AlpenRoadMovie 1

AlpenRoadMovie 1

Dienstag, 14.08.2012, 16.00 Uhr

In der Nähe von München

Ein Schwall Benzingeruch strömte ihr durch die Türöffnung entgegen. Sie stieg aus und rümpfte die Nase, während sie um ihr Auto herum ging. Gedankenverloren öffnete sie den Tankdeckel und schaute suchend zu den Zapfhähnen. Super bleifrei. Sie tankte wie immer nur für 20 Euro. Immer noch wie in einer anderen Welt steckte sie den Zapfhahn zurück und schloss den Tankdeckel. Dann öffnete sie die Beifahrertür und griff nach ihren Geldbeutel. Zielsicher lief sie in den Tankshop, um zu zahlen. In der Tankstelle kommt sie an mehreren Zeitungen vorbei, auf denen mehr oder weniger die eine Schlagzeile zu lesen war: Mafia in München. Haus explodiert. Ein unbekannter Toter. Mit einem Twix und einer Dose Red Bull bewaffnet, kehrte sie wieder zurück in ihren Wagen.

Sie startete den Wagen und fuhr langsam aus der Tankstelle. Plötzlich riss jemand die hintere Schiebetür auf und sprang in den Wagen. Erschrocken machte sie eine Vollbremsung. Der Jemand hielt ihr eine Pistole unter die Nase und schrie sie durch einen Schal gedämpft an: ‚Fahr weiter!‘

‚Ja, aber!‘

‚Nichts aber! Fahren Sie weiter!‘ rief der Jemand und knallte die Schiebetür des Wagens zu. Der Schal war ihm dabei von seinem Gesicht gerutscht und er hatte eine große Sporttasche mit ins Auto gebracht, auf die er sich nun stützte. Etwas irritiert fuhr sie weiter. Der Jemand bohrte ihr die Pistole in die Seite und streckte seinen Kopf zwischen den beiden Sitzen hindurch. Sie fuhr wie gewollt weiter, drehte sich dann aber einen Moment nach hinten und blickte einen Mann an, der gehetzt weiter nach vorne und hin und wieder nach hinten durch die Heckscheibe blickte. Er hatte eine große Sonnenbrille und eine Mütze auf und sein schmaler Mund, war von einem Dreitagesbart umrandet.

‚Geben Sie mir Ihr Handy!‘ meinte er und bohrte ihr weiter die Pistole in die Seite. Mit zitternden Fingern kramte sie in ihrer Handtasche. Endlich hatte sie ihr Handy gefunden. Sie atmete tief durch und gab es nach hinten. Er zog mit einer geschickten Handbewegung den Akku raus und legte die Einzelteile auf seine Tasche, dabei hatte er ihr weiter mit seiner Pistole unkontrolliert in die Seite gestochert. Sie räusperte sich und sprach mit erschreckend ruhiger Stimme: ‚Wenn Sie mir von Hinten in die Titten schießen, dann werd‘ ich Sie nirgendwo mehr hinfahren!‘

Er nickte kurz und zog seine Hand etwas zurück. ‚Da vorne Rechts auf die Autobahn!‘

Ein ‚Ja, Miss Daisy!‘ huschte ihr über die Lippen. Es war ihr im Nachhinein ein bisschen peinlich, aber eigentlich war eh alles egal.

‚Schschscht….Hoke!‘ zischte er und nahm dabei einen Finger zum Mund. Und sie konnte ihn im Augenwinkel breit grinsen sehen. Sie fuhr auf die Autobahn und gab Gas.

Als nach einiger Zeit ihre Tankanzeige zum Blinken begann, brach sie das Schweigen.

‚Wohin wollen Sie eigentlich? Weil ich hab nur für 20 Euro getankt!‘ grinste sie entschuldigend in den Rückspiegel.

‚Fahren Sie bei der nächsten Ausfahrt raus, wir fahren auf der Landstraße weiter!‘ meinte der Typ ruhig, kramte etwas aus seiner Tasche und schnipste ihr dann einige druckfrische Geldscheine auf den Beifahrersitz.

‚Einmal Volltanken, sehr wohl!‘ meinte sie, schnappte sich die Geldscheine und stopfte sie in ihre Handtasche, die immer noch auf dem Beifahrersitz lag.

