Das Klagelied des Fuchses – Alveradis Klagelied

Das Klagelied des Fuchses – Alveradis Klagelied

arcticfoxIch Brian, Sarolfs Sohn, brachte die dunkle Kunde der Spinnenflut nach Vargranja zum Sitz des Ragin Grünfang und ritt dann gleich weiter zum Haus von Thôn und Alveradis. Ich hatte den Leichnam des Jungen Faran auf ein Geflecht von gebogener Zweigen und Ästen gelegt und schleifte ihn etwas Würdevoller hinter mir her, als ihn nur auf dem Hintern meines Pferdes liegen zu haben. Außerdem wurde mir der Körper des Jungen langsam unheimlich. Ich hatte schon viele tote Körper nach der Schlacht nach Hause gebracht, aber dieser Junge war wirklich ein sehr eigenwilliger toter Junge.

Vielleicht schwindet auch langsam mein Verstand, aber ich schwöre auf meine Mutter und all meine Ahnen und alle Götter, dass mein Guiskard dem Jungen die Augen geschlossen hatte, doch blickte der Junge mich nach der ersten Nacht mit seinen starren bleichen Augen an, worauf ich ihm persönlich die Augen schloss. Das tat ich nun jeden Morgen und langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Hätte ich nur den Pferdejungen dabei, der hatte mehr Ahnung von solch wunderlichen Dingen. Dann ist mir aufgefallen, dass der Junge nicht in die übliche Starre verfallen ist, die sich sonst über Tote legte. Ich zermartere mein Gehirn, ich musste irgendwas übersehen haben. Irgendwas stimmte da ganz und gar nicht, von den riesigen Spinnen mal ganz abgesehen.

Ich trauerte um den jungen Faran, weil er in meinen Armen gestorben war und weil ich ihm nicht mehr helfen konnte, zweifelte ich an meinem Können. So bin ich nicht nur ein Krieger und Reiter des Guiskard und sondern kenne mich mit den Kräutern gut aus. Ich vermag es, Wunden zu schließen mit meinen Tränken, aber wenn einer keine Wunde hat und trotzdem stirbt, was hätte ich da schon machen können. Meine Tränke haben sonst immer gegen allerlei Gift gewirkt und ich hab ihm die doppelte Menge eingeflößt und es zeigte einfach keine Wirkung.

Und dann war da noch was Anderes. Der Junge hätte mein Junge sein können, wenn der Gehörnte damals mein Flehen erhört hätte. Aber die Götter entschieden es anderes. Und so war es Thôn vergönnt, die schöne Alveradis zu heiraten und nun bringe ich, gerade ich, den toten Jungen heim.

Wie soll ich ihnen unter die Augen treten mit so einer Botschaft, so konnte ich doch vorher kaum unter ihre Augen treten. War ihre Heirat nicht der Grund warum ich damals fort ging.

Wie habe ich es jeden Winter gehasst nach Hause zu kehren und ihr Glück zu sehen und nun komme ich im Frühling und bringe die Leiche des Erstgeborenen heim, zu denen, die ich mein halbes Leben verflucht habe.

Mein Gewissen nagt an mir und nun will ich nicht eher ruhen, bis ich ergründet habe, warum dieser arme Junge sterben musste.

Das Klagelied des weißen Fuchses begleitete meinen Weg und ich stimmte ein, so kommen mir die Worte der Wildelben so leicht über die Lippen, als wäre es meine eigene Muttersprache:Dankar Qualin,Abglam macil,Vanwal nai otha, Im quen isil, Im quen nai, Thalion im quen Anduril…‘

Nicht nur mein Herz weinte, auch dieses Tier litt da draußen vor sich hin. Der Fuchs will uns irgendetwas sagen, nur ist es mir nicht vergönnt, mit dem Krafttier eines Toten zu sprechen. Ich werde bei den Schamanen um Rat bitten, sobald ich wieder in Vargranja bin, aber vorher habe ich noch einen Auftrag, den ich erledigen muss.

In der Ferne konnte ich eine Rauchfahne erkennen, bald würde ich der Liebe meines Lebens unter die Augen treten müssen und nur bei dem Gedanken an sie, stieg mir das Blut in den Kopf. Ich atmete tief ein, versuchte mein Herz zu beruhigen und ritt weiter.

Ich erblickte das Haus von Thôn und kaum war ich vom Pferd abgestiegen, kam er auch schon aus dem Haus gelaufen. Er blickte grimmiger, als ich es in Erinnerung hatte. Die hässliche Fratze erschreckt jeden Angreifer, bevor er den Mut aufbringen konnte, sein Schwert gegen Thôn zu erheben. Mittlerweile empfand ich höchsten Respekt gegenüber diesem Mann, dass war Beiweiten nicht immer so. Thôn knurrte mich an, zog sein Messer aus dem Gürtel und warf es fort. Dieser Mann hasste mich einfach, wahrscheinlich bringt er mich jetzt mit bloßen Händen um.

Wie von einem Blitz getroffen blieb Thôn vor mir stehen, sein vernarbtes Gesicht begann zu zittern, als er erkannte, wer da auf der Trage lag. Ich öffnete die Riemen, die die Trage am Sattel befestigten und lies ganz langsam die Trage auf den Boden sinken. Thôn glitt ganz langsam auf die Knie.

‚Mein Herr schickt mich euch euren Sohn zu bringen. Ich konnte nichts mehr für ihn tun.‘ versuchte ich mich zu erklären. ‚Ich spreche im Namen von Ragin Grünfang. Seine Trauer konnte er kaum in Worte fassen.‘

‚Brian, ich weiß wie schwer es dir fallen muss, mir unter die Augen zu treten…‘ flüsterte Thôn, er musste schwer schlucken und fuhr dann fort. ‚Ich rechne es dir hoch an, dass du in dieser Stunde zu uns gekommen bist.‘ Thôn war aufgestanden und hielt mir die Hand hin. ‚Freund!?‘

Ziemlich verblüfft darüber streckte ich ihm beide Hände hin und Thôn zog mich in eine Umarmung. Ich vermochte keinen Laut von mir zu geben, nicht dass er es sich nicht doch noch anders überlegte. Doch sein Körper bebte in meinen Armen und als seine Frau aus dem Haus kam, trennte er sich von mir. Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab, lief auf die Bahre zu und rief erstickt: ‚Faran…!‘ Ihre Stimme brach in dem Moment, als sie auf die Knie sank, um den toten Körper von der Trage zu ziehen und ihn in ihre Arme zu schließen.

Ihr Klagelied zerriss nicht nur das Herz ihres Mannes, sondern auch das Meine. Sie wiegte ihren toten Sohn hin und her und Tränen flossen ununterbrochen über ihr Gesicht. Ihre Lippen vermochten die Worte kaum zu formen und so war ihr Lied von einem Schluchzen und Wimmern begleitet, aber doch verstand jeder die Worte: Yenillor morne a ley, Tulinte I Quettar, Tercano nuruvia, H lasta Qutetes, H firmain o mor, i dhu ely siriair, Mornie utulie à H firmain yenillor morne, Mornie alantie, à i lir en el Luitha uren,i lir en el Luitha uren…!‘

Thôn nahm mich bei Seite und blickte mich fragend an: ‚Er kam auf uns zu, als wir gen Raurikor zogen, er wurde von Spinnen verfolgt. Sie müssen ihn zu oft gebissen haben, meine Tränke konnten ihn nicht mehr retten. Er sprach noch von seinem Stammbaum, den er gefunden hatte.‘

In dem Moment brach der Gesang von Alveradis ab und sie ließ den bleichen Körper ihres Sohnes sinken. Dabei glitt die Hand von seinem Brustkorb und man konnte die Schriftzeichen erkennen, die er sich in die Hand geritzt hatte. Thôn erbleichte, als er die Zeichen erkannte und ich musste ihn stützen. Ich hätte nie gedacht, dass diese drei Zeichen diese knorrige Kiefer von einem Mann zu Fall bringen hätte können, aber in seiner Trauer erkannte ich, dass die zerfurchte, harte Rinde nur die Fassade für einen weichen Kern war und nun begriff ich endlich, warum Alveradis ihm sein Herz geschenkt hatte. Die Sanftmütigkeit die ich in der Stunde seines Todes in dem Jungen gesehen hatte, hatte er gleichsam von seiner Mutter und von seinem Vater geerbt.

‚Er wollte nicht vergessen, um nicht vergessen zu werden.‘ flüsterte ich, aber es kam nicht mehr als ein Krächzen aus meiner Kehle, doch mein Krächzen gab Thôn die Kraft, nicht vollends zusammenzubrechen.

Am Waldrand trat der weiße Fuchs durchs Dickicht und sprang geschmeidig auf einen erhöhten Stein. Und dann sang er wieder sein Lied. Alveradis stimmte mit ein: O mor henion I dhu, ely siriair el sila, Ai Anrion Undumiel, Ti iro el eria, Im quen nai isil, quen bruin anduril, Mornie utulie à H firmain yenillor morne, Mornie alantie à i lir en el Luitha uren, i lir en el Luitha uren!‘

Sie letzten Silben verklangen im Wind und ich sprach zu Thôn und schickte mich an aufbrechen zu wollen: ‚Thôn, mein Herz ist mir schwer, dass ich euch in eurer dunkelsten Stunde verlassen muss, aber ich muss weiter. Gebt acht, die Spinnen sind größer geworden, als sie je waren und gebt auf euch Acht. Mein Herz trauert mich euch!‘

‚Mein Dank gilt dir, Brian, mein Freund. Mein Haus steht dir immer offen!‘sprach Thôn mit erschreckend fester Stimme.

Ich nickte und stieg auf mein Pferd und lies Alveradis Klagelied hinter mir, aber nicht aus meinem Herzen.

Brian, Sarolfs Sohn
Reiter im Dienste des ehrenwerten Guiskard Ragin Grünfang.

Diese Geschichte basiert auf dem Hintergrund der Rauriker und den Ereignissen um Beltane (http://www.rauriker.de) Ähnlichkeiten von Personen im realen Leben sind völlig ausgeschlossen und somit reiner Unfug. Wir bitten um Verständnis.

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