Rätien – Winter 230 – Übel am Morgen

Rätien – Winter 230

Übel am Morgen

800PX-~1Wieder waren ein paar Wochen des Schneeschaufelns vergangen. Im Lazarett gab es fast kein leeres Bett mehr, weil viel zu viele Männer aufgrund der anhaltenden Kälte unter einer schweren Erkältung litten. Die drei Späher, der Hufschmied und die Herrin der Quelle kämpften täglich gegen Fieber und Husten, während die Legionäre draußen gegen die Schneemassen kämpften. Außerdem waren die Benefiziarier im Wald unterwegs und schlugen Holz, wenn sie nicht mit Schneeräumen auf der Straße beschäftigt waren. Während der Centurio und der Optio abwechslungsweise mit ein paar Männern auf die Jagd gingen. Manchmal trafen sie auch auf versprengte Alemannen, obwohl sie tatsächlich eher auf der Jagd nach etwas Essbaren waren.

Das Wasser der Quelle ging eines Nachmittags zur Neige und die drei Späher machten sich wie sooft allein auf den Weg zur Quelle. Der Optio ging am nächsten Morgen auf die Jagd, während der Centurio einen Rundgang durch sein Kastell machte und am Ende seines Rundganges das Lazerett betrat, um nach dem Rechten zu sehen.

Er kam gerade in dem Moment in die Räumlichkeiten des verstorbenen Feldschers, als die Herrin der Quelle würdevoll in einen Eimer spie. Der ganze Raum war gespickt voll mit Tongefäßen, Schalen und Säcken mit Ölen, Fetten und getrockneten Kräutern. Es hingen büschelweise getrocknete Kräuter an Schnüren überall im Raum und der betörende Geruch, der von dem Sammelsorium der Heilkunst ausging, machte ihm einem Moment vergessen, wie es im restlichen Lazarett stank.

‘Varius, wie lange geht das schon so?’ blökte er den Einarmigen an, der gerade mit etwas ganz Anderen beschäftigt war.

‘Mein Centurio, ich kenn mich mit so Frauengeschichten nicht aus, aber morgens war ihr schon mal übel.’

Der Centurio blickte seinen Hufschmied mit einem Gesichtsausdruck an, der keiner weiteren Worte bedarf, aber er sagte es trotzdem: ‘Muss ich denn alles alleine machen, Varius? Und wann wolltet ihr mir davon berichten?’

‘Herr, wir haben hier alle Hände voll zu tun, da hab ich nicht drüber nachgedacht!’ stammelte Varius. Valeria bekam das Gespräch nur sehr gedämpft mit, da sie immer noch mit dem Kopf im Eimer röhrte, wie ein Zwölfender im Frühling. Aber trotzdem dachte sie sich ihren Teil, aber zum Kopfschütteln fehlte ihr entschieden der Platz. Vom Würgen erschöpft legte sie ihren Kopf am Eimerrand ab und versuchte dem Geschehen zu folgen, war ihr aber nur bedingt gelang.

‘Verzeih, werter Varius. Ich weiß um deine wertvolle Arbeit hier im Lazarett und in den Ställen.’ meinte der Centurio fast schon väterlich zu Varius und fuhr fort: ‘Fencheltee und trockenes Gebäck oder Brot sollte helfen, lass es in meine Stube bringen, ich kümmere mich selbst um die Herrin der Quelle.’

Er zupfte einen getrockneten Lavendelstrauß von einer Leine, kniete sich zu ihr runter, nahm ein Tuch und wischte ihr über den Mund. Sie blickte ihn abwesend an, zog ihm aber das Tuch aus den Händen und schnäuzte sich, während er mit einer Hand ihre Haare aus ihrem Gesicht strich und mit der Anderen den Lavendelstrauß in ein frisches Tuch einschlug und ihn zerdrückte. Fast schon liebevoll hielt er das duftende Tuch unter ihre Nase. Sie atmete tief ein und er hob sie hoch und ging mit ihr nach draußen.

Kaum hatte er seine Amtsstube durchschritten, wurde er von einem der Sklaven aus der Küche überholt. Er stellte ein Tablett auf dem Tischchen neben dem Bett ab und blickte den Centurio kurz an.

‘Das ist alles! Es soll jeder, der in der Küche oder in den Ställen gerade nicht gebraucht wird, im Lazarett aushelfen.’

‘Ja, Herr!’ sagte der Sklave, blieb aber doch stehen.

Der Centurio legte die Herrin der Quelle am Bett ab und sie begann wieder zu würgen.

‘Wenn du immer noch rum stehst, bring mir die leere Schüssel da!’ rief der Centurio hektisch und zeigte auf eine leere Schüssel, die neben seiner Waschschüssel stand.

Der Sklave bewegte sich schnell und hielt im nächsten Moment dem Centurio die leere Schüssel hin und begann zu stottern: ‘Verzeiht Herr, die…die… die Herrin… der…der…der…Quäh…!’

Der Centurio hielt ihr die Schüssel unters Kinn und unterbrach das Gestottere des Sklaven. ‘Die Herrin der Quelle wird bald wieder auf den Beinen sein. Es braucht sich keiner Sorgen machen, die Pferdeherrin ist ihr mehr als hold. Aber die Kranken im Lazarett brauchen wirklich jede Hilfe!’

‘Ja Herr, verzeiht Herr!’ rief der Sklave und verschwand sofort.

‘Sogar mit dem Kopf in der Schüssel, bewegt ihr noch die Herzen der Männer.’ faselte der Centurio während er die Schüssel so aufs Bett stellte, dass er einen Moment aufstehen konnte, um auch die Waschschüssel zu holen. Als Antwort bekam er eh nur ein weiteres Würgen ihrerseits zu hören. Er stellte die Waschschüssel auf den Boden, setzte sich auf die Bettkante und hangelte nach einer kleinen Flasche, die nehmen seinem Bett stand. ‘Ich weiß, dass der Hufschmied die trächtigen Stuten immer mit Lavendelöl einreibt, da soll er noch einmal sagen, er würde sich mit Frauengeschichten nicht auskennen.’

Er hatte ihre Stirn und ihren Nacken mit dem Öl eingerieben und hielt dann weiter ihr Haare hoch, bis sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte.

‘Der Senator wird euch verstoßen!’ meinte der Centurio, während sie sich an seinem Knie fest klammerte und wieder zu würgen begann. Nachdem nur noch Schleim aus ihrem Mund lief, tauchte er ein sauberes Tusch ins Wasser und wischte über ihr Gesicht. Sie versuchte zu lächeln, was ihr nicht wirklich gelang.

‘Ihr müsst unbedingt versuchen, jeden Morgen etwas zu essen, bevor Euch schlecht wird.’ meinte er wieder und hielt ihr einen Becher mit Tee hin. ‘Fencheltee ist gut für Mutter und Kind!’

Nachdem er ihr den halben Becherinhalt eingeflößt hatte, krächzte sie: ‘Ihr habt mir nicht erzählt, dass Ihr Hebamme wart, bevor Ihr zur Legion gegangen seid!’

‘Ich habe vier ältere Schwestern, die waren irgendwie immer schwanger, bis ich groß genug war, zur Legion zu gehen!’ meinte er und reichte ihr etwas von dem Gewürzbrot.

‘Warum habt Ihr den Optio zu mir geschickt, um mich zu schwängern?’

‘Ich will nicht, dass der Senator Euch bekommt und ich hab gesehen, wie der Optio Euch ansieht!’

‘Das hätte Euch doch egal sein können, Ihr seid der Centurio!’ meinte sie.

‘Wie meint Ihr das?’

‘Ihr hättet es doch selbst tun können!’

‘Es liegt mir nicht viel an Frauen, deshalb musste es der Optio tun.’

‘Weiß er davon?’

‘Der Optio, keine Ahnung, ich denke es ist ihm egal! Aber ich hab gehört, wie es die Spatzen von den Dächern schreien!’

‘Das hab ich noch nicht gehört, obwohl ich die Einzige hier bin, die die Spatzen wirklich verstehen kann.’

Er lächelte sie an und hielt ihr wieder den Becher hin. Sie nahm den Becher und trank, während er die Schüssel mit ihrem Erbrochenen beiseite stellte.

‘Ich will nicht unverschämt sein, aber ich sehe wie Roar Euch ansieht…!’

‘Ja, ich weiß. Ich hab ihn aber nie wirklich angerührt.’

‘Obwohl Ihr es könntet!’

‘Jetzt nicht mehr, er ist ein freier Mann.’

‘Und doch ist er noch an Eurer Seite!’

‘Ich würde ihm nie etwas aufzwingen, außerdem hinderte mich meine Krankheit in den letzten Jahren an dererleih sexueller Eskapaden!’

‘Habt Ihr es seither versucht?’

‘Langsam werdet Ihr wirklich unverschämt!’

Sie lächelte ihn nur an und biss vom Gewürzbrot ab.

‘Ich hab ein wenig Bammel, dass ich wieder einen Anfall bekomme, wenn ich selbst Hand… ähm… außerdem kann ich ihn nicht davon abhalten, vor meinem Bett auf dem Fell von meinem Köter zu schlafen.’ stammelte der Centurio und blickte dabei betreten zu Boden.

‘Wo sind die drei eigentlich, sie sollten doch mit dem Quellwasser schön längst wieder hier sein!’ meinte sie, um das Thema zu wechseln und setzte sich etwas auf.

‘Sie wollten beim Rückweg auf die Patrouille des Optio stoßen, die gerade auf der Jagd sind!’ meinte er besorgt und spitzte die Ohren, er hatte Rufe am Tor gehört.

Fortsetzung folgt…

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