Drei und eine Axt – Teil 12

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 12

Als Halef zum großen Tisch kam, war es bereits dunkel geworden und Wena scheuchte gerade die Kinder ins Bett. Während er versuchte zu essen, nickte er mehrmals ein. Ziska saß in eine Decke gehüllt auf Kejnens Stuhl und schlief. Vira kam gerade aus der Jurte, als Halef ein weiteres Mal ein nickte. ‚Halef, ich glaube, da möchte dich jemand sprechen!‘ Halef schnellte von der Bank hoch, wurde aber von seiner Mutter gestoppt, bevor er in die Jurte stürmen konnte. ‚Nicht so stürmisch!‘

Halef atmete durch und ging dann halbwegs besonnen in die Jurte. Drinnen, war alles hell erleuchtet, das Feuer brannte hoch. Der Duft beruhigender Kräuter lag in der Luft. Er blickte auf sein Bett. Lamina lag auf dem Bett. Sie blinzelte und versuchte etwas zu sagen. Nun stürmte er doch an sein Bett, fiel auf die Knie und rutschte ganz nah an die Bettkante heran. ‚Lamina, he! Wie geht’s dir?‘

Sie drehte den Kopf zu ihm und versuchte etwas zu sagen, ihre Stimme brach aber sofort, sie schluckte schwer. Beruhigende Laute kamen aus seinem Mund, als er mit dem Handrücken über ihre Stirn strich. Mit der anderen Hand suchte er nach ihrer Hand unter der Decke und fand sie. Er zog sie hervor und führte sie zu seinem Mund, umfasste sie mit der zweiten Hand und dann küsste er ihre Hand, so behutsam er auch nur konnte. Sie schloss die Augen und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Seine Mutter stand plötzlich neben ihm und hielt ihm einen Becher hin. Er setzte sich auf die Bettkante und flüsterte ihr leise ins Ohr: ‚Lamina!‘ Und hielt ihr dabei den Becher hin. Sie stemmte sich kraftlos hoch, hastig stütze er sie und half ihr beim Trinken. Als sie den letzten Schluck geleert hatte, sank sie erschöpft auf seinen Oberschenkel. Mit einem langen Seufzer lehnte er sich an den Bettpfosten und nickte ein.

Er erwachte erst wieder, als seine Mutter ihm den Becher aus der Hand nahm und ihn ernst anblickte. Sie blickte auf den Boden, wo sie ihm seine Felle ausgebreitet hatte. Ihr ernster Blick verschwand auch nicht, als er sie mitleidig anblickte. Langsam tauschte er seinen Oberschenkel durch ein Kissen aus und stand dabei auf. Sein ganzer Körper zitterte, so dass er sich beinahe freiwillig ans Feuer legte und sich in seine Felle kuschelte. Er schlief bereits tief und fest, als Lamina aus dem Schlafe hoch schreckte und verwirrt umher blickte. Sie kroch zur Bettkante und blickte zum Feuer hinüber. Als sie den schlafenden Halef am Boden erblickte, krabbelte sie aus dem Bett und kroch zu ihm unter seine Felle. Im Halbschlaf nahm er sie in die Arme und fiel sofort wieder in tiefen Schlaf. Beruhigt blieb sie mit dem Kopf auf seiner Brust liegen und schlief alsbald wieder ein.

Er schrak hoch als Ziska in von Oben aus anstarrte. ‚Wollt ihr nicht im Bett schlafen?‘ Sie legte ein paar Scheite nach und ging wieder. Lamina schlief tief und fest, er brachte es aber nicht übers Herz, sie zu wecken. Das musste er auch nicht, sie erwachte nach wenigen Momenten, weil sie sich beobachtet vor kam. ‚Komm, ich bring dich wieder ins Bett.‘ Sie schüttelte den Kopf. ‚Dir tut grad nichts weh?‘ Sie blickte ihn angestrengt an und schüttelte wieder den Kopf, da begriff er.

Er hob sie hoch und stand langsam auf. Als er mit ihr auf dem Arm aus der Jurte kam, schreckten seine Mutter und Ziska auf. Er ging wortlos Richtung Abort. Ziska sprang auf und lief in die Jurte, kam wenig später mit zwei Tiegel und einen frischen Tuch wieder heraus. Sie schnappte sich eine saubere Schüssel und goss heißes Wasser hinein. Als sie am Abort ankam, kam Halef sich an der Hose nestelnd hinter einem Busch hervor und sie hörte Lamina hinter dem Vorhang wimmern und dann konnte man nur noch einen erstickten Schrei hören.

‚Lass uns allein!‘ befahl sie ihm. Er gehorchte und verschwand mit hängenden Schultern außer Sichtweite. Wortlos ging er in die Jurte, packte seine Felle und warf sie aufs Bett. Seine Mutter kam zur Jurtentür, als Ziska nach ihm pfiff.

‚Lass, ich mach schon!‘ rief er und rannte aus der Jurte, am Tisch vorbei hinter zum Abort. Ziska stütze Lamina, die offensichtlich bewusstlos war. ‚Nimm sie mir ab und bring sie ins Bett.‘

Er brachte sie ohne Fragen zu stellen ins Bett und deckte sie zu. Ziska folgte ihm, sie hatte eine Kanne mit Tee in der Hand und einen Becher. ‚Setz sie auf und setz dich bitte hinter sie und halt ihr den Kopf zurück.‘ Er gehorchte abermals, hatte aber keine Ahnung, was sie vorhatte. Ziska stellte Kanne und Becher ab und ging zum Feuer, um einige Kräuter ins Feuer zu werfen. Dann holte sie einige Dinge aus ihrem Korb und kam wieder ans Bett und setzte sich. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ Dann hielt sie ihr ein kleines Gefäß unter die Nase. Lamina schreckte hoch und krümmte sich sogleich zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ meinte Ziska ruhig und hielt ihr den ersten Becher vor die Nase. Lamina schüttelte den Kopf. ‚Es wird nur besser, wenn du mehr trinkst. Komm schon, glaub mir, ich weiß das.‘ Die Eindringlichkeit und der Schmerz in ihrer Stimme brachte Lamina dazu, den Becher auszutrinken. In den zweiten Becher gab sie noch einen Schuss ihres Schnapses dazu. ‚Und das ist gegen die Schmerzen!‘

