Alpenroadmovie 6

Alpenroadmovie 6

Mittwoch, 15.08.2012, 12.00 Uhr

Bozen

Nachdenklich lehnte er sich zurück und beobachtete Blume dabei, wie sie ihren Wagen durch Bozen kurvte. Das Navi war wieder an. Sie waren einkaufen gewesen und waren beide neu eingekleidet. Nun hatte sie einen Rucksack für ihre Sachen und den Proviant, eine neue Prepaidkarte für ihr Handy und er hatte einen Onlinestick für seinen Laptop. Auf Drängen von ihr hing er wieder am Tropf und im Fußraum lag eine Tüte mit Red Bull Dosen. Sie hatte die Nachricht recht kühl aufgenommen, dass sie ihren Wagen in Livorno loswerden müssten. Er hatte vorhin mit Freunden telefoniert, die ihm einen anderen Wagen angeboten hatten und dafür ihren Wagen klauen würden. Sie war eh ziemlich cool bis jetzt, dann kriegen sie das mit dem Auto auch noch über die Bühne. Sie würden nach Livorno fahren, zu Pepe in die Werkstatt, da konnte sie dann ihre Sachen von ihrem Wagen in den Anderen legen. Dann würden sie mit beiden Autos zum Fährhafen fahren und ihren Wagen stehenlassen. Auf dem Parkplatz würde Pepe dann ihren Wagen klauen. In Gedanken dämmerte er weg und wachte in der nächsten Kurve wieder auf. Sie waren schon wieder auf der Landstraße.

Er konnte den Blick gar nicht von ihr wenden. Langsam musste er sich eingestehen, dass er sie noch gar nicht so richtig angeschaut hatte. Gestern war nur damit beschäftigt so schnell wie möglich fort zu kommen und dabei nicht zu verrecken. Außerdem hatte er sie gestern meistens von hinten oder von unten betrachtet. Von der Seite war es viel besser. Er verknallte sich gerade in jede ihrer Sommersprossen. Wenn sie lächelnd zu ihm rüberblickte, konnte er ganz kleine Fältchen sehen und die Sonne, die sich in ihren Wimpern spiegelte. Verknallt hatte es sich bereits gestern in das taffe und gnadenlos ehrliche Mädel mit den coolen Sprüchen und in die liebevolle Krankenschwester. Seine Gedanken schwiffen wieder ab und er konnte die Erregung spüren. Hastig drückte er gegen seine Wunde und schon war er wieder da.

‚Alles in Ordnung?‘ fragte sie und blickte lächelnd auf die Straße.

‚Ja, ich träum schon von dir, obwohl ich die Augen noch offen habe!‘

Sie griff wieder nach seinem Oberschenkel und lächelte ihn liebevoll an. ‚Schlaf ein bisschen. Ich drück ein bisschen auf die Tube, damit wir rechtzeitig bei diesem…!‘ Sie brach ab und wurde gleich von ihm unterbrochen.

‚…Pepe sind!‘

‚Ja, Pepe.‘

Wenig später schlief er tatsächlich ein und träumte von ihr. Er wurde erst wieder wach, als sie ihm über die Wange strich. Verlegen wischte er sich über die den Mund und blickte sie verwirrt an.

‚Wo sind wir?‘

‚Kurz vor Parma!‘

‚Kann ich deinen Ausweis mal kurz haben?‘

‚Ja, wieso!‘

‚Pepe hat grad gefälschte Reisepässe im Angebot!‘

‚Okay!‘ flüsterte sie und schluckte schwer. Er schob den Sitz zurück und kramte in seiner Tasche. Wenig später hatte er seinen Laptop aus der Tasche gezogen. Sie gab ihm ihren Ausweis. Er zog ein kleines Gerät hervor, dass so aussah, als wäre es nur dafür gemacht worden, um Ausweise einzuscannen. Nachdem er einige Emails verschickt hatte, klappte er den Laptop halb zu und zog sein Handy aus der Tasche.

Er telefonierte auf italienisch und französisch mit mindestens 5 verschiedenen Gesprächspartnern, bis er schließlich seine Mutter anrief. Es hörte sich so an, als würden sie miteinander streiten. Nach ungefähr 20 Minuten legte er erschöpft auf. Ihr italienisch war nicht besonders gut, vor allem nicht, wenn er so schnell redete.

‚Mama freut sich, dich kennenzulernen.‘

‚Hatte sich aber nicht so angehört.‘

‚Sie ist böse mit mir und mit Alfons. Ich soll dir ausrichten, dass du dir keine Sorgen machen brauchst, die Nonna wird alles richten.‘

‚Notfalls mit der Schrotflinte?‘

‚Sie hat angeboten nach München zu fahren und den großen Boss zu erschießen, wenn es von Nöten sei!‘

Blume musste irgendwie lächeln, weil sie sich eine kleine, alte Dame in einem schwarzen Kleid vorstellte, wie sie eine abgesägte Schrotflinte aus ihrer Handtasche zog.

‚Wir sind gleich in Livorno, Bambi!‘

‚Müssen wir den Plan nochmal durchgehen?‘

‚Ähm, also von diesem Pepe geht es getrennte Wege zum Fährhafen. Du stellst dich mit dem anderen Wagen an und ich parke den Wagen bei den Dauerparkern. Dann gehe ich zum Schalter für Passagiere ohne Fahrzeug und reserviere mir eine Kabine. Ich schicke dir die Nummer per SMS.‘

‚Die Nummer von meinem Prepaidhandy hast du eingespeichert.‘

‚Ja habe ich! Sag mal, kommt man irgendwie an die Daten auf meiner Simkarte ran ohne das Handy anzuschalten?‘

‚Ja, kann man, aber ich habe nicht das richtige Kartenlesegerät dabei. Vielleicht kann Farid uns aushelfen.‘

‚Bleib in der Kabine, bis ich komme ja, Blume.‘

Sie nickte und lenkte ihr Auto in die Einfahrt zu Pepe’s Garage. Ein Mann, der aussah wie Supermario, kam ihnen schon entgegen.

Sie befreite Enzo vom Tropf und stieg aus und packte einige Dinge vom Sanikoffer in ihren Rucksack. Alles was ihr am Herzen lag wurde in den anderen Wagen gebracht. Pepe hatte Enzo mit in sein Büro genommen, sie konnte sie durchs Fenster beobachten, wie sie wild gestikulierend miteinander redeten. Als er wieder kam, steckte er ihr einen Reisepass zu und dann nahm er sie in den Arm.

‚Laut dem Ausweis sind wir jetzt Fiore und Luigi Farinato.‘ flüstere er ihr zu und dann küsste er sie, während er ihr einen Ring an den Finger steckte.‚Ein Ehepaar aus Parma!‘

‚Sag mal flirtest du gerade mit mir?‘

‚Hatte gerade nichts anderes vor!‘ hauchte er ihr zu und küsste sie dann wieder. Ein viel zu langen Moment hielt er sie noch in seinen Armen, bis er sich löste und zu dem anderen Wagen ging.

‚Wir sehen uns an Bord!‘ rief er noch, bevor er im Wagen verschwand. Sie stieg auch ein und lies den Wagen an.

Sie fuhren nicht die selbe Strecke zum Fährhafen, deswegen konnte sie den Wagen nur noch am Ende der Straße um die Ecke biegen sehen, als ihr Navi sie in die andere Richtung lotste.

Am Fährhafen angekommen, machte sie alles so, wie es ihr aufgetragen worden war. Auf dem Weg zum Ticketschalter lernte sie ihre neuen Daten auswendig und ging immer wieder die Sätze durch, die sie gleich sagen musste. Sie verwünschte sich selbst, in der Schule nicht besser aufgepasst zu haben. Ihr französisch war bei weiten besser als ihr italienisch, sie musste wirklich aufpassen, dass sie nicht aus Versehen in der falschen Sprache antwortete.

Erschreckender Weise betrat sie 20 Minuten später die Kabine 134 und schloss hinter sich die Tür. Sie räumte ihren Rucksack aus und beschloss ihre Klamotten zu waschen. Sie musste sich beschäftigen, weil sie langsam Angst bekam, wenn Enzo nicht wieder kommen würde, wäre sie mehr als im Arsch. Jetzt hatte sie nämlich gar nichts mehr, nicht mal ihr Auto. Sie bekam es wirklich mit der Angst zu tun. Verdammt, Blume auf was hast du dich da bloß eingelassen! Als sie mit allem fertig war, legte sie sich ins Bett und döste trotz aller Paranoia ein.

Fortsetzung folgt in AlpenRoadMovie 7

Die Redaktion macht euch ein Angebot, dass ihr nicht abschlagen könnt!

Querlesen in: Manchmal kommt es anders und vor allem als man denkt: Vorgeschichte

Wir verstehen uns!

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