‚Sie sind ziemlich cool!‘ meinte er kurz, legte die Knarre neben sich auf den Sitz.

‚Was soll ich machen, kreischend gegen den nächsten Baum fahren?‘ meinte sie und blickte dabei in den Rückspiegel. ‚Sie sind immerhin nicht angeschnallt!‘ Ein ‚z…z…z!‘ kam ihr über die Lippen. ‚Aber ehrlich, will ich meinen Franzosen noch abbezahlen, bevor ich ihn gegen den nächsten Baum fahre.‘ fügte sie ergänzend hinzu und streichelte dabei über ihr Lenkrad.

Er schnallte sich an und grinste nach vorne in den Rückspiegel: ‚Wir wollen ja nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen!‘

‚Wenn Sie das sagen!‘ meinte sie kurz und fuhr von der Autobahn ab. Am Ende der Ausfahrt, meinte er nur kurz: ‚Rechts bitte!‘

Sie fuhr rechts. ‚So, an der nächsten Tanke bleiben Sie ganz cool, Lady. Ich hab Ihren Franzosen als Geisel.‘

‚Gut, ich habe nicht vor Ärger zu machen. Wir würden gerne unbeschadet aus der Sache raus kommen.‘ sagte sie ruhig und streichelte wieder über ihr Lenkrad.

‚Okay, Lady, wenn das gut klappt, sag ich Ihnen wo es hingeht. Dann können Sie ihr kleines Navi da vorne anschalten.‘ erklärte er.

Vor ihnen kam rechts eine kleine Tankstelle in Sicht. ‚Okay, nehmen Sie das Geld und geben Sie mir ihre Handtasche. Heute mal kein Payback, Lady.‘

‚Soll ich von dem Restgeld ein bisschen Proviant kaufen?‘ Sie griff sich das Geld und steckte es in ihren Ausschnitt und gab ihm die Handtasche. Er musste irgendwie auf ihre Brüste starren.

‚Überraschen Sie mich, Fräulein…!‘ sprach er langsam, während er in der Handtasche nach ihren Papier kramte, fuhr sie in die Tankstelle. ‚Fräulein Müller…Fräulein Fleur Müller!‘ fuhr er lächelnd fort.

‚Er kann ruhig Blume zu mir sagen, wenn er gern möchte.‘ sagte sie so, wie Blume in Bambi und machte den Motor aus.

‚Prima Blume!‘ grinste er und legte die Handtasche auf seine Knarre. Mit einer geschickten Handbewegung machte sie das Navi von der Scheibe und gab es ihm. ‚Überraschen Sie mich, Bambi!‘

Beschwingt stieg sie aus, lief um das Auto herum, während er sie dabei beobachtete, schloss sie die Tanköffnung auf und griff sich zum zweiten Mal an diesem Tag einen Zapfhahn. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal vollgetankt hatte, sie war schon ewig nicht mehr weggefahren. Gedankenverloren schaute sie in das kleine Seitenfenster ihres Wagens und er schaute ihr direkt ins Gesicht. Erst das Klacken des Tankmechanismus lies sie hochschrecken, er lächelte sie freundlich an, während er, auf seine Tasche gelehnt, am Navi herumhantierte.

Sie hob den Zapfhahn zurück und schloss den Tankdeckel. Lächelnd drehte sie sich um und ging zum Zahlen.

Wenig später kam sie mit einer Tüte in der Hand ging zum Auto zurück.

Sie machte lächelnd die Seitentür auf und stellte die Tüte hinter den Fahrersitz. Er blickte sie erschöpft an und konnte direkt in ihren Ausschnitt sehen. Sie sah einen Blutfleck an seiner Seite, der langsam durch seine Jeansjacke drang. Rasch schloss sie die Tür und ging nach vorne. Er hielt ihr das Navi hin, sie befestigte es wieder, lies dann den Wagen an und fuhr los.

‚Hey Bambi, es blutet durch! Hätten Sie mir vorher gesagt, dass Sie verletzt sind, hätte ich noch eine Flasche Wodka gekauft.‘

Es stolperte ein ‚Fuck!‘ über seine Lippen. Dies war der erste Moment, seit seinem Einsteigen, dass er ernsthaft die Fassung verlor. 

