Igor – Eines Morgens auf Burg Feuerhayn

Igor 2.0

Eines Morgens auf Burg Feuerhayn

Gequältes Gewimmer und Donner begleiteten die Nacht. Davon lies er sich schon lange nicht mehr den Schlaf rauben, weil dann würde er ja nie schlafen. Er hatte sich sein Schlaflager in einem engen Verschlag weitab der Kerker gebaut. Normalerweise riss ihn die Stimme seines Herrn aus dem Schlaf, die aus einem Rohr kam, das über seinem Kopf hing. Manchmal kam Spucke mit durch das Rohr und spritzte ihm ins Gesicht. Das machte aber auch fast keinen Unterschied, als wenn er direkt vor seinen Herrn stehen würde und er ihn beim Anschreien direkt anspuckte. Spucken tut er immer. Heute aber wachte er von etwas anderem auf, ein Tropfen. Ein Tropfen kaltes, klares Wasser. Und egal wie er sich drehte und wendete, es tropfte immer auf seinen Buckel. Diese Welt war eh schon grausam genug, wobei es ihm hier eigentlich noch richtig gut ging. Er wohnte zwar auch im Kerker und er musste auch mehrmals am Tag hindurch laufen, aber er war hier Gast mit Schlüssel. Im Gegensatz zu den armen Schweinen, die den ganzen Tag und die ganze Nacht wimmerten, jammerten und schrien, konnte er hier jederzeit raus. Er konnte auch jederzeit ans Tageslicht, er ging zwar nicht gerne ans Tageslicht, aber er könnte es, wenn er es wollte.

Irgendwann entschloß er sich dann doch aufzustehen und nach oben in die Festung zu schleichen, um zu sehen ob sich schon was rühren würde. Er schlich leise durch den Kerker, er wollte auf keinen Fall jemanden wecken. Weil sobald jemand wach werden würde, würde das Gewimmer sofort in ein erbärmliches Geschrei umschwingen. Und dass wollte doch keiner, oder? Und er wollte auch nicht seinen Meister frühzeitig wecken. Er genoss die Ruhe, als er die Stufen zur Festung hinauf hüpfte. Nur das Patschen seiner nackten Füße hätte man hören können.

Oben angekommen, war die Tür einen Spalt offen. Wie nachlässig. Da könnte ja jemand auf die Idee kommen einfach wegzulaufen. Er zog etwas aus der Hose und hielt es durch den Spalt. Dann zog er die Hand zurück und wischte den Gegenstand mit einem schmutzigen Tuch ab und steckte den Gegenstand in seine Augenhöhle. Sein Glasauge. Sein etwas eigenwilliges Glasauge, seitdem sein Herr es einst in einen magischen Trank geworfen hatte, konnte er wieder auf beiden Augen sehen. Irgendwann hatte er dann festgestellt, dass er auch sehen konnte, wenn er das Glasauge in der Hand hält. Er musste dann das richtige Auge schließen, weil es ihm sonst schwindelig wurde, weil die beiden Bilder dann irgendwie gleichzeitig da waren. Der Umstand förmlich um die Ecke schauen zu können, oder der Tochter des Herren unter den Rock, war ein unglaublicher und noch unbezahlbarerer Vorteil. Deswegen durfte auch niemand etwas davon erfahren. Man würde ihm sein Glasauge wegnehmen. Und das wollte doch niemand, oder? Meistens hatte er das Glasauge in ein Tuch gewickelt in einer eigens dafür gefertigten Tasche in seiner Hose.

Nachdem der Gang frei war, wuselte er durch die Tür aus dem Kerker und schloss die Tür ganz leise, so leise es eben möglich war. Er war zu klein um an die schwere Eisenklinke zu gelangen. Aber er schaffte es dann doch bemerkenswert leise. Er watschelte über den Gang und gelangte in den Wachraum. Die Wachen schliefen allesamt. Wie nachlässig. Da könnte ja jemand auf die Idee kommen, genau jetzt anzugreifen. Aber das wollte doch keiner.

Er ging weiter durch den Wachraum in den Thronsaal. Sein Meister lag wie immer in seinem Separee auf seinem Canapé hinter dem Thronsaal und schnarchte so laut, dass die Vorhänge bebten. Er ging näher und da…Igitt…! Er konnte den Sabber aus dem weit offen stehenden Mund seines Meisters laufen sehen. Wie ekelig. Sein Meister hatte wirklich ein ausgewachsenes Sabberproblem. Er entschloss sich dann in die Küche zu gehen, vielleicht gab es ja etwas Leckeres.

Aufmerksam lauschend watschelte er durch einen Wandbehang. Der Gang zur Küche war ewig lang und es ist jedes mal so, als würde man verhungern, wenn man den Gang entlang lief. Und irgendwann wenn der Magen schon knurrend zwischen den Knien zu baumeln schien, dann war man immer noch nicht da. Es war jedes mal ein Albtraum. Aber eigentlich war er immer kurz vor dem Verhungern, egal ob er den Gang lang lief, oder nicht. Und wenn er es dann doch mal in die Küche geschafft hatte, dann bekam er oft einfach nur einen Arschtritt von diesem fetten, schmierigen Koch. Detlef ‚die Soße‘ Kesselflicker und es hörte sich nicht nur schmierig an, er war auch echt total schmierig. Einmal hatte er ihm einen stinkenden Fisch hinterher geworfen. Geschmeckt hatte er trotzdem. Mittlerweile fraß er wirklich alles, einfach alles, weil er sonst nie satt werden würde. Und wenn andere Essen wegwarfen, dann musste er sich zumindest kaum mehr drum prügeln. Am Anfang war es ihm oft richtig übel, aber mittlerweile konnte er wirklich alles essen, egal ob es noch oder wieder lebte.

Endlich war er an der Küche angekommen. Er schwang die Küchentüre auf und erwischte die Herrin beim Backen. Ein gar grässlicher Anblick. Die Herrin mit einer blütenweißen Kochschürze über ihrem schwarzen Nachthemd und einer viel zu großen Schlafhaube auf dem Kopf, darunter die langen schwarzen Haare auf Holzwickler aufgedreht. Sie war ungeschminkt, ein sehr ungewohnter Anblick. Er guckte ihr genauer in ihr entsetztes Gesicht. Sie sah ungeschminkt gar nicht mal so schlecht aus, wie er anfangs angenommen hatte. Sie war ja richtig hübsch. Wie ekelhaft. Ihr fiel die Backform mit samt den Topflappen aus der Hand. Blitzschnell reagierte er, wie Diener eben so reagieren. Er rannte los, fing die kochend heiße Backform auf und verbrannte sich ordentlich die Finger. Schmerz zu zeigen hatte er sich zwar auch abgewöhnt, aber…! Dann wird man nämlich weniger gequält, wenn man keinerlei Regung zeigt.

Die Herrin war immer noch entsetzt und die Backform brannte sich weiter in seine knubbeligen Hände. Gut, er musste es jetzt tun, Ein ‚AUA!‘ kam aus seinem Mund.

Die Herrin hob die Topflappen auf, nahm ihm den Kuchen ab und stellte ihn auf den großen Tisch. Seine Hände sahen, mit den riesigen Brandblasen, noch viel knubbeliger aus. Und es tat wirklich schweinemäßig weh. Er versuchte nicht noch einmal Schwäche zu zeigen, aber er konnte die eine Träne nicht zurück halten.

‚Oh, du gute Güte, Igor. Es tut mir wirklich sehr leid.‘ entschuldigte sich die Herrin einfühlsam. Wo war ihr beißender Sarkasmus, den sie sonst immer den ganzen lieben langen Tag an diesen legte. Sie packte ihn und hob ihn auf den Tisch. Oh, du gute Güte, die Herrin ist ja richtig nett oder will sie ihn jetzt zu einer Pastete verarbeiten.

‚Warte, ich werd dir gleich helfen!‘ fuhr sie fort.

Irgendwie bekam er jetzt ernsthaft Angst. Sie zauberte eine Trankflasche und ein strahlend weißes Taschentuch aus ihrer Schürze, öffnete dann das Fläschchen, träufelte behutsam ein paar Tropfen auf das Tuch und rieb dann noch behutsamer mit dem Tuch über seine Hände. Mit Hilfe dieser Zaubermedizin rieb sie die Brandblasen einfach fort, als wären sie nie da gewesen.

Plötzlich roch es ziemlich verbrannt. Panisch packte sie die Topflappen, drehte sich um und rannte zum Backofen.

Sie schrie dabei laut auf: ‚Oh, nein!‘

Oh, nein, was hat die Herrin da an den Füßen, sind dass rosa Puschen? Igitt, sind da flauschige rosa Federbommel dran. Igor wird es jetzt ernsthaft schwindelig und folgende Geschehnisse kann er nur noch verschwommen wahrnehmen.

Sie öffnete geschwind den Ofen und eine Rauchwolke schwoll ihr entgegen. Hüstelnd holte sie ein Blech aus dem Ofen und keuchte: ‚So ein Schlamassel. Mir sind die Erdbeertörtchen verbrannt.‘

Jetzt hatte sie ernsthaft Tränen in den Augen. Ihm war jetzt ernsthaft schlecht, Erdbeertörtchen? Das ist ja wirklich der Gipfel von Widerhaft.

‚Mutti, sind die Erdbeertörtchen schon fertig?‘ Hörte er von der Tür trällern. ‚Igitt, was macht denn der widerliche Gnom hier!‘ Er brauchte sich nicht umdrehen, es war die Tochter der Herrin und seinem Meister, Lady Elvira. Und seit wann sagte sie ‚Mutti‘ zu der Herrin.

‚Ach, mein Sonnenschein, mir sind gerade die Erdbeertörtchen verbrannt.‘ hörte er aus dem Mund der Herrin. Er würgte so unauffällig wie möglich. Mein Sonnenschein? Es ist nicht zu fassen, sind beide betrunken oder stehen sie unter einem gar grässlichen Zauber?

‚Und Igor hier hat unseren Schokoladenkuchen gerettet.‘ meinte die Herrin abschließend. Er musste sich ins Bein kneifen, aber er träumte keinen noch grässlicheren Alptraum. Elvira kam zu ihm herüber, tätschelte ihm auf dem Kopf herum und verrutschte dabei seine Lederkappe.

‚Sieh mal was ich hinter der Festung gefunden habe.‘ flötete Elvira und hielt einen Korb voller Erdbeeren hoch. ‚Dann backen wir eben Neue.‘ Sie lachte irgendwie viel zu niedlich und drehte sich mit dem Korb in der Hand nach links und rechts.

Und was hatte sie denn da eigentlich an, damit war sie doch nicht etwa nach draußen gegangen. Er musste sich zusammenreißen, dass er jetzt nicht ohnmächtig vom Tisch fiel. Sie hatte ein rosa Nachthemdchen mit gesticktem Blümchenmuster an und ihre Haare hingen in zwei geflochtenen goldenen Zöpfchen von ihrem Kopf herab. Und ihre Haare waren ja wirklich gülden. Igitt!

Die Herrin legte das Blech mit den verkohlten Erdbeertörtchen neben Igor auf den Tisch und sagte zu ihm: ‚Du kannst sie ruhig alle essen!‘

Das lies er sich nicht zweimal sagen, in Windeseile schob er ein Törtchen nach dem anderen in Mund und schluckte ohne merklich dabei zu kauen. Währenddessen hantierten die beiden Frauen lachend mit Mehl und sonstigen Zutaten. Igor rülpste herzhaft, eine kleine Rauchwolke kam aus seinem Mund und die Frauen kicherten.

‚Was bei allen Dämonen geht hier vor. Igor, du hässlicher Wurm, wer hat dir erlaubt auf dem Tisch zu sitzen.‘ brüllte der Meister, als er durch die Küchentüre stieß.

‚Das war ich, mein Gebieter!‘ sagte die Herrin zu ihrem Mann. ‚Er war ungezogen und ich wollte ihn gerade zu einer Pastete verarbeiten.‘

Seine Tochter hatte sich einen schwarzen Mantel übergezogen und versteckte ihre blonden Zöpfe unter der Kapuze. Aus einem unerfindlichen Grund hatte ihr Vater ihr unmögliches Aussehen nicht bemerkt.

Der Meister lachte grausam, so wie er es immer tat, dann verstummte sein Lachen abrupt. ‚Esmeralda, was fällt dir ein meinen Sklaven backen zu wollen. Wer bedient mich dann, wenn er tot ist. Oder willst du meine Füße massieren?‘ Und Schwupps war ein verbissener Ausdruck in seinem Gesicht zu erkennen und dann grinste er dreckig, dabei ran Sabber aus seinem Mund. Sein Meister kann zu Weilen wirklich sehr widerlich sein.

‚Mein Herr, Ihr habt natürlich Recht. Ich habe nicht nachgedacht.‘ sagte Esmeralda unterwürfig zu ihrem Mann.

‚Und was ist das hier?‘ Der Meister hob den Korb mit den Erdbeeren hoch. ‚Sind das Erdbeeren?‘

‚Ja, Vater!‘ sagte Elvira zu ihm.

‚Igor, ich habe ja schon immer gewusst, dass du ein widerlicher kleiner Dreckfresser bist, aber Erdbeeren! Wir sollten dich gleich mit den Erdbeeren zusammen zu einer Pastete verarbeiten und dich dann den Schweinen zum Fraß vorwerfen!‘ brüllte der Meister quer durch den Raum.

‚Was immer Eure Magnifizenz wünscht.‘ sprach Igor in seinem gewohnten unterwürfigen Singsang, dabei hüpfte er auf den Boden und kroch vor seinem Meister herum.

‚Aber dann wäre dein Leiden ja gleich vorbei. Nein Igor, meine Gemahlin wird diese Erdbeeren zu ganz vielen kleinen Pasteten verarbeiten. Und du wirst die dann alle essen müssen und wehe du kotzt auch nur einen Krümel wieder heraus. Dann…!‘ Der Meister beendete seinen Vortrag ohne jedoch den Satz zu vollenden, er drohte nur mit seinem erhobenen Zeigefinger.

‚Vater, Ihr seit so grausam! Darf ich Mutter dabei helfen.‘ Igor konnte es kaum glauben, was er da aus dem Munde der verhüllten Elvira zu hören schien.

‚Aber natürlich mein Kind, du kannst ihn auch damit füttern, wenn es dir eine Freude bereitet.‘ Aber die Worte seines Meisters schlugen dem Fass den Boden aus.

‚Danke Vater!‘ und sie küsste ihn auf die Wange. Igor würgte wieder so unmerklich wie möglich.

‚Aber macht nicht wieder so viel Lärm!‘ gähnte er und verließ müde die Küche.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, grinsten sich die beiden Damen fröhlich an. Die Herrin hob Igor wieder auf den Tisch und kitzelte ihm am Bauch. ‚Freust du dich schon auf deine Strafe, du…!‘ Und sie konnte sich das Lachen kaum verkneifen, dann fing sie sich wieder und sprach weiter. ‚Elvira, zieh dein Zweithaar wieder an, das war jetzt wirklich knapp. Und Igor wir stecken jetzt alle unter einer Decke. Ich hoffe du siehst das so wie wir.‘

‚Ähm, ich verstehe nicht ganz?‘ stotterte Igor.

Solange mein Mann denkt, dass meine Tochter und ich furchtbar böse und gemein sind, solange lässt er uns in Ruhe. Und solange können wir machen was wir wollen….Solange er es nicht merkt.‘

‚Und du wirst uns dabei behilflich sein!‘ meinte Elvira und zupfte sich die schwarzen Haare zurecht. Igor fiel ohnmächtig vom Tisch und blieb reglos liegen.

Wenig später erwachte Igor, er lag mit seinem Kopf im Schoß von….Elvira. Hilfe, jetzt wird er endgültig zu einer Pastete verarbeiten, oder Schlimmeres.

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Published in: on 22. September 2012 at 23:24  Schreibe einen Kommentar  
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