Drei und eine Axt – Teil 21

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 21

‚Kaum einen Tag Sippenführer und schon liegt er faul in der Sonne, während alle anderen schuften.‘ rief Kel, der gerade mit ein paar seiner Brüder über den Fluss geritten kam. Sie wollten wohl die Kinder holen. Lamina blickte auf und funkelte ihn wütend an. Kel hatte sein Pferd gestoppt und hustete wieder ein: ‚Hure!‘ hervor.

Halef wollte schon aufspringen, doch Lamina war schneller, hielt ihn damit zurück und rief: ‚Bei allem gebührenden Respekt!‘ Sie ging näher an den Gaul heran, packte sich die Zügel und flüsterte: ‚Komm von dem Gaul runter und sag es mir ins Gesicht.‘

Er stieg vom Gaul und meinte nochmal lautstark: ‚Du bist eine Hure und du beschmutzt den Namen meiner Sippe.‘ Halef versuchte taumelnd aufzustehen. Doch Lamina war wieder schneller, sie holte aus und streckte den um zwei Köpfe größeren Kel mit einem Schlag nieder. Dann sprang sie auf ihn und kniete sich auf seine Kehle. ‚Wenn ich eine Hure bin, dann versuch mich anzuspucken.‘

Kel lief Blut aus der Nase, er röchelte und versuchte sich zu wehren. Sie rangelten miteinander, Lamina stürzte von ihm herunter, Kel setzte ihr nach und holte zu einem Schlag aus. Halef ging dazwischen, er kugelte Kel dabei halb den Arm aus, und schrie: ‚Wage es nicht die Hand gegen meine Frau zu erheben. Und wenn ich dein Husten noch einmal auf meiner Seite des Flusses höre, hetzte ich die Hunde auf dich.‘

Die restlichen Reiter waren von den Pferden gesprungen und Vira, Ainur und Otar kamen angerannt. Ziska und Kejnen kamen langsam hinterher.

‚Eine Sippe voller Huren hast du da, Halef Hurensohn!‘ spie Kel heraus. Blut und Spucke flog Halef ins Gesicht. Ainur musste Vira zurück halten. Man konnte die Adern auf ihrer Stirn pochen sehen. Ainur krempelte seine Ärmel hoch und legte seinen Gürtel ab. Für diesen Wicht bräuchte er keine Waffen. Als Ainur einen Schritt auf die Beiden zugehen wollte, hielt Elger Ainur zurück und machte selber ein paar Schritte nach vorne. Halef zog Kel an einem Arm hoch, gab ihn einen Tritt in seine edelsten Teile. Kel stürzte in den Fluss und Halef stürmte hinterher. Kel kassierte einige Schläge bis er seinen Dolch zog. Im gleichen Moment kamen die beiden Hunde angesprungen und Róka biss Kel in die Hand, so dass dieser den Dolch ins Wasser fallen lies und Nyúl packte ihn in die Schulter und zerrte ihn weiter ins Wasser. Halef taumelte zurück und Elger half ihm hoch. ‚Würdest du deine Hunde zurück pfeifen, er soll vor Vater nochmal wiederholen, was er gerade gesagt hat.‘

‚Die wollen nur spielen!‘ zischte Halef, spuckte eine Ladung Blut auf den Boden und ging. Er packte Lamina an der Hand und zog sie mit sich. Als er kurz vor der Jurtentür war, pfiff er erst nach seinen Hunden.

Die Hunde ließen nach dem Pfiff sofort von Kel ab und seine Brüder ritten in den Fluss, um ihn heraus zu fischen. Ziska lief ins Wasser, bückte sich und zog den Dolch aus dem Wasser und rannte auf Kel zu. ‚Kel, du schwarzes Schaf, deine Schmerzensschreie werden noch bis zum Vollmond jede Nacht erklingen, dann erst wird die weiße Hure über den Fluss kommen und dich heilen. Du wirst es erdulden müssen von einer Hure geheilt zu werden und du wirst jede darauffolgenden Nacht schreiend aus deinen Träumen erwachen, weil dich mein Gesicht verfolgen wird, jedes Mal wenn du die Augen schließt.‘ Sie spuckte ins Wasser, lachte schrecklich und watete weiter auf Kel zu. Dann schnitt sie sich in den Arm und bespritzte ihn mit ihrem Blut. Zu guter Letzt beschmierte sie sich selbst mit ihrem Blut voll und schrie lachend, wie eine Wahnsinnige, genauso lange, bis der Wahnsinn auf Kel übersprang. Kel schrie und seine Augen traten hervor. Sie zwinkerte Elger zu, der sein Pferd langsam an ihr vorbei durch den Fluss leitete, dann tauchte sie unter und schwamm ans Ufer zurück. Als sie aus dem Wasser kam, konnte sie gerade noch sehen, wie Halef vor der Jurte zusammenbrach. Wena kam angerannt und schrie: ‚Und was ist mit den Kindern?‘

Elger drehte sich nochmal um und blickte seine Schwester an und rief: ‚Ich schick dir die Frauen, geliebte Schwester!‘ Er lächelte tatsächlich und preschte zu den Khansjurten hinüber. Seinen Brüdern überließ er den schreienden Kel zurück zu bringen.

