Rätien – Winter 230 Hinterm Dickicht und noch viel weiter…

Rätien – Winter 230

Hinterm Dickicht und noch viel weiter…

800PX-~1Der Optio verschwand mit seinem Pferd im Wald und der Hund führte ihn wieder den Hügel hinauf. Das Alemannenlager war bereits geplündert worden. Der Hund führte ihn weiter in Wald hinein.
Irgendwann wurde der Wald so dicht, dass er absitzen musste und sich mit seinem Pferd durch das Unterholz zwängen musste. Es war kaum zu glauben, am Ende des Dickicht blickte er in die Pfeilspitzen von Ask und Kjeld. Ihm blieb fast das Herz stehen.
Die beiden waren völlig verdreckt, ein wenig verstört und sogar verletzt, dabei hatten sie  doch vorhin gar nicht gekämpft?
‚Wollt ihr mir die Augen ausstechen?‘ rief der Optio aufgebracht.
‚Nein, Herr!‘ riefen die Beiden.
‚Was ist geschehen?‘
‚Nichts!‘ kam es aus beiden Mündern gleichzeitig.
‚Warum glaub ich euch nicht? Wo ist das Mädchen?‘
‚Mädchen?! Sie kämpft wie ein ganzes Rudel Wölfe!‘ rief Ask schnippisch.
‚Was habt ihr mit ihr gemacht?‘
‚Wir mussten sie an den Baum binden, sie wollte nicht mal, das wir ihre Wunden versorgen!‘ erklärte Kjeld.
‚So wie ihr im Moment ausschaut, würd ich von euch auch nichts annehmen.‘ meinte der Optio und lies die Beiden einfach stehen.
Sie hatten die Frau tatsächlich an einen Baum gefesselt und geknebelt. Aber sie hatten sie auch sorgsam auf ein Fell gesetzt und zugedeckt. Der Optio blickte sich um. Es schien so, als hätten die beiden ganz allein das Alemannenlager ausgeräumt, während die Schlacht getobt hatte. Die Beiden schleppten nun einige Dinge hinter einen Felsvorsprung und verschwanden scheinbar in einer Höhle.
Er trat neben die Frau und flüsterte ihr mit ruhigen Ton zu: ‚Valeria Julia, Tochter des ehrenwerten Decurio Primus Saturninus? Ich bin Optio Marcus Lucius!‘
Sie öffnete ein Auge, nickte und blickte ihn finster an.
‚Ich muss mich für meine beiden Späher entschuldigen. Sie hatten eigentlich den Auftrag Euch in Sicherheit zu bringen und Euch zu versorgen. Ihr habt die beiden ganz schön verschreckt.‘ erklärte er, ohne sie jedoch für irgendwas zu beschuldigen.
‚Tee und was Warmes zu essen!‘ meinte Ask und schob ihm eine Schale und einen Becher hin. Und Kjeld brachte heißes Wasser und das Verbandszeug.
‚Ich nehm Euch den Knebel ab, wenn Ihr mir versprecht nicht zu schreien.‘
Sie nickte nur. Vorsichtig versuchte er ihr so behutsam wie möglich den Knebel abzunehmen. Er hatte Mitleid mit der Frau, er konnte in ihren Augen sehen, was sie durchgemacht haben musste, auch wenn sie versuchte ihn mit ihren Blicken töten zu wollen, wollte er sie nur beschützen.
Sie blickte ihn einfach nur verächtlich an und zischte ihm zu: ‚So klein und schon bei der Legion?‘
Er lächelte milde, kniete sich langsam hin und meinte, während er versuchte ihr die verfilzten und verdreckten Haare aus dem Gesicht zu streichen: ‚Die Größe eines Mannes misst sich nur nach seinen Taten!‘ Ganz beiläufig nahm er ihr die Fesseln ab, während sie ihn weiter argwöhnisch beobachtete.
‚Schickt Euch der Senator? Wollt Ihr mich nun auch verschleppen und zu seinem Bastard bringen?‘ zischte sie ihm wieder zu, während sie sich mit zitternden Fingern ihre Handgelenke rieb. Der Impuls ihm ins Gesicht zu spucken, blieb ihr im Halse stecken. Ihr Mund war so trocken, dass sie nur Husten konnte.
‚Mich schickt mein Centurio und ich werde nichts tun, was Ihr nicht wollt! Senator hin oder her.‘ meinte er bestimmt und seine herrische Art brachte sie völlig aus dem Konzept, weil er ihr gleichzeitig mit einem feuchten Tuch zaghaft übers Gesicht wischte. Als ihr Husten in ein ersticktes Keuchen überging, rieb er ihren Hals und ein paar beruhigende Laute huschten ihm über die Lippen, während er nach dem Becher hangelte. Er versuchte ihr den Becher in die Hand zu drücken. Doch sobald das Gewicht des vollen Bechers in ihren Händen lag, fingen ihre Hände an zu beben, so dass sie beinahe den warmen Tee verschüttet hätte, wenn er ihr nicht zur Hand gegangen wäre. Also flößte er ihr behutsam den Tee ein und wischte ihr liebevoll übers Gesicht, weil sie sich beim Trinken bekleckert hatte. Er stellte den Becher ab und nahm die Schüssel mit dem Essen. ‚So und jetzt noch ein paar Bissen…!‘

Während er sie fütterte, liefen ihr ununterbrochen die Tränen übers Gesicht. Beruhigende Laute huschten ihm wieder über die Lippen, doch sie schien nun völlig zusammenzubrechen. Hastig stellte er das Essen bei Seite und nahm sie in den Arme. Sie klammerte ihre Arme um ihren Körper und schluchzte herzzerreißend. Ihr Schluchzen ging ihm durch Mark und Bein und erschreckenderweise erregte es ihn.
Er rückte ein Wenig von ihr ab, hielt sie aber immer noch in seinen starken Armen und streichelte ihren Rücken. Dabei versuchte er ihr gut zu zureden: ‚Es wird alles wieder gut! Ihr seid jetzt in Sicherheit! Ich lass nicht zu, dass Euch was passiert!‘
Es schien so, als könne er sie gar nicht mehr beruhigen, also meinte er irgendwann mit fester Stimme: ‚Wollen wir uns nicht erst Eure Verletzungen anstehen?‘
‚Dafür könnte es schon zu spät sein.‘ schluchzte sie und schlug die Decke zurück. Ihr ehemals weißes Kleid, war nicht nur völlig zerrissen und dreckverschmiert, sondern auch blutüberströmt und sie hielt nun eine Hand auf eine Wunde gepresst.
‚Warum habt Ihr denn nichts gesagt? Die Beiden hätten euch versorgt!‘
‚Bringt mich zum Quell, nur die Götter können noch über mein Schicksal entscheiden!‘ keuchte sie über seine Schulter hinweg. Sie wirkte abwesend und ein schmerzverzerrtes Zucken entstellte ihr Gesicht für einen Moment, bis es sich wieder entspannte. Noch bevor sie bewusstlos zusammensinken konnte, wickelte er sie wieder in die Decke und hob sie auf.

Fortsetzung folgt…

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