Drei und eine Axt – Teil 7

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 7

Als Kejnen wieder aus der Jurte trat, war der Hof wie ausgewechselt. Es stand eine fürstliche Jurte mitten auf dem Platz und unter einem riesigen Sonnensegel wurde gerade eine riesige Tafel gedeckt. Er konnte seinen Augen kaum trauen, weil er noch nie so viele hübsche Frauen um und so viel Essen auf einer so großen Tafel gesehen hatte. Die Götter werden nicht erfreut sein, wenn sie zwei Tage in Folge feiern würden. Die Frauen schnatterten miteinander, wie eine Schar wilder Gänse. Vira und Halef kümmerten sich um die Pferde und unterhielten sich. Selten, dass sie mit Worten kommunizierten und schön, dass sie es doch hin und wieder taten. Einige Männer kamen über die Furt geritten und lenkten ihre Pferde zum Gatter. Sie stiegen ab und begrüßten Vira. Sie unterhielten sich und kamen mit einigen Dingen in den Händen zu den Jurten gelaufen. Die Männer brachten den Frauen die Sachen und Vira kam zu Kejnen, der immer noch verwundert an der Jurtentür stand.

‚Meister Kejnen, wie geht es dem Khan?‘

‚Ich habe keine Ahnung!‘

‚Kejnen, was ist passiert?‘

‚Sie hat ihn eingerenkt und geheilt und irgendwann stürzte sie bewusstlos zu Boden.‘

‚Ja, das kann passieren, wenn sie es übertreibt.‘

‚Wir haben ihnen Tee gegeben. Sie schlafen jetzt beide!‘

‚Dann lassen wir sie schlafen.‘ flüsterte Vira und geleitete Kejnen zur Tafel. ‚Seine Söhne möchten mit dir sprechen.‘

‚Wieso?‘

‚Das haben sie nicht gesagt!‘ flüsterte sie und führte ihn zum Kopf der Tafel.

‚Ist das nicht ein Wenig überzogen, am Kopf der Tafel zu sitzen.‘ flüsterte Kejnen Vira mehr oder weniger ins Ohr, als sie ihn zu seinem Stuhl führte.

‚Nein, Meister Kejnen. Ihr seid heut unser Ehrengast.‘ sprach eine ältere Frau zu ihnen, die gerade aus der Khansjurte kam. Ihr Haupt war mit teuren Kopfschmuck umhüllt und auch ihre Kleidung verriet ihren hohen Stand.

‚Meister Kejnen, darf ich Euch Orsolya vorstellen. Die erste Frau des Khan und Mutter von Wena.‘

Kejnen verbeugte sich ehrerbietig und stammelte: ‚Ich…bin sprachlos, ehrenwerte Orsolya.‘

‚Hat der Khan Euch zur großen Zusammenkunft eingeladen!‘

Kejnen rappelte sich wieder auf und nickte nur. Er hatte seine Sprache nicht wieder gefunden.

‚Sonst hätte ich es nun getan!‘ Sie machte eine kurze Pause und wand sich dann Vira zu. ‚Ich hoffe es ist dir recht, dass der Khan Halef mitnehmen wollte.‘

‚Solange ihr beide ihn mir nicht hinter meinem Rücken verloben wollt, kann er gerne mit euch reiten.‘ grinste Vira, blickte aber dann Orsolya ernst in die Augen.

‚Es wäre dem Khan sein größter Wunsch, eine seiner Töchter oder auch seiner Enkelinnen mit Halef zu verheiraten, aber ich denke der Junge hat seinen eigenen Kopf.‘

‚Er ist immer noch so rastlos, dass ich es kaum schaffe ihn im Winter an den Hof zu binden, wie wollt ihr ihn da an ein Bett fesseln.‘

‚Schläft er immer noch auf dem Boden?‘

‚Vor der Jurte im Dreck!‘

Meister Kejnen hatte sich mittlerweile von den Damen abgewandt, es drehte sich alles um ihn und er lies sich schwerfällig in seinen Stuhl fallen. Einige Frauen kamen angelaufen, brachten ihm ein Fell für den Rücken und schenkten ihm Wein ein. Kejnen war froh um den Wein und nahm den vollen Becher an die Lippen. Die Söhne des Khan kamen, setzten sich in seiner Nähe an die Tafel und der Älteste von ihnen kam zu ihm, um ihn zu begrüßen.

‚Meister Kejnen, meine Name ist Elger. Sohn des Khan. Wir wollten Euch bitten uns in Euren Kriegskünsten zu unterweisen.‘ sprach er und setzte sich.

