Igor – Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 4

Igor 2.0

Ein denkwürdiger Tag auf Burg Feuerhayn Teil 4

Als Utrecht mit Elvira im Arm den Hügel hoch geschritten kam, lag der Körper Beutelrocks schon in der Mitte der Hügelkuppe aufgebahrt. Elvira war gerade wieder erwacht und sah ihre Mutter, wie sie einige Kerzen anzündete, die um den Leichnam von Hengelder aufgestellt waren.

‚Müssen wir ihn diesmal wieder anzünden?‘ fragte Utrecht.

Lady Esmeralda schaute auf und lächelte kurz: ‚Nein, diesmal nicht!‘ Sie kam ihnen entgegen und breitete die Arme aus. ‚Elvira, geht es dir gut?‘

Utrecht hatte Elvira auf ihre Beine gestellt. Etwas wackelig schwankend lies sie sich von ihrer Mutter in die Arme nehmen. ‚Ihr müsst Utrecht van der Schorten sein! Hengelder hat mir schon so viel von Euch erzählt.‘ begrüßte sie ihn und streckte ihm die Hand hin. Elvira blickte beide fassungslos an. Er zog ihre Hand zu sich heran und wollte sie gerade küssen.

‚Müssen wir ihn diesmal wieder anzünden?‘ kam es gleichzeitig aus Stulpes und Pürkels Mund. Beide waren unbemerkt oben angekommen und schauten fragend in die Runde.

‚Nein, nein. Wir haben ja Elvira dabei. Das müsste auch ohne anzünden gehen!‘ erklärte Lady Esmeralda.

‚Mutter, was hast du vor?‘ fragte Elvira entgeistert.

‚Wir können ihn doch nicht so lassen? Wir holen ihn jetzt zurück!‘ kam es in einer Selbstverständlichkeit aus ihrem Mund.

‚Bitte was?‘ schrie Elvira auf, wurde dann aber gleich von Pürkel unterbrochen: ‚Ach, wir haben das schon vier mal gemacht!‘

‚Oh nein, Mutter! Mit schwarzmagischen Ritualen möchte ich nichts zu tun haben.‘ widersprach Elvira und machte Anstalten rückwärts den Hügel runter zu stolpern.

Utrecht stand plötzlich hinter ihr, hielt sie fest und schob sie unsanft zum Leichnam. In Igors Augen sah es so aus, als würden sie ihr jetzt weh tun wollen. Er sprang von Hinten auf Utrecht und versuchte ihn zurückzuhalten. Es blieb bei dem Versuch. Utrecht schüttelte Igor ab, der im hohen Bogen davon flog. ‚Elvira, vertrau mir!‘ sagte Lady Esmeralda in ruhigen Ton und zog einen Dolch. Igor kam schon wieder angerannt. Lady Esmeralda griff in einen Beutel an ihrem Gürtel und warf feinglitzernden Staub auf Igor. Der, vom Staub getroffen, im vollen Lauf stoppte, in seiner letzten Bewegung erstarrte und nach vorne umfiel. ‚Igor, wage es nicht noch einmal mich zu stören!‘ schrie Lady Esmeralda dabei.

‚Da legt’s di nieder!‘ rief Pürkel belustigt. Igor lag immer noch bewegungslos auf dem Boden. Kopfschüttelnd wand sie sich wieder Elvira zu. ‚Wir müssen uns jetzt beeilen, sonst ist es zu spät!‘ Mit Vollendung dieses Satzes packte sie Elviras Hand und stach mit dem Dolch zu. Elvira schrie entsetzt auf und wollte nur noch fort, doch Utrecht hielt sie immer noch fest und drängte sie zu Hengelders Leichnam. Sie weinte und schrie und sie wehrte sich nach Leibeskräften. Blut quoll aus ihrer geschlossenen Hand. Lady Esmeralda packte ihre Hand und zwang sie, sie zu öffnen. Ihr Blut tropfte auf den Leichnam. Der Bolzen steckte immer noch in seiner Brust.

