Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 2

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 2

Hauptmann Beutelrock schleifte Igor an seinem Ohr aus dem Thronsaal und eilte zum dritten inneren Tor. Man konnte Kampfeslärm von draußen hören. Seine Männer hatten eine Barrikade errichtet. Die äußeren Tore schienen schon verloren zu sein.

‚Öffnet die Barrikade!‘ schrie der Hauptmann.

‚Aber, Hauptmann. Sie werden uns überrennen, wenn wir die Barrikade öffnen!‘ meinte einer seiner Gardisten.

‚Sie riefen nach einem Unterhändler. Und ich bin der Unterhändler!‘ meinte Hauptmann Beutelrock kühl.

Der Gardist lief zu dem Fenster mit Schießscharte, dass sich am Nächsten bei der Barrikade befand. ‚Wir schicken einen Unterhändler! Wir schicken einen Unterhändler!‘

Der Kampfeslärm verstummte.

‚Er soll ohne Rüstung und unbewaffnet aus dem Tor treten!‘ rief eine laute Stimme von draußen herein.
‚Igor, los beweg dich. Nimm mir die Rüstung ab!‘ befahl Hauptmann Beutelrock und ging in die Knie. Igor tat wie es ihm geheißen und half dem Hauptmann aus der Rüstung. Ohne die Rüstung sah der Hauptmann nur noch halb so imposant aus.

Er hatte nur noch seinen wattierten Wappenrock, eine Bruche und seine wattierten Beinlinge an. Seine Gardisten hatten die Barrikade bereits zur Seite geschafft.

‚Hasenreit! Antreten!‘ Schrie der Hauptmann. ‚Wenn ich nicht zurückkomme, seid ihr Hauptmann!‘ Hauptmann Beutelrock drückte dem Gruppenführer Dolp Hasenreit sein Schwert in die Hand und wies auf seine Rüstung. ‚Behandelt sie gut, sie haben mir in so mancher Schlacht das Leben gerettet.‘ Dann wandte er sich ab und ging zum Tor. Seine Leute hatten bereits das Tor geöffnet. Igor lief los und folgte ihm. Sein innerer Widerwillen konnte ihn nicht zurückhalten, der Meister hatte es befohlen, er musste den Hauptmann begleiten.

‚Was habt Ihr da?‘ fragte der Mann, der zu der lauten Stimme zu gehören schien.

‚Das ist ein Igor!‘ erwiderte Hauptmann Beutelrock.

Mehrere Söldner von Utrecht und Undrocht packten den Hauptmann sowie Igor, durchsuchten sie unsanft und schleiften sie, im wahrsten Sinne des Wortes, aus dem Blickwinkel der Gardisten.

Den Hauptmann hatten die Söldner noch ein Wenig verprügelt, bevor die beiden dann zu Utrecht und Undrocht gebracht wurden. Igor hatten sie seltsamerweise kein Haar gekrümmt.

Sie wurden in ein riesiges Zelt geführt. Hauptmann Beutelrock hatten sie die Hände auf den Rücken gefesselt. Undrocht, war der Ältere der Beiden bösen Brüder und saß auf seinem Thron und Utrecht, der Jüngere, stand neben seinem Thron. Die beiden Brüder sahen sich nicht im Mindesten ähnlich.

‚Hauptmann Beutelrock, was verschafft uns die Ehre!‘ meinte Utrecht.

Hauptmann Beutelrock zog eine Ladung Blut aus seiner Nase hoch und spuckte Utrecht vor die Füße. Undrocht gab den Wachen einen Wink, daraufhin zwangen sie den Hauptmann auf die Knie.

‚Aber Hengelder, Ihr müsst unsere Söldner entschuldigen. Sie sind zu Weilen etwas übereifrig.‘ meinte Undrocht, während Utrecht zu dem Tisch trat und eine Karaffe mit Wasser und ein Handtuch holte. Er goss den Inhalt des Kruges dem Hauptmann über den Kopf. Dann zog er seinen Dolch aus seinem Gürtel und öffnete ihm die Fesseln mit einem Ruck. Hauptmann Beutelrock schnaubte sich Blut und Wasser aus dem Gesicht. Utrecht reichte ihm das Handtuch. ‚Wir sind ja keine Unmenschen!‘