Kejnen trank erst mal aus und setzte dann den leeren Becher ab: ‚Ihr wollt mit einem Krüppel kämpfen? Wollt Ihr mich beschämen? Da kann ich ja nur verlieren.‘ rief Kejnen und grinste dann.

‚Nein, Meister Kejnen, beschämen wollen wir Euch nicht, wir bitten demütig um Unterweisung.‘ rief Elger, der seine verzerrte Miene, als Unmut gedeutet hatte.

‚Wir werden sehen, Elger!‘ sprach Kejnen ruhig. ‚Zuerst muss ich mir von euch allen ein Bild machen.‘

‚Kommt Ihr denn mit zur großen Zusammenkunft?‘

‚Wenn ich hier nicht gebraucht werde, reite ich gerne mit euch!‘

Vira kam an seine Seite, atmete tief ein und blickte ihn eindringlich an. Nachdem er nicht reagierte, flüsterte sie ihm ins Ohr: ‚Ich würde mir wünschen, dass Ihr ein Auge auf Halef werfen würdet.‘

Kejnen nickte unmerklich und dann fuhr sie fort: ‚Und wenn ihr ein paar Besorgungen für uns machen könntet!‘

Er blickte sie nun ernst an. ‚Wir schaffen das hier schon ein paar Tage allein!‘ meinte sie leise, blickte ihn aber immer noch undurchdringlich an. Dann begriff er und flüsterte ihr zu: ‚Und ich werde mich nach euren Männern umsehen und ich bringe Halef unverlobt wieder mit zurück.‘

Ihre Mundwinkel zitterten, als sie sich zu einem Lächeln zwang und hauchte ihm ein ‚Danke!‘ ins Ohr. Nachdem ihr die Tränen bereits in den Augen standen, wand sie sich von ihm ab und eilte davon. Verwirrt blickte er ihr nach und drehte sich wieder zu Elger. ‚Anscheinend werde ich hier so gebraucht, dass ich zur Zusammenkunft reisen muss.‘

Elger grinste bis über beide Ohren und hielt ihm die Hand hin: ‚Ich will nicht unhöflich sein, aber wir wollten Euch auch darum bitten, Eure Kontakte spielen zulassen, damit wir meinen Schwager und seine Brüder wieder finden.‘

‚Ihr habt uns belauscht?‘ meinte Kejnen und grinste wieder.

‚Das würde ich mir nie erlauben. Aber ich kenn Vira, wie meine eigene Schwester. Ihre Sorgen tragen schwer auf ihren Schultern.‘

Ein Rudel Kinder kam aus Wena’s Jurte gerannt und strömten zur Tafel. Ganz aufgeregt, schnatterten sie durcheinander. Die kleine Nala kam zu Kejnen und er hob sie auf seinen Schoß. ‚Wir dürfen heute Nacht alle zusammen in der Jurte schlafen.‘ rief sie ganz aufgeregt.

Orsolya kam an die Tafel und sprach: ‚Los Kinder, setzt euch hin zum Essen.‘

Die Kinder folgten aufs Wort. Die komplette Tafel füllte sich mit den Kindern, die Männer standen auf und machten Platz.

‚Mutter, wir lösen die Anderen ab, die haben das Essen nötiger als wir.‘ meinte Elger.

Eine der Frauen kam auf sie zu, sie lies die Männer nicht gehen, bevor nicht jeder etwas zum Essen im Mund hatte. Vira kam wieder an die Tafel und blickte zu Halef hinüber, der immer noch bei den Pferden war. Er stieg mit auf und ritt mit den Männern über die Furt.

Kejnen fütterte Nala, bis Wena ihm auch noch Lina auf den Schoß setzte. ‚Die Tafel ist für die Kleinen einfach zu groß.‘ lachte sie.

‚Für irgendwas muss ich ja heut gut sein.‘ seufzte Kejnen niedergeschlagen.

‚Meister Kejnen, redet keinen Unsinn. Die Kleinen haben sonst Angst vor den Männern.‘ meinte Orsolya.

Kejnen blickte sie ratlos an. Orsolya grinste ihn an und nickte nochmal. Nala lächelte verschmitzt und biss von ihrem Brot ab. Kejnen versuchte zu lächeln, lies es aber dann sein, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften. ‚Nala, erzähl doch deiner Großmutter davon, wie ihr beide die Tür repariert habt.‘ meinte Vira und Kejnen funkelte sie ärgerlich an. Nala nickte nur kauend.

