Drei und eine Axt – Teil 9

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 9

Der Sklaventreiber war stehen geblieben und schon sammelten sich ekelhaft geifernde Kaufwillige um das Mädchen. Sie konnte kaum älter als Halef sein. Als ihr einer den letzten Fetzen vom Leib riss, sah Kejnen, dass nicht nur ihre Schenkel blutverschmiert waren, sondern auch ihr Rücken.

Kejnen humpelte in die Menge und packte sich den Sklaventreiber.

‚Das ist aber keine wohl feine Ware mehr, wenn sie schon benutzt ist!‘

‚Damit Ihr keine Scherereien mehr mit ihr habt, habe ich sie schon mal eingeritten.‘ lachte der Sklavenhändler süffisant. Der Geifer lief ihm dabei aus dem Maul. Kejnen musste sich wirklich zurückhalten, ihn nicht auf der Stelle danieder zu strecken.

‚Sie taugt ja kaum zum Arbeiten, so wie Ihr sie zugerichtet habt, da müsst Ihr mir teures Gold geben, damit ich die Heiler bezahlen kann. Nicht dass sie mir weg stirbt, bevor ich mit ihr zu hause ankomme.‘

‚Wollt Ihr sie nun, oder wollt Ihr sie nur schlecht machen?‘ brüllte der Sklavenhändler laut. Er wollte wohl die Aufmerksamkeit der anderen Interessenten auf sich lenken.

Kejnen spielte nur mit den drei Goldbrocken in seiner Hand.

‚Gebt mir die drei Gold und dann verschwindet mit ihr! Bevor ich meine Geduld verliere!‘

Kejnen schlug in den Handel ein und als sich seine Hand wieder von der des Sklaventriebers löste, war er drei Gold ärmer, aber die Kleine war nun in Sicherheit. Das Mädchen hatte sich ängstlich am Boden zusammengekauert und umklammerte die Überreste ihrer Kleidung. Kejnen packte sich den Strick und zog sie aber an ihrer Schulter aus der Menge. Als sie außer Sichtweite waren, wickelte er sie erst in seinen Klappenmantel, zückte dann sein Messer und schnitt ihr die Fesseln und den Knebel durch. Verstört blickte sie ins Leere, es schien so, alles hätte sie keine Kraft mehr zu weinen.

‚Dir wird nichts mehr angetan werden, du bist jetzt in Sicherheit.‘ flüsterte ihr Kejnen zu, es hatte aber den Anschein, dass sie nicht begriff, was er sagte.

Irgendwann blickte sie ihn endlich an. Er hatte das Gefühl, dass sie sich von seinem Anblick erschrocken haben muss, weil ihr jetzt doch die Tränen in den Augen standen. So liebevoll wie möglich, nahm er sie in den Arm und versuchte sie mehr schiebend als tragend in Richtung ihres Zeltes zu befördern.

Dort angekommen hatte Halef bereits Feuer gemacht, Wasser aufgekocht, das Pferd abgeladen und Tee und Essen zubereitet. Wie er das in dieser kurzen Zeit vollbracht hatte, war ihm wahrscheinlich selbst völlig unerklärlich.

‚Kümmere dich um sie, ich berichte dem Khan und ich besorge ihr etwas zum Anziehen und Schuhe.‘ meinte Kejnen, als er Halef die Kleine übergab, dann wand er sich ab und verschwand fluchend wieder.

Vorsichtig bugsierte er das Mädchen ins Zelt und versuchte sie auf seine Felle zu setzen, die seine Bettstatt darstellten. Ihr Blick war leer und sie starrte einfach nur nach draußen zum Feuer. Frische Tränen waren auf ihrem verdreckten Gesicht getrocknet. Behutsam nahm er sie am Kinn, strich ihr die zerzausten Haare aus dem Gesicht und hielt ihr gleichzeitig einen Becher mit Tee hin, den er ihr sogleich an den Mund führte. Sie trank vorsichtig und blickte ihn dabei über den Becherrand hinaus mit ihren unglaublichen Augen an. Tränen standen darin. Er war mit der Situation mehr als überfordert und wusste im ersten Moment nicht so richtig, was er zu ihr sagen oder was er machen sollte. Mit zitternden Fingern nahm sie den Becher von ihren Lippen und hielt ihn Halef mit beiden Händen wackelig hin. Da er leer war goss er neuen Tee hinein und sprach zu seiner eigenen Überraschung mit einer festen aber ruhigen Stimme: ‚Vorsicht heiß!‘ Sie trank ein wenig. Beim Versuch, den Becher abzustellen, hätte sie ihn beinahe verschüttet, wenn er ihn nicht festgehalten hätte. Er stellte den Becher in sicherer Reichweite ab und stand dann auf und rührte im Kessel, der über der Feuerstelle hing. Hastig füllte er eine Schale mit dem, was er auf die Schnelle zusammen gekocht hatte. Dazu reichte er ihr Gewürzbrot. Sie war so kraftlos, dass sie kaum die Schale halten konnte, also fütterte er sie. Nach ein paar Bissen verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. Er überspielte dies mit einem Achselzucken, nahm den Löffel selbst in den Mund und stellte die Schale neben ihnen ab. Er goss das restliche Wasser in eine Schüssel und suchte nach einigen Kräutern und Tinkturen, die Ziska ihnen mitgegeben hatte. Ohne seinen Blick von ihr zu wenden, warf er einige Kräuter ins Feuer und goss ein wenig Öl ins Wasser. Mit Seife, dem Wasser, mehreren Tüchern und Ziska’s Notfallbeutel bewaffnet, kniete er sich zu ihr und begann ganz vorsichtig ihr Gesicht, ihre Hände und Füße zu waschen. Ganz vorsichtig versorgte er ihre Schrammen.

Der Duft der Kräuter, die auf der Glut ihr volles Aroma entfalteten, drangen ins Zelt. Er schickte ein Stoßgebet an alle Götter und dankte dafür, dass seine Tante ihm die Tinktur gegen Wundbrand mitgegeben hatte. ‚Man kann ja nie wissen!‘ hatte sie zu ihm gesagt und dann hatte sie ihm noch Ziska’s Schöne Träume eingepackt, mit den Worten: ‚Doppelt genäht hält besser.‘ Zum Glück war er selber immer der beste Patient seiner Tante gewesen und so hatte er am eigenen Leib gelernt, was jetzt zu tun war.

Er bedeckte sie zuerst mit einer Decke, bevor er sie von dem Mantel befreien wollte. Ohne Gegenwehr lies sie das alles über sich ergehen. Als er den Mantel über den Rücken hinunter zog, stockte ihm der Atem. Sie war ausgepeitscht worden, denn ihr Rücken bestand eigentlich nur aus fleischig roten Striemen. Er rang nicht nur mit seiner Fassung, sondern kämpfte auch mit seinen eigenen Tränen. Mit zitternden Händen zog er ihre Arme unter der Decke hervor und legte den Mantel nur lose um ihre Hüften. Er wickelte die Überreste des Lederstricks von ihren Handgelenken und warf diese ins Feuer, bevor er ihre Arme wusch. Durch die Fesselung war auch die Haut an ihren Gelenken bis aufs Fleisch durch gescheuert. Sorgsam behandelte er diese Wunden zuerst und verband sie, bevor er sich ihrem Rücken widmen würde. Mit einer verkrampften Körperhaltung klammerte sie die Decke mit beiden Armen gegen ihre Brust. Sie erahnte bereits, dass die Behandlung ihres Rücken keineswegs schmerzfrei werden würde. Er zog eine Flasche aus Ziska’s Tasche und schüttete einen Schluck des Inhalts in ihren Becher. ‚Das hier hilft gegen einfach alles, aber es brennt wie Feuer!‘ meinte er und hielt ihn ihr vor die Nase. ‚Verdünnt kann man es fast trinken.‘

