. Mit ausgestreckten Armen brachte er den nassen Mantel nach draußen, um ihn dort irgendwo aufzuhängen. Es dämmerte bereits. Er setzte noch einmal Wasser auf und streute wieder Kräuter in die Glut. Der Wind blies erneut den betörenden Duft ins Zelt. Als er wieder das Zelt betrat, war das Mädchen bereits eingeschlafen. Schwer seufzend setzte er sich neben ihren schlafenden Körper und zog die Decke bis auf ihre Hüfte herab und fuhr mit der Waschung fort. Die Worte seiner Tante schossen ihm durch den Kopf: ‚Wer anfängt, muss auch weitermachen!‘

Selbst in dem schummrigen Licht, dass vom spärlichen Feuer herrührte, konnte er erkennen, dass ihr Oberkörper von vielen Blutergüssen und Bissspuren übersät war. Er band die Enden des Rückenumschlags quer über ihre Brust, bevor er sie wieder zudeckte. Seine Hände begannen wieder an zu zittern, als er sich daran machte ihre Oberschenkel und ihren Unterleib zu waschen. Vor Scham hielt er dabei die Augen weitestgehend geschlossen, deswegen bemerkte er auch nicht, dass sie bereits wieder erwacht war. Ihr Gesicht war Tränen überströmt, aber sie blickte ihn mit einem fast unmerklichen Lächeln dankbar an. Mit einer fahrigen Bewegung lies er den blutigen Lappen in die Schüssel fallen. Der Versuch das Lächeln zu erwidert, erstarb auf seinem Gesicht, als er seine eigenen blutigen Hände sah. Hastig nahm er die Schüssel mit dem blutigen Waschwasser und eilte aus dem Zelt. Draußen goss er das Wasser aus und erneute es. Er zog seinen Gürtel und eine seiner Tuniken aus und wusch sich rasch.

Als er mit der Schüssel mit frischen Wasser und seiner Tunika unter dem Arm das Zelt wieder betrat, hatte sie sich aufgesetzt und die Decke immer noch fest klammernd, versuchte sie gerade aufzustehen. Hastig stellte er die Schüssel am Zelteinfang ab und eilte ihr entgegen. Die Decke rutschte ihr aus der Umklammerung, als sie strauchelte. Geschickt hielt er ihren Sturz auf und wickelte sie gleichzeitig wieder in die Decke. Angestrengt blickte sie ihn an. Ihre Beine knickten wieder ein und sie griff sich zwischen die Beine.

Als er begriff, dass sie sich wahrscheinlich nur erleichtern wollte, riss sie sich bereits wieder los. Er stürzte ihr hinterher und konnte ein weiteres Straucheln nur verhindern, weil er sie hoch hob und an der Feuerstelle vorbei trug. Behutsam setzte er sie wieder ab und half ihr dabei die Decke hoch zuraffen. Sie konnte sich kaum in der Hocke halten, so stützte er sie weiter. Zitternd klammerte sie sich an ihm fest. Ihm kamen wieder beruhigende Laute aus der Kehle, während sie sich erleichterte. Sie wimmerte und stöhnte schmerzerfüllt und mit einem erstickten Schrei brach in seinen Armen zusammen, noch bevor sie fertig war. Zitternd bugsierte er sie zum Feuer zurück und wusch sie erneut. Die Decke war wie durch ein Wunder sauber geblieben, bloß der Kräuterumschlag war bei dem Gerangel ein wenig verrutscht. Sicherheitshalber zog er ihr doch lieber seine Tunika an, bevor er sie wieder ins Zelt brachte.

Liebevoll legte er sie auf seine Felle zurück und deckte sie behutsam zu. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig. Am Ende seiner Kräfte und nervlich völlig am Ende sackte er neben ihr auf die Knie. Nach einer Weile lehnte er sich gegen seinen Sattel, den er vorhin auf die neue Jurtenhaut gelegt hatte und deckte sich mit seinem eigenen Klappenmantel zu.

Nach einer Weile kam sie wieder zu sich und bemerkte, dass er neben ihr eingeschlafen war. Sie kroch zu ihm hinüber, legte den Kopf auf seinen Bauch und klammerte sich an seinen Arm. Genau so schlief sie sofort wieder ein.

Drei und eine Axt – Teil 8

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 8

Eine der Frauen des Khan kam herein und half ihm beim Anziehen. Dann verließ er beschwingt die Jurte. Wenig später konnten sie von draußen lautes Rufen hören, Klatschen und Gelächter hören. Der Khan bat alle zu Tisch, während Ziska drinnen ihre Suppe auslöffelte und Kejnen sie dabei beobachtete.

‚Werdet Ihr zur Zusammenkunft reiten?‘ fragte sie mit vollen Mund.

‚Ja, ich werde mit Halef reiten!‘

‚Ich habe Angst vor dem, was Ihr dort findet.‘

‚Wenn ich Eure Männer finde, werde ich nicht wieder kommen.‘ flüsterte er traurig.

Sie lächelte ihn an, packte sich seine freie Hand und küsste sie. ‚Ihr werdet zurück kommen.‘

Warum hab ich immer das Gefühl, dass Ihr vor allen Anderen seht, was das Schicksal noch alles bereit hält.‘

‚Bis auf eindeutige Dinge, verrate ich niemals davon. Weil Träume können auch nur Schäume sein.‘ Sie schluckte schwer. ‚Das Schicksal meint es zu Weilen nicht so gut mit uns und ich möchte niemanden enttäuschen, wenn ich meine Träume falsch gedeutet haben sollte.‘

Sein Magen knurrte so laut, dass sie lachen musste. ‚Ich langweile Euch mit meinen Weissagungen?‘

‚Nein, aber mein Magen weiß, wie viel Essen da draußen auf uns wartet.‘

‚Dann geht schon mal, ich zieh mir was anderes an.‘

Kejnen humpelte aus der Jurte, wurde sofort freudig begrüßt und zu seinem Stuhl begleitet. Mittlerweile waren zwischen den großen Stühlen noch zwei kleinere Stühle aufgebaut worden. Zwischen Vira und dem Khan saß Orsolya und zwischen Kejnen und dem Khan war noch frei. An der Tafelseite von Vira saß Wena und alle anderen Töchter, Frauen und Schwiegertöchter des Khan. An der anderen Tafelseite saßen Halef und Elger und alle Söhne und Schwiegersöhne des Khan. Es wurden Kejnen auch alle Anwesenden vorgestellt. Es war nur völlig hoffnungslos, dass sich Kejnen nur einen weiteren Namen hätte merken können, sein Kopf schwirrte bereits seit er der Heilung des Khan beigewohnt hatte.

Ziska trat vor die Jurte und wurde in seine Richtung geführt. Sie hatte ihr Festgewand an, dass nun endgültig verriet, dass sie einen hohen Stand genoss, als weiße Hexe des Khan. Kejnen konnte sich nicht daran erinnern, dass Ziska auch nur einmal in den letzten Tagen einen langen Rock getragen hatte, ganz zum Gegensatz der beiden anderen Damen hier am Hof. Zum Arbeiten trug sie ausschließlich Hosen und robuste Tuniken und ansonsten hatte sie nur knielange Unterkleider an und darüber allerhöchstens einen kurzen Klappenmantel. Seine Gedanken drifteten zur letzten Nacht ab und erst als sie neben ihm Platz nahm, riss es ihn aus seinen Gedanken.

Der Khan stand auf, erhob seinen Krug und sprach: ‚Ich danke heute meinen Weibern für das vortreffliche Mahl und den Männern, weil sie fast alles hier her schleppten. Und ich danke vor allem der weißen Hexe, dass ich dieses Mahl fast ohne Schmerz erleben darf. Und ich danke dem Allghoi Khorkhoi, dass er mir nur meinen Gaul nahm. Ich danke meinem neuen Freund Kejnen, dass Ihm sein Weg hier her geführt hat. Auf dass ich in Zukunft wieder etwas besser schlafen kann und auf dass es uns im Winter nicht an Geschichten mangeln wird.‘  Er setzte den Krug an seine Lippen und blickte umher. Kejnen blickte ihn, so verstohlen wie es ihm eben möglich war, an und musste dann doch grinsen. Der Khan setzte nochmal ab und sprach weiter: ‚Und auf diesen vortrefflichen Tropfen, meine Damen.‘ Endlich trank er und alle anderen tranken auch. Ziska nahm ihren Krug und blickte zu Kejnen hinüber, der sie aus den Augenwinkeln unsicher ansah. ‚Nun, esst und trinkt, meine Kinder!‘ Und das taten sie auch. Sie feierten einen zweiten Tag in Folge und keiner von ihnen dachte an den Schatten, der über den drei Damen zu schweben schien.