‚Ehrlich?‘ fragte Orsolya.

Nala schluckte und rief aufgeregt: ‚Und mit Alur und Halef hat Kejnen die beiden Stühle gebaut.‘

‚Na seht, Ihr seid doch zu etwas Nütze.‘

Kejnen lächelte Orsolya an. Diese erschrak, stolperte einen Schritt zurück und verlor gänzlich ihre Fassung. Vira eilte an ihre Seite und stützte sie. Nala und Lina allerdings griffen Kejnen ins Gesicht und zogen ihm die Narben glatt. ‚Großmutter, er lächelt doch nur! Sieh!‘

Orsolya schnappte nach Luft und brauchten noch eine Weile, bis sie ihre Stimme wieder fand. ‚Bei allen Göttern, Kejnen. Und vor meinen Söhnen haben die Kinder Angst, ich verstehe die Welt nicht mehr.‘

Kejnen war ein wenig verärgert, aber auch verschämt. ‚Werte Orsolya, es tut mir leid, wenn ich Euch mit meinem Antlitz verschreckt habe, es war mir fast nicht mehr bewusst, wie schrecklich meine Fratze für Euch aussehen muss. Ich habe es vergessen, weil…‘ Seine Stimme brach, doch Vira hätte ihn eh unterbrochen. ‚Weil wir uns bereits an sein Lächeln gewöhnt haben.‘

‚Ihr müsst ein undurchschaubarer Verhandlungspartner sein.‘ flüsterte Orsolya, als sie sich wieder gefangen hatte. ‚Lächelt mich bitte an, wenn ich vor haben sollte mit Euch um Geld spielen zu wollen!‘

‚Das kann ich Euch gerne Versprechen, werte Orsolya!‘

‚Mutter, die Suppe für Vater ist fertig.‘ meinte eine Frau, die genauso aussaht wie Wena. ‚Danke Runa, Ihr entschuldigt mich.‘ sprach die werte Orsolya und stand auf, um ihrer Tochter nochmal zuzuzischen, sie solle noch eine Suppe für die weiße Hexe fertig machen.

Die Kinder mussten ins Bett und Kejnen brachte Lina und Nala in die Jurte. Sie hatten wirklich jeden Stück Boden in der Jurte zu einem Nachtlager verarbeitet.

‚Meister Kejnen, willst du uns nicht eine Geschichte erzählen?‘ fragte Nala und lächelte ihn zuckersüß an. ‚Aber ich kenne nur schreckliche Geschichten!‘ sagte Kejnen und wollte gleich wieder gehen.

‚Da wird doch eine schöne Geschichte dabei sein?‘ fragte Alur, der gerade die Kleinen ins Bett legte. Vier am Kopfende und vier am Fußende. ‚Es ist aber nur eine Kleine. Ich wachte eines Nachts auf, als ich ein Kind schreien hörte. Ich humpelte aus der Jurte und stürzte in genau diese Jurte. Die kleine Nala hatte einen schlimmen Traum und schrie aus Leibeskräften. Ihre Mutter war so erschöpft von ihrer harten Arbeit, dass sie selbst vom Weinen ihrer Tochter nicht aufwachte. Und auch ihre ganzen Geschwister schliefen in aller Seelenruhe weiter. Und ich stand in der Tür und hatte Angst, dass ich den kleinen Schatz mit meinem Gesicht noch mehr erschrecken könnte. Aber sie schrie so laut, also fasste ich mir ein Herz und humpelte zum Bett und hob sie mit samt ihrer kleinen Decke hoch und humpelte wieder zur Tür, um mich genau hier mit ihr hinzusetzen.‘