‚Was war denn überhaupt los?‘ fragte Wena und blickte in die Runde, während Ziska schon wieder nach oben rennen wollte. Otar blickte seine Frau ernst an und schüttelte den Kopf. Ainur übernahm das Wort. ‚Ich gebe nur die Worte wieder, die ich eben aus dem Munde des Kel hörte: Eine Sippe voller Huren hast du da, Halef Hurensohn!‘

‚Ich habe Mutter immer davor gewarnt, ihn zu sehr zu verhätscheln. Sie hätte ihn doch nach seiner Geburt den Hunden zum Fraß geben sollen und an seiner statt die Nachgeburt aufziehen.‘ meinte sie, spie dreimal auf den Boden und ging wieder hoch zu den Kindern.

‚Langsam gefällts mir hier, Kejnen.‘ meinte Ainur grinste dreckig und nahm Vira in den Arm.

‚Das Mädchen hat wirklich einen sehr beeindruckenden rechten Aufwärtsschlag!‘ meinte Kejnen und humpelte los.

‚Der Fluch von Ziska war auch sehr beeindruckend, ich habs ihr fast geglaubt.‘ meinte Vira und schüttelte den Kopf. ‚Die weiße Hure kommt über den Fluss…zzz… und das in der Trauerzeit!‘

‚Und ich dachte ich wäre der Verrückte hier.‘ rief Otar und eilte seiner Frau hinterher.

‚Nein, lieber Otar, verrückt sind wir alle, manchmal mehr und manchmal weniger!‘ meinte Vira und lief auch zu den Jurten hoch.

‚Kejnen, ob es auffällt, wenn wir einfach abhauen, ich will mein Ohr an der Khansjurte reiben und Mäuschen spielen.‘

‚Den Khan wird man bis über den Fluss hören, wenn er das erfährt.‘ rief Otar laut, so dass es jeder am Hof hören könnte.

Währenddessen vor der Jurte. Als Halef nach seinen Hunden gepfiffen hatte, musste er sich schon gegen den Türrahmen stützen. Ihm war schwindlig und er hatte das Gefühl als würden kleine Vöglein um seinen Kopf schwirren.

‚Du musst sie belohnen, wenn sie kommen!‘ stammelte er undlies sich am Türrahmen herab gleiten. Er setzte sich mit letzter Kraft auf die Türschwelle. Sein ganzer Körper zitterte und er hatte seine Beine nicht mehr unter Kontrolle. Lamina schaute ihn einfach nur an und schüttelte den Kopf. ‚Komm steh wieder auf. Ich bring dich rein, du bist pitschnass.‘ Als sie ihm hoch helfen wollte, stürzte er ihr entgegen und stammelte: ‚Ein schlagfertiges Weibchen hab ich da gefunden für mein Rudel.‘

‚Du redest wirres Zeug, mein Lieber!‘ flüsterte sie und versuchte ihn festzuhalten und nicht unter seinem Gewicht zusammen zu brechen.

Er war aber so nass und glitschig, dass sie ihn nicht halten konnte und er fiel einfach kerzengerade um. Die Hunde waren bereits angekommen und leckten an seinen Händen.

‚Brav, das hab ihr gut gemacht.‘ sabbelte er, während Lamina ihn umzudrehen versuchte. Alur kam angelaufen und half Lamina Halef in die Jurte zu zerren. Ziska war auch schon bei ihnen angekommen, Wasser und Blut tropfte von ihrem Kleid. Sie rief dem jungen Alur zu: ‚Junge, wirf noch ein paar Scheite ins Feuer. Lauf dann zu deiner Mutter, ich brauch heißes Wasser. Oder heißen Tee, oder beides.‘ Dann half sie Lamina dabei ihn aufs Bett zu hieven. ‚Zieh ihm die nassen Sachen aus, ich muss mir erst mal selber was Trockenes anziehen.‘

‚Du kannst mich nicht ausziehen, ich trauere noch.‘ lallte Halef und wehrte sich gegen Laminas Versuche, ihm die nassen Sachen auszuziehen.

Ziska versuchte sich gerade aus ihrem nassen Unterkleid zu zwängen und rief durch den nassen Stoff. ‚Wie oft hast du ihm gestern auf den Kopf geschlagen?‘

‚Zweimal, wieso?‘

Nun konnte man Ziska nur noch fluchen hören. Sie hatte sich in ihrem nassen Kleid verklemmt.

Lamina lies Halef los, wickelte ihn trotz seinen nassen Klamotten in eine Decke und lies ihn auf dem Bett liegen.

‚Verlass mich nicht, Lamina! Bitte!‘ jammerte er.