Wie Kejnen ins Bett gekommen war, konnte an seinem Zustand am nächsten Morgen zu urteilen, nur auf allen Vieren gewesen sein. Sein Bein tat unglaublich weh. Er öffnete die Augen und Ziska lag auf ihm und auf seinem Bein. Vor Schmerz fiel er wieder in einen tiefen Schlaf.

An diesem Tag saß Kejnen nur still in seinem Stuhl und beobachtete das Geschehen. Der Khan und seine Sippe blieben noch diesen Tag und am nächsten Morgen würden sie weiterziehen, um frühzeitig bei der Zusammenkunft einzutreffen. Sie ließen die Hälfte der Herden da und ein paar seiner Leute, die sich darum kümmerten, dass für den Winter genug Holz gesucht und Dung getrocknet wurde. Kejnen versprach dem Khan, dass er und Halef in ein Paar Tagen auch aufbrechen würden. Vira bläute ihnen immer und immer wieder die Einkäufe, die sie besorgen sollten, ein. Sie mussten sie wieder und wieder vorsagen, dass sie auch ja nichts vergessen würden. Ziska war die letzten Tage sehr still gewesen, seit sie den Todeswurm im Traum gesehen hatte, war sie wie ausgewechselt. Kejnen nahm von dem Damen kein Geld und auch keine Tauschware an. Er lies auch nicht mit sich darüber reden. Und so ritten sie vier Tage nach dem Khan los. Die beiden Hunde folgten ihnen. In der Mitte der großen Ebene würden sich alle Stämme treffen.

Unweit der Jurten wies er den Jungen an, abzusteigen und unter einer Wurzel etwas für ihn zu holen. Es waren kleine Packtaschen, die schwer waren und beim Schütteln klimperte deren Inhalt.

‚Wie konntet ihr Euch sicher sein, dass es noch da ist!‘ fragte Halef neugierig, als er ihm die Taschen übergab.

‚Wer soll, in einer von den Göttern verlassenen Gegend, danach suchen, wenn nur ich davon weiß.‘ meinte Kejnen und schob sich die Beutel in die Hose.

‚Deshalb sagtet ihr vorhin, dass wir uns um die Bezahlung nicht sorgen sollten!‘ meinte Halef, als er sich wieder auf sein Pferd schwang. Es war ein weiter Weg bis zum Zentrum zur großen Ebene.

Zwei Tage später kamen sie am Rande eines riesigen Zeltlagers an. Sie ritten hindurch und fanden in Mitten unzähliger Jurten, die Fahne des Etem Khan. Es wurde ihnen von Elger ein Lagerplatz zugewiesen, wo sie Kejnens Zelt aufstellen konnten. Kejnen überließ es dem Jungen, sich ums Lager zu kümmern, er wollte sich ein Bild machen und sehen, ob er alte Kameraden traf.

Der Khan lud Kejnen und Halef am Abend zum Festmahl ein. Der Khan ehrte Halef und nahm ihn in die Reihen der Krieger seiner Sippe auf, aber nur weil er so einen guten Lehrer an seiner Seite hat. Und er hoffte, Halef würde bei seiner nächsten Zusammenkunft bei den großen Kämpfen teilnehmen und eine seiner unzähligen Töchter zur Frau nehmen. Halef war sehr gerührt und bedankte sich beim Khan für sein Vertrauen. Es wurde viel getrunken. Die Töchter des Khan schenkten Halef immer mehr nach, als den Anderen. Es war Halef nicht sonderlich recht, dass sie sich alle um ihn zu reißen schienen. Seine Hunde bellten draußen, er entschuldigte sich und verschwand. Er war heil froh endlich aus dem Zelt zu sein. Bei ihrem Lager angekommen, schlief er mit seinem Hunden am Feuer ein.

Im Zelt des Khan sprach der Khan mit Kejnen.

‚Unser Halef hält sich immer nie lange in Zelten auf, der Junge hat eine unruhige Seele. Ich weiß nicht, ob dass gut ist oder schlecht.‘ meinte der Khan fast beiläufig.

‚Da sprecht Ihr wohl wahr, mein Khan. Ich bin noch nicht so ganz zu ihm durchgedrungen. Ich glaube aber, dass er der Last, die er auf seinen Schultern tragen muss, manchmal einfach entfliehen will.‘

‚Sie leiden alle sehr unter der Abwesenheit der drei Männer.‘

Kejnen seufzte schwer und stimmte ihm mit einem Nicken bei.

‚Was macht Ihr, wenn wir die Drei tatsächlich finden?‘ fragte der Khan. ‚Ich habe gesehen, wie Ziska und Vira Euch anblicken und wie Ihr Ziska anblickt. Ich mag ein alter Mann sein, aber die Begierde in den Augen der Weiber kann ich noch sehr gut sehen.‘

Kejnen zog die Schultern hoch und meinte: ‚Ich weiß eigentlich nicht was ich da mache, ich bin auf keinen Fall auf Streit aus, wenn wir sie alle Drei finden, werd ich wohl weiterziehen und den Göttern für die schönen Tage danken, die ich bei den Damen verbringen durfte.‘

‚Bei uns findet Ihr immer ein schönes Plätzchen und meine Töchter sind noch nicht alle verheiratet.‘ meinte der Khan und grinste Kejnen listig an.

‚Euer Angebot ehrt mich. Mal sehen wohin mich die Zeiten und die Götter noch bringen werden!‘

‚Es wäre mir eine Ehre, einen alten Kriegshelden in meiner Mitte begrüßen zu dürfen.‘

‚So oder so, werde ich immer wieder in Eure Mitte zurückkehren.‘

‚Auf Eurer Wort, Kejnen.‘

Kejnen kaufte am nächsten Tag viele mehr Dinge ein, als Vira ihnen aufgetragen hatte, da er sich der Familie erkenntlich zeigen wollte. Und Halef war sein Mitwisser. Als sie gerade eine neue Jurtenhaut erstanden hatten und noch über neue Dachverstrebungen diskutierten, sah Halef ein junges Mädchen, dass von einem Sklaventreiber an einem Lederstrick an ihnen vorbei geschleift wurde. Als sie auf Augenhöhe waren, sah er, dass man sie mit einem Holzstück geknebelt hatte. Ihre spärlichen Kleider waren völlig zerfetzt, ihre Haut war mit Schmutz und Blut beschmiert und sie war Barfuß. Sie stolperte über einen Stein und fiel hin. Halef machte einen Satz und wollte ihr auf helfen. Mit einem Ruck war sie wieder auf den Beinen, da der Sklaventreiber sie unerbittlich weiter zog. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ihn mit riesigen, bernsteinfarbenen Augen angeblickt, bevor der nächste Ruck sie von ihm fort riss. Das Letzte was er bei jedem ihrer Schritte erkennen konnte war, dass die Innenseiten ihrer Oberschenkel blutüberströmt waren. Halef hatte unbewusst seine Hand bereits an seinem Dolch und machte Anstalten dem Sklaventrieber zu verfolgen. Kejnen legte ruhig die Hand auf seinen Dolch und zischte Halef zu: ‚Ich kümmere mich darum, bring das Packpferd fort, wir treffen uns beim Zelt!‘ Dann griff er in seine Hose und zog einen der Beutel hervor, nahm 3 Goldklumpen heraus und ging gelassen auf seinen Stab gestützt dem Sklaventreiber hinterher. Der Verkäufer hatte die Jurtenhaut bereits auf dem Pferd verschnürt. Halef zog das Packpferd schnell zu ihrem Lagerplatz zurück.

Drei und eine Axt – Teil 7

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 7

Als Kejnen wieder aus der Jurte trat, war der Hof wie ausgewechselt. Es stand eine fürstliche Jurte mitten auf dem Platz und unter einem riesigen Sonnensegel wurde gerade eine riesige Tafel gedeckt. Er konnte seinen Augen kaum trauen, weil er noch nie so viele hübsche Frauen um und so viel Essen auf einer so großen Tafel gesehen hatte. Die Götter werden nicht erfreut sein, wenn sie zwei Tage in Folge feiern würden. Die Frauen schnatterten miteinander, wie eine Schar wilder Gänse. Vira und Halef kümmerten sich um die Pferde und unterhielten sich. Selten, dass sie mit Worten kommunizierten und schön, dass sie es doch hin und wieder taten. Einige Männer kamen über die Furt geritten und lenkten ihre Pferde zum Gatter. Sie stiegen ab und begrüßten Vira. Sie unterhielten sich und kamen mit einigen Dingen in den Händen zu den Jurten gelaufen. Die Männer brachten den Frauen die Sachen und Vira kam zu Kejnen, der immer noch verwundert an der Jurtentür stand.