Sie nahm den Becher mit beiden Händen und blickte ihn fragend an. Er war aufgestanden und goss sich ebenfalls einen Becher Tee ein und schüttete sich einen Schluck aus der Flasche dazu. ‚Einen großen Schluck von Ziska’s schöne Träume und es sind alle Sorgen nur noch Schäume, sagt meine Tante immer.‘ rezitierte Halef und stürzte sich den Inhalt des Bechers in den Rachen. Bereits beim Schlucken beutelte es seinen ganzen Körper. Als er den Becher abgesetzt hatte, trank das Mädchen noch. Mit einem angewiderten Ausdruck in ihrem Gesicht nahm sie den Becher von ihren Lippen und lies ihn dabei fast fallen. Halef fing ihn auf und lächelte ihr entgegen. ‚Jetzt kennst du schon meine Tante, ihren Kräutertrunk und ihre Lebensweisheit und ich habe mich selbst noch gar nicht vorgestellt.‘ meinte Halef. Der Trunk hatte ihm die Zunge etwas gelockert. Er zog ein Band unter einem Fell hervor und begann ganz vorsichtig ihre langen braunen, völlig zerzausten und verschmutzen Haare vom verklebten Rücken zuziehen und sie zusammen zubinden. ‚Ich bin Halef! Willst du mir deinen Namen verraten?‘

Der Knebel hatte sich in ihren Haaren verfangen gehabt und war nun auf den Mantel gefallen. Er blickte ihr von der Seite aus ins Gesicht, sie blickte ihn aber nur an und sagte nichts. Er hielt ihren Bernsteinaugen nicht stand und senkte den Blick zum Boden, wo er dann den Knebel entdeckte. Fast beiläufig nahm er ihn auf und betrachtete ihn etwas genauer. Das grobe Stück Holz war völlig zerbissen und Blut getränkt. Plötzlich schossen ihm viele grausame Bilder durch seinen Kopf. Er riss die Augen auf, er zog blitzartig die Luft ein und als er die Luft wieder aus seinen Lungen stieß, waren die Bilder weg. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er machte eine hastige Bewegung, sprang auf und wand sich ab. Wütend warf er den Knebel ins Feuer und schaute noch einen Moment in die Flammen, bis ihn ihr Gewimmer aus seinen Gedanken riss.

Genauso hastig wie er aufgesprungen war, stürzte er wieder an ihre Seite. Ihr angstvoller Blick lies ihn in der Bewegung erstarren, dann begriff er, dass er sie gerade ziemlich erschreckt haben musste. Während ihm völlig unbewusst beruhigende Laute über seine Lippen kamen, versuchte er sie behutsam aber umständlich in den Arm zu nehmen, ohne dabei ihre Wunden zu berühren. Mit einer Hand fischte er den Lumpen aus dem Wasser und lies das mittlerweile handwarme Wasser über ihren Rücken laufen. Ein Zucken schoss durch ihren Körper und sie klammerte sich zitternd an seinem Oberkörper. Das Wasser löste den gröbsten Schmutz und floss in den Mantel, auf dem sie immer noch saß. Er schöpfte mit der Hand immer wieder Wasser über ihren Rücken und tupfte mit einem sauberen Tuch die Wunden trocken. Bei jeder Berührung, so sanft sie auch gewesen waren, zuckte sie schmerzerfüllt zusammen und klammerte sich noch fester an seinen Körper. Vorsichtig beträufelte er die Wunden mit der Tinktur. Noch bevor er mit der Prozedur fertig war, sank sie kraftlos auf seinen Schoß und blieb dort erschöpft liegen. Ihr Körper bebte vor Schmerzen und er versuchte sie irgendwie davon abzulenken, in dem er ihr behutsam ihr Haar streichelte.

Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, machte er ihr noch einen Kräuterumschlag, auf den er sie bettete. Dabei versuchte er gleichzeitig den Mantel unter ihrem Hintern herauszuziehen und ihr eine gefaltete Decke unter den Kopf zu schieben. Mit ausgestreckten Armen brachte er den nassen Mantel nach draußen, um ihn dort irgendwo aufzuhängen. Es dämmerte bereits. Er setzte noch einmal Wasser auf und streute wieder Kräuter in die Glut. Der Wind blies erneut den betörenden Duft ins Zelt. Als er wieder das Zelt betrat, war das Mädchen bereits eingeschlafen. Schwer seufzend setzte er sich neben ihren schlafenden Körper und zog die Decke bis auf ihre Hüfte herab und fuhr mit der Waschung fort. Die Worte seiner Tante schossen ihm durch den Kopf: ‚Wer anfängt, muss auch weitermachen!‘

Selbst in dem schummrigen Licht, dass vom spärlichen Feuer herrührte, konnte er erkennen, dass ihr Oberkörper von vielen Blutergüssen und Bissspuren übersät war. Er band die Enden des Rückenumschlags quer über ihre Brust, bevor er sie wieder zudeckte. Seine Hände begannen wieder an zu zittern, als er sich daran machte ihre Oberschenkel und ihren Unterleib zu waschen. Vor Scham hielt er dabei die Augen weitestgehend geschlossen, deswegen bemerkte er auch nicht, dass sie bereits wieder erwacht war. Ihr Gesicht war Tränen überströmt, aber sie blickte ihn mit einem fast unmerklichen Lächeln dankbar an. Mit einer fahrigen Bewegung lies er den blutigen Lappen in die Schüssel fallen. Der Versuch das Lächeln zu erwidert, erstarb auf seinem Gesicht, als er seine eigenen blutigen Hände sah. Hastig nahm er die Schüssel mit dem blutigen Waschwasser und eilte aus dem Zelt. Draußen goss er das Wasser aus und erneute es. Er zog seinen Gürtel und eine seiner Tuniken aus und wusch sich rasch.

Als er mit der Schüssel mit frischen Wasser und seiner Tunika unter dem Arm das Zelt wieder betrat, hatte sie sich aufgesetzt und die Decke immer noch fest klammernd, versuchte sie gerade aufzustehen. Hastig stellte er die Schüssel am Zelteinfang ab und eilte ihr entgegen. Die Decke rutschte ihr aus der Umklammerung, als sie strauchelte. Geschickt hielt er ihren Sturz auf und wickelte sie gleichzeitig wieder in die Decke. Angestrengt blickte sie ihn an. Ihre Beine knickten wieder ein und sie griff sich zwischen die Beine.

Als er begriff, dass sie sich wahrscheinlich nur erleichtern wollte, riss sie sich bereits wieder los. Er stürzte ihr hinterher und konnte ein weiteres Straucheln nur verhindern, weil er sie hoch hob und an der Feuerstelle vorbei trug. Behutsam setzte er sie wieder ab und half ihr dabei die Decke hoch zuraffen. Sie konnte sich kaum in der Hocke halten, so stützte er sie weiter. Zitternd klammerte sie sich an ihm fest. Ihm kamen wieder beruhigende Laute aus der Kehle, während sie sich erleichterte. Sie wimmerte und stöhnte schmerzerfüllt und mit einem erstickten Schrei brach in seinen Armen zusammen, noch bevor sie fertig war. Zitternd bugsierte er sie zum Feuer zurück und wusch sie erneut. Die Decke war wie durch ein Wunder sauber geblieben, bloß der Kräuterumschlag war bei dem Gerangel ein wenig verrutscht. Sicherheitshalber zog er ihr doch lieber seine Tunika an, bevor er sie wieder ins Zelt brachte.

Liebevoll legte er sie auf seine Felle zurück und deckte sie behutsam zu. Ihr Atem war ruhig und gleichmäßig. Am Ende seiner Kräfte und nervlich völlig am Ende sackte er neben ihr auf die Knie. Nach einer Weile lehnte er sich gegen seinen Sattel, den er vorhin auf die neue Jurtenhaut gelegt hatte und deckte sich mit seinem eigenen Klappenmantel zu.

Nach einer Weile kam sie wieder zu sich und bemerkte, dass er neben ihr eingeschlafen war. Sie kroch zu ihm hinüber, legte den Kopf auf seinen Bauch und klammerte sich an seinen Arm. Genau so schlief sie sofort wieder ein.

