Drei und eine Axt – Teil 16

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 16

Der Sturm trieb die Wolken über den nächtlichen Himmel. Die Luft war für die Jahreszeit viel zu kalt. Blätter wehten auf Augenhöhe an ihm vorbei. Er zog den Umhang hinten über seinen Kopf und blickte auf den Fluss. Er machte sich Sorgen, obwohl er eigentlich nicht wirklich Grund dazu haben sollte. Sie werden sich schon zurecht finden und solange Nachts kein Bodenfrost ist, werden sie schon nicht erfrieren. Er würde trotzdem kein Auge zu machen, bis sie wieder da waren.

Sie waren nun schon über zehn Tage fort. Er hätte sie nicht gehen lassen sollen oder mit ihnen reiten sollen. Aber Ziska hatte sich durchgesetzt. Sie nahm die Vision sehr ernst und bestand darauf nur mit dem Jungen zu reiten. Und was sollte sie auch mit einem humpelten Trottel, er war ihr keine Hilfe. Er war niemanden eine Hilfe.

Die letzten zehn Tage mussten sie sich am Hof eine Menge über Brauchtum und Sitte anhören, erst von Wena, dann von Otar, der mittlerweile wieder auf den Beinen war und zu guter Letzt auch noch vom Khan, der wiedergekommen war, um das Winterlager zu beziehen.

So war es alter Sitte Brauch, dass die Frauen eines verstorbenen Kriegers an den leiblichen Sohn übergingen, weil ihre Seelen auch nach dem Tod des Mannes weiter verbunden waren und nach ihrem eigenen Tod würde sie ihrem Mann im Jenseits wieder dienen.

Nun waren die Familienverhältnisse eh nicht ganz einfach, weil Halef nicht der leibliche Sohn von Aiden war und Ziska keine Kinder hatte. Otar wollte als nächst ältester Bruder von keinem seiner Rechte Gebrauch machen, da er seines Erachtens bei den Ahnen in Ungnade gefallen sei und ging zum Khan und bat um Rat und um eine Entscheidung. Der Khan jedoch redete sich raus, da er nicht über den Kopf der weißen Hexe hinweg eine Entscheidung treffen wollte. Nachdem aber Aiden den Jungen an Sohnes statt angenommen hatte, war die Erbfolge eigentlich klar. Halef erbte den Hof und hatte für seine Mutter zu sorgen, solange Otar keinen Einspruch einlegte. Vira schüttelte über die Entscheidung nur den Kopf, da es nicht ihr Brauch war, sie sich aber der Sippe fügen musste. Ainur seine Stimmung war mal wieder jenseits von gut und obwohl Vira jede Nacht zu ihm unter seine Felle kroch, wurde seine Stimmung von Tag zu Tag eisiger. Mal ganz abgesehen davon, dass Kejnen seine Stimmung auch nicht recht viel besser war. Sein Knie tobte wieder und sein Herz schmerzte bei jedem Atemzug. Was muss er sich auch in die weiße Hexe verschauen. Was sie in ihm sah, war ihm immer noch völlig rätselhaft. Weil gerade ansehnlich war er ja nicht gerade. Was wollte sie nur von einem alten Krüppel.

Er blickte über das Rauschen des Flusses hinweg. Die Jurten des Khan standen nun in Sichtweite. Er konnte die Feuer sehen und die Tiere plärren hören. Der Khan war sehr ruhig und nachdenklich gewesen, seit dem er von der Vision der weißen Hexe hörte. Die Sonne würde bald aufgehen und er beschloss nicht mehr zu grübeln.

