Drei und eine Axt – Teil 14

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 14

Als Halef und Lamina zu den Jurten gingen, kam ihnen seine Mutter entgegen. Sie lächelte ihnen im Vorbeigehen flüchtig zu. Die beiden Männer saßen bereits am Tisch und hatten wohl schon eine Aufgabe bekommen. Sie schnippelten Gemüse klein. Lamina löste sich von Halefs Hand und ging auf Meister Kejnen zu. Er war im Sitzen so groß, wie sie im Stehen. Sie senkte den Kopf und setzte an: ‚Meister Kejnen, wie kann ich Euch nur für eure Großherzigkeit danken?‘

Meister Kejnen blickte etwas irritiert drein, weil er nicht recht verstand, was sie meinte.

‚Ihr habt mich gekauft. Ich gehöre nun Euch!‘

‚Ja, nein. Ähm. Ich umgebe mich nur mit freien Menschen!‘

Nun verstand Lamina nicht und schaute ihn verstört an.

‚Du gehörst nur dir selbst.‘ Sie brauchte noch einen Moment, bis sie seine Worte endgültig begriffen hatte, dann fiel sie ihm einfach in die Arme. Ainur grinste wieder. Die Kinder kamen aus der großen Jurte und wurden von Halef gleich mal eingespannt, den Tisch zu decken. Eines der Mädchen räumte den Verschnitt vom Gemüse in einen Trog und machte sich auf zum Gatter zu gehen. Ainur sprang auf und fragte: ‚Ist das für die Pferde?‘ Das Mädchen nickte.

‚Dann komm ich mit, ich muss nach meinem Gaul sehen!‘ meinte Ainur und hob das Mädchen mit samt dem Trog hoch. ‚Mein Pferd lahmt, weißt du!‘

‚Onkel Ainur, darf ich dein Pferd füttern?‘ fragte das Mädchen.

‚Aber natürlich.‘ flüstere Ainur gerührt und drückte das Kind noch fester an sich.

Am Gatter lies er sie wieder auf den Boden. Soweit er das beurteilen konnte, stand es wirklich schlecht um sein Pferd, aber er hatte noch Hoffnung, solange es auf allen Vieren stand. Er blickte über den Rücken seines Pferdes zu Vira hinüber, wie sie völlig nackt auf einem Stein saß und sich die Haare kämmte und anschließend wieder zusammen band und ins Wasser ging. Er biss sich auf die Lippe und wand dann den Blick ab. Das Kind tappte zwischen den Pferden hin und her und fütterte jedes der Pferde gewissenhaft. ‚Verrätst du mir deinen Namen, kleine Maus.‘

‚Lina und ich bin nicht klein, meine kleine Schwester Nala ist nämlich noch viel kleiner als wie ich!‘

Er tätschelte die Kleine lächelnd am Kopf, wurde dann aber wieder sehr ernst.

‚Kann deine Tante auch Pferde behandeln?‘

‚Meine Tante kann alles!‘

Die Kleine drehte den leeren Trog um, klopfte ihn aus und hob ihn dann wieder hoch. Sie klaubte die letzten Fetzen aus dem Trog und gab sie einem der Pferde. Dann gingen sie wieder zu den Anderen. Der Tisch war bereits gedeckt. Lina allerdings schleifte Ainur zu einem großen Wasserbottich.

‚So und jetzt müssen wir die Hände waschen und den Trog!‘ sie machte eine Pause und warf den Trog in den Bottich. ‚Sonst kriegen wir nichts zu essen!‘

Kejnen brachte gerade einen Teller mit den Köstlichkeiten der alten Damen von der Zusammenkunft zum Tisch und eines der Kinder trug ihm einige Päckchen hinterher. Er brachte die Mädchen immer durcheinander, er konnte sie nur an der Größe erkennen, wenn sie allerdings durcheinander wuselten, dann tat er sich wirklich schwer.

‚So, ich sag dir nun, für wen die Geschenke sind und du legst sie unter den jeweiligen Platz. Und wenn dann alle beisammen sind, dürft ihr sie aufmachen.‘ erklärte er, deutete auf das ein oder andere Päckchen, flüsterte der Kleinen zu und ging wieder in die Jurte.

Wena und Ziska kamen aus der Jurte. Wena warf einen Bündel Stoff ins große Feuer. Ziska war sehr wackelig auf den Beinen und stolperte mit ihrem Korb in der Hand auf die Bank zu, stellte ihn unter der Bank ab und setzte sich neben Kejnen.