Drei und eine Axt – Teil 8

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 8

Eine der Frauen des Khan kam herein und half ihm beim Anziehen. Dann verließ er beschwingt die Jurte. Wenig später konnten sie von draußen lautes Rufen hören, Klatschen und Gelächter hören. Der Khan bat alle zu Tisch, während Ziska drinnen ihre Suppe auslöffelte und Kejnen sie dabei beobachtete.

‚Werdet Ihr zur Zusammenkunft reiten?‘ fragte sie mit vollen Mund.

‚Ja, ich werde mit Halef reiten!‘

‚Ich habe Angst vor dem, was Ihr dort findet.‘

‚Wenn ich Eure Männer finde, werde ich nicht wieder kommen.‘ flüsterte er traurig.

Sie lächelte ihn an, packte sich seine freie Hand und küsste sie. ‚Ihr werdet zurück kommen.‘

Warum hab ich immer das Gefühl, dass Ihr vor allen Anderen seht, was das Schicksal noch alles bereit hält.‘

‚Bis auf eindeutige Dinge, verrate ich niemals davon. Weil Träume können auch nur Schäume sein.‘ Sie schluckte schwer. ‚Das Schicksal meint es zu Weilen nicht so gut mit uns und ich möchte niemanden enttäuschen, wenn ich meine Träume falsch gedeutet haben sollte.‘

Sein Magen knurrte so laut, dass sie lachen musste. ‚Ich langweile Euch mit meinen Weissagungen?‘

‚Nein, aber mein Magen weiß, wie viel Essen da draußen auf uns wartet.‘

‚Dann geht schon mal, ich zieh mir was anderes an.‘

Kejnen humpelte aus der Jurte, wurde sofort freudig begrüßt und zu seinem Stuhl begleitet. Mittlerweile waren zwischen den großen Stühlen noch zwei kleinere Stühle aufgebaut worden. Zwischen Vira und dem Khan saß Orsolya und zwischen Kejnen und dem Khan war noch frei. An der Tafelseite von Vira saß Wena und alle anderen Töchter, Frauen und Schwiegertöchter des Khan. An der anderen Tafelseite saßen Halef und Elger und alle Söhne und Schwiegersöhne des Khan. Es wurden Kejnen auch alle Anwesenden vorgestellt. Es war nur völlig hoffnungslos, dass sich Kejnen nur einen weiteren Namen hätte merken können, sein Kopf schwirrte bereits seit er der Heilung des Khan beigewohnt hatte.

Ziska trat vor die Jurte und wurde in seine Richtung geführt. Sie hatte ihr Festgewand an, dass nun endgültig verriet, dass sie einen hohen Stand genoss, als weiße Hexe des Khan. Kejnen konnte sich nicht daran erinnern, dass Ziska auch nur einmal in den letzten Tagen einen langen Rock getragen hatte, ganz zum Gegensatz der beiden anderen Damen hier am Hof. Zum Arbeiten trug sie ausschließlich Hosen und robuste Tuniken und ansonsten hatte sie nur knielange Unterkleider an und darüber allerhöchstens einen kurzen Klappenmantel. Seine Gedanken drifteten zur letzten Nacht ab und erst als sie neben ihm Platz nahm, riss es ihn aus seinen Gedanken.

Der Khan stand auf, erhob seinen Krug und sprach: ‚Ich danke heute meinen Weibern für das vortreffliche Mahl und den Männern, weil sie fast alles hier her schleppten. Und ich danke vor allem der weißen Hexe, dass ich dieses Mahl fast ohne Schmerz erleben darf. Und ich danke dem Allghoi Khorkhoi, dass er mir nur meinen Gaul nahm. Ich danke meinem neuen Freund Kejnen, dass Ihm sein Weg hier her geführt hat. Auf dass ich in Zukunft wieder etwas besser schlafen kann und auf dass es uns im Winter nicht an Geschichten mangeln wird.‘  Er setzte den Krug an seine Lippen und blickte umher. Kejnen blickte ihn, so verstohlen wie es ihm eben möglich war, an und musste dann doch grinsen. Der Khan setzte nochmal ab und sprach weiter: ‚Und auf diesen vortrefflichen Tropfen, meine Damen.‘ Endlich trank er und alle anderen tranken auch. Ziska nahm ihren Krug und blickte zu Kejnen hinüber, der sie aus den Augenwinkeln unsicher ansah. ‚Nun, esst und trinkt, meine Kinder!‘ Und das taten sie auch. Sie feierten einen zweiten Tag in Folge und keiner von ihnen dachte an den Schatten, der über den drei Damen zu schweben schien.

