253 nach X – Teil 2

253 nach X – Teil 2

smogMein Leben war immer trostlos, bis zu diesem Tag. Heute. Der Tag meiner Erkenntnis. Der Tag an dem meine Vermutungen und noch mehr ausnahmslos bestätigt wurden. Vermutungen, die eigentlich auch verboten sind. Und ‚eigentlich‘ ist auch verboten. Und vieles was ich an diesem Tag verfahren werde, würde ich gar nicht wissen wollen, wenn ich eine Wahl gehabt hätte.

Ich beginne also mal wieder einem weiteren trostlosen Arbeitstag. Ich habe jede Menge Wahlwerbung vor meiner Tür entsorgt. Sagen wir mal so, ich sammle diese Plastikblätter bis ich eine Recyclingbox voll habe, damit kann man heut zu Tage eine Menge Kröten verdienen. Papier steht mittlerweile unter Naturschutz, nachdem es keine Wälder mehr gibt. Wobei das Wort Naturschutz ist eigentlich auch schon lange überholt, weil so eine richtige Natur gibt es nicht mehr. Bei dem tropischen Klima und der Umweltverschmutzung wächst kein Gras mehr. Die Aufforstungsprogramme sind alle fehlgeschlagen. Und die paar Palmen, die Sie gepflanzt haben, animieren nicht mal die Hunde zum Pinkeln. Ach Hunde sind zwar nicht verboten, sind aber die Hauptnahrungsquelle.

In meiner Wohnung stapeln sich also die Recyclingboxen, für jede Menge Müll. Mülltrennung ist eines Jedermanns Hobby in der Großen Stadt. Und nachdem mir im Viertel R eine Wohnfläche von 18 m² zur Verfügung stehen, habe ich und mein Müll gerade mal so viel Platz, um nicht jeden Tag Amok zu laufen. Mein Heim ist so klein, dass es ganz gut ist, dass wir hier im Viertel nur Männer und Schwule haben, weil hierhin abschleppen kann man wirklich keine.

Nachdem ich also meine Geldbörse aufgebessert habe, in dem ich den Müll vor meiner Tür weggeschafft habe, habe ich ein Räumkommando gerufen, weil sich wohl mehrere Wahlhelfer vor meiner Tür gegenseitig abgestochen haben. Ich hoffe, die Jungs vom Räumkommando haben die Leichen bis heute Abend weggeräumt, weil dann stinken sie bestimmt schon, bei der Affenhitze, die wir heute wieder kriegen werden. Vorteil für mich, dass sie vor der Tür jede Menge Wahlwerbung verstreut haben, die mir eigentlich nicht zugestanden hätte. Ich sammle einfach alles auf, nachdem sich aber sowie keiner für irgendwelche Leichen interessiert, noch nicht mal die Parteien, für die sie gearbeitet haben. Als Wahlhelfer ist man nun mal der letzte Abschaum. Am Ende landen sie nur in der Leichenverwertungsstelle.

Da wird alles recycelt, was die Übrigbleiberärzte nochmal bei jemand anderes einbauen können und der Rest wird verbrannt und dabei wird Energie gewonnen. Es ist zwar nicht gerade effektiv, aber zum Verbrennen haben wir nur noch unrecyclbaren Müll und Leichen. Deswegen ist die Energie auch so teuer, die Sonne scheint ja auch nie, weil sie nie durch den Dunst kommt, und wenn der Dunst mal fort ist, regnet es.

Eigentlich ein ganz normaler Tag, bis ich zu den drei Jungs in der Aufzugbar komme und meinem Tabak holen wollte. Ich kriege auch meinen Tabak und ein Streichholzbriefchen. Ich habe noch nie ein Streichholzbriefchen bekommen. Es war ein Streichholzbriefchen mit Streichhölzern aus echtem Holz. Das Holz fühlte sich fantastisch an. Auf dem Streichholzbriefchen stand Werbung von einer Bar. Von der Mond-Bar. An der Grenze von Viertel S und Viertel R. Hinter den Streichhölzern stand: ‚Hilfe! Kommen Sie bitte!‘

Es war das erste Mal, dass ich völlig unrasiert aus dem Haus rannte. Ich radelte in Windeseile zu dieser Bar. An der Theke war niemand. Der Barkeeper hatte mir den Rücken zu gedreht. Ich ging zur Theke und legte das Streichholzbriefchen auf den Tresen. Der Barkeeper drehte sich um und deutete aufs das Klo. ‚Das Klo mit der Aufschrift -DEFEKT-! Sie werden bereits erwartet.‘

Ich ging aufs Klo, schaute kurz in den trüben Spiegel und schritt zu der Klotür mit der Aufschrift -DEFEKT-. In dem Moment als ich die Tür öffnen wollte, sah ich nur noch Sterne. Meine Lichter gingen aus, noch bevor mein Kopf auf dem Boden aufschlug.

Ich erwachte mit höllischen Schmerzen zwischen den Ohren. Ich war auf einem Behandlungsstuhl angeschnallt.

‚Ah, Sie sind wach!‘ Eine verzerrte Stimme kam durch einen Lautsprecher, der an der gegenüberliegenden Wand über einem riesigen Spiegel hing.

‚Bürger 3490564 VR0209X228! Sie wurden auserwählt mit einer Einmannrakete auf den Mond zu fliegen und dort nach dem Rechten zu sehen!‘

‚Ihr habt doch nen Schaden, ich bin Rikschafahrer, ich hab Rechte, ich bin in der Gewerkschaft!‘

‚Rechte? Hah! Ihre Gewerkschaft ist irrelevant!‘

‚Wir sind von der Gesellschaft zur Rettung der Menschheit. Es ist ihre Pflicht uns zu unterstützen.‘

‚Ihr könnt mich mal!‘

‚Wir haben ihnen den Bürgerchip entfernt. In einer Stunde schießen wir sie auf den Mond!‘

Ich hörte ein zischenden Geräusch neben mir und ich war wieder weg. Ich wachte erst wieder auf, als ich nach einem heftigen Knall in den Stuhl gepresst wurde. Ich saß in einem Cockpit und ich sah nur Sterne. Verdammt viele Sterne. Nicht nur in meinem Kopf.

Ich dachte ich hätte schlecht geträumt, die schießen mich doch nicht wirklich auf den Mond. Dafür lande ich im Knast, wenn ich die Scheiße überlebe.

Am Cockpit gingen einige Lichter an und die verzerrte Stimme ertönte wieder:

‚Dies ist eine Aufzeichnung. Sie befinden sich in einer Einmannkapsel auf den Weg zum Mond. Es ist jetzt 107 Tage her, dass wir keine Signale mehr vom Mond empfangen haben. Die Machthaber auf der Erde haben dies ignoriert. Wir nicht. Wir möchten gerne, dass sie das Kontrollzentrum finden und vom Mond aus die Wahrheit verbreiten.‘

Toll, was für eine Wahrheit. Egal. Ich kann den Mond sehen. Der Mond wird immer größer und größer. Der Mond hat eine merkwürdige Beule an einer Seite. Sieht wie ein abartiger Pickel aus. Der Mond wird immer großer, bis ich den Pickel nicht mehr sehen kann. Die Mondlandschaft füllt mittlerweile die Fenster völlig aus, keine Sterne mehr, nur noch Mond. Ich glaube jetzt ist es soweit, ich bin am Ende auch durchgeknallt. Ich sehe wieder Sterne und wache erst wieder auf, als die Kapsel auf der Mondoberfläche aufschlug. Ich kämpfte mich aus dem Sitz und aus der Kapsel. Ich habe einen Raumanzug an und an meiner Hand war meine Knarre festgebunden. An meinem Fuß war ein Metallkoffer an einer langen Kette befestigt. Ich hopse auf der Monderoberfläche zu einer gigantischen Kuppel hin. Der Pickel! Es scheint kein Licht. Nur die Sonne. Ich habe mal einen illegalen Historienstreifen von der ersten Mondlandung gesehen, dafür wäre ich auch beinahe in den Knast gekommen. Der erste Mann auf dem Mond hat gesagt: ‚Das ist ein kleiner Schritt für den Menschen… ein… riesiger Sprung für die Menschheit.‘

Toll, ich hopse jetzt genauso bescheuert auf dem Mond herum, einen Metallkoffer hinter mir her schleifend. Die künstliche Gravitation ist mal voll für den Arsch. Und von wegen Atmosphäre, ich bin gerade richtig froh, dass meine Entführer mich in diesen Raumanzug gesteckt haben.

Oh Mann, ich bin wirklich entführt worden. Ich weiß gar nicht, ob Entführungen auch verboten sind. Endlich bin ich an der Kuppel angekommen, bloß wir komme ich da rein. Ich laufe an der Kuppel entlang, bis ich zu einer Tür komme. Es ist eine Luftschleuse. Und ich bin drin. Drinnen sieht es wie in einem riesigen Eisfach aus. Und wir haben endlich Gravitation und Luft. Ich öffne meinen Helm und mache mich an dem Koffer zu schaffen. Als ich ihn öffne, habe ich wohl einen Mechanismus losgetreten. Mich blinkt ein Display an, der langsam aber stetig auf null zählt. Ich habe noch 14:49 Zeit. Spitzenmäßig. Hier ist es wirklich ziemlich kalt. Es ist die Frage, ob ich erst erfriere und dann in die Luft gesprengt werde oder umgekehrt. Ich laufe einen endlosen Gang entlang, die Kofferbombe in der Hand und ich muss ziemlich aufpassen, dass ich nicht ausrutsche. Es ist spiegelglatt. Ich quetsche mich durch eine halbgeschlossene Tür und stehe in einer riesigen Halle. Das Innere der Kuppel hat tatsächlich sowas wie eine Atmosphäre, ich kann schwere Wolken sehen und es fallen weiße Punkte von der Decke. Sie sind kalt und schmelzen auf meiner Haut. Es muss Schnee sein. Es ist Schnee. Wenn ich jetzt sterben muss, gerne. Ich spüre Schnee auf meiner Haut. Am liebsten würde ich mich splitterfasernackt ausziehen und im Schnee herum springen. Piep, Piep. Ja, da war ja was. 14:45 Zeit. Ich wate durch den Schnee. In der Mitte der Kuppel ist ein großer Glaskasten. Das sieht irgendwie aus, als wäre es so was wie ein Kontrollzentrum.

Bei 13:57 Zeit trete ich die Tür zum tatsächlichen Kontrollzentrum ein. Hier ist es nur unwesentlich wärmer. Die Bildschirme haben eine dicke Eisschicht. Ich mache mich an den Schaltflächen und Tastaturen zu schaffen. Es macht erst ‚Bling‘ und dann geht ein Alarm los. Eine nette Damenstimme ertönt aus allen Lautsprechern: ‚Sie haben die automatische Selbstzerstörung gewählt. Sie haben noch 10.00 Zeit um zu den Rettungskapseln zu gelangen.‘ Ich schaue auf meinen Display im Koffer. 09:58. So ein Zufall. Ich werde in 10 Minuten mit einem gewaltigen Bums in die Annalen der Geschichte, die auch verboten sind, eingehen. Und zwar als der größte Idiot auf Erden und im ganzen Universum. Der, der den Mond gesprengt hat. Scheiße, nicht mit mir. Ich reiße meine Knarre von meinem Arm und schieße mir die Kette vom Bein.

Als ich auf den Notfallplan starre, der zufälligerweise neben dem Pult hängt, fällt mir ein großes Mikrofon auf. Ich wische die Knöpfe frei. ‚Erde (alle Kanäle)‘ Ich denke nicht mehr und drücke einfach. Ich hoffe, dass mich wenigstens irgendjemand versteht: ‚Ich bin B3490564VR0209X228 und ich wurde von der Gesellschaft zur Rettung der Menschheit entführt und zum Mond geschickt. Die Überlebenden sind alle tot. Erfroren. Welch Ironie des Schicksals, der Klimaerwärmung entflohen und dann im All erfroren. Das Vermächtnis der Überlebenden ist Folgendes: Die Übrigbleiber sollen die bewohnte Welt nach ihren Geschicken leiten und lenken. Alle Verbote sind mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Statt dessen gibt es neue Gebote. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht betrügen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht wählen. Du sollst glauben an dich selbst. Du sollst sagen was du denkst. Es lebe die freie Meinungsäußerung. Die Bombe die jetzt gleich hochgeht, haben mir die Entführer ans Bein gebunden. Ich war nur der dumme Briefbote. Ich würde gerne mehr sagen, ich habe keine Zeit mehr. Ich muss dann mal weg…lebt wohl!‘

Ich schaue nochmal auf den Plan, schaue nochmal auf die Displays und renne los. 05:06 Zeit. Das wird echt knapp. Ich renne durch die Halle ans andere Ende und sehe hinter einer weiteren Luftschleuse eine Rettungskapsel. Ich habe keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, aber die Rettungskapsel schießt aus der Kuppel und hinter mir macht es einen megamäßigen Knall. Die Druckwelle beschleunigt meinen Flug. Ich werde an den Sitz gepresst und hoffe nicht, dass der Mond jetzt wirklich explodiert ist. Wäre schade drum. Und ich hoffe inständig, dass die Raumkapsel mich irgendwie wieder heimbringt.

Jetzt treibe ich hier im All und sehe die Sterne. Es ist ganz schön kalt hier. Das Kondenswasser gefriert und rieselt von der Decke der Raumkapsel. Ich bin voll im Arsch, aber es schneit.

Es lebe die Meinungsfreiheit.

Fortsetzung folgt….vielleicht irgendwann!

Advertisements

The URI to TrackBack this entry is: https://callabutterfly.wordpress.com/2013/05/04/253x-teil-2/trackback/

RSS feed for comments on this post.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: