Die Zeit des Wartens

Die Zeit des Wartens

5309429112_aa95bcb12cDie letzten Tage waren gleichermaßen anstrengend wie aufschlussreich. Doch war der Rückzug eine bittere Niederlage gewesen. Aber es war diesmal nicht die Zeit zu kämpfen.

Doch das Warten lag ihm auch nicht so wirklich. Er wollte eigentlich nicht schlafen und doch schlief er, um seine Gedanken zu ordnen. Und genau diese Gedanken spülten nun ungeordnet durch seinen Kopf und ließen ihn erwachen. Es war kalt in seinem Zelt. Seine Decke war klamm und er fror. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten seinen Körper ausgelaugt und seine Muskeln zitterten vor Erschöpfung.

Er roch schwachen Rauch und öffnete die Augen. Die Zelthaut war durchgefroren, es fröstelte ihn. Er blickte über eine Öllampe hinweg zur Feuerschale hinüber, in der das letzte bisschen Glut vor sich hin schwelte.

Er atmete tief ein und hatte den Eindruck Schnee riechen zu können. Dann setzte er sich auf und rieb sich über die Wange und musste schmunzeln. Es sollte der einzige Schlag ins Gesicht sein, der ungesühnt bleiben wird, weil er hatte ein sehr wertvolles Geschenk dafür erhalten. Sein Leben, dass seines Heilers und dass seines Freundes. Und sie hätte es nicht machen müssen. Sie hätte sie auch einfach bei sich behalten können. Er strich sich wieder übers Gesicht und stand mürrisch auf. Der Teppich vor seinem Bett war auch gefroren und er tappte zur Feuerschale hinüber. Er brauchte wirklich einen Diener, der Nachts das Feuer am Laufen hält. Auch so eine Sache, um die er sich kümmern musste, wenn er wieder zuhause war.

Er warf ein paar Scheite ins Feuer, kniete sich vor die Feuerschale und blies in die Glut. Ein kleines Flämmchen erhellte den düsteren Morgen für einen Moment. Und dann begannen die Trommeln wieder und der Funke der Hoffnung, der für einen Moment in ihm entfacht war, wurde wir zu Nichte gemacht. Seine schlechte Laune hatte ihn wieder. Am Liebsten würde er alleine über den Pass laufen und sich durch die Armee des Feindes schlagen, bis keiner mehr von ihnen übrig war. Aber es war nicht die Zeit des Kämpfens. Weil es war auch nicht die Zeit des Sterbens. Nicht schon wieder.

Aber das Warten liegt ihm einfach nicht. Er grummelte mürrisch und ging wieder zu seinem Bett. Sein Blick streifte über seine Sachen, die er gestern vor dem zu Bett gehen einfach nur auf seine Truhe geworfen hatte. Er brauchte wirklich einen Diener. Seine Augen blieben auf der roten Schärpe hängen, die sie ihm überlassen hatte. Er konnte den Namen im halbdunkel nicht lesen, aber er wusste, dass da stand.

Halef, der kleine Junge, der an einer Lungenentzündung gestorben war und den er eigentlich gar nicht kannte und doch hatte sie ihn ihm überlassen.

Die Trommeln wurden immer lauten, sein Kopf sauste und noch bevor er es bemerken konnte, gingen seine Sinne auf Wanderschaft, während sein Körper der Länge nach aufs Bett krachte. Nicht schon wieder.

Er öffnete die Augen und blickte einer roten Sonne entgegen, die vor roten Wolken am roten Horizont stand. Sie neigt heute wohl wieder zu leichten Übertreibungen. Während die letzten Träume eher dunkel und abgeschieden waren, wollte sie sich heute wohl in ihrer ganzen Herrlichkeit präsentieren. Pah!

Die Sonne stand über einem Berg und schien über einem See, der ebenfalls rot war und er schien nicht nur mit Blut gefüllt zu sein… Davon hatte sie ihm ja erzählt. Der See aus Blut. Er war ziemlich groß und er schien nicht überwindbar zu sein und da wurde ihm die Aufgabe wieder bewusst, die er sich da aufgehalst hatte. Aber wachsen Männer nicht an ihren Aufgaben. Er blickte über den See und sah viele in rote Gewänder gehüllte Gestalten am Ufer stehen, die wohl mit Blut gefüllte Karaffen hineinschütteten. Er war aber zu weit weg, um mehr erkennen zu können, also lief er ans Ufer hinunter.

Weil sie hatte sich bestimmt etwas dabei gedacht, dass sie ihn hier her geholt hatte. Die rotgewandeten Gestalten hatten wohl ihr Tagwerk verrichtet und gingen über das Ufer davon. Nur vereinzelt blieb Eine von ihnen am Ufer stehen und machte irgendwas Merkwürdiges. Soviel war klar, es waren alles Frauen, die so waren wie sie und es war erschreckend wie viele es von ihnen gab. Da hatte sie nicht gelogen. Er ging zielstrebig ans Ufer zu einer dieser Damen hin, weil er hatte den Namen Rutger auf einer roten Schärpe gelesen und war sich sicher dass es die Richtige war.

Sie schien ihn nicht zu bemerken, weil sie in den See hinein geschritten war. Er zog es vor, nicht hinterher zu gehen und beobachtete sie von der Seite. Sie hatte ihren Mantel abgelegt, der nun auf dem Blut schwamm. Ihr Körper war komplett gebunden, mit diesen roten Schärpen, von den er auch eine besaß. Am Ende jeder Schärpe war immer ein Name zu sehen, aus den verschiedensten Schriftzeichen geformt. Einige Schärpen schienen ihr aus der Haut zu wachsen und das bisschen Haut, die nicht von den Schärpen bedeckt war, war gezeichnet und vernarbt. Er war sich nicht ganz sicher, ob er bis jetzt nur immer mit einem Trugbild gesprochen hatte, weil ihm die Tragweite ihrer Priesterschaft bis zu diesem Moment nicht klar war. Sie war wirklich mit den Seelen verbunden, die sie sammelte. Sie blieb vor einem Stein stehen, der aus dem Blut ragte, auf dem ein Messer lag. Sie legte ein gefaltetes Stück Papier auf den Stein und nahm das Messer. Das Stück Pergament kannte er sehr gut, er hatte es für sie geschrieben. Die Halbmondschneide des Dolches blitzte in der Sonne. Sie setzte an ihrer Stirn an und schnitt sich die Schärpen mit samt ihres restlichen Haupthaares vom Kopf. Sie trennte sich von 3 Schärpen in einem einzigen Schnitt, dem ein widerliches Geräusch folgte, als sich der Skalp vom Schädel trennte. Eine kleine Strähne ihrer schwarzen Haare behielt sie in der Hand und legte eine kleine Schärpe darum, auf der wohl ihr Name stand…

In seinem Kopf konnte er eine Stimme hören: ‚Du musst dir deine Haare erst verdienen, kleines Mädchen!‘ Und es zuckte für einen kurzen Moment ein Bild eines kleines Mädchens an seinen Augen vorbei, dass bis zum Bauch im Blutsee stand und eine ältere Priesterin ihr den Kopf schor. Die niedlichen, kleinen dunkelroten Löckchen purzelten in den See und versanken nach einer Weile….Ein Traum in einem Traum, langsam hatte er ein wenig Panik, nie wieder aufwachen zu können. Doch er stand immer noch am Ufer des Blutsees und sie stand vor ihm und stieß sich das Messer in die Brust. Er zuckte zusammen und im nächsten Moment bemerkte er, dass er mit einem Bein im Blutsee stand. Er hörte ein widerliches Knacken, als sie mit beiden Händen ihren Brustkorb öffnete und etwas herausnahm, was wenig später ebenfalls in der roten Sonne glitzerte. Es war ein kristallernes Gefäß, dass wohl an der Stelle ihres Herzens in ihrer Brust wohnte. Das Blut tropfte davon herab, als sie das Gefäß abstellte. Sie öffnete es und nahm eine Locke roten Haares heraus, an der eine kleine, rote Schärpe hing. Dann faltete sie den Brief und legte ihn in das Gefäß, legte die Locke des schwarzen Haares dazu und verschoss sie wieder und schob das Gefäß wieder an die Stelle, an der irgendwann mal das Herz eines kleinen Mädchens geschlagen hatte. Wie viele Haarlocken in dem Gefäß waren, konnte er nur erahnen.

Auf dem Stein lag nur noch der Dolch und die rote Locke, als sie ins Straucheln kam und langsam im Blutsee versank. Für einen Moment stand er regungslos da und wusste nicht was er machen sollte. Der Ritter in ihm wollte hinterher springen, um sie zu retten und er konnte nicht sagen, was in ihm ihn zurückhielt. Nach einem langen Moment glättete sich das Wasser und Stille überkam ihn. Nicht einmal mehr das Plätschern des Blutes konnte er vernehmen. Und bevor er selbst einen weiteren Gedanken fassen konnte, watete er an die Stelle, an der sie eben noch gestanden hatte und griff ins Wasser. Nichts. Dort war nichts mehr. Sie war verschwunden. Als er sich wieder erhob, erblickte er auf dem Stein die rote Locke und auf der Schärpe stand ihr Mädchenname.

Nur in dem Moment als er danach greifen wollte, tauchte hinter ihm jemand auf und griff nach seiner Hand. Er drehte sich blitzschnell um und blickte ihr direkt ins blutüberströmte Gesicht. Von seinen Lippen purzelte ein erschrockenes Keuchen, dass sich wie ihr Name anhörte.

Sie öffnete den Mund und Blut rann heraus und sie sprach mit einer schleppenden, aber durchdringenden Stimme, die in seinem Kopf widerhallte. ‚Sie ist Tod. Sie lebt in uns weiter. Wir sind eins! Der Tod ist erst der Anfang!‘

Sie hob die Hand und ruderte elegant in der Luft herum und an seinem Ohr flog der Dolch vorbei und er landete direkt in ihrer Hand.

‚Du gehörst nicht hier her!‘ lachte sie ihm entgegen und stürzte auf ihn zu. So schnell, dass er tatsächlich nicht reagieren konnte und sie stach ihm den Dolch mitten in sein Herz.

In dem Moment als er den dumpfen Schmerz spürte, erwachte er neben seinem Bett. Keuchend griff er sich an die Brust und richtete sich gleichzeitig auf. Dort saß er einen langen Moment. Noch eine Nahetoderfahrung mehr und ihm würde einfach nur sein Herz stehen bleiben.

Erst als er die besorgten Rufe seines Heilers vor dem Zelt hörte, bemerkte er, dass er etwas in der anderen Hand festhielt. Die Locke roten Haares des kleinen Mädchen. Er hatte für einen Moment das Gefühl, dass er ihren Herzschlag hören konnte. Er drehte sich um und blickte sich in seinem Zelt um, doch da war nichts…

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