Bein durch? Die Geschichte eines Holzfällers Teil 3

Bein durch? Die Geschichte eines Holzfällers Teil 3

hirschEtwas schritt auf die Lichtung. Er hielt inne und blickte nach hinten. In den letzten Sonnenstrahlen die auf die Lichtung schienen, trat ein Hirsch auf die Lichtung. Ein weißer Hirsch. Das Sonnenlicht schimmerte auf seinem Fell und es begann wieder zu schneien. Dicke Schneeflocken fielen Branu ins Gesicht, so dass er für einen Moment die Augen schließen musste. Der Zwölfender schritt erhaben auf ihn zu und nun war ihm klar, dass der Zwölfender ihn mitnehmen wollte. Der gehörnte Hirschgott war in der Gestalt des weißen Hirschen zu ihm gekommen, um ihn zu seinen Ahnen zu geleiten. Das war sein Ende, obwohl eine große Ehre mit dem Hüter des Waldes zu gehen, aber nein, er wollte noch nicht gehen. Wenn er jetzt aufgab, dann müsste er das alles hier zurücklassen. Den Wald und seine Hütte. Es war zwar nicht viel, aber das Bisschen hielt ihn noch am Leben. Er konnte noch nicht gehen. Jetzt noch nicht und wenn er auf seinem Stumpf zurück ins Dorf kriechen musste, er wollte noch nicht sterben.

In seinem Wahn könnte er das Wiehern der Pferde und die Rufe nicht mehr hören. Der weiße Hirsch trabte an ihm vorbei und Branu holte noch einmal aus und als er auf sein Bein schlagen wollte, hielt jemand seine Axt fest.

‚Wenn du das machst, werden wir nicht mehr um die Wette laufen können, wie wir es als Kinder immer getan haben.‘ raunte ihn eine Stimme von oben aus an. Er öffnete die Augen und blickte in das ernste Gesicht der Metzgerstochter. Sie zog eine Augenbraue hoch und grinste ihn grimmig an. Und irgendwas Nasses drang an sein Ohr. Doch Branu klammerte sich immer noch an seine Axt und blickte starr an ihr vorbei.

‚Lass die Axt los, bevor du dir noch ins Bein schlägst!‘ rief eine weitere Stimme. Branu zwinkerte, er schien seinen Augen nicht zu trauen, es war tatsächlich der Metzger Ulgur, der da mit ihm sprach. Er saß auf einem mächtigen Ross, dass aufgeregt zu schnauben begann. Kraftlos lies Branu die Axt los und Bruna legte sie beiseite. Dann kniete sich sich neben ihn und zog einen Handschuh aus.

‚Sperr deinen Schnabel auf, ich hab was für dich!‘ meinte sie zu ihm und entkorkte ein Fläschchen, dass sie aus ihrer Tasche gezaubert hatte. Er tat was ihm geheißen und sie goss ihm den Inhalt in den Mund. Er schmeckte grausam, aber er wagte es nicht zu würgen.

Ulgur war bereits von seinem Pferd abgestiegen und machte sich an dem Baumwipfel zu schaffen, während Bruna dem Holzfäller warme Brühe in den Mund laufen lies. Dann zog sie den zweiten Handschuh aus und griff nach seinen Fingern. Als ihre Finger die Seinen berührten, dachte er, sie würden in Flammen aufgehen. Er versuchte zu schreien, doch die Laute kamen nur als Krächzen aus seiner Kehle. Dann zog sie ihm ihre Handschuhe über seine Hände. So vorsichtig wie es ihr möglich war, berührte sie seine Nase und seine Ohren und dann erst widmete sie sich seinem Bein, oder was davon noch übrig war. Vorsichtig versuchte sie den Stofffetzen vom Bein zu ziehen. Er klebte fest. Sie zog einen Wasserschlauch von ihrem Gürtel, öffnete den Verschluss und wartete auf ein Zeichen ihres Vaters.

‚Das könnte jetzt ein bisschen Ziepen!‘ sagte sie fast beiläufig und goss den Inhalt des Wasserschlauches über sein Bein, Dampf stieg auf und der Geruch von Schnaps drang in seine Nase. Er drehte seinen Kopf auf die Seite und rang nach Luft. Schweini quietschte vor Freude und leckte ihm übers Gesicht. Das Ferkel saß schon die ganze Zeit neben seinem Kopf und hatte an seinem Ohr geleckt. Branu sah im Augenwinkel, wie der Metzgermeister seinen Gaul antrieb. Bruna goss den restlichen Inhalt des Wasserschlauches über sein Bein. Der Schmerz war unbeschreiblich und er klammerte sich kraftlos an das Schwein und wimmerte nur noch. Mit einem schlürfenden Geräusch wurde der Lumpen von der Wunde gezogen und der Baumwipfel wurde mit einem Ruck hochgezogen. Der darauffolgende Schmerz lies ihm endgültig die Sinne schwinden. Von ganz weit entfernt konnte er die Stimme der Metzgerstochter in sein Ohr säuseln hören. ‚Du wirst einen neuen Schuh brauchen!‘

Mal ganz davon abgesehen, dass die Metzgerstochter des Säuselns gar nicht fähig war, hätte er die lauten Rufe ihrerseits wohl nicht mehr gehört. Bruna packte ihn und schleifte seinen reglosen Körper ein paar Schritte von dem Baum weg. Während der Metzger den Baumwipfel wieder runter ließ, versorgte sie das Bein des Holzfällers so gut es in der Eile ging. Es war bereits Dunkel geworden, als sie ihn in größter Eile auf einer Trage nach Hoimarshold zurück brachten, wo dann einige Heiler und Feldscher sich um ihn kümmerten. Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag waren sie bei ihm geblieben und Bruna konnte nur die Gesänge und Gebete der Heilkundigen hören, die aus ihrer Kammer drangen. Ihr Vater war wie immer mies gelaunt und er hatte ihr verboten ihre eigene Kemenate zu betreten, solange der Holzfäller in ihrem Bette lag.

Sie hatte sich auf dem Speicher ein grobes Stück Leinen in zwischen die Giebel gehängt und schlief dort, wo die geräucherten Schinken und Würsten zum Trocknen gelagert wurden. Da war es einerseits viel kühler und anderseits viel sicherer für Haus und Hof. Nur für den Fall, dass sie im Schlaf wieder Feuer fing, würde erst ihre Hängematte durchbrennen und beim Sturz auf die harten Balken des Dachbodens würde sie wahrscheinlich aufwachen.

Am frühen Abend stand Bruna draußen im Hof und brühte frisch geschlachtete Schweine mit den bloßen Händen ab, als sich jemand hinter ihr räusperte. Sie drehte sich um und einer der Heiler stand in der Tür.

‚Er ist erst mal übern Berg. Er wird Fieber kriegen. Jemand muss in der Nacht bei ihm sitzen und die kalten Wickel wechseln.‘

Ihr Vater plärrte aus der Metzgerstube: ‚Und der Jemand wirst du sein, liebe Tochter!‘

Dann kam eine Heilerin und schob sich an dem Heiler vorbei durch die Tür. ‚Gut gut, da hab ich noch ein paar Kräuter gegen Wundbrand. Da machst du einen Tee und flößt ihm den ein. Wir kommen morgen in der Früh und wechseln den Verband. Wenn er wach wird, kannst du ihm Suppe geben.‘

Dann verschwanden die beiden Heiler und ließen die verdutzte Metzgerstochter vor der offenen Tür zurück.

Fortsetzung folgt vielleicht…

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

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