Der Hauptmann rieb sich mit dem Handtuch übers Gesicht und meinte dann kurz: ‚Ihr wolltet verhandeln!‘

‚Nein, nicht wirklich!‘ meinte Undrocht. ‚Ich wollte Euch nur aus der Burg haben, bevor ich den Rest von ihr auch noch in die Luft sprenge.‘ Er lies den Satz wirken, bevor er weitersprach. ‚Ich habe Hauptmann Stulpe vorhin schon ein Angebot gemacht, was er besser nicht abgelehnt hätte.‘ Undrocht wies aus dem Zelteingang. Draußen konnte man eine Gestalt an der hochgezogenen äußeren Zugbrücke baumeln sehen. Igor zuckte merklich zusammen, als er erkannte, dass Hauptmann Stulpe, nur in seiner Bruche bekleidet an der Zugbrücke baumelte.

‚Was soll der Gnom hier eigentlich?‘ fragte Undrocht.

‚Das ist Igor. Er ist der Unterhändler.‘ meinte der Hauptmann.

Utrecht schlug dem Hauptmann mit der blanken Faust mitten ins eh schon ziemlich ramponierte Gesicht.

‚Wenn ich veralbert werden möchte, dann kaufe ich mir einen eigenen Schelm.‘ meinte Utrecht.

Der Hauptmann schaute gerade so aus der Wäsche, als würde er statt fliegende Sternen oder flatternden Vögelchen, viele kleine igorianische Schelme um seinen Kopf herum fliegen sehen.

Igor wusste nicht, wie er reagieren sollte, er wollte aber auf keinen Fall zu Hauptmann Stulpe gehängt werden, oder Schlimmeres. Er wusste nicht was er tat, aber er sprach einfach drauf los…‚Wenn Ihr mir erlauben würdet, meine Stimme zu erheben. Mein Name ist Igor Flinkfinger. Ich bin der persönliche Schreiber des Burgherren. Er hat mich gebeten seine Belange vor Eurer Erhabenheit Lord Undrocht und Eurer Erhabenheit Lord Utrecht zu vertreten, wenn es den Hochwohlgeborenen Herren van der Schorten genehm ist. Ansonsten würde ich mein Amt als Unterhändler gerne für eine geeignetere Person zur Verfügung stellen.‘

Hauptmann Beutelrock schaute Igor mit einem ratsuchenden Blick an. Blut rann ihm aus der Nase und seine Lippen formten unmerklich. ‚Du kannst doch gar nicht schreiben!‘

Ja, das war ein schwerwiegender Hacken an der Sache. Wenn die Sache aufflöge, dann wäre die Aussicht, in seiner nicht vorhandenen Unterwäsche an der Zugbrücke zu baumeln, noch die Angenehmste.

‚Nun Flinkfinger, dann lasst uns verhandeln.‘ meinte Undrocht, er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme auf seinem Bauch.

Igor fuhr ruhig fort: ‚Nun ja, Ihr werdet Euch denken können, dass der Burgherr nicht besonders erfreut über Euren plötzlichen Besuch zu sein scheint!‘

‚Das hatten wir beabsichtigt!‘ meinte Utrecht.

‚Und Ihr wisst ebenfalls, dass der Burgherr keine große Armee unterhält.‘ Igor lies seine Feststellung fragend im Raum stehen.

‚Genau deswegen sind wir hier!‘ meinte Utrecht.

‚Und warum hat er keine große Armee?‘ stocherte Igor nach.

‚Weil er einfältig ist!‘ meinte Utrecht.

‚Nein! Weil er es kann.‘ erwiderte Igor.

‚Auf was wollt ihr hinaus?‘ schrie Undrocht ungeduldig.

Er hat es nicht nötig unzählige, hungrige Mäuler um sich zu scharen, nur damit er seine Burg halten kann.‘

‚Jetzt kommt endlich auf den Punkt!‘ rief Undrocht schon leicht verärgert.

‚Er ist nicht nur ein mächtiger, schwarzer Magier, sondern er hat auch einen Drachen, einen ziemlich großen Drachen wohlgemerkt, der nur ihm gehorcht.‘

Na hoffentlich fliegt er jetzt nicht auf, es gibt nämlich überhaupt keine Drachen, aber Utrecht und Undrocht sind so was von bescheuert, den Beiden hätte er auch die eigene untote Urgroßmutter andrehen können.

‚Ich habe keine Angst vor Drachen, ich habe den größten Tribock aller Zeiten hinter meinem Zelt stehen, damit holen wir jeden, auch noch so großen, Drachen vom Himmel.‘ meinte Undrocht angeberisch. Igor hätte es vielleicht doch mit der untoten Großmutter probieren sollen.

‚Eure Erhabenheiten, darf ich eintreten?‘ meinte ein hagerer Kerl, der in einer gebückten Haltung am Zelteingang wartete.

‚Oh, Dürwart. Was hast du uns Schönes mitgebracht?‘ meinte Utrecht.

‚Herr, ich habe sie erwischt, wie sie sich mit einem Flechtwerk aus Bettlaken vom höchsten Turm der Burg abseilen wollte.‘ Dieser Dürwart kam, einen lebendig zu sein scheinenden Sack hinter sich her schleifend, ins Zelt geschlürft. Er öffnete den Sack und richtete sich dann zu voller Größe auf. ‚Sie ist mir quasi in den Sack geklettert.‘ Ein gemeines Grinsen breitete sich auf dem Gesicht von Dürwart aus, als alle im Zelt befindlichen Personen erkannten, wen er da im Sack hatte. Bei allen Göttern, Elvira hatte sich da im wahrsten Sinne des Wortes abseilen wollen und war dem diebisch, dummen Dürwart direkt auf eine senkrechte Art und Weise in die Arme gelaufen.

‚Sehr gut, Dürwart. Bringt Beutelrock zu Stulpe. Sie sollen zusammen die Aussicht genießen, während wir uns mit dem netten Täubchen unterhalten.‘ meinte Undrocht.

‚Undrocht, ich warne dich, wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, dann bringe ich dich eigenhändig um.‘ schrie der Hauptmann, währenddessen er von Dürwart und den beiden Wachen herausgetragen wurde. Er wehrte sich nach Leibeskräften und kassierte wieder einige Hiebe und Tritte. Igor hatte den Hauptmann noch nie so aufgeregt erlebt, vor allem nicht, wenn es um Elvira ging. War er vielleicht doch nicht so ein Arschloch, wie sie beide gedacht hatten.

Elvira hatte sich währenddessen aus ihrem Sack heraus gestrampelt und wurde nun von Utrecht entknebelt. Dabei biss sie ihm in die Hand, so dass sogleich Blut floss. Er schlug ihr seine Hand ins Gesicht. Igor sprang in die Presche, verfehlte aber die Hand von Utrecht nur um Haaresbreite und kugelte durchs Zelt. Elvira war von dem Schlag umgefallen und lag benommen auf dem Boden. Auf ihrer Wange glühte ein halber Handabdruck von Utrecht und Utrecht selbst, saugte an seiner anderen Hand. Igor war zum Stillstand gekommen und sah auf. Etwas Schreckliches war geschehen, Elviras Perücke war ihr vom Kopf gerutscht und ihre goldenen Zöpfe kamen zum Vorschein.

‚Du kleines Miststück!‘ meinte Utrecht, dann sah er die Perücke, die neben ihr auf dem Boden lag. ‚Oh, was kommt denn da zum Vorschein? Ein blondes Täubchen!‘

In dem Moment, kam Hauptmann Beutelrock beim Zelteingang hereingestürmt. Er war nun mit einer Axt bewaffnet und ging sogleich auf Utrecht los, der wiederum gerade noch sein Schwert mit samt Schwertscheide zum Parieren hochziehen konnte.

Mit dem nächsten Schlag entwaffnete Beutelrock Utrecht, indem er den Gürtel mit einem Hieb durchtrennte und stürzte ihn zu Boden. Er holte aus, um Utrecht einen vernichtenden Schlag zu verpassen und sagte fast schon entspannt: ‚Hauptsach, man hat ne Axt dabei!‘

Es war ein Klicken zu hören und dann ein Firrrr. Undrocht hatte eine Armbrust in der Hand. Beutelrock sank auf die Knie. Ein Bolzen ragte aus seiner Brust und Blut rann herab. Igor war einigermaßen schockiert von den Ereignissen und Elvira war den Tränen nahe.

Als Hengelder Beutelrock zu Boden stürzte, streckte er seine Hand Richtung Elvira aus und röchelte: ‚Elvira…!‘

Elvira stürzte zu Hengelder und schrie ihn stotternd an: ‚Hen…g…du dummer Angeber…!‘

‚Vira….bleib dir treu…! Bitte…!‘ Er drückte ihr die Axt in die Hand. ‚Und es ist wichtig immer eine Axt dabei zu haben.‘ Blut rann ihm aus dem Mund, er fuhr röchelnd fort. ‚Ich l…!‘ Nach dem letzten Buchstaben kam nur noch ein entsetzliches Röcheln, dann starb er in Elviras Armen.

An den toten Körper Hengelders geklammert schaute Elvira entsetzt und wütend zugleich zu Undrocht hinüber und bescherte Utrecht einen bitterbösen Blick. Ihr Kinn zitterte und Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Heftig um ihre Fassung ringend sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein. Doch bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie von Utrecht unterbrochen: ‚Undrocht, das war völlig unnötig. Ich hatte alles im Griff.‘ Er war aufgestanden, zog einen Dolch aus seinem Ärmel und rammte ihn in die Tischplatte, direkt vor Undrocht. Der Dolch vibrierte auf der Tischplatte hin und her. ‚Von meinem Dolch im Oberschenkel wäre er nicht gleich verreckt!‘

Undrocht sprang wütend auf und schrie seinen Bruder an: ‚Geh doch zu den Elfen, wenn du lieber Blumenkränze bastelst. Wir sind hier im Krieg und im Krieg passieren Unfälle.‘

‚Undrocht, du drehst es dir hin, wie es dir passt. Vorhin hast du mir noch verboten ihn umzubringen, weil du ihn auf unsere Seite bringen wolltest. Und dann holzt du ihn einfach weg. Willst du dir jetzt wieder den Stulpe runter holen und dir nochmal an ihm die Zähne aus beißen?‘ schrie Utrecht jetzt auch seinen Bruder an.

Während Undrocht seine Armbrust spannte, sagte er ganz ruhig: ‚Utrecht, wage es nicht noch einmal mich vor unseren Geiseln anzuschreien.‘ Er legte einen neuen Bolzen ein und zog den Abzug. Der Bolzen durchschoss Utrechts Oberarm und blieb zitternd in einer Zeltstange stecken. Utrecht riss es durch den Treffer halb um, er konnte sich aber mit dem anderen Arm gerade noch auffangen.

‚Utrecht, du reitest mit unserem Täubchen ins Hauptquartier und wartest dort auf Nachricht von mir.‘ sagte Undrocht in einem Befehlston, der keinerlei Widerrede duldete, dabei spannte er wieder die Armbrust und legte einen weiteren Bolzen ein. ‚Und jetzt überanspruche meine Augen nicht weiter mit deinem jämmerlichen Anblick.‘

Utrecht drehte sich auf dem Absatz um, ging zu Elvira, nahm ihr die Axt weg und steckte die Axt in seinen Gürtel. Dann zog er sie hoch. Sie riss sich los, klammerte sich weiter weinend an den toten Körper von Hengelder und schrie schluchzend: ‚Ich gehe nicht ohne Igor und ohne dass Hengelder ein anständiges Begräbnis bekommt.‘

Undrocht platzte nun endgültig der Kragen, er schrie und schoss dabei wahllos durch das Zelt: ‚Raus! Alle! Sofort!‘

Igor packte Elvira an der Hand und Utrecht packte den Körper Hengelders und schleifte ihn aus dem Zelt.

Draußen, außerhalb der Reichweite von Undrochts Armbrust, gab Utrecht einige Befehle, dann wand er sich an Elvira und Igor.

‚Wir reiten jetzt zu den Begräbnishügeln bei den alten Schlachtfeldern. Ich möchte Hengelder Beutelrock die letzte Ehre an dem Ort erweisen, wo er mir nicht nur einmal das Leben gerettet hat.‘

Werbeanzeigen
Published in: on 23. September 2012 at 12:29  Schreibe einen Kommentar  
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

The URI to TrackBack this entry is: https://callabutterfly.wordpress.com/2012/09/23/igor-ein-denkwurdiger-tag-auf-burg-feuerhayn-teil-2/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: