Das Tagebuch einer Metzgerstochter

Das Tagebuch einer Metzgerstochter

Mein Name ist Bruna. Ich bin die Tochter vom Metzger Ulgur in Hoimarshold.
Er lehrte mir nicht nur das Metzger- und Fleischhauerhandwerk, sondern brachte mir auch das Lesen und Schreiben, Zählen und Rechnen bei. So gut es eben ging, weil ich da nicht so ganz seiner Meinung war. Warum sollte ich auch lesen können, oder gar schreiben, wenn ich doch das ganze Jahr nur die Schweine füttere. Sie zur Schlachtbank führe und wenn mein Vater die Schlachterarbeit macht, schleppe ich das Fleisch zu den Leuten. Die Bestellungen kann ich mir merken und mich übers Ohr hauen, traut sich keiner. Weil jeder im Ort weiß, wie ich mit einer halben Schweinehälfte umzugehen weiß.

Mein Vater trank schon immer sehr viel von dem Met oder auch vom Biere. Nur in letzter Zeit fiel mir auf, dass er ihm der Schnaps noch viel mehr angetan hatte. Deswegen stehe ich nun immer öfter hinter der Schlachtbank und mache eigentlich die ganze Arbeit alleine.
Warum er soviel trinkt? Weiß ich nicht so genau. Könnte vielleicht an der Abwesenheit meiner Mutter liegen. Ja, eine Mutter habe ich natürlich, auch wenn ich sie nicht wirklich kenne. Vater erzählt nicht viel drüber und wenn ihn jemand drauf anspricht, trinkt er noch mehr und ich hab dann noch mehr Arbeit am Hals, wenn er den ganzen Tag seinen Rausch ausschläft. Also halte ich schön die Schnauze und mache mir auch keine Gedanken da drüber. Im Allgemeinen mache ich mir eh recht wenig Gedanken über alles. Warum auch? Mir geht es gut, solange ich was zu tun habe. Und zu tun gibt es in unserer Metzgerei immer was.


Zum Samhainfest in diesem Jahr kam es dazu, dass sich das Swajut des ehrenwerten Raskell in Hoimershold ankündigte, um die Feierlichkeiten zu begehen.
Es wurde eine stattliche Sau bestellt. In der Woche vor dem Samhainfest ging ich jagen und schleifte eine ordentliche Sau nach Hause und sperrte sie ins Gatter hinterm Haus. Sie stand außerordentlich gut im Futter, da werden die ehrenwerten Krieger aber zufrieden sein. Ohnehin ist der Schweinebestand dieses Jahr eh recht mager und ich werde mich nach dem Samhainfest wohl wieder aufmachen müssen, um noch ein paar Einjährige zu fangen, damit sie bei uns überwintern. Ähm, damit wir im Winter nicht alle verhungern müssen.
Nichts desto trotz hab ich hinterm Haus einen Gemüsegarten angelegt. Der Mensch lebt ja nicht vom Fleisch allein. Auch wenn wir bei jedem Vieh, des uns die Bauern bringen, unseren Anteil bekommen, sorge ich gerne für schlechte Zeiten vor. So habe ich im Wald wilde Äpfel gesammelt und allerlei Wurzeln und Pilze. Auf dem Dachboden trocknen nun die Pilze und die Kräuter und im Keller lagern die Wurzeln, das Gemüse und die Früchte. Der Winter kann nun kommen, weil kommen tut der Winter immer. Früher oder später. Auch wenn mir dass mit den Schweinen ernsthaft Sorgen machte. Liebes Tagebuch, du merkst schon, dass ich mir doch mehr Gedanken mache, als ich freiwillig zugeben möcht. Aber verhungern will ja auch keiner.
In der Nacht vor Samhain hab ich die ganze Nacht wachgelegen. Nicht weil ich so aufgeregt war, nein. Da hat sich wohl ein Wolf herum getrieben, den konnte man die halbe Nacht heulen und johlen hören. In der Früh ist mir dann die Sau durchs Gatter hindurch gebrochen und abgehauen. Die blöde Sau!

Jetzt muss ich aber erst die Fleischbestellung für die ehrenwerte Paigi ausliefern, die Trossköchin des Swajut des ehrenwerten Raskell. Es konnte ja keiner verantworten, vor allem nicht ich, dass der ehrenwerte Raskell und seine Mannen nach der harten und beschwerlichen Reise zu uns hier nach Hoimarshold, noch an Ort und Stelle verhungern. Und die Sau würde ich im Anschluss wieder einfangen. Und diesmal schneid ich sie gleich um, dann lauft se mir nimmer fort, die Sau.

Die Jagd nach meiner Sau war recht einfach. Sie hatte sich in einem niedrigen Hain unweit des großen Feuers zum Fressen niedergelassen. Im Herbst kommt die Sau nicht weit, bei den vielen Eichen und Buchen, die in unseren Wäldern stehen. Dann braucht man sie nicht mehr stopfen. Aber bevor sie auf den Grill kommt, werde ich sie ordentlich ausbluten lassen, dann abhängen und sie schon mal mit meiner Tunke einreiben.

Mein Geheimrezept meiner Fleischtunke erzähle ich niemanden. Nicht mal meinem Tagebuch. Außerdem schweife ich ab. Ein ganz ein junger Krieger hatte sich bereit erklärt, mich bei der Jagd zu unterstützen.
Kaum hatten wir die Sau gestellt, jagten wir sie durchs Unterholz. Da kam einer der Krieger des Swajuts angerannt und erschreckte die Sau mit seinem Schwert so, dass der junge Krieger den finalen Schlag tätigen konnte und die Sau endgültig zu Fall brachte, während ich mir ausmalte, wie ich die Sau die nächsten Tage mit meiner Wundertunke bestrich.


Wir präsentierten die Sau dem Swajut. Zwei der Krieger hatten in der Schlacht der vergangenen Nacht ihre Zunge ganz oder teilweise verloren, deswegen kauften sie dem Jungen und mir die Zunge der Sau ab.

An dem Tag haben die Heiler und Schamanen wirklich ein Wunder gewirkt, die beiden konnten fast einwandfrei wieder reden, bis auf ein paar kleine Grunzer zwischendurch. Aber wer kann außer mir schon von sich behaupten, er könne Säuisch reden.

Den restlichen Tag, lies ich die Sau ausbluten und beobachtete die Mannen beim Herbsttunier. Ist ja nicht alle Tage Samhain und der Vater lag ja eh noch in seinem Suff vorm Haus und kümmerte sich um nichts weiter, als um sein Schnarchen. Da konnte ich meinen Feierarbeit auch mit interessanten Dingen gestalten. Habe den Meisterapfelstrudel der ehrenwerten Paigi kosten dürfen und ich muss sagen auch der Fleisch-Bohnen-Topf war ausgezeichnet. Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass die Metzgerstochter Tränen in den Augen hat, weil das Essen so unglaublich schmackhaft ist. Man sollte ihr einen Preis verleihen.

Nach den Kriegerprüfungen nahm ich noch an der Ehrung der Toten teil, die mit einem lauten Knall verbrannt wurden. Später wurde der Abend in Bier, Met und Schnaps ertränkt, deswegen kann ich leider nicht mehr so viel davon berichten.
Ich träumte die ganze Nacht davon feindliche Krieger mit Tunke zu
beschießen und mit brennenden Wurfschweinen zu grillen. Zwei Fliegen mit einer Klappe.


So, liebes Tagebuch, bin in der letzten Woche nicht ganz so viel zum Schreiben gekommen. Es ist viel passiert. War jagen… Und hab komische Träume gehabt. Davon will ich eigentlich gar nichts schreiben. Hab zuerst sieben herrenlose Frischlinge gefunden. Ich Glückspilz. Hab sie dann zu der Höhle gebracht, die mir schon oft Unterschlupf vor Wind und Wetter geboten hat. Der Weg zurück nach Hause wäre zu weit gewesen. Ich hab sie erst mal Eicheln fressen lassen und hab ein Gatter gebaut. Dort zwischen den Eichen fühlen die Schweinchen sich wohl und sicher waren sie auch, habe ein paar Feenringe gesehen, die werden sie zumindest vor bösen Geistern schützen.
Bin dann nochmal los in den Wald, ich traute dieser glücklichen Fügung nicht ganz über den Weg. Weit vor der Dämmerung bin ich dann über die Bache gestolpert. Sie lag völlig ausgeweidet auf einer Lichtung. Es sah ein bisschen so aus, als wäre ihr Innersten nach außen gestülpt worden. Bei dem Anblick hab ich mich schon ganz schön erschrocken. Da war irgendwas nicht in Ordnung, es war so als wäre die natürliche Ordnung völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Ich dachte an den Wolf, den ich in der Nacht vor Samhain gehört hatte. Aber sowas machte kein Tier. Nichtmal die Orks. Oder sogar die Wendools hätten so eine abartige Tat nicht vollbringen können. Hier mitten im Wald und ohne offensichtliche Spuren zu hinterlassen. Und warum gerade eine Sau abschlachten, weil so richtige gefressen worden ist sie ja auch nicht. Nach dem sich dann auch gleich meine Nackenhaare aufstellten, beschloss ich so schnell wie möglich zur Höhle zurück zukehren.
Bei der Höhle angekommen lagen die sieben Schweinchen am Stamm der großen Eiche und schliefen den Schlaf der Unschuldigen. Ich habe ziemlich viel gegrübelt, dass hielt mich dann auch die halbe Nacht wach. Sicherheitshalber habe ich die schlafenden Schweinchen einzeln in die Höhle getragen, habe die Höhle dann mit dem Gatter verschlossen und habe ein ganz kleines Feuer gemacht. Mit meiner Axt im Arm wachte ich mehr, als dass ich schlief und noch bevor der nächste Tag anbrach, machte ich mich wieder auf, zurück zu der Stelle zu gehen, wo ich die tote Bache gefunden hatte.
Die Sonne ging gerade auf und das schale Licht kämpfte sich durch den Morgennebel. Die Bache lag da noch. Sie stank schon. Keines der Tier, die üblicherweise sich am Aas labten, hatte sich auch nur in die Nähe getraut. Ich beschloss die Sau zu verbrennen und den Platz mit meinem Blut zu reinigen. Ich bin zwar am Arsch kein Schamane, habe aber schon oft zugesehen, bei dem was die immer so trieben. In unserer Hag wurde immer alles mit Feuer und Blut gelöst. Und in der Not ist es besser, ich mache es, bevor dann genau hier an diesem Ort, die bösen Geister sich dann dem Walde bemächtigen. Gedacht, getan.
Was für eine Sauerei, hab zu tief geschnitten, weil meine Hand so gezittert hat. Werd das nachher nähen müssen. Heute ist doch nicht mein Glückstag.


