Drei und eine Axt – Teil 12

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 12

Als Halef zum großen Tisch kam, war es bereits dunkel geworden und Wena scheuchte gerade die Kinder ins Bett. Während er versuchte zu essen, nickte er mehrmals ein. Ziska saß in eine Decke gehüllt auf Kejnens Stuhl und schlief. Vira kam gerade aus der Jurte, als Halef ein weiteres Mal ein nickte. ‚Halef, ich glaube, da möchte dich jemand sprechen!‘ Halef schnellte von der Bank hoch, wurde aber von seiner Mutter gestoppt, bevor er in die Jurte stürmen konnte. ‚Nicht so stürmisch!‘

Halef atmete durch und ging dann halbwegs besonnen in die Jurte. Drinnen, war alles hell erleuchtet, das Feuer brannte hoch. Der Duft beruhigender Kräuter lag in der Luft. Er blickte auf sein Bett. Lamina lag auf dem Bett. Sie blinzelte und versuchte etwas zu sagen. Nun stürmte er doch an sein Bett, fiel auf die Knie und rutschte ganz nah an die Bettkante heran. ‚Lamina, he! Wie geht’s dir?‘

Sie drehte den Kopf zu ihm und versuchte etwas zu sagen, ihre Stimme brach aber sofort, sie schluckte schwer. Beruhigende Laute kamen aus seinem Mund, als er mit dem Handrücken über ihre Stirn strich. Mit der anderen Hand suchte er nach ihrer Hand unter der Decke und fand sie. Er zog sie hervor und führte sie zu seinem Mund, umfasste sie mit der zweiten Hand und dann küsste er ihre Hand, so behutsam er auch nur konnte. Sie schloss die Augen und ein flüchtiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. Seine Mutter stand plötzlich neben ihm und hielt ihm einen Becher hin. Er setzte sich auf die Bettkante und flüsterte ihr leise ins Ohr: ‚Lamina!‘ Und hielt ihr dabei den Becher hin. Sie stemmte sich kraftlos hoch, hastig stütze er sie und half ihr beim Trinken. Als sie den letzten Schluck geleert hatte, sank sie erschöpft auf seinen Oberschenkel. Mit einem langen Seufzer lehnte er sich an den Bettpfosten und nickte ein.

Er erwachte erst wieder, als seine Mutter ihm den Becher aus der Hand nahm und ihn ernst anblickte. Sie blickte auf den Boden, wo sie ihm seine Felle ausgebreitet hatte. Ihr ernster Blick verschwand auch nicht, als er sie mitleidig anblickte. Langsam tauschte er seinen Oberschenkel durch ein Kissen aus und stand dabei auf. Sein ganzer Körper zitterte, so dass er sich beinahe freiwillig ans Feuer legte und sich in seine Felle kuschelte. Er schlief bereits tief und fest, als Lamina aus dem Schlafe hoch schreckte und verwirrt umher blickte. Sie kroch zur Bettkante und blickte zum Feuer hinüber. Als sie den schlafenden Halef am Boden erblickte, krabbelte sie aus dem Bett und kroch zu ihm unter seine Felle. Im Halbschlaf nahm er sie in die Arme und fiel sofort wieder in tiefen Schlaf. Beruhigt blieb sie mit dem Kopf auf seiner Brust liegen und schlief alsbald wieder ein.

Er schrak hoch als Ziska in von Oben aus anstarrte. ‚Wollt ihr nicht im Bett schlafen?‘ Sie legte ein paar Scheite nach und ging wieder. Lamina schlief tief und fest, er brachte es aber nicht übers Herz, sie zu wecken. Das musste er auch nicht, sie erwachte nach wenigen Momenten, weil sie sich beobachtet vor kam. ‚Komm, ich bring dich wieder ins Bett.‘ Sie schüttelte den Kopf. ‚Dir tut grad nichts weh?‘ Sie blickte ihn angestrengt an und schüttelte wieder den Kopf, da begriff er.

Er hob sie hoch und stand langsam auf. Als er mit ihr auf dem Arm aus der Jurte kam, schreckten seine Mutter und Ziska auf. Er ging wortlos Richtung Abort. Ziska sprang auf und lief in die Jurte, kam wenig später mit zwei Tiegel und einen frischen Tuch wieder heraus. Sie schnappte sich eine saubere Schüssel und goss heißes Wasser hinein. Als sie am Abort ankam, kam Halef sich an der Hose nestelnd hinter einem Busch hervor und sie hörte Lamina hinter dem Vorhang wimmern und dann konnte man nur noch einen erstickten Schrei hören.

‚Lass uns allein!‘ befahl sie ihm. Er gehorchte und verschwand mit hängenden Schultern außer Sichtweite. Wortlos ging er in die Jurte, packte seine Felle und warf sie aufs Bett. Seine Mutter kam zur Jurtentür, als Ziska nach ihm pfiff.

‚Lass, ich mach schon!‘ rief er und rannte aus der Jurte, am Tisch vorbei hinter zum Abort. Ziska stütze Lamina, die offensichtlich bewusstlos war. ‚Nimm sie mir ab und bring sie ins Bett.‘

Er brachte sie ohne Fragen zu stellen ins Bett und deckte sie zu. Ziska folgte ihm, sie hatte eine Kanne mit Tee in der Hand und einen Becher. ‚Setz sie auf und setz dich bitte hinter sie und halt ihr den Kopf zurück.‘ Er gehorchte abermals, hatte aber keine Ahnung, was sie vorhatte. Ziska stellte Kanne und Becher ab und ging zum Feuer, um einige Kräuter ins Feuer zu werfen. Dann holte sie einige Dinge aus ihrem Korb und kam wieder ans Bett und setzte sich. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ Dann hielt sie ihr ein kleines Gefäß unter die Nase. Lamina schreckte hoch und krümmte sich sogleich zusammen. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Mäuschen, du musst mehr trinken!‘ meinte Ziska ruhig und hielt ihr den ersten Becher vor die Nase. Lamina schüttelte den Kopf. ‚Es wird nur besser, wenn du mehr trinkst. Komm schon, glaub mir, ich weiß das.‘ Die Eindringlichkeit und der Schmerz in ihrer Stimme brachte Lamina dazu, den Becher auszutrinken. In den zweiten Becher gab sie noch einen Schuss ihres Schnapses dazu. ‚Und das ist gegen die Schmerzen!‘

Halef flüsterte ihr etwas ins Ohr, bevor sie trank: ‚Du weißt ja, verdünnt kann man es fast trinken.‘ Dann half er ihr beim Trinken. Sie leerte brav den Becher. ‚Einen noch und dann lass ich euch schlafen.‘ Nach diesem Becher, rollte sie zitternd von Halef runter und blieb reglos mit angezogenen Beinen liegen. Halef deckte ihren schweißnassen Körper liebevoll zu und schob ihr eines seiner Felle unter den Kopf. Dann stand er auf und kam nach einem Moment wieder ins Bett. Er hielt ein Bündel in der Hand, dass er unter ihrer Decke an ihr vorbeiführte und ihr dann in ihre Hände legte, die sie an ihren Unterleib gepresst hatte. Es war ein heißer Stein, den er in ein Tuch gewickelt hatte. Ihr Körper entspannte sich augenblicklich. Als er seine Hand wieder zurückziehen wollte, hielt sie ihn bestimmt zurück. Ziemlich umständlich kam auch er zum Liegen. Er legte den anderen Arm oberhalb ihres Kopfes ab und sank mit seinem Kopf auf das selbe Fell, auf dem auch Lamina lag. Ihr Körper wurde wieder durch ein Schaudern gebeutelt, unmerklich rückte er näher an sie ran. Nun entspannte auch er sich und kam nun auch zur Ruhe.

Am nächsten Morgen weckte ihn seine Mutter. Lamina schreckte hoch und sah ihm zu, wie er seine Schuhe anzog. Er versuchte sie zu beruhigen: ‚Schlaf weiter, ich muss arbeiten. Tante Ziska kümmert sich um dich. Am Nachmittag bin ich wieder da!‘

Sie mussten sich ums Holz kümmern. Er spannte einen der Gäule an. Der Hund begleitete sie, als sie in den Wald gingen, um umgestürzte Bäume aus dem Unterholz zu ziehen. Wena und Ziska hatten heute Waschtag. Die Kinder machten ihre Arbeiten, die Großen halfen Vira und Halef und brachten die kleinen Holzstücke und Äste zurück zu den Jurten und sammelten dann Beeren. Die Kleinen gingen Wena und Ziska zur Hand. Als Lamina wieder erwachte, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Ziska kümmerte sich rührend um sie. Sie brachte Lamina zum Fluss, um sich ihre Verletzungen bei Tageslicht anzusehen. Ziska half ihr beim Waschen und reinigte ihre Wunden. Lamina war sehr still, sie bat nur darum, auch ihre Haare waschen zu dürfen. Als das Gestrüpp auf ihrem Kopf endlich gewaschen und halbwegs gebändigt war, taute sie langsam auf.

Danke!‘ flüsterte sie, während Ziska ihr die feuchten Haare kämmte.

‚Ist schon gut, dazu bin ich doch da!‘ meinte Ziska nur kurz.

‚Meister Kejnen hat 3 Gold für mich bezahlt!‘ stammelte Lamina beunruhigt.

‚Ehrlich!‘ Ziska war sichtlich erstaunt.

‚Ich gehöre jetzt ihm! Meinst du, dass er…!‘ ihre Stimme brach.

Ziska nahm sie sachte am Kinn und drehte ihren Kopf, damit sie ihr besser ins Gesicht blicken konnte. ‚Er wird auf nichts bestehen, was dich beunruhigt.‘

‚Sicher?‘ fragte Lamina ungläubig und wischte sich dabei Tränen aus den Augen.

‚Ganz sicher, da habe ich noch ein Wörtchen mit zureden und ich glaube auch nicht, dass Halef damit einverstanden wäre.‘

Lamina versuchte zu lächeln, es gelang ihr nicht so wirklich, deswegen seufzte sie nur hilflos.

‚Halef ist bis über beide Ohren in dich verliebt!‘ grinste Ziska.

Lamina blickte sie nur ungläubig an und schüttelte den Kopf. Ihr standen wieder Tränen in den Augen.

‚Du brauchst dir darüber auch keine Sorgen machen, er ist wohl erzogen und und…ähm…!‘ Ziska stockte, sie wusste nicht genau, wie sie dass erklären sollte, was sie zu erklären versuchte.

‚Was und…!‘ fragte Lamina.

‚Er hatte eine Vision, als er den Knebel berührte, bevor er ihn ins Feuer warf!‘ Sie stockte wieder, fuhr aber dann fort. ‚Er hat gesehen, was sie mit dir gemacht haben… und ich habe das auch gesehen, als ich dich geheilt habe!‘

Lamina starrte sie nur fassungslos an. ‚Da hatten die alten Damen ja doch recht, dass er von den Göttern gesandt wurde.‘

‚Wir sind ein wenig außergewöhnlicher als üblich, aber soweit würde ich nicht gehen! Von den Göttern gesandt!‘ Ziska schüttelte lachend den Kopf und schloss Lamina dann liebevoll in die Arme.

‚Du hättest ihn sehen müssen, als er mit dir angeritten kam, er war klitschnass, er war im vollen Lauf durch den Fluss geritten und er war so aufgelöst, dass ich erst mal kein Wort aus ihm rausgebracht habe. Ihm liefen die Tränen über das verstaubte Gesicht. Ich hab ihn schon lange nicht mehr so aufgelöst gesehen.‘

‚Er hat doch nicht nur wegen mir geweint?‘

‚Vielleicht nicht nur, aber auch wegen dir!‘ meinte Ziska abschließend. ‚So, nun leg dich ein bisschen hin, damit deine Haare trocknen können. Ich geh dir einen Tee holen und noch was für deinen Rücken!‘

Irgendwann verschwand der Hund von Halef’s Seite und da wusste er, dass Meister Kejnen bald kommen würde. Als Ziska von den Jurten wieder zum Fluss lief, sah sie, wie der Hund an den Jurten vorbei lief und an der schmalsten Stelle über den Fluss sprang und in Richtung Ebene davon flitzte. Lamina war tatsächlich eingeschlafen, Ziska versorgte ihre Wunden, ohne sie aber dabei zu wecken und machte sich dann dran, die gewaschene Wäsche im Fluss auszuspülen.

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