Irgendwann war Kejnen doch neben dem Feuer eingenickt. Und erst als seine Sonne ihm ins Gesicht strahlte, öffnete er seine Augen wieder. Ziska stand vor ihm und blickte ihn milde an. Ihr jugendliches Gesicht war von tiefen Sorgenfalten überzogen und ihre Augenringe ließen ihr Antlitz älter wirken, als sie eigentlich war. Halef schloss gerade das Gatter. Ein Pferd mehr als sonst. Sie hatten das Pferd seines Vaters tatsächlich gefunden und mitgebracht. Der Junge schlich geknickt an ihnen vorbei und verschwand in der Jurte. Dort kroch er zu Lamina ins Bett und wühlte sich durch die Decken bis zu ihrem warmen Körper. Er hatte nur seinen staubigen Mantel und seine Schuhe ausgezogen, die nun im Eingang der Jurte lagen. Lamina nahm ihn im Halbschlaf liebevoll in den Arm und säuselte ihm etwas Unverständliches ins Ohr. Er begann zu weinen, sie schloss ihre Arme fester um seinen Körper, daraufhin brach er völlig zusammen. Seine Mutter lag auf dem Boden bei Ainur. Kejnen wurde von Ziska in die Jurte gezogen, dort stolperten sie über die Schuhe und schob sie beiseite. Vira wurde wach, nach einem kurzen Blickwechsel mit Ziska, sprang sie auf und stürmte zur Stalljurte hinüber. Die Jurte war halb abgedeckt und das Scherengitter war wieder verschlossen worden, nachdem sie die toten Körper hineingelegt hatten. Vira schritt durch die Tür und stockte. Dort lagen zwei in Leinen gebundene Körper auf der Erde. Der Gestank der Leichen lies sie würgen. Ziska hatte Windlichter aufgestellt und hatte verschiedene Harze angezündet. Das machte zwar den Gestank nicht besser, aber erträglicher. Um den Hals des einen Körpers hatte Ziska den Ritusknochen ihres Ehebundes mit einer ihrer Hochzeitsborten gebunden. Dann musste der andere Körper ihr Ehemann sein. Hastig wickelte sie den Kopf der Leiche ihres Mannes frei und erstarrte. Ein blanker Schädel starrte sie aus den leeren Höhlen an. Um den Hals des Skeletts hing ein Stein an einer schweren Kette, in dem ein Mondsymbol eingeritzt war. Sie griff sich an die Brust und stürzte nach hinten um, schnappte nach Luft und würgte zugleich. Hastig versuchte sie nur noch von dem Leichnam fortzukommen. Sie erbrach sich auf dem Weg durch die Jurte. Das Vieh wurde durch ihr Würgen und Stöhnen aufgeschreckt und lief durcheinander und plärrte.

Kejnen, Ziska und Ainur waren ihr gefolgt und versuchten sie zu beruhigen.

Sie war völlig hysterisch und schrie: ‚Das ist nicht mein Mann! Das kann nicht mein Mann sein.‘ Kopfschüttelnd kam sie an der Jurtenwand zum Stillstand, aber nur weil sie nicht weiter kriechen konnte. Ziska hielt etwas in der Hand, dass sie ihr nun in die Hand legte. Ohne hinzublicken erkannte sie, was es war. Es war der Ritusknochen ihrer eigenen Verbindung.

‚Die Ahnen schickten die Geier und erwiesen ihnen eine Himmelsbestattung. Die Geier waren noch am Werk, als wir eintrafen. Sie hatten nur das Pferd in Ruhe gelassen.‘ erklärte Ziska ruhig.

‚Warum dann der Gestank?‘ stotterte Vira, die wieder zu würgen begann.

‚Die Schädel sind ungebrochen, daher der Gestank!‘ würgte Ziska hervor. ‚Die Ringe waren an ihren Fingern, ihr Seelen warten auf das Bett der Ahnen.‘

Vira kroch wieder zum Leichnam, riss sich den Anhänger von ihrem Hals, der das Sonnensymbol trug und band ihn mit dem knochen um den Hals des Leichnams. Nun brach sie vollends zusammen. Ainur nahm sie in den Arm, hob sie hoch und brachte sie zurück in die Jurte. Ziska bedeckte kahle Antlitz ihres Schwagers wieder und ging würgend an Kejnen vorbei, der ihr sogleich humpelnd folgte.

Als Ainur Vira aufs Bett legen wollte, klammerte sie sich panisch an seinen Hals und weigerte sich lauthals sich aufs Bett legen zu lassen. Ziska wurde langsam misstrauisch. Sie hatte schon bemerkt, dass Vira oft schlecht schlief, vor allem seit dem Kejnen da war und seit dem Ainur hier war schlief sie anscheinend noch viel schlechter. Mit erhobenen Händen und summend ging sie schnurstracks aufs Bett zu, drängte dabei Ainur auf die Seite und griff am unteren Balken entlang. Ainur begriff gar nicht mehr, was um ihn herum geschah. Er hielt die weinende Vira immer noch im Arm und stand mitten in der Jurte und beobachtete das skurrile Geschehen. Schreiend hob Ziska das Bett hoch, während Kejnen mit einer Kerze zu ihr rüber humpelte. Im Kerzenschein konnte man Fluchzeichen an der unteren Seite des Bettes erkennen, die in das Holz gebrannt worden waren.