‚Meister Kejnen, wie geht es dem Khan?‘

‚Ich habe keine Ahnung!‘

‚Kejnen, was ist passiert?‘

‚Sie hat ihn eingerenkt und geheilt und irgendwann stürzte sie bewusstlos zu Boden.‘

‚Ja, das kann passieren, wenn sie es übertreibt.‘

‚Wir haben ihnen Tee gegeben. Sie schlafen jetzt beide!‘

‚Dann lassen wir sie schlafen.‘ flüsterte Vira und geleitete Kejnen zur Tafel. ‚Seine Söhne möchten mit dir sprechen.‘

‚Wieso?‘

‚Das haben sie nicht gesagt!‘ flüsterte sie und führte ihn zum Kopf der Tafel.

‚Ist das nicht ein Wenig überzogen, am Kopf der Tafel zu sitzen.‘ flüsterte Kejnen Vira mehr oder weniger ins Ohr, als sie ihn zu seinem Stuhl führte.

‚Nein, Meister Kejnen. Ihr seid heut unser Ehrengast.‘ sprach eine ältere Frau zu ihnen, die gerade aus der Khansjurte kam. Ihr Haupt war mit teuren Kopfschmuck umhüllt und auch ihre Kleidung verriet ihren hohen Stand.

‚Meister Kejnen, darf ich Euch Orsolya vorstellen. Die erste Frau des Khan und Mutter von Wena.‘

Kejnen verbeugte sich ehrerbietig und stammelte: ‚Ich…bin sprachlos, ehrenwerte Orsolya.‘

‚Hat der Khan Euch zur großen Zusammenkunft eingeladen!‘

Kejnen rappelte sich wieder auf und nickte nur. Er hatte seine Sprache nicht wieder gefunden.

‚Sonst hätte ich es nun getan!‘ Sie machte eine kurze Pause und wand sich dann Vira zu. ‚Ich hoffe es ist dir recht, dass der Khan Halef mitnehmen wollte.‘

‚Solange ihr beide ihn mir nicht hinter meinem Rücken verloben wollt, kann er gerne mit euch reiten.‘ grinste Vira, blickte aber dann Orsolya ernst in die Augen.

‚Es wäre dem Khan sein größter Wunsch, eine seiner Töchter oder auch seiner Enkelinnen mit Halef zu verheiraten, aber ich denke der Junge hat seinen eigenen Kopf.‘

‚Er ist immer noch so rastlos, dass ich es kaum schaffe ihn im Winter an den Hof zu binden, wie wollt ihr ihn da an ein Bett fesseln.‘

‚Schläft er immer noch auf dem Boden?‘

‚Vor der Jurte im Dreck!‘

Meister Kejnen hatte sich mittlerweile von den Damen abgewandt, es drehte sich alles um ihn und er lies sich schwerfällig in seinen Stuhl fallen. Einige Frauen kamen angelaufen, brachten ihm ein Fell für den Rücken und schenkten ihm Wein ein. Kejnen war froh um den Wein und nahm den vollen Becher an die Lippen. Die Söhne des Khan kamen, setzten sich in seiner Nähe an die Tafel und der Älteste von ihnen kam zu ihm, um ihn zu begrüßen.

‚Meister Kejnen, meine Name ist Elger. Sohn des Khan. Wir wollten Euch bitten uns in Euren Kriegskünsten zu unterweisen.‘ sprach er und setzte sich.

Kejnen trank erst mal aus und setzte dann den leeren Becher ab: ‚Ihr wollt mit einem Krüppel kämpfen? Wollt Ihr mich beschämen? Da kann ich ja nur verlieren.‘ rief Kejnen und grinste dann.

‚Nein, Meister Kejnen, beschämen wollen wir Euch nicht, wir bitten demütig um Unterweisung.‘ rief Elger, der seine verzerrte Miene, als Unmut gedeutet hatte.

‚Wir werden sehen, Elger!‘ sprach Kejnen ruhig. ‚Zuerst muss ich mir von euch allen ein Bild machen.‘

‚Kommt Ihr denn mit zur großen Zusammenkunft?‘

‚Wenn ich hier nicht gebraucht werde, reite ich gerne mit euch!‘

Vira kam an seine Seite, atmete tief ein und blickte ihn eindringlich an. Nachdem er nicht reagierte, flüsterte sie ihm ins Ohr: ‚Ich würde mir wünschen, dass Ihr ein Auge auf Halef werfen würdet.‘

Kejnen nickte unmerklich und dann fuhr sie fort: ‚Und wenn ihr ein paar Besorgungen für uns machen könntet!‘

Er blickte sie nun ernst an. ‚Wir schaffen das hier schon ein paar Tage allein!‘ meinte sie leise, blickte ihn aber immer noch undurchdringlich an. Dann begriff er und flüsterte ihr zu: ‚Und ich werde mich nach euren Männern umsehen und ich bringe Halef unverlobt wieder mit zurück.‘

Ihre Mundwinkel zitterten, als sie sich zu einem Lächeln zwang und hauchte ihm ein ‚Danke!‘ ins Ohr. Nachdem ihr die Tränen bereits in den Augen standen, wand sie sich von ihm ab und eilte davon. Verwirrt blickte er ihr nach und drehte sich wieder zu Elger. ‚Anscheinend werde ich hier so gebraucht, dass ich zur Zusammenkunft reisen muss.‘

Elger grinste bis über beide Ohren und hielt ihm die Hand hin: ‚Ich will nicht unhöflich sein, aber wir wollten Euch auch darum bitten, Eure Kontakte spielen zulassen, damit wir meinen Schwager und seine Brüder wieder finden.‘

‚Ihr habt uns belauscht?‘ meinte Kejnen und grinste wieder.

‚Das würde ich mir nie erlauben. Aber ich kenn Vira, wie meine eigene Schwester. Ihre Sorgen tragen schwer auf ihren Schultern.‘

Ein Rudel Kinder kam aus Wena’s Jurte gerannt und strömten zur Tafel. Ganz aufgeregt, schnatterten sie durcheinander. Die kleine Nala kam zu Kejnen und er hob sie auf seinen Schoß. ‚Wir dürfen heute Nacht alle zusammen in der Jurte schlafen.‘ rief sie ganz aufgeregt.

Orsolya kam an die Tafel und sprach: ‚Los Kinder, setzt euch hin zum Essen.‘

Die Kinder folgten aufs Wort. Die komplette Tafel füllte sich mit den Kindern, die Männer standen auf und machten Platz.

‚Mutter, wir lösen die Anderen ab, die haben das Essen nötiger als wir.‘ meinte Elger.

Eine der Frauen kam auf sie zu, sie lies die Männer nicht gehen, bevor nicht jeder etwas zum Essen im Mund hatte. Vira kam wieder an die Tafel und blickte zu Halef hinüber, der immer noch bei den Pferden war. Er stieg mit auf und ritt mit den Männern über die Furt.

Kejnen fütterte Nala, bis Wena ihm auch noch Lina auf den Schoß setzte. ‚Die Tafel ist für die Kleinen einfach zu groß.‘ lachte sie.

‚Für irgendwas muss ich ja heut gut sein.‘ seufzte Kejnen niedergeschlagen.

‚Meister Kejnen, redet keinen Unsinn. Die Kleinen haben sonst Angst vor den Männern.‘ meinte Orsolya.

Kejnen blickte sie ratlos an. Orsolya grinste ihn an und nickte nochmal. Nala lächelte verschmitzt und biss von ihrem Brot ab. Kejnen versuchte zu lächeln, lies es aber dann sein, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften. ‚Nala, erzähl doch deiner Großmutter davon, wie ihr beide die Tür repariert habt.‘ meinte Vira und Kejnen funkelte sie ärgerlich an. Nala nickte nur kauend.

‚Ehrlich?‘ fragte Orsolya.

