Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 1

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 1

Die Tochter vom Meister hatte Igor beauftragt für sie im Burggraben Erdbeeren zu pflücken. Sie stand mittlerweile unter ständiger Beobachtung, seit dem ihr Vater ziemlich misstrauisch geworden war, weil sie sich des Öfteren des Nächtens in der Küche herumgetrieben hatte oder in den frühen Morgenstunden im Burggraben. Der Meister hatte den Hauptmann der Wache abgezogen und ihn beauftragt seiner Tochter auf Schritt und Tritt zu folgen und sie zu ihrer eigenen Sicherheit zu bewachen. Hauptmann Mauritius Stulpe, so hieß er nämlich, hatte hierfür wiederum seine besten Männer, die 1. Lanze und Gruppenführer Ignatius Pürkel, abgestellt.

Die 1. Lanze arbeitet im Zweimanndreierschichtsystem. Somit konnte die junge Lady noch nicht mal alleine den Abort besuchen. Der Bewachungszustand führte nur dazu, dass Elvira noch mehr versuchte dem Ganzen zu entkommen, als zuvor. Dem Einzigen, dem sie sich anvertrauen konnte, war Igor und Igor versuchte alles sofort wieder zu vergessen. Weil, der Meister würde ihm noch Schlimmeres angedeihen lassen, als einen langsamen und qualvollen Tod, wenn er wüsste, dass Igor wusste, was im Kopf von Lady Elvira so vorgeht.

Wie sie es mal wieder geschafft hatte, dass er für sie Erdbeeren pflücken ging, konnte sich Igor am Allerwenigsten erklären. Wahrscheinlich hatte sie wieder damit gedroht ihn zu einer Pastete zu verarbeiten, wenn er nicht spurte. Mal abgesehen von dem Erdbeerschokoladenkuchen, den sie heute noch backen wird, wird seine Belohnung sehr kulinarisch ausfallen. Seitdem er mit den beiden Damen des Hauses einen geheimen Pakt geschlossen hatte, versorgten sie ihn mit dem besten Essen, um ihn bei der Stange zu halten.

Aber in Wirklichkeit waren die Beiden über die Gesellschaft des kleinen Gnoms sehr dankbar. Sie mussten zumindest gegenüber Igor jetzt keine Spielchen mehr spielen. Und die Spielchen, die sie nun allen anderen vorspielen konnten, wurden mit dem armen kleinen Igor noch viel realistischer, da er sich innerlich noch immer dagegen wehrte, ein Mitwisser zu sein.

Nun watschelte er durch die drei inneren Tore und die drei äußeren Tore hindurch in Richtung des Burggrabens. Als er durch das letzte Tor nach draußen trat, erschlug ihn die frische Luft, wie ein Holzhammer mitten ins Gesicht. Die Sonne schob sich hinter einer Wolke hervor und strahlte fühlbar durch sein blutunterlaufenes Auge direkt in seinen Kopf hinein. Er setzte sich den Korb auf den Kopf und kletterte halbblind in den Burggraben. Widerwillig fing er an die Erdbeeren zu sammeln. Es schien so, als würden ihn die Erdbeeren große Schmerzen bereiten, wenn er sie berührte. Essen würde er sie trotzdem, auch wenn er dann wieder die ganze Nacht Bauchschmerzen haben würde. Aber etwas zwischen die verfaulten Beisser zu bekommen, war immer noch ein wichtiger Bestandteil in seinem Tagesablauf. Auch wenn es mittlerweile nicht mehr ganz so einfach war, verhungern zu müssen. Aber es half alles nichts, der Korb musste voll werden, sonst bekäme er nicht mal einen verbrannten und verdorbenen Käsekuchen. So sammelte er und sammelte er und bei jeder einzelnen Erdbeere durchzuckte ihn ein eisiger Schauer. Endlich war der Korb voll und er konnte wieder in den Schatten der Burg zurück flüchten. Er hatte ein komisches Gefühl im Magen und er war ganz bescheuert im Kopf, noch bescheuerter als sonst. Mit dem Korb schwingend, ein Liedchen auf den Lippen, tänzelte er zum äußeren Tor zurück. Die Sonne und die frische Luft hatten ihn richtig gaga im Kopf gemacht. Er war ganz niedlich geworden. Wie widerlich. Das ist für einen Gnom schon fast eine Krankheit. Er summte und pfiff vor sich hin. Und deswegen nahm sich Igor vor, sobald er wieder in der Burg war, nicht nur seine Hände, sondern auch den eigenen Mund mit Schmierseife und einer Wurzelbürste zu schrubben.

Plötzlich kamen der Pürkel und seine Männer mit wedelnden Armen und Waffen durch das äußerste Tor gestürzt und liefen an ihm vorbei. Sie beachteten ihn gar nicht. Schnell schob er sich durch das offenen Tor und drückte sich an der Wand entlang zum nächsten Tor. Die Männer waren bereits über die Zugbrücke gelaufen. Igor dachte, er müsse die Erdbeeren mit seinem Leben beschützen. Aber so aufgeregt, wie die Gardisten der 1. Lanze an ihm vorbeigeschossen waren, schienen sie sich wirklich nicht für die Erdbeeren oder für seine Wenigkeit zu interessieren. Igor kombinierte blitzschnell, dass höchstwahrscheinlich Lady Elvira mal wieder ausgebüxt sein musste.

Am nächsten Tor angekommen, kam Hauptmann Stulpe an ihm vorbeigelaufen, der wild gestikulierend Befehle schrie. ‚Durchsucht die ganze Burg!… Los, los!…Dann macht es eben nochmal!… Das muss schneller gehen!… Sie kann doch nicht vom Erdboden verschwunden sein!…Spreche ich etwa undeutlich?…Dreht jeden Stein um!‘ Und so weiter und so weiter. Hinter Hauptmann Stulpe kam die persönliche Leibgarde des Meisters angelaufen, auch die würdigten ihn keines Blickes. So wagte er sich nun auch durch das letzte Tor. Schwupps war er in der Burg und nun musste er nur noch durch die inneren drei Tore, wenn er zur Küche wollte.

Nach kurzer Zeit war er auf dem langen Gang zur Küche. Kurz vor der Kuchentüre angekommen, packte ihn etwas an der Hand und zerrte ihn in eine Abstellkammer. Er hätte beinahe gequietscht. Wie peinlich.

‚Pscht, Igor!‘ flüsterte ihm Lady Elvira ins Ohr und hielt ihm dabei die Hand vor den Mund. ‚Wolltest du etwa gerade quietschen?‚ Mit großen Augen schaute er sie an und schnappte, wie ein junger Hund, nach Luft. Sie nahm den Korb an sich, griff nach einer großgewachsene Erdbeere und steckte sie halb in den Mund. Saugend biss sie davon ab. Der Saft der Erdbeere rann ihr am Mundwinkel herab. Igor starrte sie fasziniert an, legte den Kopf schief und sabberte leicht aus seinem linken Mundwinkel. Nur ein Gedanke schoss durch seinen Kopf. Er wollte dieser Tropfen sein. Der Tropfen, den sie nun mit der Zungenspitze aufnahm und sich dabei über die Lippen leckte. Böser Igor, Böser Igor. Er fiel in Ohnmacht.

Als er wieder erwachte, saß sie auf dem Boden und hatte seinen Kopf auf ihren Schoß gelegt. Sie knetete in seinem Gesicht herum.

‚Igor, dein Gesicht fühlt sich so an wie Plätzchenteig!‘ sagte Elvira belustigt und zog seine Wangen auseinander. Ein leises Kichern kam aus ihrer Kehle und dann fuhr sie fort. ‚Igor, ich wollte dich nicht erschrecken, aber der widerliche Koch fuhrwerkt noch in der Küche herum und die Wachen denken, ich wäre schon wieder abgehauen.‘

Plötzlich hörten sie fernab irgendwo in der Burg Alarmschreie: ‚Kontakt! Alarm! Angriff! Rückzug!‘ Trommeln, Waffenklirren und dann erbebte die Burg, als würde sie jeden Moment einstürzen. Jetzt konnte man hastige Schritte und Rüstungsgeklapper auf dem Gang hören, erst ganz leise, dann immer lauter werdend und dann nur undeutlich leiser.

‚Eure Magnifizenz, Undrocht und Utrecht greifen die Burg an. Sie sind schon durch die ersten zwei Tore. Die 1. Lanze ist gefallen, Hauptmann Stulpe ist gefangen und Gruppenführer Pürkel vermisst. Undrocht und Utrecht fordern einen Unterhändler.‘

‚Wie bitte, bitte Waaaaassss?‘ Sie konnten den Meister brüllen hören, dann hörte man einen Schlag, ein Stöhnen und dann hörte man einen Körper mit samt Rüstung auf den Boden stürzen und gleich wieder aufrappeln.

‚Aber, Herr, Eure Tochter ist ebenfalls verschwunden, deswegen..!‘

‚Waaasss….!‘schrie der Meister und man konnte seinen Sabber fliegen hören.

‚Herr, Lady Elvira war vorher schon verschwunden. Deswegen war auch das äußerste Tor offen!‘

‚Bin ich eigentlich nur von Nichtskönnern umgeben?‘ brüllte der Meister durch seinen Thronsaal. ‚Igor!‘

Igor rappelte sich auf. Elvira hielt ihn zurück. Er riss sich nicht los, sondern versuchte sie mit sich aus der Kammer zu zerren. Auf der halben Strecke versuchte sie sich von ihm loszureißen. Endlich lösten sich ihre Hände voneinander. Igor hätte sich fast den Arm ausgerenkt. Elvira stolperte rückwärts und knallte auf den Hauptmann der Leibgarde ihres Vaters. Hengelder Beutelrock. Ein wahnsinnig attraktiver Mann, aber ein unglaubliches Arschloch und ein treuer Untergebener ihres Vaters.

‚Da seid Ihr ja!‘ sagte er genüsslich und packte sie dabei fest an beiden Oberarmen.

‚Igor!‘ rief der Meister ein weiteres Mal. Igor rannte los. ‚Warum dauert das so lange?‘

Hauptmann Beutelrock bebte vor Zorn und zerrte Elvira mit sich, dabei flüsterte er ihr sabbernd ins Ohr: ‚Euren Sperenzchen haben acht guten Männern das Leben gekostet! Die fünf vom Pürkel sind mir ja egal. Aber meine Drei werden Euch noch teuer zu stehen kommen.‘

Er trat durch den Wandbehang, durch den Igor gerade verschwunden war, in den Thronsaal.

‚Herr, eine Sorge weniger. Eure Tochter hatte sich mit Igor in einer Abstellkammer versteckt!‘ berichtigte der Hauptmann und schob dabei Elvira vor sich her. Die sich heftig wehrte.

‚Vater, ich habe nur mit Igor verstecken gespielt! Woher soll ich denn wissen, dass um uns rum die Welt untergeht.‘

‚Elvira, wir haben die ganze Burg nach dir abgesucht!‘ Der Versuch seine Tochter zu tadeln misslang dem Meister, wie immer.

‚Aber Vater, das ist doch der Sinn vom Verstecken spielen.‘ grinste Elvira.

Wieder erbebte die Burg.

‚Hauptmann Beutelrock, sie wollen einen Unterhändler, sie bekommen einen Unterhändler und Igor wird dich begleiten.‘ Der Meister rieb sich die Hände, als hätte er gerade einen teuflischen Plan ausgeheckt.

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Published in: on 23. September 2012 at 08:32  Schreibe einen Kommentar  
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