Ziska fluchte lautstark: ‚Dieser Bastard!‘

Halef setzte sich blitzartig auf und blickte sie böse an. Dann ging ihr sichtlich ein Licht auf.

Halefs Miene entspannte sich wieder ein Wenig. Wie von einem Schlag getroffen, ließ sie den Rahmen fallen und lief kopfschüttelnd zu ihrem Bett hinüber, um auch unter ihrem Bett nach zu sehen. Dort waren keine Fluchzeichen, erschöpft sank sie aufs Bett und grübelte fluchend weiter. ‚Diese alte verbitterte Hexe…!‘

‚Ziska, hast du dich nun entschieden, ob du lieber meinen toten Vater beleidigen willst oder Großmutter?‘ sprach Halef mit einer erschreckend ruhigen Stimme. Ziska blickte ihn entschuldigend an, denn sein Blick verriet ihr seine Wut. Seine Augen funkelten böse zu ihr hinüber.

‚Kejnen kannst du den Rahmen noch einmal hochheben?‘ sprach sie ruhig.

Kejnen stellte die Kerze am Boden ab und hob den Rahmen hoch und lehnte ihn gegen die Jurtenwand. Im Kerzenschein konnte man die Fluchzeichen erkennen.

Dann schluchzte Vira: ‚Aiden, war des Schreibens gar nicht mächtig und er hätte mir nie misstraut!‘

Dann sprang Ziska auf und rannte aus der Jurte, um wenig später wieder zu kommen.

‚Bei Wena ist es auch.‘ sprach sie ruhig.

‚Nur Großmutter hatte die Möglichkeit und die Macht auch über den Tod hinaus, einen Fluch zu festigen.‘ meinte Vira erschreckend gefasst. Sie hatte sich aus Ainurs Umarmung gewunden und er lies sie sachte auf den Boden gleiten. Ziemlich wackelig auf den Beinen stolperte sie zum Bett von Halef hinüber und stürzte. Halef fing sie auf, schloss sie ihn die Arme und schon war ihrer beider Stärke wieder verflogen. Sie schluchzen sie gegenseitig an. Lamina deckte sie Beide liebevoll zu. Doch Vira hielt sie fest, als sie sich entfernen wollte.

Ainur zerlegte kurzerhand das Bett und brachte es raus. Kejnen schob die Decken zur Seite und half Ainur soweit er konnte.

Ziska lief ihnen schreiend hinterher und kam dann wieder. Sie riss den Jurtenstoff neben der Tür auf und schob das Scherengitter zur Seite. Dann ging sie durch die Öffnung und schloss die Jurtentür. Hastig zündete sie einige Kräuter an, die an einer Leine zum Trocknen hingen. Damit wedelnd ging sie durch die Jurte und murmelte Unverständliches, dann schrie sie wieder und lief zum offenen Scherengitter. Dann schnitt sie sich mit einem kleinen Messer in die Hand, Blut quoll hervor. Sie beträufelte die Fläche der Öffnung und ging dann an die Stelle, an der bis eben noch das Bett gestanden hatte und lies das Blut auf den Boden tropfen.

Als Ainur und Kejnen verschlossen die Jurte und betraten sie dann durch die Tür. Sie stand immer noch völlig in sich gekehrt an der Stelle und murmelte. Kejnen erkannte, dass ihr Blut von der Hand rann und auf den Boden tropfte. Er humpelte zu ihr hinüber, zog ein Tuch von einer Leine und wickelte es um ihre Hand. Sie rückten einige Truhen auf den Platz, wo das Bett gestanden hatte und bauten aus allen Fellen und Decken eine Bettstatt, an einer anderen Stelle der Jurte. Ainur stand gebückt in der Jurtentür. Er war zu Recht verwirrt, Ziska hatte alle seine Felle zum Bettenbauen verwendet. Er wusste nicht, was alle davon halten würden, wenn er nun ‚offiziell‘ bei Vira schlafen sollte. Er hatte immer noch die Worte des Khan im Ohr, die jedliche neue Verbindung vorerst untersagte.