Lamina saß ihr gegenüber und lächelte sie an. Halef tischte auf und die beiden großen Mädchen halfen ihm dabei. Es gab von allem reichlich. Doch bevor alle zugreifen konnten, räusperte sich Kejnen, erhob seinen Becher und sprach: ‚Ich wollte den Göttern meinen Dank aussprechen, weil sie mich hier her geführt haben und bete, dass ihr alle bald glücklicheren Zeiten entgegen sehen möget. Die Geschenke sind für die Herzlichkeiten und die Gastfreundschaft, die mir hier widerfahren sind, ich hatte zu Kriegszeiten nicht zu hoffen gewagt, dass ich in meinem Leben noch einmal zur Ruhe kommen würde.‘ Er trank seine Becher aus und fuhr fort. ‚Kinder packt aus, bevor ihr noch verhungert.‘

Die Kinder packten freudig die Geschenke aus und bedankten sich herzlich bei Kejnen. Er erklärte die Geschenke, während alle aßen. Die beiden Kleinen hatten je eine kleine Spindel bekommen, damit sie sich vielleicht leichter damit taten dünne Fäden zu spinnen. Der Junge bekam ein kleines Messer, damit er seiner Mutter nicht immer die großen Küchenmesser verzog, um zu schnitzen. Die beiden großen Mädchen hatten jeweils eine eigene Bürste bekommen, damit sie sich nicht immer um den Kamm ihrer Mutter stritten. Nach dem Essen räusperte sich Wena und auch sie erhob den Becher.

‚Meister Kejnen, wie kann ich mich nur für die lieben Geschenke bei Euch bedanken? Und das größte Geschenk, dass das im Zelt liegt und stinkt und schnarcht. Auch wenn er mich vorhin nicht erkannt hat, als er die Augen aufschlug! Danke!‘ Sie schluckte schwer, Tränen rannen ihr über die Wangen. ‚Wenigstens habe ich sie nun wieder alle beisammen, und ich traue mich kaum mich zu freuen, da die Trauer in unseren Herzen so groß ist, über den schmerzlichen Verlust, den diese Familie erleiden musste…‘ Sie brach nun ab und weinte bitterlich. Ziska nahm sie in den Arm und versuchte sie zu trösten. Alle waren auf einen Schlag sehr still geworden. Erst als Wena sich wieder beruhigt hatte, fingen sie wieder an sich leise zu unterhalten. Lamina erklärte den beiden Kleinen, wie man dünne Fäden spann. Und wie durch ein Wunder klappte es endlich.

‚Ziska, darf ich Euch kurz belästigen?‘ flüsterte Ainur zu ihr.

Ziska blickte ernst auf, lächelte kurz und schon erhellte sich ihr Ausdruck wieder.

‚Mein Pferd lahmte schon, bevor wir los geritten sind, habt ihr irgendwas…?‘

‚Was hab ihr Männer nur mit euren Pferden?‘ fragte sie fast beiläufig.

‚Dieses Pferd begleitet mich schon genauso lange, wie ich Kejnen! Und ein humpelnder Freund ist wahrlich genug!‘ lachte er. Kejnen setzte lachend ein und sein Gesicht verzog sich zu seiner üblichen Fratze.

Sie griff unter die Bank und wühlte in ihrem Korb, holte einen Tiegel nach dem anderen herauf, bis sie den Richtigen gefunden hatte. ‚Verschmier das großzügig. Ich schau’s mir morgen an!‘ Sie schob den Tiegel zu Ainur hinüber und räumte die anderen Gefäße wieder in den Korb zurück.

‚Ziska, ist das nicht das Zeug, was du immer nachts heimlich auf mein Bein schmierst!‘

‚Was für Pferde gut ist, kann für Menschen doch nicht schlecht sein?‘ meinte sie und blickte Kejnen ernst an. Dann schmunzelte sie und alle lachten. ‚Solange du mich nicht heimlich mit eingedickter Kuhpisse beschmierst, ist es mir wahrlich egal.‘ meinte Kejnen ernst. Halef verzog das Gesicht. Ainur lachte wieder und meinte dann: ‚Wir hatten mal einen Feldscher, der hatte alles mit eingedickter Kuhpisse behandelt!‘

‚Kein Wunder, dass ich Kejnens Bein nicht wieder gerichtet bekomme, eingedickte Kuhpisse nehmen wir zum Vertreiben gefräßiger Waldbewohner.‘ Sie schaute wieder ernst und lächelte dann. ‚Scherz beiseite, wenn alle Stricke reißen, verwende selbst ich eingedickte Kuhpisse. Ich kann es holen, wenn ihr wollt.‘

Kejnen, Ainur und Halef riefen gleichzeitig: ‚NEIN!‘ Es dauerte eine ganze Weile bis das darauffolgende Gelächter verstummte.

