Drei und eine Axt – Teil 19

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 19

Bis auf die Totenwache versammelten sich alle wieder unten auf dem Hof. Die Töchter des Khan bereiteten Essen für alle und die Männer brachten ein paar Tische und Bänke aus der Khansjurte über den Fluss. Otar und Wena wuschen sich und die Kinder. Und alle Kinder wurden wieder in die Jurte gebracht, sie bekamen zu essen und diesmal war es Orsolya, die ihnen eine Geschichte erzählte. Halef wurden von den Söhnen des Khan zum Fluss gebracht. Es waren Laken am Ufer entlang gespannt worden, damit keiner sah, was hinter den Laken geschah. Sie nahmen den Ritus der Waschungen sehr ernst, schafften es aber nicht ihre Klappe zu halten.

‚Halef als Sippenoberhaupt. Und dann gleich eine Frau. Da wird es in der Jurte heute aber heiß her gehen.‘ meinte Kel, der Jüngste der Khanssöhne. Er war kaum älter als Halef, hatte aber eine riesige Klappe.

Halef schwieg und musste ernsthaft an sich halten, um nicht auszurasten.

‚Aber wenn sie schon zugeritten ist, macht sie dir wenigstens keinen Ärger.‘ lachte Kel. Elger haute seinem Bruder von hinten auf den Kopf. Doch Kel hustete so, dass es sich wie das Wort ‚Hure!‘ anhörte.

Ziska stürmte durch das Laken und blickte sie unwirsch an.

‚Die Trauerzeit gilt nicht nur für seine Mutter und Ainur.‘ meinte die weiße Hexe und unterbrach das Geplapper. ‚Und Kel, wenn du nicht willst, dass Dich der Fluch der Ahnen trifft, dann hör auf von solchen Schweinereien zu reden! Und wenn du nicht willst, dass dich mein Fluch trifft, dann verschwinde aus meinen Augen.‘

Lamina trat vor das Laken, sie hatte einen Stapel mit Kleidern im Arm und legte sie auf den Boden. Halef sah, dass sie wütend war. Sie atmete tief durch und meinte: ‚Dem letzten Mann, der mich unerlaubt nahm, habe ich den Schwanz abgeschnitten, daran ist er langsam verblutet und damit er nicht so schreit, habe ich ihn damit das Maul gestopft.‘ Schamesröte war ihr ins Gesicht gestiegen und doch blickte sie wütend in die Runde. Als sie eine Augenbraue hob, rief Halef: ‚Lamina, gib den Knochen wieder, wenn es einer von euch drauf ankommen lassen will, noch trauere ich!‘

Die Männer gingen hastig in alle Richtungen davon und Lamina hielt Halef verstohlen ein Handtuch hin. Seine Wangen waren roter als die Ihren, als er sich das Tuch um die Hüften wickelte. ‚Der Knochen liegt unter meinem Kopfkissen, wenn du ihn nimmst, strafen dich deine Ahnen, nicht meine.‘

‚Tante Ziska, sie macht mir Angst!‘

‚Jetzt schon?‘ meinte sie fast beiläufig und zog ihr Kleid aus.

‚Küsst du mich jetzt, ich bin sauber!‘

‚Ich kann dich nicht küssen, wenn du nichts an hast, du trauerst.‘

‚Ich hab ein Handtuch an!‘

‚Jetzt küsst euch schon, ich schau auch nicht hin.‘ meinte Ziska und ging ins Wasser.

Sie küssten sich und er verschwand hastig. Er durfte eigentlich nicht hier sein, während sich die weiße Hexe wusch. Langsam wurde es ihm echt zu viel.

Lamina entkleidete sich und ging ins Wasser. Ziska fragte neugierig: ‚Ist das wahr?‘

Zurecht ertappt, lächelte Lamina gezwungen. ‚Ich habe einen abgebrochenen Dolch benutzt!‘ Sie stockte kurz und schluckte schwer. ‚Ich hab dem Bruder vom Sklaventreiber die Eier abgeschnitten und sie seinen Kötern zum Fressen gegeben. Das war auch ein Grund, warum sie mich so zugerichtet haben.‘

‚Was besseres wäre mir aber auch nicht eingefallen!‘ meinte Ziska und wusch Lamina den Rücken.

‚Wie, den Männern die Geschichte erzählen, oder…?‘

‚Beides, Lamina, beides! Ich war damals nicht so schlau, als ich bei den Barbaren gefangen war.‘

‚Ich habs bitter bereut, als er an seinen Verletzungen gestorben ist und sein Bruder mich halb tot geprügelt hatte.‘ meinte Lamina und drehte sich blitzschnell um, als sie im Augenwinkel einen Schatten am Laken erblickte.

‚Könnt ihr euch beeilen, ich rieche nach dem Erbrochenen der weißen Hexe!‘ rief Kejnen.

‚Ja, sind gleich soweit.‘ riefen beide.

Lamina ging aus dem Wasser und zog sich rasch an, als sie durch die Laken schritt, stand Kejnen immer noch da. Als sie oben angekommen war, sah sie gerade noch, wie Halef sich in Richtung Wald davon machte. Er hatte sogar seine Hunde zurück gelassen. Sie aß rasch etwas, schnappte sich ein Wolltuch, wickelte es sich um ihre Schulter und folgte ihm mit seinen Hunden. Sie hatte ein mulmiges Gefühl allein im Wald zu sein, obwohl die Hunde bei ihr waren. Irgendwann fand sie ihn, wie er auf einer kleinen Lichtung kniete und nach oben starrte. Die letzten Sonnenstrahlen kamen durch die Baumkronen, strahlten ihm ins Gesicht und trockneten seine Tränen. Die Hunde blieben am Rande der Lichtung zurück, während Lamina ihm entgegen ging und vor ihm stehenblieb. Von ihm kam keine Reaktion. Sie griff ihm vorsichtig an den Schultern und nahm ihn dann nach einer Weile in die Arme. Er starrte mit leeren Blick durch sie hindurch. Es dauerte lange, bis er sich regte und sie endlich anblickte. Tränen liefen ihm über die Wangen, dann schlang er seine Arme um ihre Hüften und fing an zu schluchzen. Sie strich ihm übers Haar, er drückte sein Gesicht gegen ihren Bauch und heulte in ihre Tunika. Sie glitt langsam zu ihm herab, sein Kopf lag nun auf ihren Brüsten. Sie strich ihm sein Haar zurück, während er sich immer noch an sie klammerte. Sie lehnte ihren Kopf auf den Seinen. Irgendwann blickte er auf. Über ihm schien nur das in die letzten Sonnenstrahlen getauchten Haar dieses unglaublichen Mädchens. Sie schüttelte ihre Haare aus dem Gesicht und küsste ihn sachte. Er erwiderte den Kuss. Sie zuckte ein Wenig zurück, er hielt sie aber fest und küsste sie erneut, nur gieriger. Sie versuchte sich von seinem Mund zu lösen, als er noch einmal nach fasste, um ihr seine Zunge in den Mund zu schieben. Sie biss vor Schreck zu, riss sich los und stürzte rücklings über den moosigen Waldboden. Mit weit aufgerissenen Augen kroch sie weiter von ihm weg. In dem Moment begriff er erst, dass er zu weit gegangen war, er stürzte ihr hinterher.

‚Es tut mir leid, ich… ich…‘ seine Reaktion verängstigte sie nur noch viel mehr. Sie kroch weiter bis sie mit dem Rücken gegen einen Baum stieß. Leicht panisch kroch er hastiger ihr hinterher, er wollte sie ja nur beruhigen.

Der Ausdruck in ihrem Gesicht hätte ihm allerdings erkennen lassen müssen, dass sie nur noch mehr verängstigt war und eigentlich nur vor ihm flüchten wollte. Er berührte hastig ihren Fuß und umfasste ihren Knöchel. Sie zuckte zurück, und als er nochmal nach fassen wollte, strampelte sie wie verrückt. Ein heftiger Tritt ihres Fußes in sein Gesicht lies ihn zurück taumeln. Er war einen Moment lang benommen. Als er wieder ansetzte sich ihr zu nähern, gingen seine eigenen Hunde dazwischen und knurrten ihn an.

‚Sagt mal, geht’s noch! Ich will…‘ Die Hunde fletschten die Zähne. Nun begriff er. ‚Lamina, bitte, ich wollte …ich will dir doch nichts tun, es tut mir leid!‘

Sie klammerte sich an einen der beiden Hunde und schaute ihn ebenso verwirrt durch einen Tränenschleier hinaus an, wie er entsetzt und verwirrt zurück blickte.

‚Ich wollte dir doch bestimmt nicht zu Nahe treten, auch wenn ich es gerade getan habe.‘

Plötzlich stand er auf, lies die Schultern hängen und war im Begriff sich umzudrehen und zu gehen.

‚Bitte geh nicht…!‘ stotterte sie. Er hatte sich schon umgewandt und war schon ein paar Schritte weiter, als er wie auf ihr Kommando stehenblieb.

Sie wiederholte noch einmal. ‚Bitte geh nicht…! Ich finde ohne dich im Dunkeln nie wieder zurück!‘

Er blickte über seine Schulter, sie hatte sich kniend aufgerichtet und sich das Schultertuch wieder über den offenen Klappenmantel gezogen.

Immer noch von ihr abgewandt sprach er nur so laut, dass sie ihn gerade noch verstehen konnte.

‚Ich bin so verwirrt, ich trauere um einen Mann, der gar nicht mein Vater war, aber einen besseren Vater hätte ich gar nie haben können, wenn er sich uns nicht angenommen hätte…!‘ Seine Stimme brach, er fing sich aber gleich wieder. ‚Und als sie einfach in den Krieg gezogen sind, haben sie mich hier zurück gelassen. Ich wäre jetzt der Mann am Hof! Das war vor vier Jahren! Und jetzt bin ich auch noch der Sippenführer.‘

Es wirkte so, als würde er gar nicht mit ihr reden, sondern mit jemanden, der gar nicht da war. Dann drehte er sich wieder zu ihr um. Sie kniete immer noch am Boden, blickte ihn skeptisch und verwirrt zugleich an und hatte immer noch einen der Hunde ihm Arm.

‚Und dann kommst du in mein Leben gestolpert!‘ Er lächelte sanft und überglücklich zu gleich. ‚Und ich hab mich in deine Augen verliebt, als du mich das erste Mal angeblickt hattest. Und dann der heutige Tag, ich trauere, bin wütend und bin doch unglaublich glücklich.‘ Ihr liefen wieder Tränen über die Wangen und er fuhr fort. ‚Es tut mir leid, wenn ich dir zu Nahe getreten bin, ich wollte es nicht so…ähm…!‘ Er stürzte wieder zu Boden. ‚Bitte…kann ich …lass mich dich…!‘ Die Hunden wichen nicht zur Seite und knurrten wieder. Durch ihre tränenden Augen blickte sie ihn an und erkannte dass auch er weinte. Sie schob die Hunde auf die Seite und sie stützten sich beide in die Arme. Die Hunde blieben wachsam an ihrer Seite sitzen.

‚Es tut mir leid.‘ schluchzte er. ‚Verzeih mir.‘ Weinend kauerten sie auf dem Waldboden und hielten sich eng umschlungen fest. Irgendwann sackte er kraftlos nach hinten weg und sie stürzte ihm hinterher. Mit einen leichten Quietschen blieb sie auf ihm liegen. Die Hunde waren aufgesprungen und knurrten wieder. Lamina zischte ihnen zu und die Hunde verstummten.

‚Jetzt gehören dir auch noch meine Hunde.‘ flüsterte er wehmütig.

Sie strich ihm über die Blessur an der Stirn, die sie ihm vorhin mit dem Fuß verpasst hatte.

‚Mein Herz gehört dir bereits, aber lass mir bitte meine Hunde.‘ jammerte er, während ihm die Tränen von den Wangen tropften.

‚Nimm mein Herz dafür, mehr habe ich nicht zu geben.‘ flüsterte sie.

Er blickte sie wortlos an und traute sich aber nicht mehr sie zu küssen. Dann stotterte er: ‚Ich würde dich gerne küssen.‘

‚Ich will es ja auch, aber nicht so stürmisch… ja.‘ flüsterte sie.

Langsam kam sie ihm näher und fast unmerklich berührten sich ihre Lippen. Er zögere und zuckte schließlich zurück, sie setzte nach und drückte ihm einen festen Kuss auf seine Lippen. Den er, so vorsichtig es ihm auch möglich war, erwiderte. Als sich ihre Zungenspitzen berührten, schnellten sie wieder auseinander und rollten von einander weg und setzten sich wieder auf. Sie blickten sich noch verwirrter an. Die Hunde waren wieder aufgesprungen und wussten nun überhaupt nicht mehr was los war. Nun saßen sie nebeneinander auf dem feuchten Waldboden und blickten sich weiter an. Die Verwirrung verflog langsam.

‚Sei mir nicht mehr böse.‘ sagte er und unterbrach damit die Stille.

‚Wie kann ich dir denn böse sein, ich habe nur dich.‘

‚Ja und meine Hunde!‘ meinte er und rieb sich dabei den Kopf. Sie lehnte sich wieder zu ihm rüber. küsste sein Auge, dass mittlerweile blau anlief. Er zuckte zurück, da es ihm schmerzte.

‚Es tut mir leid, ich hab dich wirklich ganz schön erwischt.‘

‚Ich habs ja auch irgendwie verdient!‘

‚Nein, es tut mir echt leid! Ich, Ich… bin auch so verwirrt. Das war heute wirklich alles zu viel. Ich weiß ja dass du mir nichts böses willst.‘ stotterte sie und schluchzte wieder.

‚Ich bin nur froh, dass du mir nicht meine Hunde auf den Hals gehetzt hast.‘ sagte er ruhig und lächelte sie an. Sie legte den Kopf auf seine Schulter und lehnte kurz darauf seinen Kopf gegen den ihren. Ihre Hand suchte die Seine. Es schauderte sie leicht, da ihr Tuch von ihren Schultern gerutscht war. Er löste sich von ihrer Hand, legte ihr behutsam das Tuch wieder über ihre Schultern und nahm sie in den Arm, um sie zu wärmen. Langsam sackte sie in seine Umarmung, bis er ebenfalls zu zittern begann.

‚Ist dir kalt?‘ fragte sie.

‚Nein, ich kann nur nicht mehr!‘

Sie lehnte sich noch mehr an ihn und er stürzte wieder nach hinten auf dem Boden. Sie folgte ihm auf den Boden und lehnte sich gegen seine Schulter. Sie lagen noch eine Weile da, blickten sich an, und küssten sich. Sie schauderte erneut.

‚Wir müssen langsam zurück, ich lieg schon eine ganze Weile in irgendetwas echt Nassen.‘

Sie nickte nur kurz und stand zittrig und ungeschickt auf. Er rappelte sich ebenfalls auf und putzte über seinen Hintern.

‚In etwas echt Schlammigen!‘ Er putzte seine Finger an seiner Hose ab und schaute sich dann um.

Es war bereits dunkel geworden. Als er los lief, klammerte sie sich ängstlich an seinen Arm. Die Hunde liefen voran und führten sie durch den dunklen Wald nach Hause.

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Published in: on 4. November 2012 at 23:24  Schreibe einen Kommentar  
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