Kejnen setzte sich hin und die Kinder scharten sich um ihn und blickten gespannt zu ihm auf. ‚Ich hab sie, ohne sie dabei anzusehen wieder in den Schlaf gewogen, bis langsam, ganz langsam die Sonne aufging. Der Fluss glitzerte, als würde er brennen und der Nebel verzog sich, nur im Schatten standen noch vereinzelte Schwaden. Plötzlich stürmte Tante Vira aus ihrer Jurte, sie hatte die Axt hoch erhoben und ihr Gesichtsausdruck sah wild aus. Sie sah so aus, als wollte sie jeden zerhackten, der sich ihr in den Weg stellte. Ich hab mich ganz schön erschrocken, weil ich war ja nur mit meinem Stock und mit Nala bewaffnet.‘ Er machte eine Pause. Und die Kinder waren ganz aufgeregt, wie es nun weitergehen würde. ‚Doch zum Glück erkannte sie mich und ich hab auch nicht den Fehler gemacht sie anzulächeln, weil sonst hätte ich wahrscheinlich ihre Axt zu spüren bekommen.‘ Er grinste in die Runde und die Kinder, die ihn noch nicht kannten, erschraken. ‚Sie blickte in die Sonne und die Sonnenstrahlen ließen ihr feuerrotes Haar erstrahlen. Sie lächelte mich an und ging auf mich zu. Die Axt lies sie an der Jurte da drüben stehen. Da fiel mir aber ein Stein vom Herzen, weil wie hätte ich mich verteidigen sollen, vor dem Zorn einer rothaarigen, bewaffneten Frau, die zu früh geweckt wurde. Zu meiner Verwunderung setzte sie sich hier auf die Schwelle und blickte mit mir in die Sonne, bis sie ganz aufgegangen war.‘

‚Und was habt ihr dann gemacht?‘ fragte eines der Mädchen.

‚Frühstück!‘ rief Kejnen.

‚Ich kann mich gar nicht daran erinnern.‘ sagte Nala.

‚Du, kleiner Schatz bist auch gleich wieder eingeschlafen und deine Tante hat dich wieder ins Bett zu deiner Mutter gesteckt.‘

‚So Kinder, es ist schon spät. Ihr solltet schon längst schlafen.‘ sagte Wena und grinste in die Jurte. ‚Und morgen könnt ihr mir beim Frühstück helfen.‘

‚Dann schlaft wohl, Kinder!‘ meinte Kejnen und stemmte sich hoch. Nala winkte ihm vom Bett aus zu, er winkte auch lieber und versuchte nicht zu lächeln. Als er aus der Jurte kam, standen Vira und Orsolya vor der Jurte. ‚Eine schöne Geschichte, Meister Kejnen. Ich bin gespannt, was Ihr ihnen morgen erzählt, die Kinder werden nie wieder schlafen, wenn Ihr ihnen keine Geschichte mehr erzählt.‘ sagte Orsolya und lachte freundlich.

‚Dann haben wir ein Problem, ich kenn eigentlich nur Schauergeschichten.‘

‚Erzählt uns mehr von der aufgehenden Sonne und vom Morgennebel!‘ meinte Vira, sie schien ernsthaft von seiner Geschichte verzaubert zu sein.

‚Wie geht es dem Khan?‘

‚Er beschwerte sich darüber, dass er Suppe essen musste.‘

‚Dann geht es ihm wieder gut?‘

‚Besser jedenfalls!‘

Fragend blickte er Vira an, doch Orsolya fing seinen Blick auf und drückte ihm eine Schüssel Suppe in die Hand. ‚Davon könnt Ihr Euch selbst überzeugen, Kejnen. Und dann könnt ihr beide den Khan wecken, wir haben alle Hunger.‘

Als Kejnen die andere Jurte betrat, war Ziska bereits wach. Sie blickte ihn fragend an, als er mit der Suppe durch die Tür kam. Er humpelte langsam zu ihr ans Bett und versuchte dabei nichts zu verschütten. ‚Ich hatte Angst um Euch, weiße Hexe.‘ flüsterte er.

‚Ich hab den Allghoi Khorkhoi gesehen, er ist tatsächlich rot.‘ stammelte sie.

‚Der Todeswurm also.‘

‚Ja, der Todeswurm.‘

‚Na, dann kannst du den Kindern morgen ja eine gute Nachtgeschichte erzählen.‘

Sie setzte sich auf und nahm ihm die Schüssel ab. ‚Danke!‘

‚Dank den Frauen da draußen. Ich hab noch nie so viel Essen gesehen, wie sie da draußen aufgehäuft haben.‘

‚Aber ihr habt doch mit Fürsten gespeist, oder?‘

‚Ja, aber immer nur zu Kriegszeiten. In guten Zeiten lag ich meist noch beim Feldscher!‘

‚Dann ist ja gut, dass die Damen Euch gefunden haben.‘ sagte der Khan.

‚Eigentlich hat er uns gefunden!‘ meinte Ziska und steckte sich einen Löffel voll Suppe in den Mund.

Davon könnt ihr mir beim Essen erzählen.‘ lachte der Khan und stand auf. ‚Ihr seid wahrlich eine Hexe, weiße Hexe.‘

‚Aber langsam, mein Khan.‘ mampfte Ziska und schluckte ihr Essen herab. ‚Ihr müsst Euch ein Paar Tage schonen.‘

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