‚Okay, versuchen Sie mir nicht weiter meine Sitze voll zu bluten und ich such uns ein lauschiges Plätzchen, dann schau ich mir das mal an!‘

‚Wir fahren über Fernpass zum Reschen, auf dem Weg über die Grenze kann man links oder rechts in Waldwege abbiegen.‘

‚Wollen Sie mir erzählen, was sie angestellt haben?‘

‚Ich bin ‚Buchhalter‘ und hab ein paar ‚Geschäftsleute‘ beschissen.‘

‚Toll, Bambi und jetzt werden wir alle Sterben.‘ rief sie leicht in Panik versetzt.

‚Nein, die denken ich bin schon tot.‘

‚Und wie kommen die da drauf?‘

‚Die haben mein Auto in die Luft gesprengt.‘

‚Hm!‘ irgendwie kam ihr die Geschichte bekannt vor, aber war das nicht ein Haus in der Schlagzeile. ‚Meinen Sie nicht, dass die Ihnen auf die Schliche kommen.‘

‚Das werden wir sehen.‘

‚Und Sie haben Freunde in Südtirol?‘

‚Sie können gut kombinieren!‘

‚Ich schau viel fern!‘

‚Das merke ich schon!‘

‚Und ich dachte, Sie sind ein Bankräuber.‘

‚Bankraub ist mir zu subtil!‘

‚Ach!‘

‚Vermisst Sie den keiner, wenn Sie heute nicht nach Hause kommen.‘

‚Nö, heute beginnt mein Urlaub.‘

‚Dann bleiben Sie doch noch ein paar Tage in Südtirol….!‘ schwafelte er, bis ihm klar wurde, dass er Blödsinn redete. ‚Ich meine, wenn Sie mich dort hingebracht haben, wo ich hin will, sind Sie eh schon…!‘

‚Flirten Sie grad mit mir?‘

‚Hm, ich hatte gerade nichts Besseres zu tun.‘

Sie fuhr rechts auf einen Feldweg und fuhr noch eine Weile, bis sie den Wagen am Wegrand parkte.

‚Woher wissen Sie, dass ich keinen Dreck am Stecken habe!‘

‚Also zu den Geschäftsleuten gehören Sie nicht, die würden niemals einen Franzosen fahren!‘

‚Ich fahre den auch nur, damit ich immer über ihn schimpfen kann!‘ Sie stieg aus und lies aber den Schlüssel stecken und die Tür offen stehen. Mit einem Ruck schob sie den Sitz vor.

‚Und wenn Sie eine gesuchte Männermörderin sind, dann ist das wohl nicht mein Tag heute.‘ keuchte er.

Sie schob die Seitentür auf und lächelte: ‚Dann machen Sie sich mal frei!‘ Und zwinkerte ihm lächelnd zu. ‚Ich glaube, ich habe noch meinen Flachmann unterm Sitz.‘ Sie nahm die Einkaufstasche hoch und legte sie auf den Beifahrersitz, griff dann unter den Sitz und holte einen großen Flachmann hervor. Er nahm die Handtasche von der Waffe und legte sie in die Mittelkonsole. Dann nahm er die Waffe, entlud sie und zog den Lauf zurück, während sie zum Kofferraum ging und etwas Schweres heraus zog. Ächzend kam sie wieder zur Rücksitzbank und stellte einen Sanikoffer in den Fußraum. Er hatte sich inzwischen unter Schmerzen die Jacke ausgezogen und versuchte gerade zitternd die Knöpfe seines Hemdes aufzuknöpfen.

‚Hey Bambi warte, ich helfe….dir.‘ Ihre Stimme brach.

Er blickte sie gequält an: ‚Eigentlich können wir uns schon duzen, oder?‘

Sie kniete sich neben ihn und machte die letzten zwei Knöpfe seines Hemdes auf. Sie zog die Luft zischend zwischen ihren Zähnen hinein und legte langsam die Wunde frei.

‚Welcher Quacksalber hat Das bitte verbrochen?‘ meinte sie kurz und drückte ihn den Flachmann in die Hand.

‚Das war ich!‘ meinte er kurz und drehte mit dem Daumen den Flachmann auf.

Sie holte einige Dinge aus dem Sanikoffer und hatte Gummihandschuhe angezogen. Vorsichtig hatte sie ein steriles Tuch unter seinen Hintern geschoben und seine Hose aufgeknöpft, damit sie auch ein Tuch in seine Hose schieben konnte. ‚Okay, Bambi! Tape ist keine geeignetes Verbandsmittel. Das wird jetzt ganz schön weh tun!‘

Er nickte und setzte den Flachmann an. Nach einen kleinen Schluck zog er die Luft zwischen den Zähnen ein. ‚Der gute alte Old Forester und ich dachte schon, du wärst bei der Russenmafia!‘

‚Nein, ich bin beim Roten Kreuz!‘

‚Von allen Autos der Welt, nehme ich das einer Krankenschwester!‘

‚Rettungsassistentin! Ich werd dir jetzt einen Zugang legen.‘ Während sie das sagte, hatte sie die Nadel schon in seinem Arm und befestigte den Infusionsbeutel an der Kopfstütze. ‚Ich geb dir ein Breitbandantibiotikum und Schmerzmittel.‘

‚Ist es dann Okay, wenn ich den Whiskey weiter trinke!‘

‚Einen Schluck noch und dann ist Schluss.‘ meinte sie kurz und machte sich dann daran, mit Hilfe einer durchsichtigen Flüssigkeit, das Tape zu lösen. Es tat weh und er musste die Zähne zusammen beißen, um nicht zu schreien.

‚Ist das eine Schusswunde?‘

‚Nein!‘ kam es gequält aus seinem geschlossenen Mund. Er klammerte sich mit einer Hand an der Kopfstütze und mit der anderen Hand immer noch an den Flachmann. Das letzte Tape löste sich und er atmete auf. Zitternd versuchte er den Flachmann wieder zuzudrehen. ‚Da war ein Stück von meinem Auto drin gesteckt!‘ meinte er leise.

Sie spülte die Wunde und leuchtete mit einer Lampe in die Wunde. ‚Das steckt noch was drin.‘

Und schon hatte sie mit einer Pinzette ein Stück Metall aus seiner Wunde gezogen. Sie spülte nochmal die Wunde. Er war immer noch mit dem Flachmann beschäftigt. ‚Ich werde das nähen müssen.‘

Er blickte sie nur unsicher an. ‚Sag mir, wo ich dich genau hinbringen soll. Es kann sein, dass du gleich ohnmächtig wirst.‘

‚Du fährst bis zum Reschen, wenn es wieder runter geht, kommt auf halber Höhe auf der linken Seite ein verlassener Gasthof in einer einsamen Straßenschlucht. Wenn du am Stausee bist, ist es zu weit. Ich muss vorher anrufen, sonst gibt’s Probleme, die kennen dein Auto nicht. Du wirst mich wecken müssen.‘

‚Gut, dann legen wir mal los!‘ meinte sie, steckte ihm ein Stück Leder in den Mund und setzte den ersten Stich. ‚Schön drauf beißen, Bambi.‘ Sie versuchte zügig zu arbeiten und versuchte ihn durch blöde Sprüche von den Schmerzen abzulenken. ‚Okay Bambi, solange es weh tut, lebst du noch.‘ Sie streichelte ihm über den Bauch. ‚So, einen Stich noch und dann hast du meine Telefonnummer auf dem Bauch stehen.‘ Beim Stich 7 wurde er endlich ohnmächtig, der Flachmann rutschte ihm aus der Hand und fiel in den Fußraum, zu den Einzelteilen ihres Handys und der Waffe. Sie setzte noch einen achten und einen neunten Stich und verband ihm die Wunde. Seine Kappe rutschte ihm vom Kopf, als sie versuchte, ihn in die stabile Seitenlage zu bringen.

Er hatte eine Platzwunde am Kopf, die auch mit Tape verarztet wurde. Sie zog sich nochmal Gummihandschuhe an und versorgte auch die Kopfwunde. Dabei wurde er nochmal kurz wach.

‚Hey, du hast dich gut gehalten, Bambi.‘

Ein ‚Danke‘ kam kaum hörbar aus seinem Mund.

‚Hast du noch irgendwo Verletzungen?‘

Er tatschte sich an den Kopf.

‚Die hab ich schon gefunden.‘

Er schüttelte kaum merklich den Kopf und schloss die Augen wieder.

Fortsetzung folgt im AlpenRoadMovie 2

 

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