Das Klagelied des Fuchses – Unter den Ästen des Zwillingsbaumes

Das Klagelied des Fuchses – Über den seltsamen Tod des jungen Faran

Eine Sammlung einiger Briefe und Schriften, zusammengetragen von Brian, Sarolfs Sohn, Reiter im Dienste des ehrenwerten Guiskard Ragin Grünfang

vogelbeereAbschrift aus dem Tagebuch des jungen Faran:

Unter den Ästen des Zwillingsbaumes

‚Eigentlich ist Fern viel zu jung!‘ sagte meine Mutter. Aber mein Vater Thôn vom Clan der Grünfänge meinte darauf: ‚Alveradis, meine Schöne, als ich so jung war wie er, war ich einen ganzen Winter lang im Wald unterwegs und im Frühling hatte mich nicht nur mein Krafttier gefunden, sondern auch der Bär.‘

Mutter lächelte milde und strich über das von Narben gezeichnete Gesicht meines Vaters. ‚Und wenn du den Bären damals nicht im Kampf getötet hättest, wärst du bei den Ahnen zwar schön anzuschauen, aber dann hätten wir uns auch nie kennengelernt.‘

Mein Vater verzog sein Gesicht zu einem Grinsen und jeder der ihn nicht kannte, hätte jetzt schon die Flucht ergriffen, weil für einen Außenstehenden sah seine Fratze wirklich furchterregend aus.

Mutter machte was sie immer tat, sie zog ihm die Narben glatt und küsste ihn sanft. Für einen Moment hatte man das Gefühl, dass er eigentlich ein schöner Mann hätte sein müssen, wenn die Narben nicht wären.

‚Alveradis, du bist meine Sonne im dichtesten Nebel, lass deinen Sohn ziehen und zum Beltanefest wird er als Mann wieder kommen.‘ rief mein Vater, wartete ein Nicken ihrerseits ab und klopfte mir auf die Schulter: ‚Hast du dein Messer, deinen Bogen und dein Beil?‘

‚Ja Vater!‘ rief ich pflichtbewusst.

‚Hast du genug Pfeile?‘

‚Und wenn sie mir ausgehen, mache ich mir Neue!‘

‚Deinen Feuerstein hast du auch?‘

Mein Nicken ging unter, weil meine Mutter mir einen Beutel in die Hand drückte und ich konnte das gute Essen durch das speckige Leder riechen.

‚Belenus möge dir immer den richtigen Weg leuchten!‘ flüsterte sie und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Sie schluckte schwer, drückte mich nochmal und wand sich dann hastig ab. Warum macht sie es mir immer so schwer?

‚Faran, es wird Zeit!‘ hatte mein Vater noch gesagt und dann lies er mich ziehen.

So war ich nach dem Imbolcfest losgezogen und ich würde erst wieder zurück kehren, wenn der Gehörnte zum Fest sein Horn erschallen lässt. Dann sollte ich bestenfalls ein Mann geworden sein, mein Krafttier gefunden haben und um der Ehre meiner Familie gerecht zu werden, ein mächtiges Waldtier im Kampf erlegt haben. Und wie ich das alles bewerkstelligen soll, hat mir niemand erzählt.

Im Moment fühlte ich mich eher dem winterschläfrigen Eichhörnchen zugehörig. Wie gerne würde ich am warmen Feuer liegen und mir die Felle über den Kopf ziehen. Statt dessen stapfte ich noch vor Morgengrauen durch den tiefen Schnee und grübelte vor mich hin. Ich musste schon längst im Gebiet der Nebelwölfe sein, aber sicher war ich mir nicht. Ich konnte nur meinen gefrorenen Atem vor Augen sehen. Meine Zehen waren genauso taub, wie meine Finger und selbst wenn ein Tier meinen Weg kreuzen würde, dann könnte ich es nicht mal erschießen, weil ich meinen Bogen nicht mehr spannen konnte, so kalt war es.

Und plötzlich wurde mein Weg von der Sonne erleuchtet. Die Sonne war auf gegangen und mit ihr keimte die Hoffnung wieder in mir auf.

Ich war schon Tage lang unterwegs und jeden Morgen schnitt ich eine Kerbe in ein Stück Holz, ich wollte auf keinen Fall zu spät zum Fest kommen. Obwohl es in den letzten Tagen stark getaut hatte, war es morgens noch ziemlich kalt und der matschige Schnee bildete Nachts seltsame Eisformen. Ich zählte 24 Kerben und musste unweigerlich an meine Mutter und ihre Worte denken. ‚Belenus möge dir immer den richtigen Weg leuchten!‘ Ich blickte zur Sonne, wie sie durch die Bäume strahlte. Meine Mutter nannte mich immer Fern, was bei den Wildelben Bucheckerl bedeutet, obwohl mein Name eigentlich Faran ist. Aber Faran nennt sie mich nur, wenn sie ihn ausschimpfen will. Faran bedeutet bei den Wildelben Vogelbeerbaum. Und genau deswegen wurde ich von den anderen Kindern immer veralbert. Aber Vater sagte immer, dass die Bäume in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt hatten und dass er mit seinem Namen immer gut durchs Leben gekommen wäre. Thôn heißt ja auch Kiefer und genau so zäh und knorrig scheint er mir auch manchmal.