Halef flüsterte ihr etwas ins Ohr, bevor sie trank: ‚Du weißt ja, verdünnt kann man es fast trinken.‘ Dann half er ihr beim Trinken. Sie leerte brav den Becher. ‚Einen noch und dann lass ich euch schlafen.‘ Nach diesem Becher, rollte sie zitternd von Halef runter und blieb reglos mit angezogenen Beinen liegen. Halef deckte ihren schweißnassen Körper liebevoll zu und schob ihr eines seiner Felle unter den Kopf. Dann stand er auf und kam nach einem Moment wieder ins Bett. Er hielt ein Bündel in der Hand, dass er unter ihrer Decke an ihr vorbeiführte und ihr dann in ihre Hände legte, die sie an ihren Unterleib gepresst hatte. Es war ein heißer Stein, den er in ein Tuch gewickelt hatte. Ihr Körper entspannte sich augenblicklich. Als er seine Hand wieder zurückziehen wollte, hielt sie ihn bestimmt zurück. Ziemlich umständlich kam auch er zum Liegen. Er legte den anderen Arm oberhalb ihres Kopfes ab und sank mit seinem Kopf auf das selbe Fell, auf dem auch Lamina lag. Ihr Körper wurde wieder durch ein Schaudern gebeutelt, unmerklich rückte er näher an sie ran. Nun entspannte auch er sich und kam nun auch zur Ruhe.

Am nächsten Morgen weckte ihn seine Mutter. Lamina schreckte hoch und sah ihm zu, wie er seine Schuhe anzog. Er versuchte sie zu beruhigen: ‚Schlaf weiter, ich muss arbeiten. Tante Ziska kümmert sich um dich. Am Nachmittag bin ich wieder da!‘

Sie mussten sich ums Holz kümmern. Er spannte einen der Gäule an. Der Hund begleitete sie, als sie in den Wald gingen, um umgestürzte Bäume aus dem Unterholz zu ziehen. Wena und Ziska hatten heute Waschtag. Die Kinder machten ihre Arbeiten, die Großen halfen Vira und Halef und brachten die kleinen Holzstücke und Äste zurück zu den Jurten und sammelten dann Beeren. Die Kleinen gingen Wena und Ziska zur Hand. Als Lamina wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Ziska kümmerte sich rührend um sie. Sie brachte Lamina zum Fluss, um sich ihre Verletzungen bei Tageslicht anzusehen. Ziska half ihr beim Waschen und reinigte ihre Wunden. Lamina war sehr still, sie bat nur darum, auch ihre Haare waschen zu dürfen. Als das Gestrüpp auf ihrem Kopf endlich gewaschen und halbwegs gebändigt war, taute sie langsam auf.

Danke!‘ flüsterte sie, während Ziska ihr die feuchten Haare kämmte.

‚Ist schon gut, dazu bin ich doch da!‘ meinte Ziska nur kurz.

‚Meister Kejnen hat 3 Gold für mich bezahlt!‘ stammelte Lamina beunruhigt.

‚Ehrlich!‘ Ziska war sichtlich erstaunt.

‚Ich gehöre jetzt ihm! Meinst du, dass er…!‘ ihre Stimme brach.

Ziska nahm sie sachte am Kinn und drehte ihren Kopf, damit sie ihr besser ins Gesicht blicken konnte. ‚Er wird auf nichts bestehen, was dich beunruhigt.‘

‚Sicher?‘ fragte Lamina ungläubig und wischte sich dabei Tränen aus den Augen.

‚Ganz sicher, da habe ich noch ein Wörtchen mit zureden und ich glaube auch nicht, dass Halef damit einverstanden wäre.‘

Lamina versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht so wirklich, deswegen seufzte sie nur hilflos.

‚Halef ist bis über beide Ohren in dich verliebt!‘ grinste Ziska.

Lamina blickte sie nur ungläubig an und schüttelte den Kopf. Ihr standen wieder Tränen in den Augen.

‚Du brauchst dir darüber auch keine Sorgen machen, er ist wohl erzogen und und…ähm…!‘ Ziska stockte, sie wusste nicht genau, wie sie dass erklären sollte, was sie zu erklären versuchte.

‚Was und…!‘ fragte Lamina.

‚Er hatte eine Vision, als er den Knebel berührte, bevor er ihn ins Feuer warf!‘ Sie stockte wieder, fuhr aber dann fort. ‚Er hat gesehen, was sie mit dir gemacht haben… und ich habe das auch gesehen, als ich dich geheilt habe!‘

Lamina starrte sie nur fassungslos an. ‚Da hatten die alten Damen ja doch recht, dass er von den Göttern gesandt wurde.‘

‚Wir sind ein wenig außergewöhnlicher als üblich, aber soweit würde ich nicht gehen! Von den Göttern gesandt!‘ Ziska schüttelte lachend den Kopf und schloss Lamina dann liebevoll in die Arme.

‚Du hättest ihn sehen müssen, als er mit dir angeritten kam, er war klitschnass, er war im vollen Lauf durch den Fluss geritten und er war so aufgelöst, dass ich erst mal kein Wort aus ihm rausgebracht habe. Ihm liefen die Tränen über das verstaubte Gesicht. Ich hab ihn schon lange nicht mehr so aufgelöst gesehen.‘

‚Er hat doch nicht nur wegen mir geweint?‘

‚Vielleicht nicht nur, aber auch wegen dir!‘ meinte Ziska abschließend. ‚So, nun leg dich ein bisschen hin, damit deine Haare trocknen können. Ich geh dir einen Tee holen und noch was für deinen Rücken!‘

Irgendwann verschwand der Hund von Halef’s Seite und da wusste er, dass Meister Kejnen bald kommen würde. Als Ziska von den Jurten wieder zum Fluss lief, sah sie, wie der Hund an den Jurten vorbei lief und an der schmalsten Stelle über den Fluss sprang und in Richtung Ebene davon flitzte. Lamina war tatsächlich eingeschlafen, Ziska versorgte ihre Wunden, ohne sie aber dabei zu wecken und machte sich dann dran, die gewaschene Wäsche im Fluss auszuspülen.

Drei und eine Axt – Teil 11

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 11

Kejnen stieß Halef mit seinem Stock an, worauf der Junge seine Augen aufriss. ‚Der Tag bricht gleich an!‘ Lamina lag auf seiner Brust. Behutsam bettete er sie um und ließ sie weiter schlafen. Er stand auf, packte seinen Sattel und kam aus der Jurte. Mit den ersten Sonnenstrahlen, brach alles wieder auf ihn ein. Der gestrige Abend war kein böser Traum gewesen, es war die traurige Wahrheit. Sein Onkel Otar lag schnarchend auf dem Boden und sabberte in den Dreck. Einige der alten Damen waren wieder da, sie bereiteten ihnen Frühstück und sie legten dem Jungen wieder Geschenke vor die Füße und küssten seine Hände. Dessen ungeachtet ging Halef hinters Zelt, um sich zu erleichtern. Als er fertig war, stand plötzlich ein Mann hinter Halef und sprach: ‚Ich hab mich gestern Nacht nicht vorgestellt, ich bin Ainur, ein alter Freund von dem Krüppel da drüben.‘

‚Ich hab dich auch gern, Ainur!‘ rief Kejnen laut.

Halef blickte ihn an und die alten Damen waren wieder da und sie wuschen seine Hände. Halef schüttelte nur den Kopf und ging zu seinem Pferd, um es zu satteln. Sie packten alle leichten Sachen auf Halef’s Pferd. Die Damen weckten das Mädchen, versorgten sie und zogen sie an.

Der Khan stand plötzlich mitten im Lager. ‚Es ist tatsächlich Otar.‘ meinte der Khan. Er war sichtlich bestürzt darüber, wie runtergekommen sein Schwiegersohn aussah. ‚Tut mir einen Gefallen und werft ihn in den Fluss, bevor ihr ihn zu meiner Tochter bringt. Er stinkt erbärmlich.‘

‚So was in der Art war mein Plan.‘ meinte Kejnen.

‚Wie habt ihr ihn gefunden? Meine Männer hatten das ganze Zeltlager nach ihm durchkämmt.‘

‚Ainur hat ihn gefunden!‘ meinte Kejnen und wies auf Ainur.

‚Ah, der Schmied. Ainur, mein Dank ist Euer.‘ rief der Khan.

‚Es war mir eine Ehre helfen zu können.‘ meinte Ainur und verbeugte sich kurz.

Halef trat in die Runde, um sich zu verabschieden.

‚Halef, Junge. Gib auf das Mädchen acht, du hast mehr zu tragen, als nur schlechte Nachrichten. Und gib dass meiner Tochter.‘ sprach der Khan und drückte ihm ein dünnes Päckchen in die Hand und dabei steckte der Khan ihm seinen Dolch in den Gürtel. ‚Ich habe gehört, des es bei euch mit scharfen Messern nicht so gut bestellt ist.‘

‚Habt Dank, ehrenwerter Khan.‘ meinte Halef und ging rückwärts zu seinem Pferd, steckte das Paket in seine Satteltasche und stieg auf. Ainur nahm den alten Damen das Mädchen ab und hob es vor ihn in den Sattel. ‚Róka, bleibt bei euch, Kejnen.‘

‚Kann ich nicht den Angsthasen haben? Du weißt doch, deine Hunde mögen mich nicht.‘

‚Nyúl findet den Weg aber nicht ohne mich!‘

‚Gut, Junge. Dann sieh zu, dass du los kommst und bring es ihnen schonend bei.‘

Halef ritt los. Als er außer Reichweite war, meinte der Khan: ‚Wann wird er mich endlich Großvater nennen?‘

‚Wer weiß?‘ meinte Kejnen und zuckte mit den Achseln.

Einer der Söhne des Khan kam und blickte verdrießlich in die Runde.

‚Die Geschäfte rufen, Meister Kejnen. Wir werden uns wieder sehen, so oder so. Ihr seid ein außergewöhnlicher Mann und die Götter scheinen es gut mit Euch zu meinen.‘

‚Wir sehen uns, wenn sich unsere Wege wieder kreuzen!‘

‚Wir sehen uns, wenn ich den kleinen Hügel am Ende der Steppe erblicke und den Rauch rieche.‘ sprach der Khan und fuhr dann fort. ‚Bringt ihn gut heim und passt mir auf meine Mädchen auf, mein Freund!‘

Halef ritt wie der Wind über die Ebene. Lamina saß in eine Decke gewickelt vor ihm im Sattel. Er hielt sie so behutsam, wie möglich, aber doch bestimmt in seinen Armen, während er das Pferd im schnellen Lauf über die unwegsame Ebene hetzte. Völlig verkrampft klammerte sie sich an einen seiner Arme. An ihrem Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass sie sehr große Schmerzen haben musste. Sie hielt sich aber Tapfer im Sattel.

Um die Mittagsstunden bekam sie Fieber, das von Stunde zu Stunde immer stärker wurde. Zu dem beutelte sie heftiger Schüttelfrost, so dass er sie kaum halten konnte, ohne ihr noch mehr Schmerzen zu bereiten. Es half alles nicht, er drückte ihren schweißnassen Körper fest an sich und ritt so schnell, dass selbst sein Hund ihm kaum folgen konnte.

Am späten Nachmittag war sie vom unruhigen Schlaf in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen. Panisch trieb er sein Pferd noch unerbittlicher in Richtung Heimat.

Endlich konnte er am Horizont den kleinen Hügel erkennen und Rauch, der gekräuselt gen Himmel stieg. Er holte die letzten Kräfte aus seinem Pferd und klammerte Lamina noch fester an sich. Sein Hund verlor endgültig den Anschluss und blieb nun weit zurück. Im vollen Lauf ritt er durch die Furt, am Gatter vorbei bis fast vor den Jurteneingang. Er schrie nach seiner Tante, noch bevor er das Pferd stoppen konnte.

Tante Ziska kam aufgeregt aus der Jurte gelaufen und blickte ungläubig auf den triefenden Gaul und ihren Neffen, dem das Spritzwasser vom Fluss ebenfalls von der Reisekleidung ran.

Hastig sprang er mit dem Mädchen im Arm vom Pferd und eilte ihr entgegen.

‚Sie hat Fieber und und…!‘ seine Stimme brach. Ziska blickte ihn verstört an und sah die Tränen in seinen Augen. ‚Bring sie erst mal rein.‘ meinte sie beschwichtigend und schob ihn zur Jurte.

Er stolperte vor Ziska in die große Jurte und sah sein Bett. Ziska hatte ihre Drohung also wahr gemacht, dass sie ihn nun nicht mehr draußen schlafen lassen würde.

‚Leg sie hin und setz dich bitte!‘ sagte sie ruhig, während er vor Aufregung nach Luft schnappte. ‚Und beruhige dich bitte, bevor du mir erzählst was überhaupt los ist.‘

Er atmete tief durch und schluckte schwer.

‚Lamina ist ähm… Meister Kejnen hat sie einem Sklavenhändler abgenommen. Sie haben sie ausgepeitscht und und…‘ Seine Stimme brach wieder. ‚Ver… Ver…!‘ Ziska unterbrach sein Stottern. ‚Ist schon gut! Lass mich allein, ich kümmere mich schon um sie.‘

In dem Moment als er aufstand und zurück taumelte, stand seine Mutter schon in der Jurtentür.

‚Halef, was ist hier los und wo ist Kejnen?‘

Halef stürzte seiner Mutter in die Arme und schluchzte: ‚Er kommt später.‘

‚Was soll das heißen, er kommt später?‘ Nachdem aber außer stottern und schluchzen nichts aus ihrem Sohn herauszubekommen war, lies sie ihn einfach vor der Jurte stehen und fing erst mal sein Pferd ein, dass sich gerade über Ziska’s Kräutergarten hermachen wollte.

Erst als sie versuchte das voll bepackte Pferd von dem Gewicht der vielen Taschen und Beuteln zu befreien, stand er plötzlich neben ihr und packte lautlos mit an.

‚Kejnen hat Otar gefunden!‘ flüsterte er fast beiläufig.

Vira lies fast den Sattel fallen und starrte ihn ungläubig an, dann stotterte sie: ‚Und…und…Ulgur… und dein…dein…Va…!‘

Halef schüttelte nur den Kopf, dabei rannen ihm wieder Tränen die Wangen hinunter. Nun krachte der Sattel auf den Boden und Vira stolperte rücklings zum Gatter. Dort musste sie sich fest klammern, um nicht auf die Knie sinken zu müssen. Halef nahm seinen Sattel auf und versuchte ihn auf die Schulter zu heben, dabei bebten seine Arme so, dass er ihn nicht halten konnte. Völlig geschwächt sank er mit samt dem Sattel zu Boden und begann mit einem entsetzlichen Seufzer zu weinen. Seine Tränen tropften auf den Sattel, doch sein Gesicht war von seinen zerzausten Haaren verdeckt. Nun sank auch Vira zu Boden und stürzte in seine Arme. Beide schluchzten und hielten sich fest. Ihre Körper bebten. Es dämmerte bereits, als sie sich nach einem viel zu langen Moment wieder regten und sich aufrappelten, um die Arbeit zu vollenden, die sie beide so kläglich begonnen hatten. Irgendwann fand Vira ihre Stimme wieder.

‚Und das Mädchen? Was ist mit dem Mädchen?‘

‚Lamina?‘ fragte er.

‚Hast du etwa noch ein zweites Mädchen mitgebracht?‘ nörgelte sie weiter.

‚Nein, natürlich nicht.‘ Er stockte, setzte dann wieder an. ‚Auf dem Markt, hat ein Sklavenhändler sie an einem Strick vorbei geschleift, ich wollte hinterher, aber Kejnen hat mich daran gehindert, ich weiß nicht wie er sie befreit hat…‘

‚Und wer hat sie so zugerichtet?‘

‚Der Sklavenhändler, wahrscheinlich!‘

‚Und jetzt?‘

‚Kann sie bitte bei uns bleiben?‘

‚Du wirst für zwei Arbeiten müssen!‘ meinte sie ernst, dann erzwang sie sich ein Lächeln, als sie seine Miene sah. ‚Natürlich kann sie bei uns bleiben, wir kriegen dass alles schon hin, irgendwie.‘

Der Hund kam vom Fluss herauf geschlichen, blieb mitten im Hof stehen und brach einfach nur zusammen. Halef lies die Luft durch seine Zähne pfeifen, sein Hund reagierte erst nicht. Nach einem langen Moment hob er den Kopf, grunzte und lies seinen Kopf nun wieder sinken.

