Drei und eine Axt – Teil 22

Eine Axtgeschichte – Drei und eine Axt – Teil 22

Hustend kamen Lamina und Ziska aus der Jurte gestürzt. Sie hielten sich aneinander fest und schwankten.

‚Was war das für ein Zeugs?‘ hustete Lamina.

‚Eingedickter Mohnsaft, wieso?‘ antwortete Ziska und grinste in die Runde.

‚Hast du da noch mehr davon?‘ frage Kejnen neugierig, der von seinem Fernglas neugierig aufgeblickt hatte. Ainur schnappte sich das Glas und blickte lächelnd hindurch.

‚Wenn wir im Winter völlig eingeschneit und kurz vor dem Verhungern sind, vielleicht.‘

‚Das Zeug hilft hervorragend gegen Schmerzen!‘ meinte Kejnen, hustete und fuhr fort. ‚Hab ich gehört!‘

‚Ich helfe auch hervorragend gegen Schmerzen?‘ meinte sie schnippisch.

Von der anderen Seite des Flusses konnte man den Khan rufen hören. Ainur hob die Hand und fing einfach an zu reden. ‚Also der Khan hat Kel gerade aus seiner Jurte gestiefelt. Könnt ihr verstehen, was er schreit?‘

‚Gib her, oder kannst du von Lippen lesen?‘ rief Kejnen und bemächtigte sich wieder seines Fernglases und plapperte gleich weiter. ‚Du bist nicht mehr mein Sohn!‘ Er machte eine Pause. ‚Und wartet, jetzt geht Orsolya dazwischen, ich kann aber ihr Gesicht nicht sehen. Oh, dass hätte sie vielleicht nicht machen sollen. Ich habe den Khan noch nie mit einem so roten Kopf gesehen. Er sagt: Kümmert euch lieber, um die Kinder und überlasst die Arbeit nicht den drei Huren da oben. Jetzt spuckt er drei mal auf den Boden und…‘ Man konnte einen Pfiff hören, sein Pferd kam angelaufen. ‚Er beleidigt deine eigene Sippe und du nimmst ihn immer noch in Schutz, sagt er und jetzt dreht sie sich in unsere Richtung und sagt: Und doch ist er dein Sohn und er ist verletzt. Damit ist das Gespräch für sie beendet. Der Khan, Elger, ein Paar von den Frauen kommen angeritten.‘

‚Das können wir selbst sehen, jetzt pack das Glas weg.‘ rief Vira.

‚Wollten wir nicht die Jurte abdecken?‘ fragte Ziska. ‚Dann sieht es nicht so aus, als wären wir neugierig. Würdest du nach Halef sehen, Lamina. Der Rauch dürfte sich verflogen haben.‘

Lamina öffnete vorsichtig die Jurtentür und blickte hinein. Halef lag noch genauso im Bett, wie sie ihn vorhin zurück gelassen hatte. Sie atmete nochmal tief ein und lief in die Jurte. Behutsam rückte sie die Decken zurecht. Er fror anscheinend immer noch. Eine der Decken war nass und sie versuchte sie irgendwie freizuwurschteln. ‚Bitte lass mir die Decke, ich hab nichts an.‘ flüsterte er ziemlich leise. Bis jetzt hatte sie die Luft angehalten, musste aber nun doch atmen.

‚Du hast da noch zwei Decken! Deine ist nass und meine wahrscheinlich auch. Ich will sie zum Trocknen aufhängen.‘ platzte es aus ihr heraus.

‚Ich hab aber nichts an!‘

‚Ja, ich hab dich ausgezogen!‘

‚Ich trauere noch!‘ flüsterte er und schloss die Augen.

‚Ich hab nicht hingeschaut!‘ log sie. Natürlich hatte sie hingeschaut.

Er öffnete die Augen, als wäre er gerade von einem Traum aufgeschreckte und blickte verstört unter die Decke. ‚Ich bin ja immer noch… nackt.‘

‚Warte, ich bringe dir was Trockenes zum Anziehen.‘ meinte sie, stand auf und lief kopfschüttelnd zu seiner Truhe.

‚Ja, bitte. Es ist keine gute Idee, wenn du neben mir sitzt, wenn ich nackt bin.‘

‚Keine Sorge, ich fühle mich nicht von dir belästigt.‘ meinte sie lächelnd und kam mit einer Tunika und einer Hose wieder zum Bett zurück. Er hatte die Decke zu seiner Körpermitte hin zusammengerafft und lächelte sie verstohlen an.

‚Komm, ich helf dir eine Tunika anzuziehen. Der Khan wird bestimmt mit dir sprechen wollen.‘

‚Ich kann jetzt nicht mit dem Khan reden!‘ meinte er und blickte nochmal unter die Decke. Sie hielt ihm die Tunika hin und schüttelte wieder den Kopf.

‚Da ist nichts, was der Khan morgens nicht auch hat.‘

‚Woher weißt du das?‘ schrie er fast, riss ihr die Tunika aus der Hand und hielt sie sich schützend vor den Körper.

‚Ein altes Sprichwort sagt, wenn morgens dem Manne…!‘ rezitierte sie.

Er lies die Tunika los und hielt ihr blitzschnell den Mund zu. ‚Ich kenne das Sprichwort und es ist nicht Morgens. Und…und woher kennst du solche Sprichworte.‘

‚Von deiner Tante und sie hat Mohnsaft angezündet und dir unter die Nase gehalten, damit du dich entspannst.‘

‚Aber das da kann doch nicht ihre Absicht gewesen sein. Oder?‘ rief er, dem Wahnsinn anheim fallend und blickte wieder völlig irre unter seine Decke.

‚Vielleicht liegt es ja auch an mir?‘ grinste Lamina. ‚Es ist doch nichts Schlimmes und glaub mir es geht wieder weg.‘

Er schüttelte den Kopf und stammelte: ‚Ziska wird mich nicht Holzhacken lassen.‘

Sie versuchte nicht zu lachen.

‚Komm, zieh wenigstens die Tunika an!‘ redete sie ihm gut zu. Mit zitternden Fingern zupfte er an dem Stoff, also half sie ihm dabei, die Tunika anzuziehen. ‚Und jetzt die Hose!‘

‚Aber das geht nicht…Ich…ich will dir nicht zu Nahe treten!‘ stammelte er.

Sie zog nur eine Augenbraue hoch und blickte ihn ernst an.

‚Bitte tritt mich nicht wieder, mir saust der Kopf immer noch!‘

‚Keine Sorge, ich darf dich heute nicht mehr treten!‘ meinte sie, stand wieder auf und griff nach dem Tee. ‚Komm, trink einen Schluck, ich bring dir nochmal was Wärmeres zu Trinken und du kannst in der Zeit deine Hose anziehen.‘ Sie half ihm etwas hoch und gab ihm gleich aus der Kanne zu Trinken. Dann küsste sie seine Stirn und ging nach draußen.

 

Draußen stand der Khan und Elger vor den Ziska und Vira und sie redeten. Wena half den Frauen die Kinder über den Fluss zu bringen, während Otar, Ainur und Kejnen begonnen, die Jurte abzuwickeln.

Ziska blickte auf: ‚Und…!‘

‚Ich glaub, er braucht ein wenig frische Luft.‘

‚Wenn die Männer so weiter machen, wird es gleich ziemlich frisch da drin.‘ meinte der Khan und lächelte sie an.

Lamina nickte dem Khan kurz zu und fuhr dann fort. ‚Ist noch Tee oder Suppe da? Er hat den ganzen Tag noch nichts gegessen.‘

‚Ich bring gleich was!‘ meinte Vira und drehte sich zum Feuer um.

Elger drehte sich zu den Männern um und entschuldigte sich wortlos. Er wollte sich irgendwie nützlich machen.

‚Ich geh mal rein und warn ihn mal vor, dass er gleich kein Dach mehr über den Kopf hat.‘ rief Lamina. Sie wollte ihm auch jede weitere Peinlichkeit ersparen.

Als sie die Jurte wieder betrat, saß er schwankend auf der Bettkante und versuchte mir zitternden Fingern seine Bruche zu zubinden. So weit sie das beurteilen konnte, hatte er sich wieder halbwegs beruhigt, es zeichnete sich aber immer noch eine deutliche Beule in seiner Hose ab. Lächeln kniete sie sich vor ihn und griff nach seinen Händen.

‚Komm ich helf dir.‘ flüsterte sie und zog seine Hose zu, machte einen einfachen Knoten und eine wunderschöne Schleife.

‚Ich…ich…!‘ seine Stimme brach. Er schluckte. Sie lächelte ihn an und legte einen Finger an den Mund. ‚Ich weiß! Ich dich auch!‘ Liebevoll half sie ihm sich hinzulegen. Dann hob sie seine Beine wieder aufs Bett und deckte ihn behutsam zu. ‚Die Männer wickeln schon die Jurte ab! Und der Khan wartet.‘

‚Vorsicht da drin!‘ konnte man Ainur von draußen rufen hören.

Der Khan kam mit Alur herein. Der Junge lies sich vom Khan zum Dachkreuz hinauf heben, wo Alur sämtliche Verknotungen löste. Und im Nu, stand nur noch das Holzgerüst da.

‚Können wir raus gehen, nicht dass mir noch was auf den Kopf fällt.‘ meinte Halef besorgt. Otar kam mit zwei Stangen in die Jurte und trug die Feuerstelle nach draußen, während Alur immer noch auf dem Dachkreuz saß und mit Ainur die Dachlatten durchzählte.

Lamina half Half hoch, zog ihm seinen Klappenmantel an und der Khan half ihr dabei, den Jungen raus zubringen.

‚Ich hoffe es war nicht Kel, der dich so zugerichtet hat.‘ fragte der Khan, als sie ihn auf Kejnens Stuhl gesetzt hatten.

‚Nein, das war mein Weibchen!‘

‚Hast du es verdient?‘

‚Teils, teils!‘

‚Ich hab schon vernommen, dass sie einen beeindruckenden Aufwärtsschlag haben soll.‘ meinte der Khan und blickte sich nach Lamina um, die wieder in der Jurte verschwunden war. Wo sie ihnen nun den Hintern zu streckte, um in der Kiste etwas zu suchen. ‚Bei der nächsten Zusammenkunft sollten wir sie kämpfen lassen. Das kann uns gutes Geld bringen, weil keiner auf ein süßes, kleines Mädchen setzt.‘

‚Ehrenwerter Khan…!‘ meinte Halef, wurde dann aber von Lamina unterbrochen, die mit einem Fell, einer Decke, seinen Schuhen und Socken aus der Jurte gekommen war und beide nun etwas ungehalten anfunkelte.

‚Bevor ich was Falsches sage, sage ich lieber nichts!‘ sammelte Halef und blickte Lamina verstohlen an.

‚Bei allem gebührenden Respekt, verehrter Khan, ich bin mir nicht sicher, ob die Leute dabei zusehen wollen, wie ein Kämpfer seine edelsten Teile verliert.‘ zischte Lamina und blickte den Khan wütend an.

‚Ich würd ihr glauben!‘ meinte Ziska, die gerade eine Schüssel mit Suppe an den Tisch brachte und sie vor Halef stellte.

‚Weiße Hexe, willst du deinem Khan nichts anbieten?‘

‚Ich bin mir nicht sicher, ob der Khan von unserem kargen Mahl kosten wollt.‘ erwiderte sie schlagfertig, drehte sich aber gleich wieder um und Vira stand schon mit einer weiteren Schüssel da.

Der Khan nahm neben Halef auf der Bank platz und wartete, bis er selbst seine Suppe bekommen hatte. Es wurde noch ein Krug mit Tee und ein paar Becher an den Tisch gestellt, während Lamina Halef die Socken anzog und ihn in die Decke wickelte.

‚Ich hoffe, der heutige Zwischenfall steht nicht zwischen uns Beiden, Halef Aidensohn?‘

‚Es ist alles gesagt worden, was gesagt werden musste. Höre ich diesseits des Flusses noch ein schändliches Wort aus seinem Munde, hetze ich die Hunde auf ihn.‘

‚Und was ist mit der anderen Seite des Flusses?‘

‚Das werden wir dann sehen.‘

‚Was ist mit dem Mädchen?‘

‚Wenn er sie nochmal anrührt, ist es mein Recht ihn in einem Zweikampf zu töten! Und dazu brauche ich meine Hunde nicht!‘

Der Khan war sichtlich schockiert von der Härte der Worte, die aus diesem Jungen drangen.

‚Es war die richtige Entscheidung dich zum Sippenführer zu machen, Halef! Du bist hart, aber gerecht!‘

Halef nickte nur und griff nach dem Löffel.

‚Und er ist genauso stur und zäh, wie sein alter Herr. Nur das mit dem Alter auch manchmal der Weitblick und die Weisheit kommt, die ihm leider im Moment gänzlich fehlt.‘

‚Das habt Ihr schön gesagt, mein Khan!‘ meinte Ziska und grinste. ‚Und nun esst Eure Suppe!‘

‚Die weiße Hexe hat einfach keinen Respekt vor mir!‘ grinste der Khan und lachte dann.

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Published in: on 11. November 2012 at 18:25  Schreibe einen Kommentar  
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