So in Gedanken versunken bemerkte ich gar nicht, dass ich mitten im Wald auf eine riesige Lichtung gekommen war und auf deren Mitte stand ein stattlicher Baum der zwei Stämme hatte. Als ich näher schritt, sah ich dass noch ein paar hellrote Früchte an den Zweigen hingen. Es war ein Vogelbeerbaum. Und es war der Größte den ich je gesehen habe. Seine zwei mächtigen Stämme stiegen hoch auf in den Himmel. Und wenn er erst Blätter trug, würde er die Lichtung wahrscheinlich völlig ausfüllen. Die Bäume, die um die Lichtung standen, ragten wie riesige Säulen auf und umschlossen das Bild. Ich kam mir vor, als würde ich in einem gigantische Bauwerk stehen, größer noch als die große Ratshalle in Raurikor.

Plötzlich hörte ich ein entsetzliches Geräusch, dass mich von meinen Gedanken aufscheuchte und  mich schutzsuchend unter den kahlen Äste des Zwillingsbaumes trieb. Es war ein furchterregendes, kräftiges Schlürfen, dass in einem Pfeifen endete und dann hörte er einen dumpfen Schlag und ein Scharren, dass sich von mir entfernte. Im Augenwinkel hatte ich einen Schatten gesehen, der sich über den Boden geduckt, seltsam schnell fortbewegte und verschwand. Ängstlich blickte ich in die Richtung, wo mein Verstand den Schatten erahnte. Doch der Wald war ruhig. Mein Herz pochte aber so laut, dass ich damit jedes Tier im Umkreis hätte verscheuchen müssen.

Nach einem langen Moment fasste ich mir ein Herz und lief geduckt in die Richtung, wo ich dachte den Schatten gesehen zu haben. Weit vor mir lag etwas auf dem Boden. Ich schlich weiter und erblickte einen toten Fuchs. Als ich näher trat zerbrach mir schier mein Herz in meiner Brust.

Ich hielt meine zitternde Hand vor meinen Mund, um einen spitzen Schrei zu unterdrücken. Ich brauchte einen Moment, je ich mich wieder beruhigt hatte. Ich hatte nie ein größeres Entsetzen im Antlitz eines toten Tieres erblickt, wie bei diesem hier. Der Körper schien völlig blutleer zu sein.

Mit bebenden Fingern zog ich mein Messer und versuchte den Leichnam hochzuheben. Das struppige Fell legte sich geschmeidig um mein Messer und da begriff ich, dass der Schatten echt gewesen sein musste. Das tote Tier war noch nicht gefroren, hatte aber auch keine Wunden und es schien auch keine Knochen mehr im Körper zu haben. Hastig sprang ich auf und balancierte die Haut des armen Tieres auf seiner Klinge, während ich rückwärts durch den Wald stolperte. Mein Atem ging schwer und ich keuchte bei jedem Schritt. Erst als ich wieder auf die Lichtung stolperte, fing ich mich wieder.

Der Vogelbeerbaum blickte auf mich herab und spendete mir Trost. Wie ein stummer Zeuge stand der Zwillingsbaum über den Dingen. Beflügelt vom Anblick des Baumes beschloss ich die Überreste des Tieres zu verbrennen. Ich fand einen trockenen Ast, der noch halb am Baume hing und machte ein kleines Feuer und schürte es hastig hoch. Summend stimmte ich ein altes Lied an und legte den toten Körper in die Flammen. Dann ritze ich mir in die Hand und spritze mein Blut in die Flammen, schlussendlich warf ich ein paar getrocknete Kräuter in die Flammen und wartete bis die Flammen wieder erloschen.

Ich hatte Tränen in den Augen als ich aufblickte. Der Zwillingsbaum stand hoch über mir und schaute auf mich herab. Am Fuße des Baumes war etwas eingeritzt worden. Schriftzeichen, die von den Wildelben waren.  elbischAelbischThElbischF

Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte ein A und ein Th zu sehen und drunter ein F. Kopfschüttelnd kam mir das Wort Stammbaum in den Sinn.

Schweren Herzens verließ ich die Lichtung, weil ich nicht an diesem Ort bleiben wollte, solange  ich nicht wusste, was für ein Wesen dieser Schatten gewesen sein mochte. Auch wenn dieser Baum wohl mehr zu bedeuten hatte, als nur der Hüter einer Lichtung, musste ich fort von diesem Ort. Ich beschloss den restlichen Tag zu nutzen und in einem großen Bogen wieder zurück zu meinem letzten Lagerplatz zu gehen und hoffte, dass mir ein Abendessen noch vor den eigenen Bogen laufen würde.

Als ich in der Abenddämmerung dann endlich an meinem alten Lagerplatz ankam, hatte ich zwei magere Eichhörnchen erwischt. Besser als nichts war es allemal.

Ich grübelte immer noch und konnte mir keinen Reim darauf machen, was mit dem armen Fuchs geschehen sein mochte. Nach dem Essen legte ich mich ans Feuer und fiel in einen unruhigen Schlaf.

Ich erwachte erst wieder, als die ersten Sonnenstrahlen mich wach küssten. Ich wischte mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blinzelte in die Sonne. Nur ein paar Schritte von mir entfernt lief ein weißer Fuchs vorbei. Der weiße Fuchs hielt vor einem umgestürzten Baum inne und blickte mich kurz an. Die Haarsträhne fiel mir wieder ins Gesicht und dann begriff ich erst, dass meine Haare weiß geworden waren. Im nächsten Augenblick war der weiße Fuchs verschwunden.

arcticfoxWeit, weit entfernt vom Zwillingsbaum

Ich stolperte gehetzt durch den Wald. Es wird nie wieder so sein, wie bevor ich ausgezogen war, ein Mann zu werden. Tagelang musste ich durch den Wald geirrt sein, kein Ziel vor Augen, aber den Schatten im Rücken. Der grauenvolle Schatten, der mich verfolgte seit dem ich meinen Geburtsbaum entdeckt hatte.

Der Zwillingsbaum schenkte mir nun schon lange keinen Trost mehr. Doch immer wenn ich am Ende meiner Kräfte war, schien die Sonne auf mich herab. Immer wenn ich inne hielt, war der weiße Fuchs wieder an meiner Seite und schenkte mir Trost, manchmal lief er vor mir und gab mir eine Richtung. Manchmal konnte ich seinen Ruf von weit entfernt hören, aber ich wusste doch, ich war nicht allein.

Am Ende meiner Kräfte kroch ich weiter und weiter. Ich wollte nur fort von dem Schatten, der mich zu übermannen versuchte. Auch wenn ich ihn nicht ausmachen konnte, wusste ich doch, dass er mir im Nacken saß.

In meiner Verwirrung hatte ich mir die Schriftzeichen in meine Handfläche geritzt, die meine Eltern einst in den Stamm geschnitten hatten, so war ich mir sicher, dass ich sie nicht vergessen würde. Nicht viele unter den Widukin können noch die alte Sprache der Wildelben verstehen und sie zu schreiben gar noch weniger. Der Gedanke an seinen Stammbaum und an seine Eltern hielten mich am Leben und auf den Beinen.

Immer wieder wickelte ich den Verband ab, den ich hastig um meine Hand gewickelt hatte und blickte auf die Zeichen in meiner Hand. Ich hatte in der Hast zu tief geschnitten und mit den tauben, kalten Fingern hatte ich das Messer kaum halten können. Für den Fall, dass ich nicht wieder nach Hause finden würde, so würde jeder es sehen können, dass ich meinen Weg gefunden hatte, bevor ich sterbe und in die nächste Ebene übergehe.

Ich muss auch auf allen Vieren über den Boden gekrochen sein, der Schatten, der mich verfolgte hatte nun Gestalt angenommen und die Angst trieb mich weiter, obwohl ich am Ende meiner Kräfte war. Ganz weit entfernt konnte ich den Fuchs jaulen hören. Plötzlich gab der Boden unter mir nach und ich stürzte in ein dunkles Loch. Und da saß ich nun. Im Dunklen muss ich auch stundenlang herum geirrt sein, bevor ich mich entsinnte, ein paar Kerzen dabei gehabt zu haben. Ich erkundete die Höhle und fand aber keinen Ausweg.

Ich beschloss aufzuschreiben, was ich erlebt hatte und so schreibe ich diese letzten Zeilen. Meine letzte Kerze ist fast runter gebrannt und ich kann keinen Ausweg aus diesem Loch hier finden. Ich weiß genau ich bin nicht allein, irgendwas ist in dieser Höhle, ich kann es scharren hören und wie es langsam näher kommt.

Ich bete inständig an all die Götter da oben, dass mich das Licht des Belenus heimführen möge, aber die Kerze ist am Erlöschen und bald ist es dunkel. Ich kann nur noch den Schmerz spüren in meiner Hand und dass ist es, was mich am Leben hält. Mein Stammbaum wird mich heimführen, ich bin mir ganz sicher. Das Licht flackert nur noch... Auta ilome Aure entuluva,  Auta ilome Aure entuluva, Auta ilome Aure entuluva…

So enden die Worte des jungen Faran mit einem Schutzgebet der Waldelben. Die letzten Absätze waren teilweise unleserlich, teilweise mit den Schriftzeichen der Waldelben geschrieben, teilweise auch in deren Zunge geschrieben, ich hoffe dass ich die Worte des jungen Faran so wieder gegeben habe, wie er sie erzählen wollte. Erst dann beginne ich meine Geschichte zu erzählen, so wie ich sie bis zum heutigen Tage erlebt hatte.

Abschrift verfasst von Brian, Sarolfs Sohn, Reiter im Dienste des ehrenwerten Guiskard Ragin Grünfang.

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen nach dem Imbolcfest (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

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  1. Nochmal überarbeitet und ein oder zwei Fortsetzungen folgen… Und Larpgeschichten – Das Klagelied des Fuchses


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