Wena kam aus der Jurte. Sie gähnte verschlafen: ‚Was ist denn los, ich hab vorhin was gehört. Ich muss wohl eingeknickt sein.‘

‚Wo sind die Kinder grad? Es ist so ruhig.‘ fragte Vira.

‚Die Großen sind Kleinholz und Beeren sammeln und die Kleinen kämmen Wolle.‘

‚Klappt des mit dem Spindeln?‘

‚Mutter!‘ nörgelte Halef und drängte Wena auf einen Stein. ‚Setz dich besser!‘

Er räusperte sich. ‚Ainur, ein alter Kriegskamerad von Kejnen hat Otar gefunden…!‘ Er stockte wieder, setzte dann aber nochmal an: ‚Aber…!‘

Wena unterbrach ihn mit einer stürmischen Umarmung. ‚Wo ist er und was ist mit….‘ Ihre Stimme brach. ‚Ulgur und… und…deinem…!‘

Sie blickte über die Schulter des Jungen Vira ins Gesicht. Doch Vira schüttelte fast unmerklich den Kopf.

‚Wie kann ich mich freuen, wenn ihr alle trauern müsst?‘ heulte Wena los.

‚Halef was ist mit dem Aber!?‘ fragte Vira ungeduldig.

Halef versuchte Wena zu beruhigen und sprach dann langsam und stockend weiter. ‚Wena, er hat beim Versuch Vater und Onkel Ulgur zu retten einen üblen Schlag auf den Kopf bekommen…‘ Er machte wieder eine Pause, um nach den richtigen Worten zu suchen, während ihn Wena nur fragend anblickte. Er würde die richtigen Worte eh nicht finden, also platze es aus ihm heraus. ‚Er ist nicht mehr ganz richtig im Kopf und…und…!‘ Seine Stimme brach erneut. Wena schrie in fast an: ‚Was?‘ Von ihrem Gefühlsausbruch ziemlich irritiert, spie er die nächsten Worte förmlich aus: ‚Er war so verwirrt, dass er die Leichen seiner Brüder verloren hat und… und… und!‘

‚Jetzt lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen!‘ unterbrach ihn Vira.

‚Er ist ein Säufer!‘ schrie er, während ihm Rotz und Wasser aus Mund und Nase ran. ‚Er ist ein verrückter Säufer!‘ Dann sprang er auf und lief zum Fluss hinunter. Wena blieb fassungslos auf dem Stein sitzen.

Vira setzte sich neben sie und sprach ganz ruhig: ‚Wena, du bist der verständnisvollste Mensch den ich kenne, du wirst auch damit zurecht kommen.‘

Wena blickte sie nur an und meinte trocken: ‚Wir sollten den Schnaps und den Wein verstecken, bevor sie kommen!‘

‚Ich red mit Ziska, sie soll ihre Kräfte schonen, vielleicht kann sie ja was tun.‘ meinte Vira im Aufstehen und lief langsam zur Jurte hinüber.

Sie streckte den Kopf bei der Tür herein. Ziska schaute besorgt auf. Viras Blick schweifte über den Körper des Mädchens.

‚Sie ist noch nicht übern Berg, aber das wird schon wieder.‘ flüsterte Ziska.

Vira zog nur eine Augenbraue hoch. Ziska stand schwankend auf und ging zu Vira hinüber. Beide gingen aus der Jurte, Ziska lehnte die Tür nur an und ging weiter.

‚Sie ist auf grausamste Art und Weise vergewaltigt worden und ausgepeitscht und…‘ Sie stockte und blickte Vira besorgt an. ‚Die Wunden werden wieder heilen und alles Körperliche habe ich repariert…!‘ Vira packte sie an der Schulter und drückte sie in eine Umarmung.

‚Manchen Wunden heilen nie!‘ meinte Ziska trocken.

‚Kejnen hat Otar gefunden!‘ meinte Vira ebenso belanglos, wie Halef vorher. Ziska blickte Vira in die Augen und sie sah, dass Vira Tränen in den Augen hatte.

‚Mein Herz hat es schon seit langem gewusst!‘ flüsterte Ziska.

‚Wir wollten es nur nicht wahr haben!‘ flüsterten sie beide.

‚Otar hat einen Schlag auf den Kopf bekommen, Halef sagt er sei verrückt und ein Säufer und er hat die Leichen unserer Männer verloren.‘

Ziska nickte nur: ‚Wo ist Halef? Ich möchte mit ihm über das Mädchen reden!‘

Vira blickte zum Fluss hinunter und ging dann in die Jurte. Das Mädchen lag bewegungslos im Bett, ihr Brustkorb hob und senkte sich ganz leicht auf und ab. Vira griff in eine Kiste, zog ein paar Kleidungstücke heraus und nahm ein Tuch von einer Leine. Als sie wieder aus der Jurte trat, stand Ziska immer noch davor. Sie drückte ihr die Sachen in die Hand und ein Stück Seife.

Halef saß am Ufer, er hatte sich die Schuhe ausgezogen, weiter war er nicht gekommen. Ziska setzte sich neben ihn ins Wasser. Die Wäsche legte sie hinter sich, an einer trockenen Stelle ab. Blitzartig schnellte sein Kopf herum. Seine Tränen waren getrocknet und hatten in seinem staubigen Gesicht seltsame Streifen hinterlassen. Er wischte sich den Rotz mit dem Ärmel aus dem Gesicht und blickte sie fragend an.