Vira löste sich aus der Umarmung der beiden Kinder und setzte sich auf. Ziska kam zu ihr hinüber und zog eine Flasche aus ihrem Korb. Mit zitternden Fingern zog sie an dem Korken. Sie nahm einen tiefen Schluck und gab die Flasche an Vira weiter. Sie schluchzte noch einmal und nahm auch einen kräftigen Schluck. Keuchend zog sie gleichzeitig den Rotz die Nase hoch. Halef nahm ihr die Flasche ab und nahm auch einen anständigen Schluck. Auch er zog keuchend die Luft ein und schlug sich auf die Brust. Lamina nahm die Flasche an sich. Schüchtern nippte sie nur daran. Sie kroch aus dem Bett und drückte sie Ainur in die Hand, der wie zu Stein erstarrt noch immer in der Jurtentür stand. Kejnen humpelte ihm entgegen und nahm ihm die Flasche ab, als Ainur zu einem zweiten Schluck ansetzte.

‚Warum war mir klar, dass es dich nicht mal beutelt, bei dem Teufelszeug.‘ krächzte er kopfschüttelnd und humpelte mit der Flasche in der Hand zum Bett hinüber. Als Vira aufstehen wollte, strauchelte sie. Ainur fing sie auf und trug hinüber, um sie zu betten. Ziska holte sich noch einmal Kräuter von der Leine, zündete auch diese an und ging summend noch einmal durch die ganze Jurte. Kejnen hatte sich erschöpft aufs Bett gesetzt, trank einen kräftigen Schluck und zog seine Schuhe aus. Ziska kam zu ihm hinüber, warf die restlichen Kräuter ins Feuer und legte einige Scheite nach. Als sie den nächsten Schritt in Kejnens Richtung tat, brach sie lautlos zusammen.

Er konnte sie gerade noch auffangen. Umständlich bugsierte er sie aufs Bett, zog auch ihr die Schuhe aus und deckte sie und sich irgendwie zu.

Ainur saß eine Weile völlig mit den Nerven am Ende an der Bettstatt und strich Vira mit zitternden Händen übers Haar. Nach einiger Zeit öffnete sie die Augen und sah wie er zusammengesunken neben ihr kauerte. Wortlos zog sie ihn zu sich unter die Decken.

Verhalten nahm er sie in den Arm und seufzte schwer. Sie flüstere mit zitternder Stimme in sein Ohr. ‚Mein halbes Leben beruht auf einen bösen Fluch einer verbitterten, alten Frau.‘

‚Aber du bist du, Fluch hin oder her.‘

‚Ich weiß nicht mehr wer ich bin.‘

‚Du bist eine wunderschöne, starke Frau und ich, ich…‘ Seine Stimme brach. Dann fing er sich wieder. ‚Ich habe es gar nicht verdient und vor allem nicht das Recht, bei dir liegen zu dürfen.‘

‚Brauchtum und Sitte und Anstand verbieten es.‘ meinte Vira bitter.

‚Und der Khan und vor dem langen Arm seiner Worte habe ich mehr Ehrfurcht, als vor den Bräuchen einer mir völlig fremden Welt.‘

Sie drückte sich fester an seinen Körper und suchte seine Hand, um sie im nächsten Moment zu ihrem Mund zu führen. Sie zögerte kurz, dann küsste sie seine mächtige Pranke. ‚Doch Ihr habt Euch mein Herz bereits am ersten Tag verdient. Des Khans Wort hin oder her.‘

‚Waren wir nicht bei du und du?‘ meinte er in ihr Haar, seine Lippen zitterten, als er ihre Stirn küsste. Und er hoffte inständig, dass sie den Stein nicht hörte, der so eben von seinem Herzen herabfiel.

‚Mein Herz hat mein ganzes Leben lang auf dich gewartet.‘ flüsterte er in ihr Haar. Sie schluchzte, als sie die Worte vernommen hatte. Er küsste ihr die Tränen vom Gesicht und wiegte sie in seinen starken Armen. ‚Du bist so eine starke Frau und doch so zerbrechlich. Ich möchte dir dienen und dein starker Arm sein.‘

‚So lange ich mich an deiner Schulter anlehnen und aus heulen kann, darfst du alles…!‘

Diesmal stoppte er sie mit einem Kuss. Sie erwiderte ihn.

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