Nala schluckte und rief aufgeregt: ‚Und mit Alur und Halef hat Kejnen die beiden Stühle gebaut.‘

‚Na seht, Ihr seid doch zu etwas Nütze.‘

Kejnen lächelte Orsolya an. Diese erschrak, stolperte einen Schritt zurück und verlor gänzlich ihre Fassung. Vira eilte an ihre Seite und stützte sie. Nala und Lina allerdings griffen Kejnen ins Gesicht und zogen ihm die Narben glatt. ‚Großmutter, er lächelt doch nur! Sieh!‘

Orsolya schnappte nach Luft und brauchten noch eine Weile, bis sie ihre Stimme wieder fand. ‚Bei allen Göttern, Kejnen. Und vor meinen Söhnen haben die Kinder Angst, ich verstehe die Welt nicht mehr.‘

Kejnen war ein wenig verärgert, aber auch verschämt. ‚Werte Orsolya, es tut mir leid, wenn ich Euch mit meinem Antlitz verschreckt habe, es war mir fast nicht mehr bewusst, wie schrecklich meine Fratze für Euch aussehen muss. Ich habe es vergessen, weil…‘ Seine Stimme brach, doch Vira hätte ihn eh unterbrochen. ‚Weil wir uns bereits an sein Lächeln gewöhnt haben.‘

‚Ihr müsst ein undurchschaubarer Verhandlungspartner sein.‘ flüsterte Orsolya, als sie sich wieder gefangen hatte. ‚Lächelt mich bitte an, wenn ich vor haben sollte mit Euch um Geld spielen zu wollen!‘

‚Das kann ich Euch gerne Versprechen, werte Orsolya!‘

‚Mutter, die Suppe für Vater ist fertig.‘ meinte eine Frau, die genauso aussaht wie Wena. ‚Danke Runa, Ihr entschuldigt mich.‘ sprach die werte Orsolya und stand auf, um ihrer Tochter nochmal zuzuzischen, sie solle noch eine Suppe für die weiße Hexe fertig machen.

Die Kinder mussten ins Bett und Kejnen brachte Lina und Nala in die Jurte. Sie hatten wirklich jeden Stück Boden in der Jurte zu einem Nachtlager verarbeitet.

‚Meister Kejnen, willst du uns nicht eine Geschichte erzählen?‘ fragte Nala und lächelte ihn zuckersüß an. ‚Aber ich kenne nur schreckliche Geschichten!‘ sagte Kejnen und wollte gleich wieder gehen.

‚Da wird doch eine schöne Geschichte dabei sein?‘ fragte Alur, der gerade die Kleinen ins Bett legte. Vier am Kopfende und vier am Fußende. ‚Es ist aber nur eine Kleine. Ich wachte eines Nachts auf, als ich ein Kind schreien hörte. Ich humpelte aus der Jurte und stürzte in genau diese Jurte. Die kleine Nala hatte einen schlimmen Traum und schrie aus Leibeskräften. Ihre Mutter war so erschöpft von ihrer harten Arbeit, dass sie selbst vom Weinen ihrer Tochter nicht aufwachte. Und auch ihre ganzen Geschwister schliefen in aller Seelenruhe weiter. Und ich stand in der Tür und hatte Angst, dass ich den kleinen Schatz mit meinem Gesicht noch mehr erschrecken könnte. Aber sie schrie so laut, also fasste ich mir ein Herz und humpelte zum Bett und hob sie mit samt ihrer kleinen Decke hoch und humpelte wieder zur Tür, um mich genau hier mit ihr hinzusetzen.‘

Kejnen setzte sich hin und die Kinder scharten sich um ihn und blickten gespannt zu ihm auf. ‚Ich hab sie, ohne sie dabei anzusehen wieder in den Schlaf gewogen, bis langsam, ganz langsam die Sonne aufging. Der Fluss glitzerte, als würde er brennen und der Nebel verzog sich, nur im Schatten standen noch vereinzelte Schwaden. Plötzlich stürmte Tante Vira aus ihrer Jurte, sie hatte die Axt hoch erhoben und ihr Gesichtsausdruck sah wild aus. Sie sah so aus, als wollte sie jeden zerhackten, der sich ihr in den Weg stellte. Ich hab mich ganz schön erschrocken, weil ich war ja nur mit meinem Stock und mit Nala bewaffnet.‘ Er machte eine Pause. Und die Kinder waren ganz aufgeregt, wie es nun weitergehen würde. ‚Doch zum Glück erkannte sie mich und ich hab auch nicht den Fehler gemacht sie anzulächeln, weil sonst hätte ich wahrscheinlich ihre Axt zu spüren bekommen.‘ Er grinste in die Runde und die Kinder, die ihn noch nicht kannten, erschraken. ‚Sie blickte in die Sonne und die Sonnenstrahlen ließen ihr feuerrotes Haar erstrahlen. Sie lächelte mich an und ging auf mich zu. Die Axt lies sie an der Jurte da drüben stehen. Da fiel mir aber ein Stein vom Herzen, weil wie hätte ich mich verteidigen sollen, vor dem Zorn einer rothaarigen, bewaffneten Frau, die zu früh geweckt wurde. Zu meiner Verwunderung setzte sie sich hier auf die Schwelle und blickte mit mir in die Sonne, bis sie ganz aufgegangen war.‘

‚Und was habt ihr dann gemacht?‘ fragte eines der Mädchen.

‚Frühstück!‘ rief Kejnen.

‚Ich kann mich gar nicht daran erinnern.‘ sagte Nala.

‚Du, kleiner Schatz bist auch gleich wieder eingeschlafen und deine Tante hat dich wieder ins Bett zu deiner Mutter gesteckt.‘

‚So Kinder, es ist schon spät. Ihr solltet schon längst schlafen.‘ sagte Wena und grinste in die Jurte. ‚Und morgen könnt ihr mir beim Frühstück helfen.‘

‚Dann schlaft wohl, Kinder!‘ meinte Kejnen und stemmte sich hoch. Nala winkte ihm vom Bett aus zu, er winkte auch lieber und versuchte nicht zu lächeln. Als er aus der Jurte kam, standen Vira und Orsolya vor der Jurte. ‚Eine schöne Geschichte, Meister Kejnen. Ich bin gespannt, was Ihr ihnen morgen erzählt, die Kinder werden nie wieder schlafen, wenn Ihr ihnen keine Geschichte mehr erzählt.‘ sagte Orsolya und lachte freundlich.

‚Dann haben wir ein Problem, ich kenn eigentlich nur Schauergeschichten.‘

‚Erzählt uns mehr von der aufgehenden Sonne und vom Morgennebel!‘ meinte Vira, sie schien ernsthaft von seiner Geschichte verzaubert zu sein.

‚Wie geht es dem Khan?‘

‚Er beschwerte sich darüber, dass er Suppe essen musste.‘

‚Dann geht es ihm wieder gut?‘

‚Besser jedenfalls!‘

Fragend blickte er Vira an, doch Orsolya fing seinen Blick auf und drückte ihm eine Schüssel Suppe in die Hand. ‚Davon könnt Ihr Euch selbst überzeugen, Kejnen. Und dann könnt ihr beide den Khan wecken, wir haben alle Hunger.‘

Als Kejnen die andere Jurte betrat, war Ziska bereits wach. Sie blickte ihn fragend an, als er mit der Suppe durch die Tür kam. Er humpelte langsam zu ihr ans Bett und versuchte dabei nichts zu verschütten. ‚Ich hatte Angst um Euch, weiße Hexe.‘ flüsterte er.

‚Ich hab den Allghoi Khorkhoi gesehen, er ist tatsächlich rot.‘ stammelte sie.

‚Der Todeswurm also.‘

‚Ja, der Todeswurm.‘

‚Na, dann kannst du den Kindern morgen ja eine gute Nachtgeschichte erzählen.‘

Sie setzte sich auf und nahm ihm die Schüssel ab. ‚Danke!‘

‚Dank den Frauen da draußen. Ich hab noch nie so viel Essen gesehen, wie sie da draußen aufgehäuft haben.‘

‚Aber ihr habt doch mit Fürsten gespeist, oder?‘

‚Ja, aber immer nur zu Kriegszeiten. In guten Zeiten lag ich meist noch beim Feldscher!‘

‚Dann ist ja gut, dass die Damen Euch gefunden haben.‘ sagte der Khan.

‚Eigentlich hat er uns gefunden!‘ meinte Ziska und steckte sich einen Löffel voll Suppe in den Mund.

Davon könnt ihr mir beim Essen erzählen.‘ lachte der Khan und stand auf. ‚Ihr seid wahrlich eine Hexe, weiße Hexe.‘

‚Aber langsam, mein Khan.‘ mampfte Ziska und schluckte ihr Essen herab. ‚Ihr müsst Euch ein Paar Tage schonen.‘

Drei und eine Axt – Teil 6

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 6

Wena wurde wach und sprang vor Schreck vom Bett auf. Auf dem Bett lagen Vira, Ziska und Kejnen nackt in einer eindeutigen aber verwirrenden Stellung. Kejnen wurde ebenfalls wach und blickte in Wena’s verstörtes Gesicht. Langsam erhob er sich, ohne jedoch die beiden Anderen zu wecken. Leicht schwankend hüllte er sich in ein Tuch und humpelte Wena entgegen, um sie in seinen Klappenmantel zu hüllen.

