Drei und eine Axt – Teil 20

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 20

Indes saßen die Anderen stumm am Tisch. Das Essen war vorbei und der Khan und seine Leute waren bereits wieder gegangen, nur die Kinder schliefen alle in der Jurte von Otar und Wena. Otar wiegte apathisch vor und zurück, schob aber scheinbar völlig klar seinen Weinbecher zu Wena hinüber, er wollte nichts Berauschendes trinken. Ziska grinste in sich hinein. Nur sie wusste, warum er keinen Wein wollte.

Vira war den ganzen Abend wieder sehr ruhig gewesen. Ainur wich ihr nicht mehr von der Seite, er befürchtete, dass sie jeden Moment zusammenbrechen könnte. Irgendwann musste er sich jedoch erleichtern und ging zum Abtritt. Vira stand lautlos auf und ging in die Jurte. Dort stürzte sie auf ihre Bettstatt und zog sich eine Decke über den Kopf.

Als Ainur zurück kam, sah er dass sie nicht mehr am Tisch saß und ging schnurstracks in die Jurte, um nach ihr zu sehen. Drinnen erblickte er nur ein zitterndes Knäuel unter einer Decke. Leise schlich er in die Jurte, legte genug Holz nach, ging dann zum Fußende und kniete sich nieder. Sie hatte sich nicht mal die Schuhe ausgezogen. Als er ihre Füße berührte, zuckte sie zurück. Dessen ungeachtet zog er ihr einen Schuh nach dem Anderen aus. Dann deckte er ihre Füße zu und legte noch eines seiner Felle um ihre Beine. Er setzte sich neben sie und strich über ihren bedeckten Körper. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis sie sich unter ihrer Decke regte. Ihre Hand suchte nach seiner Hand.

‚Darf ich dir morgen ein Bett bauen?‘ flüsterte er.

Sie drehte sich um, legte ihren Kopf in seinen Schoß und versuchte seine Taille zu umklammern. Ihre Arme waren zu kurz, oder sein Körper zu mächtig. Die Decke war ihr vom zitternden Körper gerutscht. Er deckte sie liebevoll zu. Sie schluchzte. Er hätte besser den Mund halten sollen.

‚Ich bleibe doch so lange, wie du mich brauchst…ich möchte aber trotzdem nicht, dass du im Winter auf dem Boden schlafen musst.‘

Sie schluchzte noch mehr. Er strich ihr die Haare glatt und hielt jetzt besser den Mund. Egal was er sagen würde, er konnte sie wohl nicht so wirklich beruhigen.

Nach einer langen Zeit hatte sie sich einigermaßen beruhigt und sie lag völlig erschöpft mit dem Gesicht auf seinem Schoß. Er wollte sich zu ihr legen, er musste aber seine Schuhe noch ausziehen. Behutsam versuchte er sie von seinem Schoß zu heben, sie klammerte sich an ihn, als würde ihr Leben davon abhängen.

‚Darf ich meine Schuhe ausziehen?‘

Sie schnellte hoch, blickte ihn kurz an und kroch wieder ans Kopfende zurück. Er zog sich seine Schuhe, Tunika und seine Hose aus, so dass er nur noch eine Bruche trug. Dann kroch er zu ihr unter die Decken.