Kejnen schnappte sich den Teller mit den Köstlichkeiten und verteilte sie. Lamina lies sich von Halef füttern, ihr standen die Tränen in den Augen, als sie den Geschmack erkannte.

Es war bereits dunkel geworden. Die Kinder räumten den Tisch ab und wuschen die Teller und Becher ab. Lamina half ihnen beim Trocknen. Halef brachte die Kochstelle in Ordnung. Ziska schlief am Tisch ein und sank auf Kejnens gesundes Bein. Er streichelte ihr Haar und unterhielt sich mit Ainur über alte Zeiten. Wena schickte die Kinder ins Bett. Ging aber dann doch mit und hielt sie an leise zu sein.

Vira war den ganzen Abend über sehr ruhig gewesen, sie versuchte nur hin und wieder zu lächeln, was ihr nur in den seltensten Fällen gelang.

Als sie alle wieder am Tisch saßen, räusperte sich Kejnen wieder und hob seinen Becher.

Wenn nun jeder von euch mal unter seinen Platz sieht, was ich dort versteckt habe.‘

Ainur lächelte ihn an und meinte: ‚Das wäre doch nicht nötig gewesen!‘

‚Ainur, du nicht!‘

Halef zog einen Reiterbogen unter seinem Sitzplatz hervor. ‚Kejnen, Ihr seid verrückt, der muss einen Vermögen gekostet haben!‘

‚Er war nur halb so teuer, wie die junge Dame, die neben dir sitzt.‘ Er griff nach ihrer Hand und fuhr fort. ‚Und das seid ihr beide wert und noch viel mehr!‘

Lamina lächelte ihn an und hatte Tränen in den Augen. Er griff ihr an die Wange und flüsterte in ihr Ohr. ‚Schau mal unter die Bank!‘

Wena und Vira beobachtete das Geschehen sehr skeptisch. ‚Jetzt los, traut euch!‘

Wena zog ein neues Messer, in einer wunderschönen Lederscheide unter der Bank hervor.

‚Deine ganzen Messer sind in Kriegszeiten mal Kurzschwerter gewesen, deswegen etwas Handlicheres zum Schneiden!‘

‚Das haben wir doch gar nicht verdient!‘ meinte Wena.

‚Doch das habt ihr!‘

Lamina packte gerade einen Klappenmantel aus und fiel ihm vor Freude um den Hals. Dann sprang sie auf und Halef half ihr in den Mantel. Halef verschwand kurz in der Jurte.

‚Da fehlt aber noch ein Gürtel!‘ meinte Ainur. ‚Ich glaub, ich hab noch ein paar Lederriemen, dann können wir morgen einen schönen Gürtel machen!‘

‚Ihr kennt Euch mit Leder aus?‘ fragte Vira.

‚Ja und mit Eisen und mit Holz und so!‘ stotterte Ainur.

‚Wo wir gerade bei Eisen sind, Vira. Wenn du dein Geschenk mal hervor holen würdest, dann kann ich euch endlich erzählen, wie wir beide uns wieder gefunden haben.‘

Vira griff wortlos unter Ihren Stuhl und tastete am Boden, bis sie ein Stück Holz ergriff. Es war schwer. Wenig später hielt sie eine handliche, kleine Axt in ihren Händen.

‚Ja, schade um deine schöne Streitaxt!‘ meinte Ainur sehnsuchtsvoll.