Vira öffnete die Tür und hatte eine Kanne mit Tee in der Hand und zwei Becher unter den Arm geklemmt. Ihr bot sich wirklich ein seltsames Bild. Ziska steckte im Kleid fest und Lamina versuchte ihr aus dem Kleid zu helfen, während ihr Sohn gerade vom Bett gefallen war und auf Knien darum bettelte, das Lamina ihn nicht verlassen durfte. ‚Was treib ihr denn hier?‘

‚Hilf mir lieber!‘ rief Ziska, die immer noch im Kleid feststeckte.

Sie stellte die Kanne und Becher ab, half ihrem Sohn sich wieder aufzusetzen und zog ihm die nasse Tunika aus. ‚Zieh die Bruche aus, Junge!‘

‚Ich kann mich nicht vor ihr ausziehen, ich trauere noch!‘

‚Mach doch was du willst und jammere nicht wenn du dich verkühlst. Das tut dir mehr weh, als mir, mein Sohn!‘

Mit zitternden Fingern nestelte er an seiner Hose herum und versuchte sich weiter auszuziehen. Vira war bereits dabei Lamina zur Hand zu gehen. ‚Warum musst du denn auch immer so enge Kleider tragen?‘ rief Vira.

‚Weil ich sonst fett aussehe!‘ rief Ziska.

‚Du bist nicht fett, du bist ein Klappergestell mit riesigen Brüsten. Irgendwann brichst du einfach in der Mitte durch, wenn du nicht mehr isst.‘ zeterte Vira weiter, griff ihr dabei an die Brust und schon war Ziska von ihrem Kleid befreit. Lamina hatte bereits ein Tuch geholt und wickelte sie hinein.

Halef saß mit gesenktem Kopf noch immer an der Bettkante. Blut tropfte wieder aus seiner Nase. Lamina konnte ihn schwanken sehen. Bevor er wieder vom Bett stürzte, fing sie ihn auf und legte ihn aufs Bett. Mittlerweile war er so benommen, dass er sich auch nicht mehr dagegen wehrte und sie konnte ihm die nasse Bruche ausziehen. Sie versuchte gleichzeitig ihm ein sauberes Tuch unter die Nase zu halten und ihn irgendwie zuzudecken. Doch er drehte sich auf die Seite, klemmte die Decke zwischen seine Beine und wurde bewusstlos.

Ziska stand schon neben ihr und blickte sie milde an. ‚Lamina hol schon mal nen Eimer und Vira hast du noch ein paar trockene Decken, hier ist alles nass?‘

Lamina lief aus der Jurte und Ziska öffnete ihm wieder die Augen und blickte hinein. Mit einem Seufzen auf den Lippen, rieb sie ihre Hände, atmete tief durch und berührte seinen Kopf. Er bäumte sich auf und begann zu würgen. Lamina hörte die Würgegeräusche und eilte mit dem Eimer in der Hand wieder in die Jurte.

Und im nächsten Moment hatte sie ihm kurzerhand den Eimer unter den Kopf geschoben und er spie eine Ladung Wasser hervor. Zitternd umklammerte er den Eimer und würgte, während Lamina ihm seine Haare aus dem Gesicht strich, damit sie nicht in den Eimer hingen. Irgendwann brach er zusammen und der Eimer glitt ihm aus der Hand. Lamina stellte ihn neben das Bett und wischt ihm den Mund ab. Schon schreckte er wieder hoch und klammerte sich panisch an Lamina fest.

‚Schon gut, wir sind ja alle da!‘ flüstere sie und grinste beschämt. Ihm war die Decke nun gänzlich vom Körper gerutscht. Liebevoll zog sie langsam die nasse Decke über seinen zitternden Körper.

‚Es tut mir leid, ich will dir nicht zu Nahe treten!‘ meinte er und versuchte sich ebenfalls krampfhaft zuzudecken.

‚Ist schon gut, beruhige dich erst mal.‘ flüsterte sie heiser. Sein Körper bebte unter ihr und er krümmte sich und begann wieder zu würgen.

‚Da kann doch schon gar nichts mehr drin sein?‘ meinte Lamina zu ihm und streichelte ihm über den Nacken.

‚Es hat aufgehört zu bluten!‘ meinte Ziska kurz und ging zum Feuer und zündete irgendetwas an. Vira brachte ein paar Decken und verschwand gleich wieder. ‚Tut mir leid, ich kann anderen Menschen einfach nicht beim Kotzen zusehen, ohne selbst…!‘ Sie beendete den Satz mit einem Würgen und ging rücklings aus der Jurte.

‚Lamina halt mal die Luft an!‘ rief Ziska und kam mit etwas Rauchenden wieder zum Bett getreten. Lamina hatte gerade die beiden Decken genommen und wollte ihn zudecken. Selbst die Luft anhaltend wedelte Ziska den Rauch in sein Gesicht. Langsam beruhigte sich sein Körper und er glitt in einen ruhigen Schlaf über.

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Published in: on 7. November 2012 at 22:12  Schreibe einen Kommentar  
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