‚Du hast dir nichts vorzuwerfen.‘ flüsterte er ihr zu und führte sie aus der Jurte. ‚Der Einzige, der sich etwas vorzuwerfen hat, bin ich.‘

‚Nein Kejnen, die Tränke von Ziska vertauschen manchmal Traum und Wirklichkeit. Nur dass man am nächsten Tag noch genau weiß was man getan hat.‘

Sie hatten ihre Jurte bereits erreicht. Wena nickte ihm traurig zu und ging niedergeschlagen in ihre Jurte. Er humpelte weiter zum Abort. Als er wieder in die Jurte ging, legte er Holz nach und kroch wieder zu den beiden Frauen ins Bett. Er konnte es einerseits nicht fassen, was alles in der letzten Nacht passiert war, aber andererseits, war ihm so etwas Unglaubliches noch nie in seinem Leben widerfahren. Natürlich hatte er schon Frauen gehabt, auch schon mehrere hintereinander. Aber so sinnlich und liebevoll war keine von ihnen zu ihm gewesen. Selbst als er noch nicht so entstellt war. Und es hatte noch nie in seinem Leben eine Frau seinen Schwanz in den Mund genommen. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht und beide Frauen im Arm, schlief er nochmals ein.

Sie schliefen alle ziemlich lange. Kejnen wurde erst wach, als er die Kinder hörte, wie sie sich um den Kamm ihrer Mutter zankten. Ziska blickte ihn mit einem Lächeln im Gesicht an, schloss dann ihre Augen wieder und kuschelte sich an seine Brust. Vira quälte sich aus dem Bett und streckte sich. Sie suchte am Boden nach irgendwas zum Anziehen.

‚Dank allen Göttern, wir sind nicht blind!‘ flüsterte Kejnen und beobachtete Vira dabei, wie sie nackt durch die Jurte torkelte, bis sie endlich ihren Klappenmantel gefunden hatte. Während sie sich anzog, drehte sie sich um und grinste ihn an: ‚Es war mir ein Fest.‘ Dann stolperte sie aus der Jurte.

Laut über die hässliche, grelle Fratze am Himmel fluchend, schien sie zum Fluss hinunter zu laufen.

‚Und ich kann mich an alles erinnern.‘ flüsterte Ziska im Schlaf.

Am Frühstückstisch würfelten sie darum, wer nun die Hasen häuten sollte. Es traf Wena. Ihr ging es von allem am Besten, obwohl sie schon wieder seit Stunden wach war. Halef kam am frühen Nachmittag und brachte eine stattliche Hirschkuh. Er hatten sie bereits ausgenommen, deshalb hingen sie sie nur auf und beschlossen dann in die Ebene zu reiten, um nach wildem Getreide zu suchen. Die Kinder hatte dabei viel Spaß. Es war bereits spät am Nachmittag, als sie am Horizont einige dunkle Flecken entdeckten, die ihnen langsam aber stetig näher kamen.

‚Kann das deine Sippe sein?‘ fragte Kejnen misstrauisch.

‚Wenn, dann sind sie aber reichlich früh.‘ meinte Wena ängstlich, dann pfiff sie ihre Kinder zusammen.

‚Halef Junge, gib mir meinen Bogen und reite mit den Frauen zurück. Bring mir meinen Schwertgürtel und vor allem die Tasche, die daran hängt.‘ rief Kejnen laut und suchte sich mit seinem Pferd eine bessere Position.

Wenig später kam der Junge wieder. Sein Pferd keuchte erschöpft, als er es neben Kejnens Gaul zum Stehen brachte. Sie tauschten Bogen gegen Gürtel.

Kejnen legte seinen Schwertgürtel an und zog aus einer Tasche ein Stück Leder, an dem etwas baumelte, was das Licht der untergehenden Sonne spiegelte. Mit einer geschickten Handbewegung baute er das Etwas zusammen und hielt es sich vors Auge. Als er es wieder absetzte, blickte er Halef milde an und drückte es ihm in die Hand.

‚Blicke hindurch und sage mir…!‘

‚Bei allen Göttern!‘ rief Halef und ließ das Etwas beinahe fallen, als er seinen Dolch zog. Dann erkannte er seinen Irrtum.

‚Junge, dieses Stück Glas hat mir schon oft mein Leben gerettet, also wirf es nicht weg.‘

Halef blickte noch einmal durch, lies dabei aber seinen Dolch nicht los und fuchtelte vor sich damit herum. ‚Es sind viele Reiter und drei Herden. Rinder. Pferde und Schafe. Zwölf Wägen und wartet. Da ist er ja. Der Bannerreiter des ehrenwerten Etem Khan, er kommt uns entgegen.‘ sprach Halef langsam und gab dann Kejnen sein Glas zurück, um etwas aus seiner Tunika zu ziehen. Es war ein geschnitztes Wappen seiner Familie. Er pfiff nach seinen Hunden, die auch gleich heran gelaufen kamen. Wenig später lief Róka mit dem Wappen im Maul dem Reiter entgegen.

Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis der Hund mit einem weißen Banner im Maul zurückkam.

‚Ein Gruß von Etem Khan. Lass uns zum Lagerplatz reiten. Wir sollten ein Feuer machen.‘ meinte Halef.

‚Khan Etem ist Wena’s Vater?‘ fragte Kejnen reichlich verwundert.

‚Ja, hatten wir das nicht erzählt?‘

‚Von Khan Etem habe ich schon viel gehört, aber das nicht!‘

Als sie an einer alten Feuerstelle unweit des Flusses ankamen, sprang Halef vom Pferd, drückte Róka das Banner wieder ins Maul und schickte ihn zu den Jurten. Wenig später kamen die Kinder ihnen mit einigen Körben Feuerholz und einer Schale mit Glut entgegengelaufen.

Die ersten Reiter trafen ein, stiegen ab und begrüßten den Jungen. Einer der Männer erkannte Kejnen, machte eine ehrerbietige Verbeugung, ging rückwärts zu seinem Pferd zurück, stieg auf und ritt wieder zum Tross zurück.

Es dämmerte bereits, bis die ersten Wagen angekommen waren. In Mitten der Wägen, kam ein stattlicher Mann auf einem Pferd auf Kejnen zugeritten und blieb musternd vor ihm stehen. Kejnen musste auf und gegen die untergehende Sonne blicken. Es musste der Etem Khan sein. Kejnen machte eine ehrerbietige Verbeugung, stieg aber nicht vom Pferd ab.

Meister Kejnen, Ihr müsst Euch nicht vor einem alten Mann verbeugen. Für die Schlachten, die Ihr für uns alle geschlagen habt, würde der alte Mann sich eher vor Euch verbeugen.‘ sprach der Khan.

‚Mein Khan, mein Ruf eilt mir voraus, doch verbeuge ich mich gerne vor Euch.‘ rief Kejnen und richtete sich langsam auf.

‚Reitet ein Stück mit einem alten Mann, Kejnen.‘ Der Khan lenkte sein Pferd in Richtung der Jurten.

‚Es soll mir eine große Ehre sein, mein Khan.‘ Kejnen folgte dem Khan.

‚Was verschlägt Euch in diese von allen Göttern verlassene Gegend?‘

‚Ich wollte in die Berge meiner Heimat zurückkehren. Mein Gaul hat mich wohl zu weit getragen und die Damen hatten die Güte einen Krüppel Obdach zu gewähren.‘ berichtete Kejnen, klopfte auf sein steifes Bein und der Khan hob eine Augenbraue, als er das Wort Krüppel hörte.

‚Von den Bergen Eurer Heimat scheint wenig übrig geblieben zu sein, Ihr müsst sie verpasst haben.‘ lachte der Khan.

‚Das wird mir von Tag zu Tag klarer.‘

‚Hattet Ihr Familie, zu denen Ihr zurückkehren wolltet.‘

‚Ich ging damals alleine in den Krieg und hatte niemanden zurückgelassen.‘

‚Und nun seid Ihr hier und ein alter Mann freut sich auf viele lange Gespräche in diesem Winter, mein Freund. Ihr werdet doch über den Winter bleiben?‘

‚Mein Dank gehört Euch, für Euer Vertrauen, mein Khan.‘

‚Wenn die drei Damen Euch hier aufgenommen haben, dann ist mein Vertrauen nicht das Einzige, was ich Euch Schulde, denn auch meinen Dank. Wir bringen wieder keine guten Nachrichten. Ich bin froh, wenn die Frauen nicht alleine sind, hier draußen. Denn der junge Halef hat nur Flausen im Kopf.‘

‚Ich vermag nicht in Worte zu fassen, was mir Eure Worten bedeuten.‘ meinte Kejnen. Sie waren am Fluss angekommen und lenkten ihre Pferde langsam durch die Furt.

‚Meister Kejnen, ich hoffe Ihr seid mit dem Schwert immer noch so geschickt, wie Ihr es mit Eurer Zunge seid.‘ lachte der Khan, stieß sein Pferd an und es schnellte über die Furt auf den Hof.

‚Ihr würdet Euch wundern!‘ rief Kejnen und folgte ihm.

Wena trat vor das Pferd ihres Vaters, griff die Zügel und verbeugte sich.

‚Kind, spinn dich aus und hilf deinem alten Vater vom Pferd.‘

Sie pfiff nur und die Kinder brachten seinen Schemel. ‚Vater, kommt Ihr früher als sonst, weil Ihr nicht mehr allein vom Gaul kommt.‘

‚Es ist auch ein Grund, Tochter!‘

Kejnen war bereits vom Pferd gestiegen, band sein Gaul am Gatter an und humpelte dann zum Pferd des Khans. Er hielt ihm mit einer leichten Verbeugung die Hand hin.

‚Ich sollte mir auch einen Stock schnitzen, wenn ich damit leichter vom Gaul komme, Kejnen.‘

‚Ich wollt ich bräucht ihn nicht, aber wenn ich ihn nicht hätte, dann würde ich wie ein Stein vom Pferd fallen.‘ rief Kejnen und half dem Khan vom Pferd.

‚Keiner von euch beiden sollte vom Pferd fallen. Ich kann niemanden von den Toten erwecken.‘ rief Ziska, als sie aus der Jurte kam.

‚Weiße Hexe!‘ rief der Khan, als er auf seinen beiden Beinen stand. ‚Genau wegen Euch bin ich hier.‘

‚Wie und nicht wegen mir?‘ rief Vira und trat ebenfalls aus der Jurte.

‚Mein Kreuz hat mich dazu gezwungen früher zu euch kommen und ich habe wieder keine Nachrichten für euch und deswegen hat mich mein Herz und meine Angst um euch, mich noch mehr zu euch gezogen. Aber nachdem ihr jetzt einen großen Krieger am Hof habt, kann die Hexe mich einrenken und ich reite gleich zur großen Zusammenkunft.‘

‚Vater untersteht Euch gleich wieder abzuhauen.‘ meinte Wena und umarmte ihn herzlich, bis er laut aufstöhnte.

‚Schafft Ihr es noch in die Jurte, mein Khan.‘ meinte Ziska. ‚Dann werd ich mal sehen, was ich machen kann.‘

Sie ging voraus in die Jurte und überließ es Kejnen und Wena den Khan hereinzubringen.

‚Ich werd Hilfe brauchen!‘ meinte Ziska kurz und holte ihr Körbchen hervor.

‚Vater, macht es Euch etwas aus, wenn Kejnen hilft, weil das Essen steht am Feuer und Ihr habt uns heute am falschen Fuß erwischt, wir haben kein Korn mehr und der Wein ist noch nicht fertig.‘

‚Nein, nein. Tochter, wenn das all deine Sorgen sind, geh nur. Meine Frauen, Deine Schwestern und Schwägerinnen kommen später mit der langen Tafel und mit Essen, ich möchte dass wir heute Nacht essen, bis wir umfallen.‘

‚Mein Khan, ihr seid immer so gütig zu uns!‘

‚Es liegt mir viel daran, dass es euch allen hier gut geht. Ich wollt ich hätte bessere Nachrichten.‘

sprach der Khan und küsste seiner Tochter das Haar.

‚Ach, Vater! Keine Nachrichten sind besser, als schlechte Nachrichten.‘ meinte sie mit Tränen in den Augen und ging aus der Jurte.

‚Es bricht mir das Herz. Wir können sie einfach nicht finden. Ich würde mein Leben sofort dafür geben, wenn es eure Männer wieder bringen würde.‘ meinte der Khan traurig und setzte sich auf Vira’s Bett.

‚Mein Khan, selbst meine Träume verheißen nichts Gutes!‘ flüsterte Ziska und half dem Khan aus seinem Klappenmantel. Nachdem sie ihm auch die Tunika ausgezogen hatte, trat sie einen Schritt zurück und hielt sich die Hand vor dem Mund. Seine linke Seite war mit Blutergüssen übersät. Sie blickte auf den Rücken und stöhnte laut auf.

‚Wir waren schon auf dem Weg zu euch, ich wollte den Jungen mit zur Zusammenkunft nehmen. Mein Pferd wurde vom Allghoi Khorkhoi zu Tode erschreckt, aber ich fiel vorher noch herab.‘

‚Ihr seid ein Witzbold, es hat noch nie jemand den Todeswurm gesehen, es wird eine Otter gewesen sein.‘

‚Ich blickte dem roten Tod ins Auge. Mein Leben ritt an mir vorbei, bis mir meine Frauen deinen unaussprechlichen Schnaps eingelöst haben.‘ Er schluckte schwer und fuhr fort. ‚Weiße Hexe, behauptet nie wieder, dass Ihr keine Toten erwecken könnt.‘

Meister Kejnen musste grinsen und flüsterte mehr in sich hinein: ‚Die unaussprechlichen Schnäpse der weißen Hexe!‘

‚Ach, hat sie Euch auch betrunken gemacht und ist dann mit ihren nackten Füßen auf Eurer Seele herumgetanzt, dass macht sie gerne.‘

‚So ähnlich, mein Khan!‘

Ziska packte einen Bottich aus dem Korb, öffnete ihn und sogleich verströmte ein unsäglicher Gestank die Jurte. Ziska würgte leicht und band sich ein Tuch um Mund und Nase. Sie nahm eine Hand voll der stinkenden Masse aus dem Bottich und schmierte den grünen Schleim auf die blauen Flecken. ‚Meister Kejnen, entzündet bitte das Feuer und schließt die Tür.‘

Als er wieder zum Bett humpelte, wies sie auf einige Beutel mit Kräutern. ‚Die Hälfte des Gelben und die Hälfte des grünen Beutels kann ins Feuer.‘

Während Kejnen die Kräuter in die Glut warf, betastete Ziska den Oberkörper des Khans ab. ‚Ich werd Euch nicht richtig einrenken können, es sind ein paar Rippen angeknackst. Aber wir können was versuchen.‘ meinte Ziska und zog ihre Hose aus.

‚Also das haben meine Frauen schon versucht. Ziska und du könntest meine Tochter sein!‘

‚Eure jüngste Frau ist jünger als ich!‘ meinte Ziska eingeschnappt. ‚Aber das hab ich nicht gemeint. Kejnen, können wir die Feuerschale zur Seite heben!‘

‚Ja, aber!‘ stotterte Kejnen, weil er nicht verstand was sie vor hatte. Er tat aber, was sie wollte. Also trugen sie mit zwei Stangen, die Feuerstelle Richtung Tür.

‚Ich würd der weißen Hexe nicht widersprechen, Meister Kejnen.‘ kicherte der Khan, während er den beiden beim Tragen zusah.

Sie zog eine große Kiste in die Mitte der Jurte, stieg drauf und hangelte sich zum Dachkranz hinauf. Dann sprang sie wieder herab auf die Kiste. ‚Das könnte klappen. Mein Khan, kommt doch mal rüber zu mir.‘

‚Jetzt macht sie mir Angst!‘ sprach der Khan und griff sich an Herz.

Ziska zog nur eine Augenbraue hoch und patschte mit den Füßen auf die Kiste, bevor sie sich wieder zum Dachkranz hochschwang. ‚Dreht Euch mit dem Rücken zu mir und kommt näher bis Eure Hacken an der Kiste anstoßen.‘ Der Khan tat, wie ihm geheißen und Ziska hackte ihre nackten Fuße in seine Axelhöhlen und stemmte sich noch weiter nach oben. ‚Nun setzt Euch bitte ganz langsam, mein Khan!‘

Der Khan setzte sich langsam und Ziska klammerte sich an den obersten Hölzern des Dachkranzes fest. Es knackte in seinem Rücken acht mal und unter dem Gewicht beider knackte auch das Jurtendach. Als sein Hintern endlich die Truhe berührte, zitterten seine Beine und sein Blick war wie versteinert. Ziska lies sich fallen und kam zitternd auf allen Vieren auf dem Boden auf. Ihre weißen Haare waren ihr über ihr verschwitztes Gesicht gefallen. Kejnen humpelte zu ihr und half ihr hoch.

‚Und könnt ihr Eure Beinen noch spüren?‘ fragte Ziska, während sie wieder ihre Hose anzog. Dann zog sie eine Flasche aus ihrem Korb, nahm das Tuch vom Hals und kam wieder zum Khan. Er war reichlich still und blickte sie nur ungläubig an. Mit den Zähnen zog sie den Korken aus der Flasche und hielt sie ihm hin. Er nahm einen großen Schluck und keuchte laut, als er die Flasche vom Mund nahm. Ziska nahm auch einen Schluck und schüttete dann ein Wenig davon auf das Tuch und begann dann, den grünen Schleim von den Blutergüssen zu putzen.

‚Kejnen bringt mir doch das große Fell und legt es auf Vira’s Bett.‘

Als sie fertig war, geleitete sie den Khan zum Bett hinüber. Sie zog ihm die Schuhe aus und er legte sich hin. Sie deckte ihn liebevoll zu. Dann legte sie das obere Endes des Felles um seine Schultern und hielt mit den Händen auf seiner Brust inne. Sie tastete nach der richtige Stelle. Dann rieb sie ihre Hände aneinander und legte beide wieder auf den Brustkorb. Das wiederholte sie dreimal, bis sie ohnmächtig zusammenbrach. Kejnen humpelte zu ihr und lies sich zu Boden fallen, um ihren schlaffen Körper an sich zu ziehen.

‚Weiße Hexe, ihr könnt doch nicht Schlafen, bevor ihr den Khan zugedeckt habt.‘ flüsterte er ihr ins Ohr und tätschelte ihre Wangen. Sie stöhnte leise und kam ganz langsam wieder zu sich. ‚Der Khan soll schlafen, bis zum Essen…‘ Ihre Stimme brach und ihre Sinne schwanden wieder. Kejnen stand schwerfällig auf und dann zog er sie hoch und humpelte mit ihr zum Bett hinüber. So liebevoll wie es ihm möglich war, legte er sie ins Bett und deckte sie zu. Dann humpelte er wieder zum Khan und blickte ihn an. ‚Ich hab sie gehört!‘ flüsterte er schwach und schloss die Augen. Kejnen zog ihm die Decke über die Brust. Dann zog er die Kiste und Feuerstelle wieder an seinen angestammten Platz und ging zu Wena hinaus.

Wenig später kam er mit einem Krug mit heißen Wasser wieder und Wena kam hinter ihm mit zwei Bechern in der Hand in die Jurte getreten und ging zu Ziska. Sie flüsterte mit ihr und wand sich dann zu Kejnen. ‚Grüner und weißer Beutel für den Khan und Gelb und Braun für Ziska. Von alle, nur eine Prise.‘

AlpenRoadMovie 2

AlpenRoadMovie 2

Dienstag, 14.08.2012, 18.00 Uhr

B 23, kurz vor der österreichischen Grenze.

Sie packte alles wieder zusammen und steckte alle blutigen Sachen in eine alte McDonaldstüte, die sie unter dem Sitz gefunden hatte. Und genau dahin steckte sie die Tüte auch wieder. Ihr war schlecht, sie musste etwas essen. Zuerst reinigte sie noch alles von Blutspritzern und räumte das Auto soweit auf, so dass sie bei einer Polizeikontrolle nicht weiter auffallen würden.

Sie fuhr den Wagen wieder zur Straße und bog dann Richtung Fernpassstraße ab und kam wenig später über die Grenze nach Österreich. Das Einzige, was an der EU gut zu sein scheint, dass die lästigen Grenzkontrollen weggefallen sind.

Sie aß eine belegte Semmel, ein Twix und trank ein Red Bull.

Die Strecke war eigentlich sehr schön zu fahren, wenn sie nicht immer nach hinten blicken hätte müssen, um zu sehen, ob Bambi noch atmete. Außerdem überlegte sie, ob das was sie tat richtig war. Sie legte sich eine Geschichte zurecht. Sie war dazu verpflichtet zu helfen, da konnte man ihr sicher keinen Strick draus drehen. Ansonsten konnte sie immer noch sagen, dass er sie so eingeschüchtert hätte, dass sie das tat, was er sagte, ohne auf die Idee zu kommen zu fliehen oder die Polizei zu holen. Außerdem hatte sie Angst um ihr Auto, er hatte versprochen ihr nichts zu tun, wenn sie machte was er sagte. Er war ein echt netter Entführer. Hm. Ach, verdammt Blume, es ist ein Verbrecher, verknall dich nicht in ihn, genau deswegen bist du ja keine Krankenschwester mehr, weil dir Patientenschicksale emotional zu nahe gehen. Böses Mädchen und schau auf die Straße! Na ja, immerhin hatte sie jetzt Urlaub! Und sie hatte nichts dabei, außer dem was sie am Leib trug und den Inhalt ihrer Handtasche, einer Jacke und einem Schal im Kofferraum und einem Hut und einer Mütze auf ihrer Ablage. Ach und einen Regenschirm hatte sie irgendwo im Auto. Toller Urlaub, dann blieb fast nur noch FKK, ein Handtuch könnte sie sich ja kaufen. Hm. Sie hatte viel nachgedacht, ohne zu einem zufriedenen Ergebnis zu kommen und wurde langsam müde. Es war mittlerweile dunkel geworden. Sie trank ein weiteres Red Bull und kramte nach etwas Süßen. Irgendwann machte sie das Radio an und sang mit. Bambi wurde erst wach, als sie halten musste, um ihre beiden Red Bull wieder loszuwerden. Sie zog es vor an einem Waldweg zu parken und in den Wald zu pinkeln.

Er brauchte eine Weile, bis er wieder halbwegs ansprechbar war.

‚Keine Sorge, ich musste nur pinkeln!‘ sie flüsterte, als sie sich wieder ins Auto setzte.

‚Wo sind wir?‘

Kurz vor Prutz.‘

‚Müssen Sie auch?‘

‚Waren wir nicht beim Du?‘

‚Oh ja, Du!‘

‚Nein, aber ich hab Hunger.‘ meinte er ernsthaft verschmitzt.

Oh Mann, großer, böser Entführer, jetzt verknall dich nicht in die Krankenschwester. Das gibt nur Ärger. Der Don dreht eh schon durch. Alfons wird sie abknallen. Die Familie mag keine Mitwisser, auch wenn sie noch so nett sind.

‚Dann setzen wir dich ein bisschen auf und ich nehm den Tropf ab, der ist eh durch.‘ trällerte sie, während sie den Fahrersitz ganz nach hinten schob. Sie kniete sich auf den Fahrersitz und streckte den Oberkörper zwischen den beiden Sitzen hindurch. Fachmännisch machte sie sich an der Infusion zu schaffen. Und er konnte ihr nur ganz gebannt auf ihre Titten starren.

Warum ist keiner da, der mir in die Augen schießt. Oder wenigstens in die Hand. Mann, Enzo, behalt Bambi in der Hose und behalt verdammt nochmal deine Hände bei dir.

‚Magst du deine Jacke wieder anziehen, dann sieht man deine Blutflecken nicht so.‘ fragte sie. Er blickte sie nur fragend an.

‚Magst du deine Jacke anziehen?‘

‚Oh, ja. Das schaff ich schon!‘ antwortete er irritiert.

Sie setzte sich wieder, kramte nach dem Proviant und hielt ihm die Tüte hin. Sie behielt aber noch ein Red Bull und einen Schokoriegel bei sich vorne. Er hatte unter Schmerzen seine Jacke angezogen und nahm die Tüte entgegen.

‚Geht’s mit den Schmerzen?‘

‚Geht schon!‘ meinte er kurz und griff nach einer belegten Semmel.

Er aß die Semmel, trank etwas und legte sich dann wieder hin. Sie fuhr weiter.

‚Weckst du mich vor Nauders wieder?‘

‚Klar, Bambi!‘

Es dauerte nicht lange, bis sie endlich in Nauderns sein würden.

‚Bambi, Nauderns liegt vor uns.‘

Er regte sich und kramte nach seinem Handy, fand es und machte es an. Ungeduldig blickte er auf das Display. ‚Kannst das Navi ausmachen und wegpacken!‘

Das machte sie sofort und verstaute das Navi in einem handgestrickten Täschchen und steckte es in ihr Handschuhfach. Er wartete bis er Netz hatte. Dann wählte er.

‚Alfons….ja….ja….20 min….Citroen, schwarz…ja… nein….sag dem Viechdoktar Bescheid. Mich hats ziemlich erwischt.‘

Sie winkte ihm. ‚Warte mal!‘ Er nahm das Handy vom Ohr und hielt es an seine Brust.

‚Kann dieser Viechdoktor Kochsalzlösung, Infusionsbeutel, Schmerzmittel und Antibiotikum besorgen?‘ fragte sie besorgt.

‚Er soll Kochsalzlösung, Infusionsbeutel, Schmerzmittel und Antibiotikum besorgen… Ja, schreib dir das auf… Ich lass anklingeln, wenn ich da bin….Ja danke.‘

Er baute seine Knarre wieder zusammen und steckte sie in seine Hose. Die Überreste ihres Handy steckte er in die Tasche. Sie fuhr durch Nauderns durch und weiter bis er wieder etwas sagte: ‚Da vorne links und schalte bitte auf Standlicht!‘

Er lies es anklingeln. Sie machte was ihr gesagt wurde und fuhr auf den Hof eines verlassenen Gasthauses. Das Schiebetor eines angrenzenden Stadels ging auf und sie fuhr hinein. Ein älterer, braungebrannter Mann blickte ins Auto, als sie durch das Tor fuhr. Das musste Alfons sein.

‚Bleib sitzen und lass mich reden, Blume.‘ zischte Bambi mit einem unmissverständlichen Unterton. Langsam wurde sie nervös. Der alte Mann kam zum Fenster und machte eine Geste, dass sie die Scheibe runter lassen sollte.

‚Machens den Motor und das Licht aus.‘ befahl er ihr. Sie konnte eine Waffe in seinem Gürtel sehen. Sie blickte verwirrt auf die Rückbank. Alfons griff nach dem Griff der hinteren Schiebetür und machte sie auf.

‚Enzo, siehst net guad aus.‘ meinte er ernst und begann erst nach einem langen, langen Moment mit einem breiten Lächeln, dass in ein herzhaftes Lachen überging.

‚Danke, Alfons!‘ flüstere Bambi ähm Enzo.

‚Wer is des Weibats!‘

Meine Krankenschwester!‘

‚Für was brauchst dann n Viechdokta?‘

Enzo blickte sie etwas ratlos an, sprach dann fuchtelnd weiter: ‚Wegam Zeugs.‘

‚Er is eh beim Kaibeziang aufm Berchhof.‘

Blume verzog das Gesicht. ‚Des is weniger guad!‘ meinte Enzo verbittert.

Alfons machte Anstalten Enzo aus dem Auto zu helfen. Dabei konnte er einen Blick auf die Wunde und auf die Blutflecken werfen und es stolperte ein. ‚Ah!‘ aus Alfons‘ Mund. ‚Dann komm, ich bring di aufs Zimmer. Wo is da Laptop? Der Don wartet.‘

‚Frl. Blume würden Sie bitte die Tasche nehmen?‘ meinte Enzo.

Blume stieg aus. Alfons half Enzo aus dem Auto. Blume nahm ihre Handtasche, den Autoschlüssel und die Tasche von Enzo und folgte ihnen. Sie gingen durch einen Durchgang einige Stufen hoch und kamen in einen Vorraum. Es musste ein Puff gewesen sein, alles in Altrosa mit Schnörkel. Eine Putzfrau könnten die hier gebrauchen…

Unter Stöhnen ging es für Enzo weitere Stufen nach oben. Im ersten Zimmer stand die Tür offen und da gingen sie auch hinein. Alfons lies ihn aufs Bett sinken. Genauso hatte sie sich ein Zimmer in einem Puff vorgestellt. Großes Himmelbett. Verschnörkelte Möbel und viel roter Samt.

‚Ich hol den Don!‘ meinte Alfons dienstbeflissen.

‚Ja!‘ keuchte Enzo schmerzverzerrt.

Blume stellte die Tasche aufs Bett und legte die Handtasche auf einen Stuhl.

‚Ähm, Herr Alfons, könnten wir die blutigen Sachen verbrennen?‘ fragte sie schüchtern.

‚Wo hastn die aufgabelt?‘

‚Ich steh im Telefonbuch unter Cleaner!‘ sprach sie mit erschreckend fester Stimme.

‚Ah, Cleaner. Warum sagens des net glei!‘

‚Haben Sie Chlorrreiniger oder Domestos?‘

‚Scho!‘

‚Gut, ans Werk!‘ meinte Blume und machte Anstalten wieder hinaus zu gehen.

Enzo unterbrach sie unwirsch. ‚Alfons, bring Sie dann wieder hoch, ich hab Schmerzen.‘

‚Ja, Enzo, was denkts’n!‘

‚Untersteh di!‘ warnte er Alfons.

Alfons klopfte Enzo auf die Schulter und ging dann mit Blume aus dem Zimmer.

‚Du heißt Blume und bist Cleaner?‘ fragte Alfons in merkwürdig gestellten Hochdeutsch.

‚Ja, wieso?‘ fragte Blume und blieb am Treppenabsatz stehen, weil Alfons vor ihr stehenblieb. Er klopfte an eine halboffene Tür und steckte kurz den Kopf durch den Schlitz. Was nun gesprochen wurde, konnte sie nicht verstehen. Er wand sich wieder zu ihr und ging weiter voraus. ‚Arbeitest du nur für die Familie?‘

Sie schüttelte den Kopf. ‚Bin freiberuflich!‘

‚Aha. Rentiert sich des.‘

Sie zog nur eine Augenbraue hoch.

‚Ich versteh schon.‘

Am Auto angekommen fragte Alfons: ‚Soll ma die Schilder auch verbrennen?‘

‚Ist glaub ich nicht nötig. Man findet nur eine ledige Krankenschwester, die ab und zu zu schnell fährt und grad Urlaub hat, wenn man die Schilder überprüft.‘

‚Gutes Backup!‘

Sie grinste nur und machte das Auto auf und griff unter den Sitz.

‚In der Tüte ist alles, was zu verbrennen ist, die Injektionsnadel steckt noch in seinem Arm.‘

‚Ich bring gleich den Chlorreiniger.‘

Sie nahm den Sanikoffer aus dem Auto und die Tüte mit dem Essen. Dann zog sie wieder Gummihandschuhe an und machte alle Lichter im Auto an. Er brachte eine Tonne, darin war der Reiniger und ein Benzinkanister. Er gab ihr den Reiniger und schraubte schon mal den Benzinkanister auf. Sie warf alles in die Tonne was weg konnte. Er machte ein hübschen Feuerchen. Sie wischte inzwischen alle Armaturen, die Griffe und Türen mit Alkohol aus dem Sanikoffer ab. Dann machte sie sich an die restlichen Blutspritzer. Am Ende blickte sie in den Kofferraum und nahm ihre Jacke mit.

‚Sie ham Proviant mitgebracht. Gut. Die Küche hat schon zu.‘

‚Sie machen Witze. Ich dachte der Rasthof sei geschlossen.‘

‚Der Puff aber net.‘

‚Ah, und wo sind die Ladys?‘

‚Ham heute frei.‘

‚Schade.‘

‚Wieso?‘

‚Hätte mir gerne nen frischen Schlüpfer ausgeliehen!‘

Alfons grinste versaut. ‚Ich schau mal, was ich bis morgen machen kann.‘

Sie gingen wieder hoch in den Vorraum und ein eleganter Mann kam ihnen von der anderen Treppe aus entgegen.

‚Alfons, wo ist die…!‘ Er stockte und sprach gleich überfreundlich weiter. ‚Ah. Fräulein Blume, sehr gut. Kümmern Sie sich Bitte um Enzo bis der Doktor kommt!‘ Sein Ton war freundlich aber bestimmt und sie wusste, dass sie sich zu benehmen hatte und dass dieser Mann keinen Spaß verstehen würde.

‚Natürlich, der Herr…!‘ meinte sie freundlich und machte einen Knicks.

‚Herr Alfons geben Sie mir den Koffer, den Rest schaff ich allein!‘ lächelte sie ihn freundlich an. Alfons übergab den Sanikoffer und sie lief die letzten Stufen allein hinauf und verschwand im ersten Zimmer. Als sie die Tür knallen hörten, unterhielten sich Alfons und der Don leise.

‚Sie ist ein Cleaner und eine Krankenschwester!‘

‚Interessante Kombi!‘

‚Und nützlich!‘

‚Für wen arbeitet Sie noch!‘

‚Sie sagt, sie wär freiberuflich! Ihr Backup ist eine ledige Otto Normal Krankenschwester!‘

‚Ist für einen Cleaner nicht blöd. Keine Fragen. Kein Ärger!‘ stellte der Don fest, machte eine Pause und fuhr dann grinsend fort. ‚Alfons bring mir eine Flasche Spumante, wir haben was zu feiern!‘

Fortsetzung folgt im AlpenRoadMovie 3

 

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