Wie Kejnen ins Bett gekommen war, konnte an seinem Zustand am nächsten Morgen zu urteilen, nur auf allen Vieren gewesen sein. Sein Bein tat unglaublich weh. Er öffnete die Augen und Ziska lag auf ihm und auf seinem Bein. Vor Schmerz fiel er wieder in einen tiefen Schlaf.

An diesem Tag saß Kejnen nur still in seinem Stuhl und beobachtete das Geschehen. Der Khan und seine Sippe blieben noch diesen Tag und am nächsten Morgen würden sie weiterziehen, um frühzeitig bei der Zusammenkunft einzutreffen. Sie ließen die Hälfte der Herden da und ein paar seiner Leute, die sich darum kümmerten, dass für den Winter genug Holz gesucht und Dung getrocknet wurde. Kejnen versprach dem Khan, dass er und Halef in ein Paar Tagen auch aufbrechen würden. Vira bläute ihnen immer und immer wieder die Einkäufe, die sie besorgen sollten, ein. Sie mussten sie wieder und wieder vorsagen, dass sie auch ja nichts vergessen würden. Ziska war die letzten Tage sehr still gewesen, seit sie den Todeswurm im Traum gesehen hatte, war sie wie ausgewechselt. Kejnen nahm von dem Damen kein Geld und auch keine Tauschware an. Er lies auch nicht mit sich darüber reden. Und so ritten sie vier Tage nach dem Khan los. Die beiden Hunde folgten ihnen. In der Mitte der großen Ebene würden sich alle Stämme treffen.

Unweit der Jurten wies er den Jungen an, abzusteigen und unter einer Wurzel etwas für ihn zu holen. Es waren kleine Packtaschen, die schwer waren und beim Schütteln klimperte deren Inhalt.

‚Wie konntet ihr Euch sicher sein, dass es noch da ist!‘ fragte Halef neugierig, als er ihm die Taschen übergab.

‚Wer soll, in einer von den Göttern verlassenen Gegend, danach suchen, wenn nur ich davon weiß.‘ meinte Kejnen und schob sich die Beutel in die Hose.

‚Deshalb sagtet ihr vorhin, dass wir uns um die Bezahlung nicht sorgen sollten!‘ meinte Halef, als er sich wieder auf sein Pferd schwang. Es war ein weiter Weg bis zum Zentrum zur großen Ebene.

Zwei Tage später kamen sie am Rande eines riesigen Zeltlagers an. Sie ritten hindurch und fanden in Mitten unzähliger Jurten, die Fahne des Etem Khan. Es wurde ihnen von Elger ein Lagerplatz zugewiesen, wo sie Kejnens Zelt aufstellen konnten. Kejnen überließ es dem Jungen, sich ums Lager zu kümmern, er wollte sich ein Bild machen und sehen, ob er alte Kameraden traf.

Der Khan lud Kejnen und Halef am Abend zum Festmahl ein. Der Khan ehrte Halef und nahm ihn in die Reihen der Krieger seiner Sippe auf, aber nur weil er so einen guten Lehrer an seiner Seite hat. Und er hoffte, Halef würde bei seiner nächsten Zusammenkunft bei den großen Kämpfen teilnehmen und eine seiner unzähligen Töchter zur Frau nehmen. Halef war sehr gerührt und bedankte sich beim Khan für sein Vertrauen. Es wurde viel getrunken. Die Töchter des Khan schenkten Halef immer mehr nach, als den Anderen. Es war Halef nicht sonderlich recht, dass sie sich alle um ihn zu reißen schienen. Seine Hunde bellten draußen, er entschuldigte sich und verschwand. Er war heil froh endlich aus dem Zelt zu sein. Bei ihrem Lager angekommen, schlief er mit seinem Hunden am Feuer ein.

Im Zelt des Khan sprach der Khan mit Kejnen.

‚Unser Halef hält sich immer nie lange in Zelten auf, der Junge hat eine unruhige Seele. Ich weiß nicht, ob dass gut ist oder schlecht.‘ meinte der Khan fast beiläufig.

‚Da sprecht Ihr wohl wahr, mein Khan. Ich bin noch nicht so ganz zu ihm durchgedrungen. Ich glaube aber, dass er der Last, die er auf seinen Schultern tragen muss, manchmal einfach entfliehen will.‘

‚Sie leiden alle sehr unter der Abwesenheit der drei Männer.‘

Kejnen seufzte schwer und stimmte ihm mit einem Nicken bei.

‚Was macht Ihr, wenn wir die Drei tatsächlich finden?‘ fragte der Khan. ‚Ich habe gesehen, wie Ziska und Vira Euch anblicken und wie Ihr Ziska anblickt. Ich mag ein alter Mann sein, aber die Begierde in den Augen der Weiber kann ich noch sehr gut sehen.‘

Kejnen zog die Schultern hoch und meinte: ‚Ich weiß eigentlich nicht was ich da mache, ich bin auf keinen Fall auf Streit aus, wenn wir sie alle Drei finden, werd ich wohl weiterziehen und den Göttern für die schönen Tage danken, die ich bei den Damen verbringen durfte.‘

‚Bei uns findet Ihr immer ein schönes Plätzchen und meine Töchter sind noch nicht alle verheiratet.‘ meinte der Khan und grinste Kejnen listig an.

‚Euer Angebot ehrt mich. Mal sehen wohin mich die Zeiten und die Götter noch bringen werden!‘

‚Es wäre mir eine Ehre, einen alten Kriegshelden in meiner Mitte begrüßen zu dürfen.‘

‚So oder so, werde ich immer wieder in Eure Mitte zurückkehren.‘

‚Auf Eurer Wort, Kejnen.‘

Kejnen kaufte am nächsten Tag viele mehr Dinge ein, als Vira ihnen aufgetragen hatte, da er sich der Familie erkenntlich zeigen wollte. Und Halef war sein Mitwisser. Als sie gerade eine neue Jurtenhaut erstanden hatten und noch über neue Dachverstrebungen diskutierten, sah Halef ein junges Mädchen, dass von einem Sklaventreiber an einem Lederstrick an ihnen vorbei geschleift wurde. Als sie auf Augenhöhe waren, sah er, dass man sie mit einem Holzstück geknebelt hatte. Ihre spärlichen Kleider waren völlig zerfetzt, ihre Haut war mit Schmutz und Blut beschmiert und sie war Barfuß. Sie stolperte über einen Stein und fiel hin. Halef machte einen Satz und wollte ihr auf helfen. Mit einem Ruck war sie wieder auf den Beinen, da der Sklaventreiber sie unerbittlich weiter zog. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie ihn mit riesigen, bernsteinfarbenen Augen angeblickt, bevor der nächste Ruck sie von ihm fort riss. Das Letzte was er bei jedem ihrer Schritte erkennen konnte war, dass die Innenseiten ihrer Oberschenkel blutüberströmt waren. Halef hatte unbewusst seine Hand bereits an seinem Dolch und machte Anstalten dem Sklaventrieber zu verfolgen. Kejnen legte ruhig die Hand auf seinen Dolch und zischte Halef zu: ‚Ich kümmere mich darum, bring das Packpferd fort, wir treffen uns beim Zelt!‘ Dann griff er in seine Hose und zog einen der Beutel hervor, nahm 3 Goldklumpen heraus und ging gelassen auf seinen Stab gestützt dem Sklaventreiber hinterher. Der Verkäufer hatte die Jurtenhaut bereits auf dem Pferd verschnürt. Halef zog das Packpferd schnell zu ihrem Lagerplatz zurück.

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