Als Halef und Lamina zurückkehrten, saß Kejnen auf seinem Stuhl und Ziska saß auf seinem Schoß und schlief mit dem Kopf an seiner Schulter gelehnt. Er hielt sie liebevoll in seinen Armen. Kejnen schreckte hoch, als die Beiden sich vorbei schlichen. Halef blickte ihn an, er versuchte zu lächeln, es gelang ihm nicht wirklich. Kejnen nickte ihm nur zu und versuchte erst gar nicht erst zu lächeln. Halef brachte Lamina ins Bett. Sie verkroch sich gleich unter den Decken. Er ging zu seiner Mutter hinüber, die soeben aufgeschreckt war. Er nickte ihr zu, sie erwiderte das Nicken. Beide versuchten zu lächeln, es gelang ihnen beiden aber nicht. Er legte noch ein paar Stücke Holz in die Glut, zog dann seine schlammige Hose aus und kroch zu Lamina ins Bett. Er wagte es nicht unter ihre Decke zu kriechen, unter der sie sich verkrochen hatte. Sie zitterte, schlief aber bereits. Sie war wohl mehr mitgenommen von allem, als sie zugab und er, er wusste einfach gar nichts mehr. Sein Gesicht tat ihm weh und sein Herz. Mit der Hand an seiner Brust fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Kejnen war auf seinem Stuhl wieder eingeknickt und erwachte erst wieder, als er von seinem eigenen Zähneklappern aufwachte. Er hob Ziska auf und trug sie humpelnd in die Jurte. Sein Knie schmerzte, er war froh, als er am Bett angekommen war und sie ablegen konnte. Er lies sich schwerfällig aufs Bett sacken und rieb sein Knie. Er hatte kaum mehr die Kraft sich selbst zu entkleiden. Völlig erschöpft legte er sich neben Ziska und deckte sich halbscharrig zu. Sie wurde wach und drehte sich zu ihm. Er atmete schwer neben ihr. Sie strich ihm übers Gesicht und küsste ihn. Dann kroch sie kopfüber unter seine Decke und wühlte sich bis zu seinem Knie vor, um es zu küssen. Dann rieb sie ihre Hände und legte sie auf sein Knie. Sein Körper bebte. Nach Vollendung ihrer Heilung brach sie über seinem Knie zusammen. Nachdem sich das Kribbeln in seinem Bein verzogen hatte und er seinen Körper wieder so halbwegs unter Kontrolle hatte, zog er sie zu sich hoch und deckte sie beide so gut es eben ging zu.

Halef schreckte in der Nacht hoch, die Hand auf seine Brust gepresst, blickte er sich um. Erst kam der Schmerz und dann bemerkte er, das Lamina im Schlaf wimmernd um sich schlug. Beruhigende Laute kamen ihm ganz automatisch aus seiner Kehle. Mit zitternden Fingern versuchte er im Dunkeln ihre Hände zu finden. Sie wehrte sich im Traum gegen jemanden. Er griff nach ihrer Hand und wollte sie beruhigen. Ein Schlag in sein Gesicht warf ihn auf sein Fell zurück. Als sein Blut seine Kehle hinunter floss, schreckte er auf und dem Ersticken nahe versuchte er Luft in seine Lungen zu saugen. Er verschluckte sich an seinem eigenen Blut. In einem erstickenden Hustenanfall drehte er sich aus dem Bett und fiel auf die Knie. Im Schein der Glut erkannte er, dass Blut von seinem Gesicht auf den Teppich tropfte. Als er sich aus Reflex an seine Nase griff, konnte er seine Schmerzen besser zuordnen. Sie hatte ihm gerade die Nase gebrochen. Ein erschrockenes, tränenüberströmtes Gesicht tauchte an der Bettkante auf.

Halef aber sprang auf und rannte röchelnd aus der Jurte. Sie blieb völlig verängstigt auf dem Bett sitzend in der Jurte zurück. Wenig später kam er wieder, er hatte ein feuchtes Tuch um seinen Nacken gelegt und ein blutiges Tuch an seine Nase gepresst. Erschöpft lies er sich aufs Bett fallen und blieb in gebeugter Haltung an der Bettkante sitzen. Sie saß immer noch reglos auf dem Bett und reagierte scheinbar nicht. Doch liefen ihr Tränen die Wangen herab, als sie den Rotz hochzog, schreckte sie scheinbar von ihrem eigenen Geräusch aus ihrer Starre.

‚Es tut mir so leid!‘ schluchzte sie. Nun reagierte er scheinbar nicht, ihm sauste der Kopf und als er aufblickte, sah er Sterne um seinen Kopf fliegen. Mit einen leichten Schwindelgefühl in der Magengegend versuchte er sich zu ihr umzudrehen. Sie blickte ihn an und traute sich nicht recht ihn in den Arm zu nehmen. In der Drehung wurde es ihm schwarz vor den Augen, er stützte sich reflexartig mit einem Arm ab. Dieser knickte aber aufgrund seiner nahenden Ohnmacht ein und er stürzte ihr in den Schoß. Beim Sturz nach hinten verlor er beide Tücher. Sie hob erst das feuchte, kalte Tuch und legte es ihm behutsam in den Nacken, dann strich sie liebevoll sein Haar zurück und tupfte das Blut von seiner Nase. Sein hübsches Gesicht sah ziemlich lädiert und geschwollen aus. Mittlerweile waren beide Augen blutunterlaufen und zugeschwollen.