Plötzlich konnte man ein Surren in der Luft hören. Elvira schaute entsetzt nach oben. Durch den Tränenschleier konnte sie zwar kaum etwas erkennen, aber dort oben braute sich etwas zusammen, das spürte sie. Wind kam auf, der ihr die Tränen aus ihrem Gesicht trieb. Sie zwinkerte und sah wieder nach oben. Es war so, als würde ein Schwarm kleiner flinker Vögel direkt auf sie zuhalten. Elvira bekam Panik und versuchte zu fliehen. Utrecht lies sie einfach los, weil er mit offenen Mund da stand und dem Spektakel zusah. Es waren keine Vögel. Es waren tausende kleiner Feen. Sie schillerten in allen Farben und rasten summend auf sie zu. Elvira ging in Deckung. Während Lady Esmeralda, Utrecht, Stulpe und Pürkel aufrecht da standen und das Ereignis genossen. Die Feen stoben auseinander und flogen über die Ebene davon, nur eine zerschellte in unzählige funkelnde Stücke auf Hengelders Brust. Der Körper Hengelders bäumte sich auf. Die funkelnden Stückchen der Fee prasselten als Diamanten auf den Boden herab. Igor erwachte aus seiner Starre und bemerkte, dass es Diamanten regnete. Er sammelte sie auf und schöpfte sie in seine Hosentaschen. Hengelders Körper bewegte sich. Er zog sich den Bolzen aus seiner Brust, atmete tief ein und ein unheimliches Geräusch kam dabei aus seinem Mund. Elvira schaute schockiert auf. Er riss die Augen auf, zeigte auf sie und röchelte: ‚…iebe dich, Schwester!‘

Elvira wurde wieder ohnmächtig. Die am Boden liegenden Diamanten lösten sich langsam in Rauch auf. Igor saß auf dem Boden und was war das? Er weinte. Aus seinen Taschen und von seinen Händen stieg der Rauch auf.

‚Igor, du Dummkopf! Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass wir seine Diamanten behalten dürfen!‘ lachte Pürkel.

‚Ich erinnere dich nur ungern an dein erstes Mal, Pürkel!‘ sagte Utrecht ganz beiläufig, bevor er zu Elvira eilte. Hengelder war bereits aufgestanden und hatte sich bereits zu Elvira hinunter gebeugt. Utrecht klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und begrüßte ihn: ‚Du wirst alt, mein Freund! Dein Wiederkommen war auch schon mal heftiger!‘

‚Es ist auch schön dich wieder zu sehen, mein Freund!‘ sprach Hengelder Beutelrock. ‚Aber lieber ein kleines Wiederkommen, als kein Wiederkommen!‘

Hengelder nahm Elvira in seine Arme und zog sie liebevoll an sich. ‚Endlich kann ich es zu dir sagen, kleine Schwester. Endlich kann ich dich in meine Arme schließen.‘

Igor würgte hinter ihnen und erntete dafür einen Tritt von Lady Esmeralda.

Utrecht kniete sich auch hin und blickte besorgt auf Hengelder.

‚Du hättest nicht so hart zuschlagen müssen, sie ist doch nach fast ein Kind.‘

‚Woher?‘ fragte Utrecht ungläubig.

‚Deinen Handabdruck kann man immer noch auf ihrem Gesicht sehen.‘

‚Und ich kann ihren noch auf meinem Gesicht spüren!‘ meinte Utrecht und rieb sich die Wange.

Hengelder nahm ihre verletzte Hand in die Seine und küsste sie. In einem Moment rann ihr Blut noch über ihre beider Hände und im anderen Moment hörte es auf. Er wischte da Blut so gut es ging von ihrer Hand. Und als er ihren Kopf berühren wollte, riss sie wieder ihre Augen auf und als sie seine blutverschmierte Hand sah, verdrehte sie wieder die Augen. Er berührte trotzdem die rote Stelle an ihrer Wange und der Handabdruck verschwand langsam. Er rüttelte sie, doch Elviras Körper rutschte nur leblos aus seiner Umarmung.

‚Soll ich’s mal probieren?‘ fragte Utrecht und fing sie auf, bevor sie wieder auf den Boden rutschte. Hengelder riss bei Arme hoch und zischte eifersüchtig: ‚Bitte! Aber schlag sie nicht wieder!‘

Hengelder stand auf und ging zu Lady Esmeralda hinüber, die gerade die Spuren des Rituals beseitigte.

Utrecht küsste Elvira, als er sich so unbeobachtet wie möglich vorkam.

Elvira schreckte hoch und scheuerte ihm eine.

Hengelder drehte sich zu ihnen um und schrie ihn an. ‚Was fällt dir ein, sie zu küssen.‘

‚Hey, ich dachte es wäre eine gute Idee.‘ Er blickte, sich die andere Wange reibend, zu Elvira und zu Hengelder hinüber. ‚Und geklappt hat es allemal! Wach ist sie jetzt.‘

Elvira versuchte gerade sich aufzurappeln und begann zu fluchen. ‚Mir reicht’s, ich könnt mich mal, ich bin doch nicht euer Versuchskarnickel und auch nicht euer Täubchen, dass ihr nach Belieben abknutschen könnt.‘ Als sie rücklings versuchte sich fort zu kommen, stolperte sie über Igor und fiel wieder hin. Utrecht und Hengelder versuchten sie gleichzeitig aufzufangen, stießen aber nur mit den Köpfen zusammen. Sie kroch weiter rückwärts den Berg hinunter und bemerkte dabei beiläufig: ‚Ihr seid doch alle wahnsinnig!‘ Igor eilte ihr zur Hilfe und wollte ihr aufhelfen. Sie rümpfte nur die Nase, ihr Kinn begann zu zittern und sie wurde schlagartig grün im Gesicht. ‚Igor, du stinkst!‘

Würgend drehte sie sich um und übergab sich. Während Stulpe und Pürkel sich die Szenerie belustigt anschauten, haute Utrecht Hengelder mit einer geraden Rechten um. Dann kroch er zu Elvira hinüber und hielt ihr behutsam die beiden Zöpfe hoch. ‚Stulpe, Pürkel bringt den Gnom zur Furt, er soll sich waschen! Wir kommen gleich nach!‘

Mit einem ‚Jawohl!‘ packten sie sich den Gnom und rannten den Berg hinunter.

Esmeralda hielt Hengelder etwas unter die Nase und er kam langsam wieder zu sich. Sie tuschelten miteinander, während Elvira weiter Würgegeräusche von sich gab. ‚Elvira, ich muss mich an diesem Tag ein zweites und drittes Mal bei Euch entschuldigen. Aber Hengelder meinte es nur gut mit Euch. Und ich auch! Wir arbeiten seit 4 Jahren an dem Plan zu Eurer Befreiung und ich muss zugeben, ohne den unwissenden Gnom hätten wir es vielleicht nicht geschafft. Ihr dürft nicht böse auf uns sein, wir wollten Euch nur da raus holen.‘ Währenddessen er redete, hatte er ein Tuch aus seinem Gürtel gezaubert und wischte ihr das Gesicht sauber. Ihr war schwindelig, ihr Kopf rauschte und nachdem sie am Ende ihrer Kräfte war, lies sie sich von Utrecht in den Arm nehmen. Esmeralda hielt ihnen einen Wasserschlauch hin. ‚Er sagt die Wahrheit! Sie steckten die ganze Zeit unter einer Decke.‘

‚Woher kennt ihr euch!‘ meinte Elvira und spülte sich den Mund aus.

‚Wir haben im Krieg zusammen gekämpft. Damals waren wir dumme Jungs, die heiß auf den Krieg waren und Hengelder war noch blond, genauso wie du. Und wir wussten nicht, das Hengelder ein Wiedergänger ist.‘

‚Ich bin kein Wiedergänger!‘ meinte Hengelder erbost. ‚Ich bin nicht Untot!‘

‚Als er das erste Mal starb, wurde er mit allen anderen Leichen verbrannt und er kam wieder. Seine Haare waren von dem ganzen Blut rot geworden. Ich habe ihn dann nochmal getötet, weil ich ernsthaft angenommen hatte, ich hätte ein dämonisches Wesen vor mir. Wir warfen seinen toten Körper wieder auf den brennenden Haufen und als er am nächsten Morgen weinend vor dem Massengrab kniete, ging ich zu ihm und hörte seine Geschichte.‘ erzählte Utrecht leise. Sie blickte ihm ins Gesicht und schüttelte den Kopf. ‚Ihr seid nur halb so alt wie Stulpe und Pürkel, wie könnt ihr im Krieg gekämpft haben?‘

‚Er ist ein Halbelf und wir sind die Letzten eines längst vergessenen Volkes und wir sind dazu verdammt auf dieser Erdenscheibe zu wandeln, bis unsere Lebensenergie erschöpft ist und wir in die nächste Bewusstseinsebene übergehen können.‘ meinte Hengelder ruhig.

‚Nachdem ich ihm eines seiner Leben genommen habe, stand ich seither in seiner Schuld und die habe ich heute eingelöst, indem ich meinen Bruder verraten habe. Nun besitze ich nichts mehr, außer dem, was ich am Leibe trage und dem Gaul da unten.‘

‚Aber ich besitze ein Bisschen was.‘ meinte Esmeralda. ‚Wenn wir schon am Geschichten erzählen sind, dann habe ich auch noch Eine beizusteuern. Bevor ich diesen widerlichen Widerlichen heiraten musste, lebte ich bei meinen Eltern. Eines Nachts sah ich eine Sternschnuppe und am nächsten Tag fand ich dich, Elvira. Wir nahmen dich zu uns und mir war völlig klar, dass du etwas Besonderes bist. Eines Tages kam der unaussprechlich Widerliche, verfluchte meine Eltern und entführte mich und dich. Ich gelobte ihm, seine Frau zu werden, wenn er dir nichts antun würde. Im Laufe der Jahre habe ich meine magischen Fähigkeiten, sagen wir mal, verbessert. Ich habe ihn verflucht, jeden Tag aufs Neue und irgendwann hat es geklappt. Erst habe ich seine Männlichkeit verflucht und dann seinen Namen. Keiner kann sich mehr an seinen Namen erinnern, er nicht und selbst ich nicht. Dann habe ich mich seiner Magie solange bedient, bis nichts mehr davon übrig war. Nun ist er nur noch eine leere, dumme Hülle und wenn Undrocht mit ihm fertig ist, dann bin ich wohl die glückliche Witwe. Ich habe Stulpe dazu angestiftet alle Wertgegenstände auf die Burg meiner Eltern zu bringen. Jahr für Jahr haben wir alles fortgeschafft, was uns am Herzen lag. Dann kam Hengelder auf die Burg und Stulpe weihte mich ein.‘

‚Mutter und ich dachte immer, du hast auch was mit Hengelder.‘

‚Elvira, du ungezogenes Kind.‘ rief Esmeralda empört.

‚Ich hab gesehen, wie er Nachts immer in dein Zimmer geschlichen ist.‘

‚Ja, aber ich bin nie bis zum Morgen geblieben, Schwesterherz!‘

‚Nein, aber Stulpe!‘ meinte Elvira schnippisch. Utrecht kniete immer noch neben Elvira und blickte verwirrt zwischen den Dreien hin und her. Er konnte kaum glauben, was er da hörte.

‚Sag mal, was hältst du denn von mir?‘

‚Mutter, das mit Stulpe wusste ich schon länger, nur das mit Hengelder hat mich echt verwirrt. Und jeder Mann wäre besser gewesen, als ‚Vater‘! Deswegen hab ich mir nichts weiter dabei gedacht.‘

Emeralda war den Tränen nahe und nahm sie in den Arm. ‚Dann reiten wir jetzt heim!‘

‚Heim Heim!‘ Sie wies Richtung Burg Feuerheyn! ‚Oder Heim Heim. Wo auch immer da ist?‘

‚Heim Heim und es liegt hinter dem Fluss und hinter den Bergen.‘ meinte Esmeralda und wies in die Richtung, wo man Stulpe und Pürkel gerade davon reiten sah.

Elvira stand auf. ‚Bevor wir uns zur der Burg deiner Eltern aufmachen, würde ich mich auch gerne Waschen!‘

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Published in: on 26. September 2012 at 20:53  Schreibe einen Kommentar  
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