Rätien – Winter 230 – Gesegnet seinen die Pferde

Rätien – Winter 230

Gesegnet seinen die Pferde

800PX-~1Der Hochnebel verdeckte die Sonne, so dass man ihr Vorhandensein nur erahnen konnte.

Und der Nebel, der den Burgus in den trüben Fängen hielt, gefror in der kalten Morgenluft, so dass die kleinen Wassertröpfchen gefroren auf die Erde purzelten und erneut das Leben mit Raureif überzog.

Der Centurio trat vor die Tür und seine Berittene stand bereits parat. Roar stahl sich hinter ihm aus der Tür und lief zum Gästetrakt hinüber. Dort bekam er von seinen Brüdern eine Schüssel mit Wasser in die Hand gedrückt.

Als die Herrin der Quelle ins Freie trat, stach die Sonne durch den Hochnebel und beleuchtete ihren Weg über den Innenhof mit sanften Strahlen. Sie war in helle Gewänder gehüllt, so dass man kaum ihr Gesicht sehen konnte, geschweige denn ihre Haare. Dennoch konnte man ihren Atem in der kalten Luft sehen.

Der Centurio trat vor und rief: ‚Begrüßt unseren Gast.‘

Die Männer schrien wieder ihren Ruf: ‚Ahu!‘

‚Der Optio hat sie aus den Fängen der Alemannen befreit.‘

Es kam wieder dieses: ‚Ahu!‘

Der Optio fragte sich, ob sie wenigstens einmal ‚Ave!‘ schreien würden.

Die Herrin der Quelle ging mit gesenkten Haupt bis zum ersten Pferd in der Reihe und hob eine Hand. Ask wich ihr nicht von der Seite und Roar lief ihr mit der Schüssel in der Hand hinterher, während Kjeld einfach nur neben ihm lief und ihn dabei scheel beäugte.

Sie segnete das erste Pferd, in dem sie ihre Hand in die Schüssel tauchte und dann über die Schnauze des Tieres rieb. Sie lehnte sich gegen den Kopf des Pferdes und schöpfte einen Schluck von dem Wasser aus der Schüssel und gab es dem Tier zu trinken. Diese Prozedur wiederholte sie bei jedem Tier, bis sie bei einem der Reiter, die jeweils neben jedem Pferd standen und das Geschehen neugierig beobachteten, stehenblieb. Keiner von ihnen hatte in den letzten Monaten eine Frau gesehen, geschweige denn eine Eponageweihte. Nur dieser eine schien abwesend in die Ferne zu blicken. Sie tat vor ihn und blickte ihn überprüfend an. Dann streckte sie die Hand nach ihm aus und berührte seine Stirn. Er schwitzte trotz der winterlichen Kälte. Sie gab dem Legionär etwas aus einem Trinkschlauch zu trinken, der ihr von Ask gereicht worden war und strich ihm liebevoll über die fiebrige Stirn.

Der Optio war hinter ihr aufgetaucht und als sie sich von dem Legionär abwandte, meinte sie streng: ‚Dieser Mann ist krank, er hat starkes Fieber. Er sollte das Bett hüten! Ihr habt hier doch ein Lazarett? Kümmert sich keiner darum, wenn ein Legionär krank wird…?’

‘Ein Lazarett haben wir, aber unser Feldscher ist im Sommer an der Ruhr gestorben, der Hufschmied macht seine Arbeit, bis Ersatz geschickt wird.’ berichtete der Optio hastig.

‘Seht Ihr meine Augenbraue? Höher kann ich sie nicht ziehen! Ihr wartet seit dem Sommer auf einen Ersatz, warum seid Ihr nicht früher zu mir gekommen? Jeder Viehhirte hier in der Gegend weiß, wo meine Hütte mal gestanden hat.’ zischte sie ihm zu.

‘Es gab in letzter Zeit nichts was drei gallischen Bastarde und der einarmige Hufschmied nicht wieder hinbekommen hätten.’ meinte er beschwichtigend und ging weiter.

Ein ersticktes ‘Der Einarmige??’ kam aus ihrem Mund gestolpert.

‘Einarmig ist er erst seit dem Herbst!’ verteidigte sich der Optio, obwohl er nicht für die Gesamtsituation konnte, noch nicht mal der Centurio konnte etwas dafür, dass so gut wie nichts mehr aus Rom kam, nichtmal ein einfacher Feldscher.

‘Der Centurio hat bestimmt nichts dagegen, wenn Ihr auch unser Lazarett besichtigt.’ meinte Optio abschließend und blickte hilfesuchend zum Centurio hinüber. Sie ging kopfschüttelnd weiter zum nächsten Pferd, währenddessen der Optio zum Centurio hinüber ging. Bei manchen Tieren rieb sie über den Bauch und meinte immer, wenn sie an dem Reiter des Pferdes vorging: ‚Epona ist euch hold!‘

Sie hatte sich wieder einigermaßen beruhigt, bis sie vor einem Reiter stehen blieb, der eine Weidenrute in seinen Händen trug. Mit einem wütenden Gesichtsausdruck riss sie die Gerte aus seinen Händen, zerbrach sie und warf sie ihm vor die Füße.

Dann zog sie den Mann, der zwei Köpfe größer war als sie, zu sich runter und zischte ihm zu: ‚Wenn du dein Pferd noch ein Mal schlägst, wird die Pferdeherrin dir gewaltig in den Arsch treten.‘

Dann spuckte sie auf den Boden und meinte ablässig: ‚Du hast es gar nicht verdient, dass auch deine Stute trächtig ist.’

Sie segnete die restlichen Pferde und lies sich nicht nehmen das Lazarett zu besuchen. Der einarmige Hufschmid Varius war heilfroh, dass ihm jemand unter die Arme greifen würde, der offensichtlich geschickter war, als er es je wieder sein könnte. Er war mehr als überfordert, seit dem er sich nicht nur um das Wohlergehen der Pferde kümmern musste. Von der Sache mit seinem Arm mal ganz zu schweigen.

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