Er blinzelte flüchtig, dann griff er sich wieder ans Herz und atmete tief ein. Dann riss er die Augen auf, um sie gleich wieder zu verdrehen.

‚Halef, nicht wieder fortgehen! Bleib bei mir.‘ flüsterte sie.

Sie versuchte, so vorsichtig wie möglich, ihm gegen die Wangen zu klopfen. Seine Sinne sammelten sich wieder, er griff nach ihre Hand, führte sie an seiner geschwollenen Nase vorbei. Um sie zu küssen.

‚Halt mich fest. Bei mir dreht sich alles!‘ säuselte er.

‚Ja tue ich, ich halt dich doch!‘ sagte sie leise und klammerte sich dann fester an seinen Körper.

Er atmete schwer und griff sich wieder an seine Brust. ‚Wenn du nicht bei mir liegst, dann schmerzt mir das Herz.‘

Irgendwas an seinen Worten sagte ihr, dass es sich nicht um eine Liebesfloskel handelte, sondern dass ihm tatsächlich sein Herz schmerzte. Eine ihrer Hände fuhr unter seine Tunika und sie strich ihm über die Brust.

‚Ich träume schreckliche Dinge, wenn du nicht bei mir liegst!‘ flüsterte sie.

Am nächsten Morgen, erwachte er nur kurz, als er ein nasses Tuch auf sein Gesicht gelegt bekam. Er sah fürchterlich aus. Ziska wurde wach und blickte unter das Tuch. Dann zog sie ihm beide Augen auf und blickte hinein. Sie richtete ihm die Nase und heilte ihn. Dann schwankte sie nach draußen. Da saß Lamina, das Frühstück war schon fertig, die Tiere gemolken und sie saß ziemlich apathisch am Tisch. Ziska musste ihr jedes Wörtchen aus der Nase ziehen, konnte sie aber am Ende beruhigen. Schließlich hatte sie ihn gerade ein bisschen geheilt. So viel es eben ging, der letzte Tag hatte ihr sehr viel abverlangt und jetzt musste sie auch noch hoch zu den Ahnen.

Wena und einige der Kinder kamen aus der Jurte und deshalb nahm Ziska Lamina mit auf den Berg. Die Hunde liefen ihnen nach. So war es Wena die, auf Geheiß von Ziska, Halef etwas Kaltes zu trinken brachte. Sie wechselte den blutigen Lumpen auf seinem Gesicht, gegen einen Frischen und lies ihn weiter schlafen.

Kejnen wurde wach und blickte im Vorbeihumpeln unter den Lumpen. Er stöhnte sichtlich bestürzt und humpelte nach draußen. Beim Frühstück wurde er von den Kinder solange bedrängt, bis er ihnen eine Geschichte erzählte. Und noch eine.

Ainur wurde wach, er lies Vira schlafen, blickte auch unter den Lumpen und drehte Halef auf die Seite. Halef wimmerte und davon wurde Vira wach.

Als Ainur vor die Jurte trat, blickte er fragend in die Runde. Wena zuckte mit den Schultern und rief: ‚Ziska hat nur gesagt, ich soll mich um ihn kümmern und ist mit Lamina zu den Ahnen gegangen.‘

Nach einer Weile kam Vira aus der Jurte getreten und grinste: ‚Lamina hat im Schlaf wohl einen ziemlich kräftigen Schlag.‘

‚Und was ist mit dem Fußabdruck auf seiner Stirn?‘ fragte Ainur und blickte dabei in die Runde.

‚Den hab ich auch verdient!‘ kam es vom Bett her und Halef hustete wieder.

Wenig später kam er auf allen Vieren aus der Jurte gekrochen und schaffte es gerade noch so weit, um sich vor der Jurte zu übergeben. Vira sprang auf die Seite und hielt sich den Magen, sie war drauf und dran daneben zu kotzen. Sie taumelte nach Hinten und Ainur drehte ihren Stuhl so hin, dass sie sich setzen konnte. Dann griff er sich den Jungen und brachte ihn zum Fluss. Kejnen grinste nur und meinte zu Vira, die Anstalten machte hinterher zu eilen. ‚Lass nur Vira, Ainur kennt sich hervorragend mit Schlägereien aus und wie man danach wieder auf die Beine kommt.‘

Nach einer Weile kamen Lamina und Ziska wieder vom Berg zurück und Ainur winkte ihnen vom Fluss her zu. ‚Lamina, da möchte dich jemand sprechen!‘

Lamina lief zum Fluss und erblickte Halef, der im Schatten eines der großen Steine saß. Ein paar nasse und blutige Lumpen lagen neben ihm. ‚Soll ich nicht besser Ziska Bescheid geben!‘ fragte Lamina. Doch Ainur winkte ab, meinte noch: ‚Wir haben noch viel zu tun! Bring ihn hoch, wenn es ihm besser geht!‘ Und schon hatte er sich umgedreht und lief wieder zu den Jurten hoch. Sie wusch erst mal die Lumpen aus, bevor sie sich vor ihn kniete.

‚Es geht schon wieder. Versuch grad mal nicht zu kotzen.‘ flüsterte Halef keuchend und hielt ihr zitternd eine Hand entgegen.

Sie wische sein Gesicht ab und blickte ihn mit Tränen in den Augen an. ‚Es tut mir so leid!‘ wimmerte sie. Er nahm sie kraftlos in den Arm, die üblichen beruhigenden Laute hörten sich leicht gurgelnd an.

Als Ainur zu den Jurten eilte, wand er sich nochmal um und sah wie die Männer des Khan angeritten kamen und die Totenwache ihnen entgegen ritten. Die Männer hatten wohl einen anderen Weg vom Berg hinunter genommen, als Lamina und Ziska. Die Söhne des Khan wollten wohl die Kinder holen.

‚Der Sippenführer kann uns auf Grund seiner Unpässlichkeit leider nicht helfen, begrüßt aber mein Vorhaben.‘ meinte Ainur und keiner Verstand, was er eigentlich wollte. Nur Kejnen stand auf und humpelte an die Seite seines Freundes. ‚Kejnen und ich haben da noch eine Jurtenhaut und ein paar Jurtenstangen übrig und ich habe mir erlaubt ein weiteres Scherengitter, eine Tür, ein paar Bodenbohlen und ein Dachkreuz zu bauen. Ich hoffe unsere flinke Lamina schafft es, an einem Tag das Dach zu reparieren. Ihr werdet euch schon gewundert haben, was wir immer hinter der Jurte zu schaffen hatten, als Halef und Ziska nicht da waren.‘

Er blickte immer noch in ratlose Gesichter. ‚Kejnen, erklär du es ihnen!‘ rief er und eilte hinter die Jurte, wo er Stämme zum Trocknen aufgestapelt hatte.

‚Vira hatte mich beauftragt zur Zusammenkunft zu reiten, um unter anderem eine Jurtenhaut zu kaufen und der werte Khan hat uns ein paar Filzmatten überlassen. Lamina brachte uns darauf, dass man die alte Haut doch nur flicken müsste. Deswegen wollten wir dem Sippenführer heute seine erste eigene Jurte bauen. Und wenn wir sie genau hier aufstellen, müssen wir nicht immer im Zug sitzen, beim Essen!‘

‚Und beim Kochen!‘ rief Wena begeistert.

‚Oh, die Jurtenhaut hab ich ganz vergessen!‘ meinte Vira, stützte sie Arme auf der Lehne auf und lies nachdenklich den Kopf auf Hände sinken. Wena schob ihr eine Kanne Tee rüber und lächelte sie an.

Otar stand lächelnd auf und meinte: ‚Aber morgen bauen wir zwei Betten!‘

‚Auf dein Wort!‘ rief Ainur, der mit einem Stapel Stangen im Arm hinter der Jurte hervor kam. Er blickte Vira entgegen, die irgendwann herzlich zu lächeln begann.

Advertisements
Published in: on 6. November 2012 at 20:06  Schreibe einen Kommentar  
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

The URI to TrackBack this entry is: https://callabutterfly.wordpress.com/2012/11/06/drei-und-eine-axt-teil-20/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: