Vorsicht Baum fällt…Die Geschichte eines Holzfällers Teil 1

Vorsicht Baum fällt…

Die Geschichte eines Holzfällers Teil 1

schweiniDen Mond im Rücken ging der Holzfäller Branu der Morgenröte entgegen. Seine Axt auf der Schulter und ein trauriges Lied auf den Lippen. Die Ereignisse der letzten Tage stimmten ihn nachdenklich, aber er hatte seine Arbeit vor dem Fest quasi im Wald liegen lassen.

Er hatte schon die Baumgrenze überquert und lief einen kleinen Weg entlang, der mitten durch den Wald führte. Der Schnee war vom Tauwetter matschig und überall fielen dicke Tropfen von den Bäumen. Er rutschte einen Abhang hinunter und lief eine ganze Weile den Bach entlang, bis ihm gewahr wurde, dass ihn jemand verfolgte. Er drehte sich um und sah, wie ein kleines Etwas durch den matschigen Schnee auf ihn zu lief. Es war Schweini.

Erst als das völlig verdreckte Ferkel ihm gegen die Beine sprang, begriff er, dass das Schwein den ganzen Weg vom Dorf bis hier her gelaufen sein musste und obwohl es noch so klein war, hatte es tapfer durchgehalten.

‚Na, Schweini!‘ meinte er und hob es hoch. Schneematsch tropfte vom Körper des Ferkels und es zitterte, wohl mehr vor Aufregung, als vor Kälte. ‚Ist was passiert mit deinem Frauchen, oder hast du jetzt einen Narren an mir gefressen?‘

Das Schwein leckte über seine Hand und das war ihm Antwort genug. Er schüttelte es ein Wenig, damit der größte Dreck vom Schwein herunter fiel und klemmte es sich dann unter den Arm und lief beschwingt weiter.

Es war ein ganz schönes Stück bis zu seiner Hütte, aber mit dem Schwein war der Weg nicht ganz so eintönig. Sie kreuzten den Bach und liefen tiefer in den Wald hinein, bis sie zur Mittagsstunde an der Holzfällerhütte ankamen. Sein Zugochse stand im Gatter und glotzte ihn blöde an.

Er öffnete die Hütte, machte Feuer und gab dem Schwein ein paar Eicheln zum Fressen. Dann machten sie sich auf, zu der Stelle, wo er vor ein paar Tagen noch am Brennholz schlagen war.

Eine Fichte lag quer über einer Lichtung und einige Stämme lagen aufgereiht am Wegesrand. Er war vor dem Fest nicht damit fertig geworden. Beim Ausasteln lief das Schwein um ihn herum und freute sich um die vielen Tannenzapfen, die kreuz und quer auf der Lichtung verstreut waren. Das Schwein war ziemlich schlau, es trug alle Zapfen und kleine Äste auf einem Haufen zusammen.

Morgen würde er die Stämme mit seinem Ochsen ins Dorf bringen. Bis dahin sollte er sich auch überlegen, ob er nun bei der Metzgerei Ulgur aushelfen wollte, oder ob er es lieber bleiben lassen sollte.

Nachdenklich lief er zu einer Kiefer, die ganz schön krumm gewachsen war und quer im Wald stand. Den Baum wollte er schon lange mal fällen, weil der krumme Hund alle anderen Bäume am Wachsen hinderte.

Zum Verbrennen war er zu schade, aber zum Verarbeiten war er zu krumm gewachsen. Irgendwas würde ihm dann schon einfallen, wenn er den erst mal bezwungen und zu seiner Hütte gebracht hatte.

Der zähe Hund verlangte ihm alles ab und kurz bevor der Baum fallen würde, vergewisserte er sich, dass das Schwein in Sicherheit war. War es nicht, deswegen lief er los und wollte es außer Reichweite bringen. Er hatte den Wind noch im Nacken gespürt und da vernahm er das Krachen. Hastig blickte er sich um und sah wie der Baum sich neigte und zu fallen drohte. Er packte das Schwein und lief in die andere Richtung davon. In ausreichender Entfernung, so dachte er, hielt er inne und blickte sich noch mal um. Der Baum hatte sich gedreht und fiel in seine Richtung. Hecktisch stürzte er zur Seite, blieb an einer Wurzel hängen, die im Schnee nicht zu sehen war und fiel in den Matsch. Er konnte gerade noch das Schwein von sich schleudern und dann begruben ihn die verdrehten Äste seines Widersachers. Die Wintervögel flatterten aufgescheucht über die Baumwipfel davon. Ein dumpfer Schlag gefolgt von einem unsäglichen Schmerz, ließen ihm die Sinne schwinden.

Er wurde erst wieder wach, als er das Schwein aufgeregt Grunzen hörte. Es leckte ihm übers Gesicht. Er öffnete die Augen und sah nur die Schweineschnauze und die Zunge, die ihm quer übers Gesicht schlabberte. Benommen griff er nach dem Schwein und drückte es an sich, dann versuchte er aufzustehen und da war wieder dieser Schmerz. Der Versuch sich aufzusetzen wurde von den Ästen verhindert und die Nadeln stachen in sein Gesicht. Und nachdem er sein Bein beim Sturz auch noch verdreht hatte, lies er zuerst das Schwein los und dann versuchte er seinen Körper zu drehen und sich aufzusetzen. Er schrie vor Schmerz, sein Bein war von dem Baumstamm begraben worden. Diese alte, knorrige Kiefer hatte ihre Windungen tief in die Erde gegraben und irgendwo darunter war sein Bein, dass er vom Knie abwärts kaum noch spürte. Und da wo mal sein Bein gewesen war, waren nur noch unvorstellbare Schmerzen. Als ihm seine ausweglose Lage vollends gewahr wurde, rief er nach dem Schwein, dass immer noch folgsam neben ihm ausgeharrt hatte.

‚Schweini, such meine Axt, bring mir meine Axt! Los such die Axt!‘

Das Schwein lief los und er konnte es am Boden schnuppern hören. Er war sich nicht ganz sicher, ob das Schwein wusste, dass es kein Hund war. Durch die Äste hindurch konnte er eine gewaltige Blutlache im Schnee erkennen. Er zog seinen Gürtel aus und band sich unter starken Schmerzen das Bein am Oberschenkel ab. Erschöpft blieb er liegen, bis er wieder das Schwein in seiner Nähe hörte, wie es etwas Schweres über den Boden zog. Er versuchte seinen Kopf nach dem Geräusch zu drehen und sah, wie das Schwein sich unweit von ihm mit der Axt abkämpfte und irgendwann erschöpft in einem Schneehaufen liegen bliebt.

Er versuchte es zu rufen, aber das blöde Schwein reagierte nicht mehr. Er rief aus Leibeskräften, aber das Schwein lag regungslos im kalten Schnee. Die Metzgerstochter würde ihn umbringen, wenn ihr Schwein tot wäre, aber er würde auch sterben, wenn er hier nicht fortkommen würde.

In seiner Not, bewarf er das Schwein mit Tannenzapfen. Keine Reaktion. Und als er nichts mehr zu werfen hatte, warf er mit Schneebällen, bis er wieder vor Erschöpfung inne hielt. Plötzlich sprang das Schwein auf, lief zu dem Holzfäller hinüber und leckte wieder an ihm.

‚Schweini, lauf zu deinem Frauchen und hol Hilfe!‘ keuchte er und das Schwein schaute ihn nur verständnislos an. ‚Lauf nach Hause. Lauf zu Bruna. Los, hol Hilfe!‘ krächzte er und die Verzweiflung in seiner Stimme bewegte das Schwein tatsächlich fortzulaufen und er hoffte inständig, dass es ihn verstanden hätte.

Völlig außer Atem legte er seinen Kopf wieder in den Schneematsch und sah seine Axt in der Sonne blitzen. So weit war sie gar nicht mehr von ihm entfernt. Er kramte nach seinem Seil, dass er für gewöhnlich immer am Gürtel trug. Er musste es in der Hast vom Gürtel gezogen haben, als er sein Bein abgebunden hatte. Das Seil lag unter ihm und er fand auch noch sein Brotzeitmesser. Er packte das Messer und schlug damit ein paar Zweige ab, die ihm im Weg waren. Als kleine Anmerkung, sein Brotzeitmesser war größer noch, als so manches Kurzschwert. Und wenn er seine Axt nicht erreichen konnte, dann würde er sich eben frei schnitzen. Jetzt hieß es er oder der Baum.

Er versuchte die losen Äste unter sich zu schieben, dass er einerseits nicht weiter im Nassen lag und anderseits sich besser abstützen konnte.

Ein Blick auf sein Bein erinnerte ihn an die arme Sau, die er gestern noch auf dem Tisch des Metzgers gesehen hatte. Er riss sich ein Stück seiner Tunika ab und versuchte das Bein so gut es ging abzudecken, damit nicht noch mehr Dreck in die Wunde fiel.

Über sich konnte er drei Raben kreisen sehen. In seiner Lage konnte es nur ein schlechtes Omen sein, auch wenn die alten Weiber immer sagten, dass wenn man einen Raben sieht, es etwas Schlimmes bedeutet und bei zwei Raben würde einem was Gutes widerfahren. Aber von drei Raben haben sie nie gesprochen. Während er über die Raben nachdachte, aß er Schnee und überlegte dann wie er an seine Axt gelangen konnte.

Er band eine Astgabel an das Seil und versuchte sein Glück. Es dämmerte bereits, als er erschöpft zusammenbrach. Und die Axt lag immer noch an Ort und Stelle.

Fortsetzung folgt in: Baum durch? Die Geschichte eines Holzfällers Teil 2

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

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