Frei

Allein stand sie auf dem freien Feld. Der Wind zerzauste ihre Haare und spielte mit ihrem Kleid. Ihre Augen geschlossen, die Arme ausgebreitet – so stand sie da und träumte vom Fliegen. Sie spürte das schwere, angenehme Gefühl von Flügeln auf ihrem Rücken, stärker als jemals zuvor. Waren sie früher nur vage Ahnung, unbestimmtes Gefühl, so wurden sie nun Gewissheit.

Ruhe umspülte ihr Innerstes und sie spielte mit dem Wind, ihrem alten Freund. Es gab nichts was sie noch hielt, Gefühle und Ängste lagen in weiter Ferne. Nur die Freiheit, der Wind und sie. Sie konnte gehen wohin sie wollte, wann sie wollte, wie sie wollte. Es gab keine Türen mehr, die ihr offen standen, es gab nur noch das weite Land.

Sie träumte von Freiheit, vom Gefühl der Grenzenlosigkeit. Zu lange war sie eingepfercht gewesen in Normen, Konventionen und „weil man das so macht.“. Zum ersten Mal atmete sie frei. Jeder erdenkliche Weg stand ihr frei. Was einst nur ein Traum war, ein „irgendwann mal“ manifestierte sich zu mehr als nur einer entfernten Möglichkeit.

Es gab niemanden mehr, der sie zurück halten konnte, keine Vorschriften mehr. Sie spürte wie das Band, das sie immer wieder fest gehalten hatte, mit einem lauten Knall riss. Sie spürte, dass sie sich fortan nicht mehr für andere sorgen musste. Sie spürte das ihre Pflicht endlich getan war.

Und mit den Ketten um ihr Herz, schwand auch die Last auf ihren Schultern. Ihre Tränen versiegten, ihr Schmerz verließ mit seinem letzten Seufzer ihren Körper. Sie spürte nicht mehr das Leid anderer, sie hörte nicht mehr die Hilferufe.

Zum ersten Mal hörte sie nur sich. Ihren Herzschlag, ihre Atmung. Sie spürte nur ihr eigenes Innerstes, nicht mehr das chaotische Wirrwarr der Gefühle um sie herum. Die Sehnsucht umarmte sie zärtlich und sie wusste, dass sie ihr endlich nachgeben durfte. Zum ersten Mal, war ihr Blick frei von Störungen und es gelang ihr, sich endlich selbst zu sehen.

Die Erde zwischen ihren Zehen war warm und weich – und langsam, zaghaft machte sie einen Schritt nach dem anderen. Die Sonne hinterließ ein sanftes Prickeln auf ihrer Haut.  Jeder Schritt war eine Erkenntnis. Tief empfundene Liebe für das, was vor ihr lag. Jeden einzelnen Pfad, jede einzelne Möglichkeit. Erneut breitete sie ihre Arme aus, tänzelte beinahe statt zu gehen und sog die Schönheit in sich auf, die vor ihr lag.

Nie wieder Dunkelheit, nie wieder Abhängigkeit, nie wieder Kraftlosigkeit, nie wieder Lähmung. Das alles lag hinter ihr.Dies war der Lohn für ihre Mühen. Der Preis für all die Dinge, die sie getan hatte. Für alles was sie gegeben hatte. Für jede unbezahlte Rechnung. Jede Narbe auf ihrer Seele. All den Schmerz.

Ungesehen verstarb die Verzweiflung und auch die Hoffnung wandelte sich in Gewissheit. Ihr Herz begann ruhiger zu schlagen. Es war zu Ende.

Und hinter ihr lagen die Trümmer der Zivilisation…

Calling Sanity II

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Published in: on 8. Februar 2014 at 20:53  Schreibe einen Kommentar  
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