Vergebene Liebesmüh

Vergebene Liebesmüh

endeEine junge Frau eilte die Straße entlang. Sie lief an einem alten Mann vorbei, der am Straßenrand stand. Die Gestalt des alten Mannes war so merkwürdig, so dass sie sich nochmal zu ihm umdrehen musste und dabei beinahe gestolpert wäre.

Der alte Mann hatte ein schmutziges und zerschlissenes Unterhemd an und eine ausgebeulte Jogginghose, die viel zu kurz war. Außerdem trug er Badeschlappen und Tennissocken mit so großen Löchern, dass sie seinen widerlichen großen Zeh sehen konnte. Aber das Seltsamste an diesem Mann war, dass er völlig unbeeindruckt ein Ohrputzstäbchen im Ohr stecken hatte und die andere Seite das Ohrputzstäbchens war, der Farbe nach zu urteilen bereits ausreichend benutzt worden.

Die Frau lief kopfschüttelnd weiter, weil sie es sehr eilig hatte. In der Hand trug sie einen Stoffbeutel mit der Aufschrift: ‚Plastik nein Danke! Der Umwelt zu liebe!‘

Sie hatte sich für den Dienst beim Infostand des hiesigen Tierschutzvereins eingeschrieben und wäre doch beinahe zu spät gekommen.

Sie sammelten Spenden für das neue Katzenhaus und sie hatte nun den ganzen Nachmittag vor sich, um die Anwohner hier zu bequatschen doch für den Tierschutzverein zu spenden, oder vielleicht sogar Mitglied zu werden.

Irgendwann fiel ihr ein Mann auf, der sie schon eine ganze Weile anstarrte und der dem alten Mann von vorhin zum Verwechseln ähnlich sah. Nur dass dieser Mann nicht ganz so alt zu sein schien und einigermaßen gut gekleidet war. Und nach dem er kein Wattestäbchen in sein Ohr gesteckt hatte, hielt sie ihn anfangs noch für völlig normal.

Da er sie allerdings schon seit geschlagenen 15 Minuten beobachtete, ohne näher zu kommen, aber da ansonsten keine weiteren Interessenten in der Nähe waren, sprach sie ihn doch an.

‚Schönen Tag auch!‘ trällerte sie ihm lächelnd entgegen.

Er nickte nur und ansonsten war in seinem Gesicht keinerlei Regung auszumachen.

‚Wollen Sie nicht für unser neues Katzenhaus spenden?‘ fragte sie direkt heraus, um es bald hinter sich zu haben.

‚Da unten am Ende der Straße wohnt so eine verrückte Alte, die hat auch Katzen.‘ meinte der Mann völlig emotionslos.

‚Ja, schön!‘ lächelte sie leicht verwirrt und wedelte mit den Spendenquittungen. ‚Und gewinnen kann man auch was!‘

‚Warum ’n Katzenhaus? Wenn da unten am Ende der Straße, doch schon ein Katzenhaus ist.‘ meinte der alte Mann und zeigte in die Richtung, wo anscheinend das Katzenhaus war und zischte ihr dann zu: ‚Da bei der verrückten Alten!‘

‚Der Tierschutzverein kümmert sich um artgerechte Haltung.‘

‚Das find ich gut!‘ meinte der Mann und kam nun doch näher und kramte in seiner Hosentasche. ‚Aber eine Frage hab ich noch?‘

‚Ja, fragen Sie!‘

‚Wenn Sie die Katzen artgerecht halten wollen, warum dann ein Haus für die Katzen?‘

‚Damit sie sich keine Parasiten holen und sie sich nicht unkontrolliert vermehren!‘

‚Das ist doch vergebene Liebesmüh, wenn sie doch eh verfüttert werden…?‘

‚Wie verfüttert!?‘

‚Ja, Sie verfüttern die Katzen doch, oder nicht?‘

‚Ähm, nein! Wie kommen Sie dazu, dass wie sie verfüttern?‘

‚Sie wollen sie doch artgerecht halten?‘

‚Ja, aber nicht als Futter!‘ rief die junge Frau schon leicht hysterisch.

‚Ist es nicht der Lauf der Natur, dass der Hund die Katze frisst?‘

‚Ja, aber Heut zu Tage doch nicht mehr!‘

‚Was hat das dann mit artgerecht zu tun?‘

‚Wir verfüttern keine Katzen an Hunde!‘

‚Nicht, dass die armen Hunde verhungern müssen!‘ meinte der Mann und warf 20 Euro in die Spendenbox. ‚Auch wenn es viel billiger wäre, wenn Sie die Katzen an die Hunde verfüttern würden. Da sparen Sie viel Geld.‘

‚Vielen Dank für die Spende, wenn die ihren Namen und ihre Adresse hier drauf schreiben, können Sie an der Verlosung teilnehmen.‘ meinte die Frau und schob ihm die Spendenquittung hin.

Der Mann drehte sich um und ging einfach. Sie konnte ihn nur noch murmeln hören. ‚Wäh, Katzen, die sind doch viel zu zäh. Die muss man doch mindestens 2 Wochen in Buttermilch einlegen, bevor man die kochen kann… Obwohl die Chinesen, die dünsten doch alles, damit es zart bleibt. Ja, dünsten…!‘ Dann war er zu weit weg.

Die junge Frau stand völlig bedröppelt da, starrte dem alten Mann nach und hatte nicht mal mehr die Kraft den Kopf zu schütteln.

Auf der anderen Straßenseite stand ein Mann mit einem Schild in der Hand auf dem Stand: ‚Das Ende der Welt ist nahe!‘ Er sah dem alten Mann verdächtig ähnlich, nur jünger.

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