Am Weg zurück zur Höhle, beschloss ich, egal was noch passieren würde, den Marsch nach Hause anzutreten. Ich beschloss einige der kleinen Schweine zu tragen und die Anderen anzubinden und mit mir zu schleifen. Sie waren eh recht beunruhigt und gingen ohne zu bocken mit. Völlig erschöpft kam ich zuhause an, steckte die Schweine in den Pferch und schlief quasi schon im Stehen ein.
Die Nacht über träumte ich einen Traum, der seit dem jedes Mal wieder kehrte, wenn ich die Augen schloss. Eigentlich war der Traum augenscheinlich immer der Selbe, es kam mir aber immer so vor, als wäre jedes Mal eine Kleinigkeit anders. Ich wage es nicht davon zu schreiben, nicht dass es noch wahr wird. Manchmal kann ich fast nachvollziehen, warum mein Vater seinen Kummer im Schnaps ertränkt, wenn er auch solche Träume hat.
Liebes Tagebuch. Ich habe seit der Nacht, als ich aus dem Wald kam, kaum mehr länger als ein paar Stunden jede Nacht geschlafen. Dieser Traum scheint mich auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Werde zunehmend aggressiver, was aber niemanden auffällt. Versuche meine Wut am Schlachtvieh auszulassen. Nachdem wir eh viel zu tun haben, nehme ich die Arbeit, wie sie kommt und versuche nicht darüber nachzudenken. Dies fiel mir wahrhaftig nicht leicht.
Das ging solange gut, bis ich an den unmöglichsten Orten einschlief und von diesem Traum wieder aus dem Schlaf gerissen wurde und in Raserei verfiel. Die Leute aus dem Ort bekamen es schon mit und mieden mich und unsere Metzgerei.
Dem Wahnsinn anheim fallend lief ich wieder in den Wald, um mich meinen bösen Geistern zu stellen. Hätte eigentlich eine gute Idee sein können, wenn man auch nur eine kleine Ahnung davon hätte, wie man mit bösen Geistern umzugehen hatte, oder wie man sie gar wieder los wird. Aber wenn man nicht schläft, ist man nie richtig wach. Und dann kommt man eher auf weniger geistreiche Ideen. Ich lief durch den Wald und erklomm einen unserer höchsten Hügel. Dort oben machte ich ein Feuer und betrank mich. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich mit meiner Fresse in der Asche. Halb erstickt schrecke ich hoch und hatte ein klares Bild vor Augen.
Eine Frau, die dem Gesicht zum Verwechseln ähnlich sah, dass ich immer im Wasser erblicke, wenn ich mich wasche, weint eine blutige Träne und verschwindet tanzend in rauschenden Flammenkreisen.
Während ich die paar Zeilen hier schrieb, blickte ich der Sonne entgegen, wie sie über den Hügeln meiner Heimat aufstiegt und mir fröhlich entgegen lächelte. Ob die Frau, die ich in meinem Traum sah, ich war oder vielleicht sogar meine Mutter, vermochte ich nicht zu sagen. Langsam glaubte ich dem Gerede der alten Frauen sogar, das ich ihr wohl wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich war. Ich beschloss nach Hause zu gehen, um meinem Vater von den Träumen zu erzählen und ihn zu bitten, mir von meiner Mutter zu erzählen.

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Erlebnissen auf Samhain 1. (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

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