Vira war den Tränen nahe, fing sich aber gleich wieder, weil Ainur aufstand und zu ihr ans andere Ende des Tisches kam. ‚Also, Kejnen kam an die Schmiede, bei der ich gerade gearbeitet hatte. Er wollte seine schöne Streitaxt umbauen lassen.‘

‚Ja und ich hab diesen Bastard erst gar nicht erkannt, er war von oben bis unten mit Ruß beschmiert.‘

‚Ich weigerte mich das gute Stück umzubauen, ich bot ihm einen Tausch an.‘

‚An seiner Axt erkannte ich ihn dann!‘

‚Ich hab dann doch eine neue Axt für dich gefertigt! Und ich besitze jetzt zwei schöne Streitäxte.‘ Er nahm ihr kurz die Axt ab und balancierte sie auf seinem riesigen Finger. ‚Also, die liegt unglaublich gut in der Hand!‘ Er warf sie kurz hoch und fing sie gleich wieder auf. ‚Für das sie so klein ist, meine ich!‘

Er drückte sie ihr wieder in die Hand, sie stand auf, ging um ihren Stuhl herum und er fuhr dann fort. ‚Sie lässt sich auch sehr gut werfen! Wenn du mal daneben wirst, ich habe sie so oft gefaltet, sie wird nie stumpf werden!‘ Sie drehte sich zum Holzstoß, holte aus und warf. Die Axt trat einen der aufgestapelten Scheite. Der getroffene Scheit wurde durch die Wucht des Wurfes sofort entzweit. Die Axt bleib zitternd in einem dahinter liegenden Scheit stecken.

Ainur piff die Luft durch die Zähne, er war von dem kraftvollen Wurf und dem zielgenauen Treffer dieser Frau einfach nur erstaunt und begeistert zugleich. Vira stand auf und ging zum Holzstoß. Lässig zog sie die Axt aus dem Holz und schob sie dann in ihrem Gürtel. Als sie zum Tisch zurückkam, tätschelte sie die Axt und drückte Kejnen einen Kuss auf die Stirn. ‚Danke!‘ Sie hatte wieder Tränen in den Augen, also wand sie sich hastig in Richtung Fluss. Als sie die Wäsche im Wind flattern sah, sprach sie ebenso hastig. ‚Oh, verdammt, wir haben die Wäsche vergessen.‘ Sie schnappte sich einen Korb und lief zum Fluss hinunter.

Ziska wurde wach und hob den Kopf. ‚Los, junge Dame, es ist schon spät, ich bring dich ins Bett, da liegt noch eine Überraschung für dich!‘ Sie lächelte nur und lies sich dann von ihm aufhelfen.

Während Kejnen Ziska ins Bett brachte, stand Halef plötzlich in der Tür der Jurte. Er hatte das kleine Paket in Händen, dass er vom Khan bekommen hatte. Er ging auf Wena zu und drückte es ihr in die Hand. ‚Großvater hat es mir mitgegeben!‘

Wena blickte ihn ungläubig an und öffnete das Paket. Es war erst in Pergament und dann zehn mal in roter Seide eingewickelt. In dem Paket befanden sich viele Spulen mit dünnen Fäden, Nähnadeln in verschiedenen Größen und ein Kamm, der wohl aus Elfenbein geschnitzt war. ‚Der Khan hat den Verstand verloren!‘ stammelte sie. Mit zitternden Fingern legte sie das Bündel auf den Tisch und zog den Seidenstoff heraus. ‚Schaut euch das an. Und der Kamm erst. Ist das Elfenbein? Er muss auf den Kopf gefallen sein.‘ Sie hatte wieder Tränen in den Augen, hastig hob sie ihre Geschenke auf und ging in die Jurte.

Lamina nahm sich ein frisches Tuch und die Tinkturen, die ihr Ziska gegeben hatte und Halef begleitete sie zum Abort. Ainur ging zu seiner Stute, um ihr den Lauf einzuschmieren. Vira kam mit der Wäsche zurück und brachte sie in die Jurte und hängte die restlichen nassen Sachen auf. Dann machte sie sich daran den Tisch aufzuräumen und ihn abzuwischen. Mit Sorgenfalten im Gesicht kam Ainur zurück zum Tisch. Vira hatte sich über den Tisch gebeugt und blickte ihm entgegen, während sie putzte. Sie gewährte ihm unabsichtlicher Weise tiefe Einblicke. Sie sah richtig geschafft aus.

‚Kann ich Euch irgendwas Gutes tun?‘ fragte er.

‚Das wollte ich Euch gerade fragen!‘ konterte sie.

Er seufzte und stellte den Tiegel mit der Pferdesalbe auf den Tisch.

‚Das wird schon alles wieder werden!‘ meinte Vira aufmunternd, hatte dabei aber Tränen in den Augen. Er griff nach dem Lumpen und blickte sie an. ‚Lasst mich weitermachen und setzt Euch!‘ Sie ließ es zu, wand sich aber ab, um eine Flasche aus einem Korb zu holen. ‚Trinkt Ihr noch einen mit mir?‘

‚Aber natürlich!‘

Sie goß den Inhalt in zwei frische Becher. ‚Auf das Ende von Ihr und Euch und auf du und du!‘ sagte sie feierlich. Sie stießen an und tranken. Halef kam mit Lamina auf dem Arm vorbeigelaufen. Ziska blickte ihn an, er blickte zurück und schüttelte unmerklich den Kopf. Sie nickte und schnappte sich ein trockenes Tuch und holte einen heißen Stein aus dem Feuer und trug ihn in die Jurte.

Nach einiger Zeit kam sie wieder aus der Jurte und blickte Ainur an, entschuldigend und um einen kleinen Moment Geduld bittend. Sie holte eine Kanne Tee und einen Becher und ging wieder in die Jurte.

Als sie wieder herauskam, schaute sie sich irritiert um. ‚Wo habt Ihr…äh… du deine Felle hin… ihr hab noch gar kein Nachtlager!‘

‚Ich kann am Feuer schlafen.‘

Sie hob nur eine ihrer Augenbrauen und er blickte zur Jurte hinüber. Sie verstand es sich wirklich wortlos zu reden. Er würde wohl nicht am Feuer schlafen. Sie blickte zurück und da lag sein Bündel. Sie war vorhin einfach daran vorbei gelaufen. Bevor sie wieder weglaufen konnte, drückte er ihr ihren Becher wieder in die Hand, er hatte bereits nach geschenkt. ‚Auf Du!‘

‚Und Du!‘ erwiderte sie.

Sie blickte ihm in die Augen und Tränen liefen ihr die Wangen herab. Er sprang vom Tisch auf und nahm sie ungefragte in die starken Arme. ‚Es ist keine Schande im richtigen Moment Schwäche zu zeigen. Ich hab heute fast geweint, als mich eines der Mädchen Onkel Ainur nannte.‘ Sie blickte ihm durch den Tränenschleier an und musste lächeln. Ihr nächster Blick sagte nur Betten bauen.

Als sie in die Jurte gingen, stand Halef gerade auf und blickte seiner Mutter entgegen. Er würde noch die Feuer löschen. Lamina schlief bereits. Kejnen und Ziska auch. Ainur brachte sie ins Bett und duldete keine Widerrede. Sein Bett baute er sich selbst und als Halef wieder kam, lag er bereits auf dem Boden vor Viras Bett und versuchte zu schlafen. Es gelang ihm nicht recht, Vira hatte ihm ganz schön den Kopf verdreht und es war äußerst makaber. Sie hatte bestenfalls gestern erfahren, dass ihr Mann schon lange tot war. Und sie wird ihn nicht begraben können und er hatte nichts besseres zu tun, als ihr schöne Augen zu machen und ihr hinterher zu spannen.

Vira schreckte mitten in der Nacht hoch, sie hatte wirres Zeug geträumt. Ainur wälzte sich am Boden im Schlaf hin und her. Sie bleib weinend an der Bettkante sitzen und zögerte ziemlich lange, bis sie völlig durchgefroren zu ihm runter auf den Boden glitt und unter seine Decken kroch. Er wand sich zu ihr und machte ein Auge auf, lächelte schwach und nahm sie in den Arm. Ihr ganzer Körper zitterte. ‚Hast du da oben keine Decken?‘ Sie schluchzte nur in sein Brusthaar. Sein männlicher Duft ließ ihr fast die Sinne schwinden. Er hielt sie einfach nur fest. Völlig unbewusst kamen ihm beruhigende Laute aus seiner Kehle. Sorgsam deckte er sie zu und traute sich kaum sie zu berühren. Er hatte einfach kein Recht eine trauernde Witwe zu berühren. Sie aber klammerte sich mit ihrem ganzen Körper an den Seinen, was die Sache für ihn nicht einfacher machte, sie nicht berühren zu wollen. Ihr sinnlicher Duft betörte ihn und ihr zitternder Körper rieb sich an dem Seinen. Er konnte kaum an sich halten, aber er musste. Er musste sich irgendwie ablenken. Im Kopf ging er seine Kampfübungen durch, bis er irgendwann einschlief.

%d Bloggern gefällt das: