Rätien – Winter 230 – Centenarium Benefiziarier

Rätien – Winter 230

Centenarium Benefiziarier

800PX-~1‚Die Alemannen haben den Limes überquert!‘ konnte man einen Meldereiter rufen hören, der hastig von seinem Pferd sprang. Er hastete ihm entgegen, hielt einigermaßen ehrerbietig inne und lief dann weiter zur Wache des Centurio, die ihn ohne Fragen zu stellen in die Amtsstube des Centurio einließen. Er war dem Boten gefolgt und lief kopfschüttelnd an den Wachen vorbei und zischte ihnen hastig seinen Unmut darüber zu. Sie hatten den Fremden nicht mal untersucht. Wenn es nun ein Attentäter war. Es war nicht das erste Mal, dass die Alemannen versucht hatten in ihr kleines Kastell einzudringen, um den ‚Kleinen Centurio‘ zur Strecke zu bringen. So nannten sie ihn. Nur war sein Centurio alles andere als klein. Er war ein Hüne von einem Mann und er war sein Centurio! Er hatte eine teils berittene Zenturie unter sich und die Benefiziarier, die sich um die Sicherheit auf der Straße kümmerten, die vom Limes ins Landesinnere führte. Er war ein angesehener Mann und Kriegsherr gewesen. Was ihn diesen unsäglichen Posten bei den Benefiziarier eingebracht hatte, hatte er sich nie getraut zu fragen, obwohl er schon seit Jahren an seiner Seite war. Er war als einfacher Legionär zu ihm gekommen und nun war er sein Optio, seine rechte Hand. Doch war er mehr als ein einfacher Adlatus, sie verband das gegenseitige Vertrauen alter Kriegsgefährten, die gemeinsam schon knöcheltief im Blut ihrer Feinde gestanden waren.

Drinnen konnte er den Boten hastig reden hören und trat mit hochgezogenen Augenbraue in die Amtstube seines Centurio.

‚Wir kamen von Castra Vetoniana und sollten nach Biriciana, um die Tochter des ehrenwerten Decurio Primus Saturninus nach Celeusum zu bringen. Auf dem Weg unweit von hier wurden wir von den Alemannen überfallen und völlig aufgerieben. Centurio Titus Antonius schickte mich… er ist gefallen.‘ Der Bote kam ins Stocken und blickte erst den Centurio und dann den Optio an. ‚Sie sind alle tot.‘

‚Bei Dis, eine ganze Zenturie wegen der Tochter eines längst verstorbenen Rittmeisters?‘

‚Ja, sie soll dem Sohn eines Senators zugeführt werden.‘

‚Bei Junos Titten. Es ist Krieg, wir sind hier nicht auf dem Viehmarkt.‘

‚Es schien mir, als wolle sie ihm nicht zugeführt werden.‘ flüsterte der Bote, zog eine Nachricht aus einer Lederrolle und gab sie dem Centurio. ‚Das Siegel ist schon gebrochen…!‘

‚Ist schon gut.‘ meinte der Centurio. ‚Wache! Er soll sich waschen, versorgt seine Wunden und gebt ihm zu essen! Schickt einen Reiter nach Vetoniana.‘

Der Bote verbeugte sich ehrerbietig und verließ die Amtsstube des Centurio.

‚Optio Marcus Lucius!‘ meinte der Centurio zu ihm, ohne von der Nachricht aufzublicken, die er gerade überflog.

‚Mein Centurio!‘ antwortete der Optio und trat an den großen Tisch, hinter dem sein Centurio stand.

‚Nimm dir die Berittenen, den Boten und deine Späher und reite nach Biriciana, um nach dem Rechten zu sehen, wenn du diese…!‘ meinte der Centurio, blickte nochmal auf das Schreiben des Senator und fuhr dann fort: ‚Valeria Julia, Tochter des Decurio Primus Saturninus findest, gut. Riskiere nicht meine halbe Zenturie für das Leben einer Frau!‘

‚Ja, mein Centurio!‘

‚Und jetzt nimm den Stock aus dem Arsch und trink mit mir, bevor du aufbrichst!‘ meinte der Centurio, er trank aus einem Trinkschlauch und hielt ihn seinem Optio hin.

‚Ja, mein…!‘ setzte der Optio an, nahm den Trinkschlauch an sich und fuhr dann fort, ohne jedoch zu trinken. ‚Aurelius Primus, auf dein Wohl!‘

Der Centurio war zur Tür gegangen und versicherte sich, dass seine Wachen fort waren.

‚Marcus Lucius, auf mein Wohl brauchst du nicht mehr trinken, ich war bereits ein Todgeweihter, als ich den Dienst hier antrat. Nur den Heilkünsten deiner drei wilden Späher ist es zu verdanken, dass ich mein Schwert noch halten kann und nicht von Pferd falle, wenn es mich überkommt.‘

‚Aurelius red keinen Unsinn, wir kämpfen seit Jahren Seite an Seite!‘

‚Und nur weil du mir nicht von der Seite weichst, mein Freund, bin ich noch nicht tot.‘

‚Nur weil der Hüne nicht auf seine Deckung achtet.‘

‚Warum hast du mir so oft das Leben gerettet, wo ich doch nur in Frieden sterben will.‘

‚Mein Freund, rufe nicht nach Dis, er könnte bereits hinter dir stehen und dir deinen letzten Atemzug rauben. Doch soweit ist es noch lange nicht!‘

‚Ich leide an Morbus Comitialis und nur meiner Verdienste für Rom ist es zu verdanken, dass ich meine Zeit in diesem Drecksloch absitzen darf, fern ab von jeder Schlacht.‘

‚Bei Dis, die Fallsucht.‘ rief der Optio erschrocken und fuhr dann fort: ‚Drecksloch hin oder her. Die Alemannen trachten nach unser aller Leben und das nennst du fern ab von der Schlacht?‘

‚Darum habe ich jeden Tag gebetet, dass die Götter mir noch eine Schlacht schenken, bevor ich zu Dis gehe.‘

‚Und noch eine und noch ein…Dis wird noch eine Weile auf dich warten müssen!‘

‚Ich will dass du meinen Posten übernimmst, wenn es soweit ist.‘

‚Ich will aber nicht einen guten Freund verlieren, für diese Ehre!‘

‚Mein Empfehlungsschreiben ging letzte Woche an die Kommandantur!‘

‚Wenn ich wieder da bin, reden wir nochmal drüber und wage es nicht ins Gras zu beißen, ehe ich wieder da bin.‘ meinte der Optio und trank endlich von dem Wein. ‚Ich möchte dir Roar da lassen und nehme nur Ask und Kjeld mit.‘

‚Dann nimm wenigstens meinen Hund mit, dann weiß ich, dass du wieder kommst.‘

Der Optio trat ihm gegenüber und hielt seinem Centurio die Hand hin. Der Centurio packte ihn am Handgelenk und zog ihn in eine kurze Umarmung. Lies dann aber schlagartig los und taumelte nach hinten. Seine Hände tasteten über den Tisch und stieß dabei ein kleines Fläschchen um.

Der Optio trat erschrocken zum Tisch und schob seinem Centurio das Fläschchen in die Hand. Dann lief er hinter den Tisch, um ihm seinen Stuhl zu bringen. Noch bevor der Bär von einem Mann umstürzen konnte, hatte ihm sein Optio schon seinen Stuhl untergeschoben. Er schaffte es gerade noch seinen Trank selbstständig zu trinken, bevor er sich verkrampft an die Stuhllehnen klammerte und die Augen verdrehte. Selbst während ihn seine Krankheit im Griff hatte, hatte er sich selbst doch soweit ihm Griff, dass man es ihm kaum ansah.

Es muss ihm große Überwindung gekostet haben und allen Anschein nach auch seine letzte Kraft, ihm sein Leiden zu beichten. Er fühlte sich geehrt und beschämt zu gleich, weil er ihm in seiner Not nicht helfen konnte. Die Fallsucht war ein Fluch der Götter und in der Legion wurde man eigentlich sofort entlassen oder gar nicht erst aufgenommen. Doch die Alemannen glaubten daran, dass die Fallsucht ein Segen der Götter sei.

Kurzerhand öffnete der Optio das Fenster nach draußen und pfiff dreimal. Wenig später kamen drei einheimische Sklaven in den Raum. Alle drei hatten einen anderen Weg gewählt in die Amtsstube des Centurio zu gelangen. Durch den Türspalt, das Fenster und aus den Privatgemächern des Centurio. Die Drei sahen sich völlig gleich, nur an ihrer unterschiedlicher Haartracht, einigen Narben und die Zahlen an ihrem Hals konnte man sie unterscheiden.

Ohne den Optio auch nur eines Blickes zu würdigen, machten sie sich daran, dem Centurio einen weiteren Trank einzuflößen und ihn in sein Bett zu bringen. Der Optio ging erst, als sie die Tür zu den Gemächern geschlossen hatten.

Fortsetzung folgt…

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