‚Das Fieber steigt nicht mehr, das was ich heilen konnte, habe ich geheilt.‘ Er wollte schon aufspringen, doch sie hielt ihn zurück. ‚Sie schläft erst mal eine ganze Zeit lang und deine Mutter ist bei ihr.‘

‚Tante Ziska?‘ Er fiel ihr um den Hals. ‚Danke!‘

Sie löste sich aus der Umarmung und blickte ihn ernst an. ‚Dir liegt sehr viel an der Kleinen?‘ Nach einem langen Zögern nickte er nur. ‚Das wird sie jetzt auch brauchen.‘

Er drehte seinen Kopf wieder zum Fluss und starrte in die Ferne. ‚Sie hatten sie geknebelt, damit sie nicht schreit, ich habe den Knebel gefunden, er hatte sich in ihrem Haar verfangen…‘ Er stockte. ‚Das Holz war zerbissen und blutig… ich habe ihn verbrannt… ich kriege aber die Bilder nicht mehr aus dem Kopf, die ich vor meinem inneren Auge gesehen habe, als ich den Knebel berührte…‘ Sie strich ihm über die schmutzige Wange. ‚Sie wird schon wieder und sie kann froh darüber sein, dass es dich gibt.‘ Sie stand auf und warf ihm die Seife zu. ‚Beeil dich, ich mach dir was zum Essen.‘

Drei und eine Axt – Teil 10

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 10

Er schreckte plötzlich hoch, als seine Hunde anschlugen. ‚Halef, deine Hunde mögen mich einfach nicht.‘ hörte er Meister Kejnen sich von draußen lauthals beschweren. Halef pfiff nur leise und bettet die Kleine dabei wieder auf die Felle zurück und deckte sie sachte zu. Sie wollte im Schlaf seinen Arm kaum loslassen.

Kejnen stand bereits vor dem Zelt als Halef, seinen Klappenmantel überziehend, aus dem Zelt trat.

‚Verzeih die Verspätung, aber die Damen hier und Neuigkeiten haben mich aufgehalten.‘

Eine Schar älterer Damen strömten in gebückter Haltung in ihr Lager. Sie legten ihm viele Dinge vor die Füße und küssten seine Hände. Er hatte Einige davon gestern im Lager des Khan gesehen.

‚Sie wollten dir helfen und dir die Sachen bringen, aber deine Hunde haben sie nicht ins Lager gelassen. Und sie sind steif und fest der Meinung, dass du von den Göttern gesandt wurdest.‘

Halef blickte Meister Kejnen nur ungläubig an und schüttelte den Kopf.

‚Wie geht es dem Mädchen?‘ fragte er und blickte ihn dabei ernst an.

‚Ich habe sie gewaschen und ihre Wunden versorgt und die Damen sollten besser dafür beten, dass sie keinen Wundbrand bekommt… Am Liebsten würde ich morgen schon mir ihr aufbrechen und sie zu Tante Ziska bringen.‘

‚Ja, da hast du wohl recht…es wird das Beste sein.‘

‚Was für Neuigkeiten haben dich aufgehalten?‘

‚Überraschende! Ein alter Kriegskamerad will sich mit mir treffen. Deswegen muss ich gleich noch einmal los.‘

Während die Beiden sich unterhalten hatten, machten sich die Damen an der Kochstelle zu schaffen und setzten frisches Wasser auf. Sie fütterten die Hunde mit dem Kesselinhalt und machten ihnen neues Essen.

Kejnen durfte erst gehen, als er etwas gegessen hatte. Auch Halef flößten sie Tee ein und drückten ihm die verschiedensten Köstlichkeiten in die Hand. Er konnte sich ihrer erst erwehren, als das Mädchen im Zelt wieder zum Wimmern begann. Sich immer noch bedankend verschwand er rücklings im Zelt. Das Mädchen saß aufrecht und völlig verschreckt auf den Fellen und ihr liefen gerade wieder Tränen die Wangen herab, als er sich zu ihr umdrehte. Eine der Damen folgte ihm und brachte ein Tablett voll mit Essen und Tee herein und stellte es ab. Genauso lautlos wie sie ihm gefolgt war und verschwand sie auch wieder. Halef kniete sich zu dem Mädchen und nahm sie in den Arm.

‚Wir haben Besuch vieler netter alter Damen!‘ flüsterte er ihr ins Ohr, während sie sich weinend an ihn klammerte. ‚Sie haben uns zu Essen gebracht!‘ Er hangelte nach dem Tablett, schnappte sich eine der süßen Köstlichkeiten und bot es ihr an. Sie schüttelte nur den Kopf.

Genüsslich biss er selbst davon ab und man konnte es wirklich an seinem Gesicht ansehen, dass er nie etwas Köstlicheres zu sich genommen hatte. Ihm standen fast die Tränen in den Augen, als er ihr die andere Hälfte davon anbot. Sie öffnete ganz leicht den Mund und lies sich füttern. Der unglaubliche Geschmack explodierte schier in ihrem Mund und die Tränen, die nun aus ihren Augen schossen, mussten Freudentränen gewesen sein, weil sie ihn überglücklich dabei anlächelte. Bei diesem Lächeln ging ihm schier das Herz auf, er drückte sie noch fester an sich und küsste ihre Stirn.

Irgendwann schloss sie die Augen und sackte dann ganz langsam wieder in die Felle zurück. Er rückte die Felle zurecht, räumte das übrige Verbandszeug in Ziska’s Beutel zurück und legte ihn in Reichweite der Schlafstätte ab.

‚Man kann ja nie wissen!‘ flüsterte er. Er kramte eine weitere Decke hervor und setzte sich neben das Mädchen.

Die Dame von eben kam wieder ins Zelt, brachte einen Stapel mit Kleidung und legte ihn zu ihren Füßen ab. Oben auf dem Stapel lagen ein Paar gebundene Strümpfe. Er griff unter die Decke und fühlte nach ihren Füßen, die wie er vermutet hatte eiskalt waren. Die Decke beiseite schiebend zog er ihr die Strümpfe an, klappte das Letzte der Felle am Fußende über ihre Beine und deckte sie wieder sorgfältig zu. Er griff sich die zweite Decke und legte auch diese über das Mädchen. Dann ging er zum Zelteingang und streckte den Kopf hinaus, draußen waren noch immer einige Damen, die gleich aufgeregt zu ihm stürmten, um ihm wieder die Hände zu küssen. Sie drückten ihm noch eine Decke in die Hand und ein Öllicht. Er pfiff nach seinen Hunden und wies sie wortlos an, am Feuer Wache zu halten. Ebenso wortlos bedankte er sich bei den Damen und verschwand wieder im Zelt. Die Damen schlossen das Zelt hinter ihm. Er hängte das Öllicht an eine Kette, die von der Mittelstange herab hing, dann setzte er sich zu ihren Füßen und zog endlich seine Schuhe aus.

Währenddessen humpelte Meister Kejnen zum Treffpunkt, an dem er einen seiner alten Kriegskameraden Ainur treffen wollte, den er gleich zu Beginn ihrer Ankunft auf die Männer der drei Damen angesetzt hatte.

Sein Kamerad führte ihn gleich nach ihrem Zusammentreffen in eine Kaschemme. Am Tresen kauerte ein Mann, der ziemlich heruntergekommen und völlig betrunken war. Kejnen humpelte zu ihm hinüber.

‚Bist du Otar, Sohn des Alur?‘ fragte Kejnen ihm gerade auf den Kopf zu.

Der Mann schreckte hoch und starrte ihn fassungslos an.

‚Deine Frau Wena und deine Kinder vermissen dich!‘

Der Mann, der wohl tatsächlich Otar war, brach vor Kejnen auf die Knie und weinte.

‚Deine Schwägerinnen würde gerne wissen, wo ihre Männer sind, deine Brüder!‘

Otar klammerte sich an seinen Füßen fest und schrie: ‚Ich hab sie verloren!‘

‚Wie verloren?‘ rief Kejnen fassungslos.

Ainur stand nun hinter Otar und machte eine kreisende Handbewegung auf Stirnhöhe. ‚Ich sagte doch, er ist nicht nur ein Säufer, sondern auch ganz schön verrückt!‘

‚Das ist mir egal, wir nehmen ihn mit, wenn der Junge ihn erkennt, dann bringen wir ihn morgen heim, die Frauen werden ihn schon wieder hinkriegen.‘

‚Gut, dann lass uns verschwinden!‘ meinte Ainur.

Kejnen warf dem Wirt einen Goldklumpen hin und überließ es seinem Freund, den betrunkenen Otar hochzuziehen und mitzuschleifen.

Halef saß immer noch zu ihren Füßen zusammengesunken und hielt seinen Kopf. Seine Gedanken und Gefühle rauschten völlig wirr durch seinen Kopf. Sie erwachte wieder, öffnete langsam ihre Augen und sah ihn im schummrigen Licht zu ihren Fußen sitzen. Sie versuchte etwas zu flüstern. ‚Ha…h…!‘

Er schreckte hoch und wand sich um. Sie versuchte es nochmal. ‚Halef?‘ Schon war er an ihrer Seite und griff nach ihrer Hand. Sie blickte zu ihrem Becher, der unweit des Tablett stand. Halef goss ihr Tee ein und reichte ihr den Becher. ‚Danke!‘ sagte sie leise. Ihre Stimme war heiser und unsicher, ihm aber machte es so glücklich, dass sie sprach. Er hatte schon die Befürchtung gehabt, sie könnte stumm sein. ‚Ist doch selbstverständlich, kann ich dir noch etwas Gutes tun?‘

Sie zuckte nur mit den Schultern, verzog dann schmerzverzerrt das Gesicht und lies beinahe den Becher fallen. Gelassen griff er nach ihrem Becher und fragte: ‚Soll ich dir was gegen die Schmerzen geben?‘ Sie nickte nur. Er wühlte in dem Beutel nach Ziska’s schönen Träumen und goss ihr einen Schluck davon in den Becher. Sie trank ihn brav aus, während er ihren Kopf etwas hochhielt, damit sie besser trinken konnte. Nachdem sie den Becher wieder absetzte, beutelte es sie und sie kämpfte damit, nicht wieder alles von sich zu geben. Lächelnd lies er ihren Kopf langsam wieder sinken, nahm ihr den Becher ab und rückte mal wieder die Felle zurecht. Als er sich wieder abwenden wollte, hielt sie ihn an seiner Hand fest. Er griff aber nur nach der Decke, die ihm vorhin die Damen gegeben hatten. Schlagartig lies sie seine Hand wieder los und lies ihn sich die Decke über die Schultern werfen. Nach ihren Händen greifend, setzte er sich etwas näher zu ihr hin und blickte sie sanft an. Ihre Augen waren schon fast wieder geschlossen, als sie wieder zum Flüstern ansetzte. ‚La…mi…na…‘

Er lächelte ihr entgegen und sprach ihr nach: ‚Lamina.‘ Auf seine eigene Art hatte er ihren Namen so betont, so dass sie auch lächeln musste. Mit diesem Lächeln auf den Lippen schlief sie wieder ein.

Die Hunde schlugen wieder an, er schnellte hoch und lies ihre Hände los, um im nächsten Moment behände, unter der Zeltplane hindurch, nach draußen zu schlüpfen.

Ihm stockte der Atem, als er drei Gestalten vor dem Zelt erblickte. Eine Gestalt löste sich und trat näher, es war unverkennbar Meister Kejnen.

‚Junge, komm näher und leg ein paar Scheite nach!‘ meinte Kejnen in seinem ihm üblichen Befehlston. Er folgte und bückte sich nach dem Holz und legte es auf die Glut.

‚Wie geht es dem Mädchen?‘

‚Gut, soweit! Wer sind die…!‘ meinte Halef, stockte aber, als einer der Männer, den Anderen losließ und dieser auf die Knie stürzte und ihn gleichzeitig völlig wahnsinnig anstarrte.

‚Halef, Junge. Du bist aber groß geworden!‘ lallte der Mann, der nun in Richtung seiner Füße kroch.

Halef stürzte zu ihm herab und packte ihn an seiner völlig verdreckten Tunika. ‚Du betrinkst dich, anstatt nach Hause zu kommen, Onkel!‘

‚Ich hab den Weg nicht gefunden! Den Weg nicht mehr gefunden‘ jammerte Otar und klammerte sich an Halef’s Bein fest.

‚Wo ist mein Vater?‘ schrie Halef ihn mit einem angewiderten Gesichtsausdruck an. ‚Verdammt, wo sind deine Brüder?‘

‚Ich hab sie verloren! Verloren! Den Weg nicht gefunden!‘ winselte Otar.

Kejnen hielt Halef an der Schulter fest und sprach ganz ruhig: ‚Die Leute erzählen sich, dass er in der letzten Schlacht einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und seit dem hat er sie nicht mehr alle beieinander!‘

‚Ja, und! Er soll mir meine Frage beantworten! Das wird er ja wohl noch können!‘

Kejnen hatte Halef nie so wütend erlebt, deswegen zog er ihn von Otar fort, um ihm ins Gewissen zu reden: ‚Halef, die Leute erzählen sich auch, dass…!‘

Doch er wurde von Otar weinend unterbrochen. ‚Ich wollte ihre Körper heim bringen, aber ich habe sie verloren! Den Weg nicht gefunden!‘ Otar griff wieder nach seinen Füßen, doch der andere Mann hielt ihn zurück und sprach ganz ruhig: ‚Die Kameraden aus seiner Einheit erzählten mir, dass er seine Brüder retten wollte und dabei hat er einen Hieb auf den Kopf bekommen und…!‘

Halef riss sich aber schon von Meister Kejnen los und wand sich ab. Einen Moment später, war er im Zelt verschwunden. Meister Kejnen folgte ihm, so schnell es ihm möglich war.

‚Halef?‘ flüsterte er und griff ihn an der Schulter, als er sich im Zelt wieder aufrichtete. ‚Hast du noch von Ziska’s schöne Träume?‘ Er wand sich nur halb um und nickte dann.

‚Verstecke es so, dass er es nicht findet! Ich möchte morgen früh aufbrechen! Versuch etwas zu schlafen! Wir schlafen draußen.‘

Meister Kejnen packte sich sein Bündel Felle und humpelte wieder nach draußen.

‚Gib mir die Jurtenhaut raus, Junge!‘ meinte Meister Kejnen leise.

Halef tat was ihm befohlen und als er die Jurtenhaut unter seinem Sattel herauszog, blickte ihn Lamina fragend an. Sie sah, dass er Tränen in den Augen hatte, als er sich wieder abwandte. Draußen nahm Kejnen ihm die Jurtenhaut ab und setzte sie auf dem Boden ab.

‚Junge…!‘ sagte Kejnen und packte ihn dann, um ihn in eine Umarmung zu ziehen.

Halef lies es für einen Moment zu, wand sich dann aber aus der Umarmung und sagte kurz: ‚Ist schon gut, Meister Kejnen!‘

Seine Hunde lauschten auf und kamen auf ihn zu gelaufen. Sie hatten in seiner Stimme mehr gehört, als Kejnen verstand. Kejnen griff in seine Hose und drückte ihm die Beutel mit Gold in die Hand. ‚Man kann ja nie wissen!‘ Beide versuchten zu lächeln, es gelang ihnen aber nicht wirklich.

Halef ging zurück ins Zelt, seine Hunde krochen ihm hinterher. Mit einer beiläufigen Handbewegung wies er seinen Hunden den Platz vor seiner Schlafstätte zu, wo die Beiden sich sofort zusammenrollten.

Halef packte seine Schuhe, die immer noch vor seiner Schlafstätte standen, steckte die Beutel hinein und legte sie unter seinen Sattel. Dann griff er nach der Flasche, entkorkte sie, trank einen Schluck, und steckte sie verschlossen zu seinen Schuhen. Noch bevor der Trunk seine Kehle hinunter ran, setzte er sich zu seinem Sattel und legte den Kopf auf seine Knie. Schwer seufzend konnte er die Tränen nun nicht mehr aufhalten. Lamina griff nach seiner Hand und zog ihn zu sich auf die Felle. Er lies es kraftlos zu. Bevor es ihm gewahr wurde, befand er sich bereits mit dem Gesicht auf ihrer Decke. Sie nahm ihn liebevoll in den Arm und zog seinen Kopf auf ihre Brust. Sein ganzer Körper bebte vor Aufgewühltheit, so dass sie ihn kaum beruhigen konnte. Behutsam strich sie ihm durchs Haar und drückte ihn noch fester an sich. Als er sich nach einer Weile wieder halbwegs gefangen hatte, krächzte er: ‚Eigentlich müsste ich dich im Arm halten und dich trösten!‘ Es war ihm ein Wenig peinlich in ihren Armen zu liegen und so liebevoll von ihr umsorgt zu werden. Sie regte sich und flüsterte in sein Haar: ‚Ja, aber mir tut gerade nichts weh!‘ Er seufzte schwer und zog sich den Rotz in der Nase hoch. Sie musste schmunzeln und küsste dann sein Haar. Irgendwann lies sie ihn aber doch los und er drehte sich auf den Rücken. Mit einer Hand nach seiner Decke suchend, nahm er sie in den Arm und deckte sie beide mit der dritten Decke zu, so schliefen sie beide ein.

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